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Was im Leben wirklich zählt!

Zeit, auch mal bei sich selbst Frühjahrsputz zu machen und zu fragen: Lebe ich das Leben, das mir entspricht? Oder werde ich am Ende all die vergebenen Chancen bedauern?

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Eine Frau steht lachend in der Sonne Kaliforniens.

Was macht uns wirklich glücklich? Geld ist es jedenfalls nur bedingt...

© Corbis

Wir leben, als wäre unser Dasein auf diesem Planeten unendlich. Viele von uns jedenfalls. Wir lassen kostbare Zeit einfach vergehen, verschieben all unsere schönen Pläne auf den St. Nimmerleinstag und die Lebensträume bleiben Illusionen. Meist nur dann, wenn das Schicksal uns zur Konfrontation mit uns selbst zwingt, etwa durch schwere Krankheit, einen Verlust oder eine Trennung, wird uns klar: Wir haben viel zu viel für selbstverständlich genommen.

Und ab sofort leben wir bewusster und lassen Chancen nicht mehr einfach so vorbei gehen. Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, haben diese Möglichkeit nicht mehr. Doch was sie versäumt haben, kann für alle, die noch mitten im Geschehen stehen, Anregung sein. In ihrem Buch „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten Bedauern“ (Arkana ) hat die australische Palliativpflegerin Bronnie Ware aufgelistet, was den Menschen kurz vor ihrem Tod am meisten leid tut: Nicht den Mut gehabt zu haben, sein eigenes Leben zu leben, zu viel gearbeitet zu haben, Gefühle zu wenig ausgedrückt und den Kontakt zu Freunden nicht aufrecht erhalten zu haben. So meinte etwa eine einst erfolgreiche Managerin: „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein! Wir haben die Freiheit zu wählen!“

Liebe ist die stärkste Kraft. Mit dem gleichen Thema befasst sich der Wiener Bestseller-Autor Andreas Salcher in „Meine letzte Stunde“ (Ecowin ). Ein Buch fürs Leben, wie er sagt. Wir haben mit ihm über den Mut gesprochen, Herausforderungen anzunehmen, über die Notwendigkeit Ballast abzuwerfen und über die stärkste Kraft überhaupt: die Liebe.

»Wir können die Dinge beeinflussen!«

WOMAN: Was ist ein schönes Leben ?
Andreas Salcher: Die Frage ist: Wie sehr bin ich in Einklang mit mir selbst? Bin ich lediglich froh, dass ich wieder einen Tag hinter mich gebracht habe und falle nur erschöpft ins Bett mit dem Gedanken: Morgen geht das ganze schon wieder los. Hoffe ich, dass die Woche schnell vergeht und lebe ich nur auf die nächste Prüfung oder die nächsten Ferien hin? Dann verbrenne ich kostbare Lebenszeit, von der ich nicht weiß, wieviel ich eigentlich habe. Ein gutes Leben ist eines, wo ich am Abend sagen kann: Das war ein guter Tag. Und ich freue mich schon auf den nächsten.

WOMAN: Aber wie erreicht man das?
Salcher: Indem man das Leben lebt, das man eigentlich will. Sonst kommt man sicher irgendwann zu dem Punkt, wo das Schicksal einen damit konfrontiert. In Form einer schweren Krankheit, Trennung, Jobkündigung – und es fällt einem wie Schuppen von den Augen: Das ist eigentlich nicht mein Leben. Ich leb für meine Kinder, meinen Mann, für meine Eltern, für die Arbeit, für alle, nur nicht für mich. Und alle Pläne, die ich einmal hatte, sind aufgeschoben ...

WOMAN: Warum kommt es denn soweit?
Salcher: Weil wir alle ein sehr starkes Gummiband haben, das uns in der sogenannten Komfortzone hält. Dort herrscht die Macht der Gewohnheit und Sicherheit. Wir halten an Beziehungen fest, die uns unglücklich machen, an Jobs, die wir nicht mögen. Aber das Leben tritt uns dann sanft und manchmal auch brutal aus dieser Komfortzone und zwingt uns zu Veränderungen. Aus Krisen lernen wir. Wenn eine Beziehung zerbrochen ist, werde ich mir überlegen müssen: Was ist falsch gelaufen?

WOMAN: Besser also nicht auf Krisen warten, sondern vorher Bilanz ziehen?
Salcher: Ja. Und das am besten ritualisieren, das heißt, zu bestimmten Daten im Jahr Bilanz ziehen. Das Frühjahr ist ein guter Zeitpunkt, der Geburtstag auch, um mit sich selbst in Klausur zu gehen. Sich zu fragen: Was macht mich eigentlich glücklich? Was brauche ich im Leben? Was muss ich loswerden? Prioritäten ändern sich ja auch.

WOMAN: Das leuchtet ein: Man muss auch Ballast loswerden!
Ja, das passt auch gut zum Frühjahr und zum Reinemachen. Es sammelt sich im Laufe des Lebens soviel Gepäck an, das wir mitschleppen. Weil wir nicht gelernt haben, uns von Dingen zu trennen. Dann haben wir das Gefühl, weniger Energie zu haben und schneller müde zu werden – und schieben das aufs Alter. Aber es ist vor allem dieses Gepäck, die lieblose Beziehung, die wir nicht loslassen, die sogenannten Freunde, die Energieräuber sind. Es ist auch die Verantwortung, die ich mir für eine entfernte Verwandte aufhalsen lasse. Da muss ich die Konsequenzen ziehen. Und dann das Arbeitsgepäck. Was sich da gerade bei Frauen ansammelt. Der Beruf wird immer fordernder, die Familie ebenso, und dann kommen noch ehrenamtliche Tätigkeiten, wie mit den Kindern lernen, dazu. Schließlich kann auch zu viel Besitz zu einer großen Belastung werden. Werde ich von dem Gesamt-Gepäck nicht einiges los, habe ich keine Kraft mehr für die Dinge, die wirklich zählen.

WOMAN: Was genau sind diese Dinge?
Salcher: Fragt man die Leute, so antworten die meisten: Gesundheit und Glück. Nur leben die wenigsten tatsächlich danach. Was Menschen sagen, die in ihrer letzten Stunde Resümee ziehen, hat unter anderen die berühmte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross aufgezeichnet. Am meisten beschäftigt die Frage: Habe ich genug Liebe bekommen und gegeben? Dann folgt: War mein Leben authentisch oder habe ich immer nur das gemacht, was die anderen von mir erwartet haben? Und als Drittes wird resümiert: Habe ich etwas getan, das über mich hinausgeht? Habe ich ein Anliegen gehabt, etwas unterstützt, anderen geholfen? Was Menschen am Ende ihres Lebens sehr oft bereuen, ist, dass sie nicht mehr riskiert haben. Dass sie nicht mutig genug waren, Herausforderungen anzunehmen.

Autor Andreas Salcher im Porträt.
Autor Andreas Salcher: "Es braucht große Kraft, die Lebensträume umzusetzen."

WOMAN: Die berühmten Lebensträume!
Salcher: Ja, sagen wir, eine Frau träumt jahrelang von einem eigenen Restaurant. Dann bietet sich plötzlich eines an. Bestimmt werden nun viele dagegen sprechen. Die Freunde, der Mann, alle werden sagen: Was, du willst deinen sicheren Job aufgeben? Das braucht schon eine große Kraft, sich da durchzusetzen.

WOMAN: Und wenn sie das Lokal nimmt und dann scheitert?
Salcher: Dann hat sie es wenigstens versucht. Aber wenn ich wirklich etwas machen möchte, es stark in mir spüre, dann ist die Chance groß, dass es auch erfolgreich wird. Das Leben ruft deinen Namen, die Amerikaner nennen das „Calling“. Wenn du nicht hinhörst, werden die Rufe immer weniger und auch die Gelegenheiten, bestimmte Dinge zu tun. Wer immer in der Komfortzone bleibt, wird einmal auf sein Leben zurückblicken und sagen: Ein besonderes war das nicht. „Calling“ ist der Ruf des Lebens nach uns. Was ist meine Berufung? Was macht Sinn? Wenn man einen Schritt in eine Richtung macht, dann ändert sich dein Leben schon. Dann folgen automatisch weitere Schritte. Und du wirst auf jeden Fall ein spannendes Ziel erreichen.

WOMAN: Gibt es in Sachen Risikofreude einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?
Salcher: Frauen tun sich viel leichter damit zuzugeben, dass etwas nicht passt. Sie können darüber reden und auch Hilfe suchen. Aber wenn es konkret um den Neuanfang geht, haben die Männer die Nase vorn. Frauen gehen das Wagnis eines Neubeginns schwerer ein.

WOMAN: Hat man denn wirklich immer die freie Entscheidung?
Salcher: Solange man lebt, hat man die Wahl. Der freie Wille ist ja wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ich kann mit meinem Willen die Dinge beeinflussen.

WOMAN: Wenn wir von Berufung sprachen – geht es da vor allem um soziales Engagement?
Salcher: Muss nicht sein. Ich kenne eine Hotelbesitzerin in Kärnten, die es als ihre Berufung sieht, das beste Hotel der Welt zu machen. Das spürt man als Gast auch. Ich habe von einem Banker gelesen, der jetzt Maßschneider ist und jeden Tag viel glücklicher aufsteht. Wenn einer zum Beispiel das Bedürfnis hat, sich künstlerisch auszudrücken und nie die Gelegenheit dazu ergreift, wird er auch nie ganz glücklich sein. Er muss ja damit nicht unbedingt seinen Lebensunterhalt verdienen.

WOMAN: Wie ist das mit den kleinen Dingen, über die man sich, oft auch erst nach einer Krise, freuen kann? Den Sonnenstrahlen, dem Vogelgezwitscher .. .
Salcher: Das ist ganz entscheidend. Die täglichen Wegzehrungen nenne ich das. Ich stelle mich morgens erst mal ans offene Fenster, freue mich, dass ein neuer Tag beginnt. Dass ich unsere Luft ohne Gesichtsmaske atmen kann und Wasser direkt aus der Leitung trinken. Menschen mit einer schweren Krankheit sind glücklich, wenn sie wieder Kaffee schmecken können, die Sonne aufgehen sehen und die Blumen blühen. Leute mit schwerem Schicksal ärgern sich nicht mehr grün und blau, wenn sie im Stau stehen. Sie wissen, was ein Problem ist und was keines.

Thema: Psychologie