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Was können die Frauen der Regierung?

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Analyse: Dieses Mal ziehen nur fünf Frauen (von 16 Posten) in die Regierung, zehn Prozent weniger als vor fünf Jahren. Ob und wie sie die österreichische Politik beeinflussen werden, haben wir die Top-Politikjournalistinnen des Landes gefragt.


Sophie Karmasin, 46, Familienministerin von der VP entsandt © Bild: Christine Wurnig

Sophie Karmasin, 46, Familienministerin von der VP entsandt

Wie viel kann sie in den kommenden fünf Jahren für Frauen bewirken?
Salomon: Sie ist ein gutes Rolemodel: Modern, tüchtig, gebildet, trotzdem hat sie nicht auf Kinder verzichtet.
Milborn: Hoffentlich eine Trendwende im Familienbild.
Stuiber: Sie bezeichnet sich selbst als Emanze – immerhin, erfrischend für die ÖVP.
Linsinger: Ihr ist die Aufgabe zugedacht, das verzopfte Image der ÖVP zu korrigieren.

Welche Themen sollte sie in ihren Ressorts unbedingt angehen?
Salomon: Mehr Mut zu Kindern machen.
Milborn: Mehr Karenz für Väter und bessere Wiedereinstiegschancen für Mütter. Stuiber: Sie muss sich dringend darum kümmern, dass Österreichs weniger privilegierte Jugend nicht zurück bleibt, was Bildung und Ausbildung betrifft – wird spannend mit ÖVP und Lehrergewerkschaft im Rücken.
Linsinger: Ausbau Kinderbetreuung, vor allem nachmittags.

Das Lohngefälle Mann-Frau liegt in Österreich bei 23,7 Prozent (nur in Estland ist es EU-weit noch schlechter). Was kann sie dran ändern?
Salomon: Den Frauen erklären, dass sie nie ganz aus dem Beruf aussteigen sollten.
Milborn: Bewusstsein schaffen für Aufteilung der Familienarbeit.
Stuiber: Viel – wenn sich die Frauen in der Regierung in diesem Punkt mal über die Parteigrenzen hinaus zusammenschließen und die Sozialpartner entsprechend drängen. Denn die schließen die Kollektivverträge und sind im übrigen über ihre jeweiligen Lobbys derart mächtig, dass es ohne Frauensolidarität auf Ministerinnenebene gar nicht geht. Sie kann aber auch durch Fördervergabe im eigenen Bereich Zeichen setzen und jene Firmen ausschließen, die Frauen benachteiligen.
Linsinger: An der Verteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit drehen – zweitere wird überwiegend von Frauen erledigt.

Wie lässt sich ihr Führungsstil beschreiben?
Salomon: Konzentriert.
Milborn: Sachlich.
Stuiber: Ich nehme an, da sie ein Unternehmen geleitet hat: Effizient, schnell und kompetent.
Linsinger: Muss sie selbst erst herausfinden.

In Punkten (wobei 10 die Höchstanzahl ist): Wie sattelfest ist sie inhaltlich?
Salomon: Wird man sehen.
Milborn: 3
Stuiber: 6
Linsinger: Wird auch für sie selbst eine Überraschung werden.

Wer gehört zu ihren Förderern?
Salomon: Spindelegger.
Milborn: Offenbar Michael Spindelegger.
Stuiber: Spindelegger.
Linsinger: Ihre Meinungsforscher-Eltern.

Wie gut ist ihr Ruf?
Stuiber: Wird durchwegs positiv aufgenommen, hier gilt die allgemein übliche Schonfrist, auch bei den politischen Mitbewerbern. Karmasin gilt als sympathisch und rührig, doch als politisches Leichtgewicht.
Linsinger: Birgt als Quereinsteigerin hohes Risikopotenzial.

Wie hoch ist ihr Einfluss (bitte wieder in Punkten, wobei 10 das höchste ist) auf dem Politparkett?
Salomon: 1
Milborn: 2
Stuiber: tendiert derzeit gegen 0 – fraglich, ob die VP-Lobbys sie wachsen lassen.

Kann sie mit Sympathie bei den Wählern punkten? Warum, warum nicht?
Salomon: Ja, weil sie modern und sympathisch wirkt.
Milborn: Eloquent, fernseh-erfahren, freundlich.
Stuiber: Ja, wirkt sympathisch, klug, überlegt und "normal" im Auftreten.
Linsinger: Muss beweisen, dass ihr Ministerium nicht überflüssig ist.

Wo muss sie mit Vorsicht an die Sache rangehen?
Salomon: Partei-Schlangengrube.
Milborn: Schnell Kompetenz aufbauen, um nicht als Feigenblatt zu wirken.
Stuiber: Auf jeden Fall, die Falltüren sind schon geöffnet.
Linsinger: Überall.

Wie steht es um ihr Potenzial für die Zukunft?
Salomon: Alles ist möglich – inklusive Absturz in die Bedeutungslosigkeit.
Milborn: Gute Chancen, wenn sie auf Qualität setzt.
Stuiber: Schwer zu sagen – kommt sehr auf ihre Performance an. Man soll sie auch nicht unterschätzen, das war schon bei Sebastian Kurz der Fall.
Linsinger: Hohe Absturzgefahr.

Und dann noch das …
Daniel: Sie hat Potenzial: Sie könnte das etwas verstaubte Frauen- und Familienbild modernisieren. Hier liegt aber auch die Gefahr: Wenn Karmasin keinen Mut zeigt, wird sie scheitern. Sie gilt als toughe Unternehmerin, mit guten politischen Kontakten. Ihre Hauptförderer waren sicher ihre Eltern Helene und Fritz Karmasin.
Weissenberger: Was auf ihrer frauenpolitischen Agenda steht, wissen wir noch nicht. Aus Karmasins Familienkonstellation etwas ablesen zu wollen, ist politische Kaffeesudleserei – beruflich erfolgreiche, verheiratete Mütter zweier Kinder sind auch Johanna Mikl-Leitner und Eva Glawischnig. Sollte Karmasin Pläne jenseits der ÖVP-Parteilinie und des Regierungsprogramms verfolgen, wird sie sehr großes taktisches Geschick zeigen müssen: Ihre Ressourcen sind gering, ihr Budget weitgehend verplant, die Länder geben freiwillig keine Kompetenzen ab und rund um die Regierungsbildung hat man wieder gesehen, was es heißt, in der ÖVP quer ganz oben eingestiegen zu sein.