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Was kostet deine Welt? Eine Tontechnikerin über ihren Kontostand

Arbeiten, zahlen, leben: Wie viel verdient die eine selbständige Tonfrau bzw. Tontechnikerin? Und wie viel bleibt am Ende des Monats übrig? Wir haben im Rahmen unserer Serie nachgefragt.

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Was kostet deine Welt? Eine Tontechnikerin über ihren Kontostand
© FOTO FLAUSEN

"Über Geld spricht man nicht" - das gilt besonders in Österreich. Das eigene Gehalt halten die meisten von uns geheim. Dabei sind wir tagtäglich mit unseren Finanzen konfrontiert. Wo ist der 100er im Geldbörsl schon wieder geblieben? Wie soll ich die Reparatur des Autos bloß bezahlen? Wie schaffen es andere Leute, etwas auf die Seite zu legen? Und wie viel verdienen eigentlich die KollegInnen, die mit mir im Büro sitzen? Nicht zuletzt diese unnötige Verschwiegenheit ins Sachen Einkommen trägt dazu bei, dass Frauen immer noch nicht gleich viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen. Wir sagen: Schluss damit, über Geld spricht man! Deshalb fragen wir im Rahmen dieser Serie Frauen mit den unterschiedlichsten Berufen: Was kostet deine Welt? Wie viel verdienst du? Was bleibt am Monatsende übrig? Im 22. Teil der Serie haben wir eine Theater-Leiterin zum Interview gebeten.

Ariane Pellini ist 33 Jahre alt, lebt in Salzburg und arbeitet selbständig als Tontechnikerin. Sie hat einen Master of Arts in Arts and Design im Bereich Audio, also Sound Design. Ihre Arbeitstage beschreibt sie folgendermaßen: "Ich arbeite 7-10 Stunden pro Arbeitstag und das an ca. 15 bis 20 Tagen im Monat. Das ist bei Selbständigen nicht immer gleich und es ist oft auch nicht möglich, zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zu unterscheiden." Dabei hat sie drei Standbeine.

Erstens: Veranstaltungstechnik: "Das heißt ich richte die Veranstaltung ein, das beinhaltet den ganzen Aufbau, Soundcheck mit den MusikerInnen, den KabarettistInnen, PoetryslammerInnen - wer auch immer in ein Mikro spricht: Ich richte ein Theaterstück oder eine Performance ein." Ihre Hauptaufgaben sind akustischer Natur, manchmal fällt auch Licht oder Video in ihren Zuständigkeitsbereich.


Zweitens: Sie arbeitet als Tonfrau („Tonangel“) bei einem Dreh (tagesaktuelle Geschichten für TV oder online, Filmdreh, Werbung oder Dokus und Reportagen und auch bei einem Kinofilm hat Ariane bereits mitgearbeitet. (“Drachenblut & Lindenblatt” von Daniel Limmer, kommt voraussichtlich 2020 in unsere Kinos.) "Im Rahmen dieser Tätigkeit unterstütze ich die Kamerafrau bzw. den Kameramann, verkable InterviewpartnerInnen und achte auf die Synchronität von Bild und Ton sowie auf Anschluss im Drehablauf und Verständlichkeit des Gesagten. Weiters sind Atmos einzufangen, was ich sehr gern mache, weil das meditativen Charakter hat. Je nach RedakteurIn kann das sehr lässig sein - von lässig bis stressig."


Drittens: Sie arbeitet im Tonstudio. Das heißt kurz zusammengefasst: Sie "mikrofoniert" Menschen und Instrumente, sowie Verstärker, drückt auf record und mischt und mastert im Anschluss das Aufgenommene. Eine andere Variante ist, dass sie Material zum nachbearbeiten bekommt.

Die aktuelle Tagesgage von Tonfrau Ariane Pellini liegt bei 280 bis 350 Euro brutto - je nach Arbeitsfeld und AuftraggeberIn gibt es abgewandelte Gagen: "ORF, ServusTV haben fixe Gagen, die melden mich teilweise an und ab und das Salzburger Festpielhaus ist auch immer ein Anstellungsverhältnis für die Sommersaison. Aber: Die meisten Jobs sind frei und auf Honorarnotenbasis. Ich habe mich entschieden Kleinunternehmerin zu bleiben. Das heißt ich verrechne brutto für netto und mache die jährliche Buchhaltung (vierteljährlich würden ich und meine Buchhalterin wahrscheinlich wahnsinnig werden!)"


Wie hoch sind deine Fixausgaben?
Als Selbständige ist einmal der erste große Brocken, der noch abgezogen werden muss die Sozialversicherung: Ich zahle vier mal im Jahr 700 Euro an die SVA. Für andere Versicherungen (Betriebshaftpflicht und Co.) zahle ich 180 Euro im Jahr, meine Miete macht monatlich 400 Euro weil ich in einer WG lebe, in der Salzburg Innenstadt. Die Versicherung fürs Auto kostet mich jährlich ca. 680 Euro - ich fahre ca 20.000 km im Jahr und brauche im Schnitt für 600 km 60 Euro, das macht grob 2.000 Spritkosten. Für Lebensmittel gebe ich monatlich ca. 300 Euro aus, fürs Handy 60 Euro. Ich spende selten, lade aber dafür öfter Leute auf Konzerte ein. Ich mache Fortbildungen weil mir die Uni fehlt und ich mein Wissen ausbauen will, die kosten auch was. Neue Kleidung kaufe ich sehr selten, ich finde gebrauchte Klamootten sowieso cooler. Also ich gebe definitiv mehr Geld für Bücher, Reisen, Ausflüge aus, als für Gewand. Meine Freizeithobbys spielen sich größtenteils draußen und in den Bergen ab, das kostet nicht so viel, wenn man die Ausrüstung mal beisammen hat. Ansonsten unterstütze ich noch Vereine: Etwa das freie Radio in Salzburg, die Radiofabrik - dort mache ich zum Spass auch jeden 3. Montag im Monat eine Sendung. Aber auch andere Salzburger Kulturinstitutionen und der Alpenverein erhalten meine Unterstützung.

Hast du eine private Pensionsvorsorge?
Ja, ich bin vor Jahren auf diesen "Drei-Säulen-Zug" aufgesprungen: Private Pensionsvorsorge, Eigentum und staatliche Pensionsvorsorge. Ich versuche immer mindestens 2 Monatsgehälter am Konto liquid zu sein.

Wie viel gibst du dafür monatlich aus?
Aktuell 100 Euro für die monatliche, private Pensionsvorsorge.

Sparst du Geld, wenn ja wie viel, wie legst du es an?
Aktuell spare ich 100 Euro monatlich in Form eines Bausparers (für mein geplantes Baumhaus, sollte ich einmal aufhören zu mieten, was ich aktuell für mich aber als sehr sinnvoll empfinde)

Wie viel bleibt am Monatsende übrig? Das ist unterschiedlich, meistens schon ein bisschen was. Das kommt auf mein Konsumverhalten drauf an. Es sind im Durchschnitt etwa 150 Euro würde ich sagen.

Bist du zufrieden mit deinem Gehalt? Ja. Erstens, weil ich in meiner Branche als Frau eine Minderheit darstelle und von Anfang an genau dasselbe Gehalt wie meine männlichen Kollegen erhalten habe, was ich sehr gut finde. Ein weiterer Grund ist, dass sich die Gagen positiv entwickeln, weil ich stetig Erfahrung sammle und somit besser und gefragter werde.

Weißt du, was deine KollegInnen verdienen? Ja, ungefähr dasselbe wie ich. Es staffelt sich für alle gleich: Kulturbetriebe sind die armen Schlucker unter den ArbeitgeberInnen, die zahlen ca 25 Euro brutto pro Stunde. Agenturen zahlen am besten, da kann man bei einem Werbedreh auch mal 400 Tagesgage für den Ton erhalten. Kameraleute verdienen meistens pro Tag rund 50 Euro mehr. Da unsere Gesellschaft Visuellem mehr Prestige einräumt als der auditiven Ebene, die meiner Meinung nach aber subtiler und eindringlich wird. In meiner Branche gilt: Wenn es keine Beschwerden gibt über den Sound, dann hat alles gepasst. Lob kommt manchmal auch vor, ist aber eher selten und wenn dann kommt es von KollegInnen bzw soundaffinen Menschen.


Wofür gibst du gern Geld aus? Konzerte - ich zähle in meiner Branche zu den wenigen, die in ihrer Freizeit auch noch auf Konzerte gehen und Theaterstücke besuchen. Ich nenne das Lokalohrenschein. Ich liebe Musik und Künste und versuche so breitbandig wie möglich beschallt zu werden. Und es ist immer gut, wenn man ein Haus schon kennt, bevor man das erste mal dort arbeitet, dann hat man eine Vorstellung was möglich ist. Equipment ist der größte Kostenpunkt bei meiner Arbeit. Die Liste an anzuschaffenden Dingen wird eher immer länger, statt kürzer. Weil immer, wenn man sich ein langersehntes Teil gönnt, rücken zwei neue auf der Liste nach. "GearPorn" ist einfach sehr berauschend und macht glücklich, wenn richtig eingesetzt. Außerdem reise ich gerne und gebe dafür Geld aus, hauptsächlich für Transport, da ich gerne draußen schlafe. (Mein guter Schlafsack ist ein treuer Freund.)


Wofür würdest du gern mehr Geld haben? Equipment und Reisen.


Redest du mit deinem Freundeskreis übers Geld? Es ist für mich kein Tabuthema - solange es dem Diskurs dient, lege ich gern alles offen. Angeben brauche ich nicht, es gibt genug Leute die mehr verdienen. Aber ich bin zufrieden mit meinem Job und den zahlreichen Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten und möchte nichts anderes machen.


Gibt es sonstige Einnahmen? Eigentlich nur, wenn ich Equipment weiter verkaufe oder meine Stimme “vermiete”.

Was ist dein größter Luxus? Mein Auto, ein VW Caddy, mein Fahrrad, ein Gravel Bike, mein Bett - es hat eine GEA Matratze - da ich meist nicht lange schlafe, will ich gut liegen und meine elektrische Zahnbürste (es ist Liebe).

Würdest du von dir selbst behaupten, dass du gut mit Geld umgehen kannst?
Ich kann mich grundsätzlich gut versorgen und bin ein bisschen besser in der Finanzplanung als der Umsetzung. Das Sparen ist sicher ausbaufähig, obwohl ich ursprünglich Vorarlbergerin bin und denen wird ja nachgesagt, dass sie "sauguat spara" können.

Kannst du dir die Dinge leisten, die du gerne haben möchtest oder musst oft auf was verzichten?
Mein Leben ist komplett, ich bin sehr dankbar für alles was ich haben und machen darf. Ich verzichte eigentlich auf nichts. Weder auf Yoga- oder Sprachkurse, noch Kosmetikbesuche oder Fussreflexzonenmassagen. Ich lebe im "Hier und Jetzt" und gönne mir, was ich brauche - ohne dem Konsum übermäßig zu verfallen oder Dinge anzuhäufen. Alles was ich besitze befindet sich in meinem WG zimmer und in meinem Auto. (Wir haben keinen Keller und keinen Dachboden.) Ich beschenke gern Freunde mit Essenseinladungen oder Konzerttickets oder guten Büchern.

Würdest du lieber mehr verdienen oder eher weniger arbeiten und dafür halt auch weniger haben?
Ich trenne Arbeit und Spiel prinzipiell nicht, das eine ist bezahlte Arbeit (gebuchte Aufträge), das andere eben unbezahlte (zb Hausarbeit oder Planungs- oder Buchhaltungsstunden oder Überstunden, weil es dem eigenen Anspruch noch nicht genügt). Mein langfristiges Ziel ist es, mich mehr aufs Recording und die Studioarbeit zu fokussieren und dann einfach 1 bis 2 Alben im halben Jahr zu produzieren und mit den selben Bands dann auf Tour zu fahren. Dann bin ich immer wieder unterwegs, beschalle Menschen allerorts, habe einen zugehörige Menschengruppe, eine „Tour Familie“ mit den MusikerInnen, die ich begleite und that’s it. Frei werde ich immer haben, da die Veranstaltungen meist abends sind und ich gern in der Sonne bin, wenn sie scheint. Aber um die frage in aller Kürze zu beantworten: Zeit ist mir immer mehr Wert als Geld.

Und wie wichtig ist dir Arbeit generell? Welchen Stellenwert nimmt sie in deinem Leben ein?
Meine Arbeit bedeutet mir sehr viel, ich definiere mich darüber bzw. findet ein Teil meiner persönlichen Wertzuschreibung darüber statt. Wenn ich eine geile Nummer gemischt habe, taugt es mir persönlich und ich höre sie überall ab, wo ich kann. Oder wenn Leute nach einem Konzert mit einem Grinser rausgehen, freue ich mich einfach. Oder wenn die Musiker auf der Bühne einen guten Sound hatten und deshalb gut abrocken konten, dann bin ich sehr dankbar für meine Aufgabe. Da ich selbstständig bin, beschäftige ich mich auch täglich mit meiner Arbeit, ich weiß immer was ich noch erledigen will oder sollte und welches Equipment noch von A nach B gefahren gehört bzw. wo ich mich als nächstes vertiefen möchte. Ich habe eigentlich nie wirklich frei, aber das ist okay für mich. Wenn ich freizeitmäßig in irgendeiner Wand hänge beim Klettern, vergesse ich dann schon was ich bei dieser einen Gitarrenspur noch ausprobieren wollte. Es ist immer ein Zusammenspiel aus den Klangquellen den mir zur Verfügung stehenden Geräten und dem Publikum. Ich bin für mein Leben gern Transmitterin und Bindeglied in Räumen und open air.


Wer mehr über Ariane Pellini wissen will oder evtl. eine Tonfrau braucht, hier kannst du sie erreichen: Auf ihrer Website www.tonfrau.at, auf Facebook und auf Instagram.