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Was kann die Medizin der Zukunft?

Die Wissenschaft entwickelt immer bessere Waffen im Kampf für ein längeres Leben. Krankheiten, die heute noch als tödlich gelten, werden nur mehr chronisch sein, fremde Organe besser akzeptiert, Immunzellen neu programmiert. Wir haben Expertinnen und Experten zu den wichtigsten Trends befragt.

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Medizin der Zukunft
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Wir werden immer älter. Für Männer beträgt die Lebenserwartung derzeit gut 79, für Frauen knapp 84 Jahre, das sind doppelt so viel wie um 1900. Deutlich verbesserte Lebensumstände und wichtige Entwicklungen in der Medizin haben das bewerkstelligt. Das stellt die Wissenschaft aber vor große Herausforderungen, weil mit dem Älterwerden auch die Krankheiten zunehmen.

Doch wir wollen ja möglichst lange fit bleiben. Wobei wir das zum Teil auch selbst in der Hand haben. Durch einen gesunden Lifestyle können wir körpereigene Schutzgene aktivieren, wie die relativ junge Wissenschaft der Epigenetik zeigt.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben Hoffnung für die Zukunft. Und auch der Zugang der Ärztinnen und Ärzte beginnt sich zu verändern. Der Mensch wird nicht mehr als Summe seiner Teile gesehen, sondern als ganzheitliches, komplexes Wesen, in dem viele Prozesse ineinander übergreifen. Drei große Entwicklungen kristallisieren sich heraus, quer durch alle Disziplinen: eine massive Technologisierung, die hilft, die unglaublichen Datenmengen zu verarbeiten und Zusammenhänge zu erkennen. Weiters werden das Immunsystem und seine Funktionsweise intensiv erforscht, was bereits zu großen Durchbrüchen in der Behandlung von Krebs geführt hat oder im Transplantationsbereich essenziell ist. Und schließlich geht der Trend zur personalisierten Medizin, bei der der Mensch als solches mehr in den Fokus rückt, seine körperliche und psychische Verfassung sowie seine ganz persönlichen, individuellen Umstände.

GENDERMEDIZIN

Frauen und Männer sind unterschiedlich krank. Die Gendermedizin erforscht diese Thematik und entwickelt neue Behandlungskonzepte.

Herausforderungen. "Es ist mittlerweile klar und anerkannt, dass sich Frauen und Männer im Gesundheitsverhalten unterscheiden, anders auf Probleme oder Stress reagieren. Trotzdem sind geschlechtsspezifische Analysen in klinischen Studien noch nicht selbstverständlich", bedauert Gender-Medizinerin Alexandra Kautzky-Willer. Auch in der Grundlagenforschung fehlen diese Analysen noch oft, verschiedene Lebensphasen und die unterschiedliche Hormonsituation werden wenig berücksichtigt. Diese Unterschiede herauszuarbeiten und zu erforschen, sind derzeit die wichtigsten Herausforderungen.

Zukunftspotenzial. Besondere Bedeutung für die Zukunft sieht Kautzky-Willer im Bereich der Epigenetik. Hier werden Umwelteinflüsse untersucht, die unsere Genaktivität beeinflussen können und sich auf die Geschlechter unterschiedlich auswirken: "Neue Ansätze zeigen hier erstmals, wie schädliche Veränderungen wieder rückgängig gemacht werden können." Viel Potenzial sieht die Expertin auch in der weiteren Erforschung des Mikrobioms (Bakterienflora). Ganz wichtig sind für sie außerdem die interdisziplinäre Forschung und das verstärkte Einfließen der individuellen Biografie wie kulturelle Einflüsse oder die Sozialisierung.

Behandlungsansätze. Große Fortschritte erhofft sich Kautzky-Willer durch die fortschreitende Digitalisierung: "Neue Machine-Learning-Tools helfen bei der Analyse von genetischen, molekularen und klinischen Daten. So kann man die Geschlechterunterschiede besser verstehen und genauer untersuchen. Bei Volkskrankheiten wie Diabetes etwa wird dann die Behandlung besser angepasst."

KREBSFORSCHUNG

Die Entwicklung von immunmodulierenden Therapien ist das derzeit aufregendste Kapitel in der Krebsbekämpfung.

Herausforderungen. Drei verschiedene Richtungen in der Forschung zur Krebstherapie beschreibt Onkologe und Vizepräsident der Österreichischen Krebshilfe Christoph Zielinski: "Der wichtigste Ansatz ist die Entwicklung von Medikamenten, die die körpereigene Immunantwort aktivieren. Diese wird im Fall von Krebs nämlich von den Tumoren ausgeschaltet." Das wird bereits erfolgreich eingesetzt bei Lungen- und Nierenkrebs und bei bösartigen Melanomen.
Ein weiteres Forschungsgebiet sind Medikamente, die genetische Mechanismen der Krebszellen beeinflussen, deren Wachstum und Vermehrung regulieren: "Diese 'Präzisionsmedizin' wird möglich durch verbesserte molekularbiologische Analysen des Tumorgewebes." Ein drittes Standbein sind experimentelle Zugänge, wie etwa den Stoffwechsel der Tumorzellen zu beeinflussen, oder neue Ansätze und Konzepte bei Chemotherapeutika.

Zukunftspotenzial. Die größte Hoffnung liegt derzeit laut Zielinski in jenen Therapien, die das Immunsystem beeinflussen. Diese werden mit anderen Methoden kombiniert, etwa mit außerhalb des Körpers "scharf gemachten" Zellen, die den Tumor direkt attackieren, oder mit speziellen Impfungen. Dadurch verbessert sich die Therapiewirksamkeit, ein potenziell lebensgefährlicher Krebs soll zu einer chronischen Krankheit werden.

Behandlungsansätze. "Wir dachten eigentlich, dass die Chemotherapie mit den neuen Entwicklungen verschwindet. Doch neue Studien zeigen einen großen Vorteil der Chemo vor allem in Kombination mit immunmodulierenden Substanzen", betont Zielinski. Das etablierte Konzept der Chemotherapie wird somit weiter ein wichtiger Teil der Behandlung bleiben, allerdings ständig verbessert durch neue Forschungserkenntnisse.

TRANSPLANTATIONEN

Zu verstehen, wie das Immunsystem funktioniert, ist ein wesentlicher Baustein, um den Erfolg von Organtransplantationen zu erhöhen.

Herausforderungen. "Bekommt man ein neues Organ, muss der Körper dazu gebracht werden, dass er dieses auch akzeptiert. Die aktuellen Medikamente dafür haben allerdings ziemlich starke Nebenwirkungen und können die Abstoßung langfristig nicht verhindern. Ein großes Thema ist deshalb, wie man die Toleranz des Fremdkörpers durch gezielte Manipulation des Immunsystems steigern kann", erklärt Immunologin Nina Pilat-Michalek. Zusätzlich arbeitet man daran, die Qualität der Spenderorgane zu verbessern. Lungen etwa werden in einer Art Käseglocke einige Tage lang mit Medikamenten "aufgepäppelt", der Transplantationserfolg erhöht sich dadurch massiv. Ähnliches versucht man auch beim Herz. Wien ist in dieser Entwicklung führend.

Zukunftspotenzial. "Den Traum vom neuen Organ aus dem 3D-Drucker sehe ich in nächster Zeit leider nicht erfüllt", bremst Pilat-Michalek solche Erwartungen. "Organe sind ja an einem ziemlich komplexen Stoffwechsel beteiligt. Aber es gibt spannende Durchbrüche etwa in der Diabetes-Forschung. Da werden insulinproduzierende Zellen mit einer Matrix umhüllt, damit das Immunsystem sie nicht erkennt, und dann implantiert."

GENOMFORSCHUNG

Das Erforschen genetischer Krankheiten und die Neuprogrammierung von Immunzellen sind spannende Ansätze.

Herausforderungen. Die Bestimmung von seltenen genetischen Krankheiten steht ganz oben auf der Agenda in der Genom-Forschung. "Es gibt mindestens 8.000 davon", weiß Genetiker Christoph Bock. "Insgesamt sind rund fünf Prozent aller Menschen betroffen. Neue Methoden, das Genom genauer zu bestimmen, sollen das defekte Gen identifizieren. Daraus ergeben sich unerwartete Behandlungsmöglichkeiten."

Zukunftspotenzial. Mittelfristig soll es möglich sein, präventiv einzugreifen, bevor eine Krankheit überhaupt entsteht. "Immunzellen können schon so verändert werden, dass sie gezielt Jagd auf Krebszellen machen. Es wäre spannend, diese so zu programmieren, dass sie defekte Zellen im ganzen Körper entfernen und so das alternde Gewebe verjüngen", meint Bock.

PLASTISCHE CHIRURGIE

Stammzellenforschung und Erkenntnisse zum Alterungsprozess stehen auf der Agenda ganz oben.

Herausforderungen. "Durch die demografische Struktur werden chronische Wunden und Abdeckungen nach Tumoren mehr. Es geht hier darum, die Form wiederherzustellen. Da muss verstärkt fachübergreifend behandelt werden", betont der plastische Chirurg Veith Moser. Großes Potenzial sieht er hier in der Stammzellforschung. "Hier wird sehr viel gearbeitet, vor allem noch im Tierversuch. Denn Stammzellen könnten zu Krebs entarten. Das wäre kontraproduktiv."

Zukunftspotenzial. Hoffnung setzt Moser auf bionische Prothesen, die selber "denken". Der Arzt verlagert beim Einsetzen Muskeln und Nerven so, dass man mit einer Armprothese tatsächlich aus einem Glas trinken kann. Weiter erforscht wird der Alterungsprozess durch von außen beeinflusste Zellveränderung. Das hilft bei chronischen Wunden und sorgt auch im Anti-Aging für Durchbrüche.