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Was passiert, wenn man Kinder einen Tag lang alles erlaubt

Kinder, heute ist ALLES erlaubt! Ein Pony im Wohnzimmer, Fingerfarbenkunstwerke an den Wänden und wilde Frisurenexperimente? Was passiert, wenn man einen Tag lang Ja zu den Wünschen seiner Kinder sagt? Bettina El-Ansari hat's gemacht.

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Was passiert, wenn man Kinder einen Tag lang alles erlaubt

YUMMY! Kiyan, 7, und Kimiya, 9, lieben Grießkoch. Den kochen sie sich heute selbst. Den Herd darf später die Mama putzen.

© WOMAN/ Gerald Mayer-Rohrmoser

"Das schaffst du niiiiie, zu allem Ja zu sagen", tönten meine Kinder Kimiya, 9, und Kiyan, 7. Und ob! Mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte ihnen beweisen, dass mein Mann und ich ganz sicher nicht die strengsten Eltern der Welt sind, wie sie gerne behaupten.

"Jedes Kind darf mehr als wir", jammern sie oft. Ja, natürlich setzen wir ihnen Grenzen, weil ohne bestimmte Werte und Regeln ein Zusammenleben einfach nicht funktioniert. Außerdem verlangen Kinder nach bestimmten Richtlinien, an denen sie sich orientieren können. Das gibt Halt und Sicherheit. Aber damit machen wir uns bei den Kleinen eben immer wieder unbeliebt - wenn's etwa heißt: "Nein, jetzt gibt es keine Schokolade mehr!" oder "Der Fernseher bleibt heute aus." Trotzdem haben die beiden fast jede Freiheit. Und vor allem hab ich Nerven aus Drahtseilen!!! "Los geht 's", dachte ich mir. "Auf ins Abenteuer. Ich bin ready!"

Die Kinder kriegen das Kommando.

Hmmm, na gut, ich war ganz schön nervös! Vielleicht war ich doch nicht zu 100 Prozent bereit. Ich fragte mich: Würde ich es schaffen, mich komplett im Hintergrund zu halten? Und auf was musste ich mich einstellen? Würden meine Kids mit einem Pony daherkommen, das sie im Wohnzimmer unterstellen wollten? Würden sie sämtliche Wände im Haus bemalen? Oder sich gegenseitig die Haare abschneiden?

Vorsichtig fragte ich bei meiner Tochter und meinem Sohn nach: "Und, worauf habt ihr heute Lust?" Ich konnte förmlich sehen, wie es in ihren Köpfen ratterte. Hilfe! "Zuallererst putzen wir uns in der Früh nicht die Zähne", beschlossen sie. Okay, nicht gerade das, was man als fürsorgliche Mama gerne hört, aber damit konnte ich leben und steckte ihnen morgens, wenn auch ein bisschen widerwillig, einen Kaugummi zu.

"Und wir wollen selbst Grießkoch kochen. Mit gaaaaanz viel Kakao!" War ja klar, immerhin wird bei uns nicht viel genascht. Zum Leidwesen von Kiyan, der bei Süßigkeiten kein Halten kennt. "Euer Bett wandeln wir zum Trampolin um, und abends schlafen wir bei euch! Davor zocken wir am Handy", lautete die nächste Ansage. Hoffentlich würde der Lattenrost bei so viel Action auch halten! Aber meinetwegen.

Einen Wunsch aber verweigerte ich: Kiyan wollte allein mit dem Roller in die Schule fahren. Die Sicherheit meiner Kinder steht an oberster Stelle, und er ist noch zu jung, um den Verkehr zu bewältigen. Wir einigten uns darauf, dass sie in der Siedlung umherdüsen - und die Hausübungen ausfallen lassen. Außerdem ganz oben auf ihrer To-do-Liste: am iPad zocken und WhatsApp-Nachrichten verschicken. Mein Mann und ich versuchen, es zu vermeiden, dass unsere Kids zu oft auf irgendwelche Displays starren. Deshalb haben wir auch extra den Fernseher aus dem Wohnzimmer verbannt, was uns sehr viel mehr Zeit als Familie beschert hat, die wir mit Gesellschaftsspielen, Herumtollen im Freien oder Vorlesen verbringen.

Was passiert, wenn man Kinder einen Tag lang alles erlaubt
ONLINE. Bildschirmzeiten werden im Hause El-Ansari sehr reduziert gehalten. Deshalb zockt Kiyan jetzt ein Spiel am iPad und Kimiya schreibt mit ihren Freundinnen auf WhatsApp.

Ganz bald wieder!

Abends fielen die beiden erschöpft zu mir ins Bett. Bevor sie einschliefen, meinten sie noch: "Wir sind die glücklichsten Kinder im ganzen Universum!" Mit diesem Satz machten sie mich wiederum zur glücklichsten Mama überhaupt. Sowieso war ich ziemlich stolz auf meine Racker: Ich hätte, zugegeben, niemals damit gerechnet, dass ihre Wünsche so bescheiden und harmlos ausfallen würden, sondern war zu Beginn des Experiments auf alles gefasst. Dass sie sich schließlich für Sachen entschieden, die sie eigentlich ja eh machen dürfen, zeigte mir, dass ich meinen Kindern vertrauen kann und sie nicht über ihre Grenzen hinausschießen, auch wenn sie machen dürfen, was sie wollen.

Der Tag war jedenfalls ein voller Erfolg! Sogar die Streitereien, die bei Kimiya und Kiyan öfter vorkommen, waren sehr überschaubar, sie waren ausgelassen und fröhlich. Mir hat's auch sehr Spaß gemacht, deshalb wollen wir das Ja-Sage-Projekt demnächst unbedingt wiederholen. Ideen dafür gibt es schon jetzt: Auf hohe Bäume klettern, im Bach spielen und sich dabei ganz schlammig machen (Darauf freue ich mich schon ganz besonders!), im "Family Park" mit allen Attraktionen fahren, 100 Mal das gleiche Lied hören und auf dem Klavier dazu klimpern, alleine einen Kuchen backen und so viel Schokolade essen, bis sie nicht mehr können.

Was passiert, wenn man Kinder einen Tag lang alles erlaubt
BESSER ALS EIN TRAMPOLIN. Was macht mehr Spaß, als im eigenen Bett herumzuspringen? Genau: in dem der Eltern herumzutoben! Kimiya und Kiyan strapazieren den Lattenrost, und Mama Bettina sieht sich schon einen neuen kaufen.
Was passiert, wenn man Kinder einen Tag lang alles erlaubt
LÄSSIGE FAMILIENBANDE. Papa Behrang El-Ansari, 38, ist Flugbegleiter, Mama Bettina, 37, Lehrerin in einer Volksschule. Sohn Kiyan ist 7 und Tochter Kimiya 9 Jahre.

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