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100 Jahre Frauenwahlrecht: Wäre die Welt eine bessere, wenn nur Frauen wählen würden?

Wir haben mit Politikberater Thomas Hofer und Journalistin Meret Baumann ein Gedankenexperiment gewagt und gefragt, wie eine Wahl ausgehen würde, bei der die Männer zu Hause bleiben müssten.

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100 Jahre Frauenwahlrecht: Wäre die Welt eine bessere, wenn nur Frauen wählen würden?
© ERNST KAINERSTORFER

Im Dezember des Vorjahres haben wir für die Print-Ausgabe von WOMAN ein Interview mit Journalistin Meret Baumann und Politikberater Thomas geführt, in dem wir uns oder besser die beiden gefragt haben, wie eine Welt aussehen würde, in der nur Frauen wahlberechtigt wären. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Frauenwahlrechts in Österreich am 16. Februar 2019 haben wir das Interview hier noch einmal zur Nachlese.

Hillary Clinton wäre 2016 Präsidentin der USA geworden - wenn nur Frauen abgestimmt hätten. Auch viele andere Wahlen wären unter diesem Aspekt anders ausgegangen, wenngleich Frauen keine einheitliche Gruppe darstellen, wie die "NZZ"-Korrespondentin Meret Baumann im WOMAN-Politik-Talk betont: "Das hat man beim Frauenvolksbegehren gut gesehen. Viele Unterstützerinnen haben nicht alle Forderungen geteilt." Dennoch: Frauen entscheiden anders als Männer. Grund dafür sind etwa unterschiedliche Lebensumstände. Laut Thomas Hofer gehe es aber immer um das Gesamtpaket einer Partei: "Selten legen die Wählerinnen und Wähler ihre Entscheidung nur auf ein Thema fest." Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Vertrauen und Glaubwürdigkeit in der Politik? Wie stark geht es noch um Inhalte oder zählen nur mehr Auftritt und Inszenierung? Das Experten-Duo gibt Antworten auf diese Fragen:

Ein Gedankenexperiment zum Einstieg: Die türkis-blaue Koalition zerbricht. Wie würden Neuwahlen ausgehen, wenn nur Frauen wahlberechtigt wären?
HOFER: Natürlich anders. Platz eins wäre für die SPÖ trotzdem schwierig. Die Grünen würden besser abschneiden, aber Sebastian Kurz wäre auch nicht schlecht aufgestellt.
BAUMANN: Eine Prognose ist schwierig, es käme auf die Umstände an, wie es zu dem Bruch gekommen ist. Außerdem ist es eine Fehleinschätzung, zu glauben, dass Frauen ein einheitlicher Block sind. Auch bei ihnen bilden sich alle politischen Strömungen ab. Aber ich wage die Prognose, dass die Grünen wieder ins Parlament kämen. Und die FPÖ hätte weniger Stimmen.

Worauf führen Sie das zurück?
BAUMANN: Frauen ist ein gemäßigter Ton und Umgang wichtiger. Weibliche Politiker neigen zu einem weniger aggressiven Politikstil. Das ist sicher ein Problem für die FPÖ bei den Wählerinnen.
HOFER: Ähnliches hat man in den USA bei Donald Trump gesehen. Selbst in der Kampagnenliteratur findet man Geschlechter-Stereotype, etwa beim Framing, also der Beeinflussung der politischen Rahmenerzählung. Da ist vom "strict father" und der "caring mother" die Rede. Mittlerweile hat man dazugelernt und verwendet einen geschlechtsneutralen Begriff wie "nurturing parent."

Könnte es nicht auch damit zu tun haben, dass es für Frauen noch etwas zu erkämpfen gibt, etwa in Sachen Kinderbetreuung oder gleicher Bezahlung?
HOFER: Das stimmt schon, aber das hat mit dem Stil wenig zu tun. Die Aggressivität der Tagespolitik und der traditionelle politische Diskurs sind sehr männlich geprägt. Es gibt einen Satz von James Carville, Bill Clintons Kampagnenmanager: "Es ist für einen Gegner sehr schwer, mich zu attackieren, wenn er gerade meine Faust in seinem Gesicht spürt." Da ist es klar, dass sich vor allem Frauen von solchen Aussagen distanzieren.

Frau Baumann, wie sieht das in Sachen Parteipräferenz in der Schweiz aus?
BAUMANN: Ähnlich wie in Österreich. Die Grünen sind bei den Frauen beliebter, die SVP ist dagegen unterrepräsentiert. Bei Volksabstimmungen kommen umweltpolitische und soziale Fragen bei Frauen besser an.

Aggressiver Stil und Inszenierung - büßt die Politik deshalb Vertrauen ein?
HOFER: Im Wahlkampfmanagement ist sehr viel aus der Kriegsliteratur abgeleitet. Wenn man sich wie SPÖ und ÖVP bis 2017 jeden Tag anflegelt und doch gemeinsam in der Regierung sitzt, erzeugt das Unzufriedenheit und Wutbürgertum. Da hatten viele das Gefühl, dass nichts weitergeht. Um die Basis zu mobilisieren, wird oft ein emotionaler Politikstil angewendet.
BAUMANN: Ich glaube, dass der Auftritt und die Inszenierung heute ganz entscheidend sind, aber wenn es mit den Inhalten zu stark auseinanderklafft, merken das die Leute.

Wie oft geht's noch um politische Inhalte oder ist alles nur reine Kommunikationsstrategie?
HOFER: Diese Regierung ist eine speziell marketingorientierte. Aber das ist nicht neu, auch ein Bruno Kreisky wusste schon, wie man Dinge verkauft. Christian Kern hat einmal gesagt, in der Politik sind 95 Prozent Inszenierung. Ich gehe sogar so weit und sage, es ist alles inszeniert, bis auf Naturkatastrophen. Und selbst die Reaktionen darauf sind schon wieder Inszenierung. Nimmt das zu? Ja, wahrscheinlich. Die multimedialen Kanäle verstärken diesen Trend. Heiße Luft kann man auf Dauer aber nicht verkaufen.

Worin liegt hier die Verantwortung einer Journalistin, Frau Baumann?
BAUMANN: Die Bedeutung klassischer Medien hat abgenommen, weil jeder Politiker und jede Partei ganz individuell mit der eigenen Zielgruppe kommunizieren kann. Ich würde fast sagen, für die FPÖ ist die Facebook-Seite von Strache wichtiger als die "ZIB 2". Aber für die klassischen Medien gilt nach wie vor dasselbe wie früher auch: nachprüfen, recherchieren, andere Seiten anhören, kritisch hinterfragen.
HOFER: Es wird sogar noch wichtiger, dass klassischer Journalismus überlebt. Die sozialen Kanäle bergen Gefahren. In den USA ist das noch viel stärker ausgeprägt. Ich sehe künftig die Gefahr der Manipulation von Bewegtbildern auf uns zukommen. Fakten werden schon heute oft bewusst ignoriert. Da braucht es ein Gegengewicht.

Gibt es eine Politikverdrossenheit oder ist gar das Gegenteil der Fall und eine Politik à la Trump sorgt für mehr Engagement?
BAUMANN: Trump ist ja wirklich ein Extremfall. Die Beteiligung bei den Midterm Elections war so hoch wie nie, das ist natürlich eine positive Auswirkung. Aber dass es so jemanden braucht, um Leute zu aktivieren, empfinde ich eher als negativ.
HOFER: Trump ist quasi ein Elchtest für die Demokratie. Die amerikanischen Institutionen sind aber stark genug, um das zu übertauchen. Jede Regel wird bei ihm gebrochen, er übertreibt maßlos. Eigentlich ist er eine Karikatur. So gelingt es aber vielleicht, generelle Schwachpunkte im System aufzuspüren.

Wäre die Welt insgesamt eine bessere, wenn nur Frauen wahlberechtigt wären?
BAUMANN: Ja und nein. Nein, weil das keine Demokratie mehr wäre. Ja, weil der Diskussionsstil sachlicher und die Entscheidungen weitsichtiger wären.
HOFER: Das ist mir zu spekulativ. Der Politikstil wäre bestimmt anders, aber man kann nicht sagen, alle Frauen sind so und alle Männer so. Ich bin immer vorsichtig bei Generalisierungen.

EXPERTENDUO. Die Schweizerin Meret Baumann ist Korrespondentin für Österreich und Ostmitteleuropa bei der "Neuen Zürcher Zeitung". Politikberater Thomas Hofer ist vor allem durch sein Wahlanalysen im TV einem breiten Publikum bekannt.