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Wer bin ich? Wenn der Körper etwas anderes sagt, als man selbst

Er kam ohne Arme und Beine auf die Welt, haderte aber niemals mit seinem Schicksal. Georg Fraberger erwartet sein fünftes Kind und beschreibt im vierten Buch das Dilemma zwischen Verstand und Gefühl.

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Georg Fraberger
© Aleksandra Pawloff

Es ist sein viertes Buch und, wie Georg Fraberger offen zugibt, zu schreiben war es das schwierigste: "Wie werde ich Ich" schildert den Weg zwischen Herz, Verstand und dem Gefühl, ein ehrliches Leben zu führen. "Jeder kann durch Mimik, Gestik und bewusste Körpersprache zeigen, wer und wie man ist. Viele Menschen, die unsicher sind, versuchen durch Körpersprache, Mimik und Gestik ein sicheres Auftreten zu erlangen. Doch was spricht dagegen, gleich an sich zu arbeiten, um sich sicher und wohl zu fühlen, anstatt nur die passende Körperhaltung einzunehmen?"

Der behinderte Autor, Coach und Psychologe hat sich sein Leben gut aufgebaut, trotz des schlechten Starts, und vertraut auf das Modell Familie.

WOMAN: Sie erwarten Ihr fünftes Kind, Sie glauben also an das Modell Familie?
Fraberger: Ich glaube an das Modell Beziehung. Für das Modell Familie sind Kinder nicht unbedingt notwendig, die Familie funktioniert auch in einer Zweierbeziehung. Der Austausch von Gefühlen und was man voneinander will, der ist vorhanden. Ich glaube nicht an die sogenannte freie Liebe, der Partnertausch schmerzt, weil die Eifersucht immer noch ein ungelöstes Problem ist. Auch wenn es Diskussionen darüber gibt, dass sie für eine Beziehung gesund sei. Wenn man sich die Gefängnisse ansieht, passieren die meisten Verbrechen aus Liebe und Eifersucht. Klar ist auch Geld ein Motiv.

WOMAN: Was ist Ihre Maxime in der Kindererziehung?
Fraberger: Ich übe schon ein gewisses Maß an Autorität aus. Und sage auch, ich bin nicht der Freund, der zum Spielen da ist, ich bin der Papa, auch wenn ich mitspiele. Ich bin nicht immer zu haben, nur wenn es zeitlich geht. Ich versuche, die Gefühle der Kinder ernst zu nehmen. Kinder fordern einen Widerstand, eine Grenze, das Nein heraus. Wobei mir meine Kinder widerspiegeln, dass ich zu oft Ja sage.

WOMAN: Das ist Ihr viertes Buch, was war der Impuls?
Fraberger: Es ist immer noch nicht ganz klar, wie wir Entscheidungen treffen. Man fühlt sich oft in einem Dilemma zwischen Verstand, Gefühl und Herz, fragt sich: Zählt die Liebe oder doch die Vernunft? Als Psychologe weiß ich, dass alle Gefühle gleich wichtig sind. Und auch, dass jede Entscheidung eine Art Kompromiss ist.

WOMAN: Ein Kompromiss zwischen Herz und Verstand?
Fraberger: Sicher! Bei jeder Entscheidung ist sowohl Mut als auch auch Angst dabei. Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich habe meine jetzige Frau einen Monat nach meiner Scheidung kennengelernt, und sie ist relativ bald bei mir eingezogen, nach zwei Wochen. Ich dachte mir, jetzt habe ich gerade eine Beziehung in den Sand gesetzt, ist es denn jetzt schon an der Zeit, etwas Neues einzugehen? Diese Angst schwingt mit, aber das Gefühl sagt, es ist richtig.

WOMAN: Sie schreiben in dem Buch, dass Sie am Tag der Scheidung Ihre Rückenprobleme losgeworden sind...
Fraberger: Ein Gefühl wird immer über den Körper ausgedrückt, wir fühlen mit dem Körper und denken mit dem Kopf. Wir können aber leider abspalten und glauben, dass das, was der Körper fühlt, unabhängig ist von dem, was der Kopf denkt. Das ist das große Problem. Es gibt Leute in meiner Praxis, die sagen: ,Ich habe so Angst.' Aber der Körper spiegelt das nicht wider. Wenn ich eine ganzheitliche Persönlichkeit entwickeln will und authentisch wirken möchte, dann müssen Gefühl und Intellekt eine Einheit bilden.

WOMAN: Üben Sie das an sich?
Fraberger: Ja. Im häuslichen Bereich sind, denke ich, der Partner und die Kinder der beste und unangenehmste Spiegel an einem selbst. Die kennen alle Schwächen. Da sagt man Ja, obwohl man Nein meint, aber die anderen merken es. Die Familie erlaubt eine große Entwicklung, doch die ist nicht immer eine angenehme. Einen Spiegel vorgehalten zu bekommen, kann Scham auslösen, und dagegen wehren sich viele Menschen.

WOMAN: Wann haben Sie selbst wahrgenommen, wie Verstand und Gefühl ineinandergehen?
Fraberger: Die Entwicklung des Selbst beginnt mit der Akzeptanz eines jeden Gefühls. Gefühle wird man nicht los, indem man ihnen Widerstand bietet. Gefühle wird man los, indem man sie zulässt. Eine Gefühlsspannung kann man auflösen und in etwas anderes verwandeln. Bei mir entwickelte sich diese Spannung in der Pubertät. Als Behinderter wird man nicht als Mann wahrgenommen, da bleibt man einfach ein Behinderter. Da stellte ich mir die Frage: Wie werde ich ein Mann? Dabei habe ich erfahren, dass Hände und Füße nicht wichtig sind, um ein ganzer Mann zu sein. Praktisch wären sie schon, aber wichtig sind sie nicht.

WOMAN: Fällt Ihnen die Nähe zu Menschen leicht?
Fraberger: Mit einer Behinderung kommt man sich rascher näher, weil schon bei der Begrüßung mehr Körperkontakt da ist. In einer Beziehung ist mehr Nähe da, meine Frau muss mir helfen, mich anziehen.

WOMAN: Der erste Eindruck zählt, heißt es. Wie haben Sie darauf reagiert, wie die Umwelt Sie wahrgenommen hat?
Fraberger: Ich habe mir rasch angewöhnt, viele Blicke zu übersehen und oft nicht hinzuschauen. Natürlich haderte ich mit dem Schicksal, angestarrt zu werden. Auch ein Modell wird nur wegen seines Körper angeschaut. Ein eigenartiger Vergleich, aber er stimmt!

Georg Fraberger: Wie werde ich Ich. Residenz Verlag, € 22,70.

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