Ressort
Du befindest dich hier:

Wenn die Nerven Schmerzen haben

Schmerzen ohne klare Ursache sind ein häufiges Problem. Dass oft eine fehlerhafte Reizleitung der Nerven dahintersteckt, wird viel zu wenig bedacht. Dabei können kleine Eingriffe helfen.

von

Wenn die Nerven Schmerzen haben
© Matthieu Spohn/Corbis Images

Rund 1,5 Millionen Österreicher leiden an chronischen Schmerzen. Die Ursache dafür ist längst nicht immer bekannt. Denn oft genug liegt kein offensichtlicher Grund, wie z. B. eine Verletzung, für diese Beschwerden vor - nämlich dann, wenn es sich um Nervenschmerzen handelt. Die können entstehen, wenn Nerven verletzt, vernarbt oder eingeengt sind und deshalb falsche Signale ans Gehirn senden. Wie es dazu kommt und was man dagegen tun kann, weiß der Plastische Chirurg und Gründer des 1. Wiener Nervenschmerzzentrums Dr. Veith Moser (nervenschmerz.com). Sein Anliegen: Viele wissen gar nicht, dass es diese Art von Schmerz gibt. Deshalb ist es so wichtig, dafür Bewusstsein zu schaffen.

Reizleitung. Periphere Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark haben die Aufgabe, Reize wie Wärme, Kälte, Berührung oder auch Schmerz ans Gehirn weiterzuleiten. Wird ein solcher Nerv durchtrennt oder eingeengt, stört das die Reizleitung. Die Folge: Unspezifische Beschwerden, bei denen nicht ganz klar ist, woher sie kommen. "Es handelt sich dabei um spitze, scharfe Schmerzen, die wie ein Stromstoß durch den Körper gehen. Vergleichbar damit, wenn man sich den Ellenbogen anstößt, nur eben permanent", erklärt Moser. Weitere Symptome sind Empfindungsstörungen, Taubheitsgefühle, Kribbeln, Brennen oder Muskelschwäche. Auf herkömmliche Schmerzmittel reagieren diese Beschwerden im Normalfall nicht. Häufig betroffen sind Diabetiker, Schwangere, Träger von künstlichen Gelenken, Migräne- oder auch Chemotherapiepatienten.

Ursachen. Die häufigste Form von Nervenschmerz ist das Karpaltunnelsyndrom. Eine Verengung im Bereich des inneren Handgelenks, die Druck auf den Medianusnerv ausübt. Unbehandelt kann das bis zu Lähmungserscheinungen der Finger führen. Auslöser ist meist eine Sehnenscheidenentzündung. Ähnliche Symptome können an Ellenbogen, Sprunggelenk und beinahe jedem Gelenk entstehen. Auch Druckstellen wie Blutergüsse oder ein zu enger Gips können Engstellen oder Vernarbungen verursachen.

Behandlung. Wenn solche Beschwerden auftreten, führt nach ärztlicher Abklärung der erste Weg zur Physiotherapie. Spezielle Übungen und Behandlungen können den Heilungsverlauf verbessern. Werden die Schmerzen jedoch chronisch (d. h. sie dauern mehrere Monate an), sollte man unbedingt einen Experten (Neurologe, Orthopäde, Plastischer Chirurg) aufsuchen. Denn ist das Problem einmal im Schmerzgedächtnis des Gehirns eingegraben, kann man nichts mehr dagegen tun. Um festzustellen, ob tatsächlich eine fehlgeleitete Reizleitung die Ursache ist, wird nach gründlicher Untersuchung und hochauflösendem Ultraschall der Nerv mit einem lokalen Betäubungsmittel blockiert. Wenn das hilft, kann man ihn durch einen kleinen Eingriff von seiner Einengung befreien oder in speziellen Fällen in der Muskulatur versenken, sodass er keine falschen Signale mehr senden kann. Operiert wird übrigens nur, wenn es auch Sinn macht: "Bei manchen Patienten wirkt die Testblockade so gut, dass Injektionen in regelmäßigen Abständen für Schmerzfreiheit ausreichen", erklärt Moser. Auch Migränepatienten können von dieser Behandlungsmethode profitieren. "Die Durchtrennung bestimmter Nerven an Stirn, Schläfen und Hinterkopf kann Abhilfe schaffen. Allerdings muss man neurologisch genau abklären, ob das auch sinnvoll ist", betont der Experte.

Transplantation. Eine weitere Ursache sind Nervendurchtrennungen, z. B. durch einen Unfall oder eine Operation. Das lose Ende bildet dann eine Art Knubbel, ein sogenanntes Neurom. Dieses leitet permanent Reize ans Gehirn. Das ist übrigens auch der Grund für Phantomschmerzen nach Amputationen, wie Moser weiß. Hier hilft eine Nerventransplantation.