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Aufgewacht: Wer bin ich eigentlich als Frau, auch als sexuelle Frau?

Derzeit kommen zu Nicole Siller fast alle mit demselben Thema: "Ich fühl mich verloren - wer bin ich eigentlich, was will ich?" Darauf hat die Sexualberaterin die folgende Antwort:

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Aufgewacht: Wer bin ich eigentlich als Frau, auch als sexuelle Frau?
© iStock

Zu viele Frauen - aber natürlich alle Menschen – haben ihre Herausforderungen, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, nehmen sich kaum Zeit und Raum dafür, sie zu genießen und auszukosten. Wir unternehmen hier eine kleine Forschungsreise zu den möglichen Ursachen und finden Anregungen zu mehr genussvollem Spielraum. Auch in sexueller Hinsicht.

Sehr empathische Menschen beispielsweise können sich gut in andere einfühlen. Manche sind geradezu darauf konditioniert, zu erahnen, was nahestehende Menschen wie ein/e Partner/in, die Kinder, vielleicht die Eltern oder der/die Chef/in brauchen. Wenn wir beispielsweise mit emotional „bedürftigen“ Eltern aufgewachsen sind und gelernt haben, die Bedürfnisse der Eltern früher wahrzunehmen und zu erfüllen, als unsere eigenen, ist unsere gesunde innere Instanz irritiert. Menschen mit diesen Erfahrungen und Prägungen funktionieren oft lange gut, wenn sie Bestätigung erhalten, wenn es den anderen gut geht, sie das „Richtige“ tun. Das freut oft lange Zeit. Gerne sogar. Auch beim Sex. Andererseits bekommen wir alle ein großes, buntes Angebot an Informationen und Einladungen…

Macht dich das aber glücklich?

Haben wir schon gelernt damit smart umzugehen? Wie die für dich passenden, essenziellen Informationen herausfiltern, um kluge und nachhaltige Entscheidungen zu treffen? Wie viele Menschen haben ein gutes, gesundes Gespür für sich selbst und auch noch immer wieder Möglichkeiten, darauf Rücksicht zu nehmen? Der Druck mit dem wir leben, ist oft groß, die Zeit vermeintlich immer knapp. Wir haben viele Bereiche, mit denen wir uns beschäftigen und sind viel zu oft eingeladen, zu „performen“, ob im Job, im Sport, in der Beziehung, in unserer Elternrolle, für unsere Selbstdarstellung, generell im Leben und natürlich auch in der Sexualität. Macht dich das aber glücklich? Begeistert dich das alles wirklich? Nicht umsonst boomen Angebote von Achtsamkeit, Meditation, Ruhe. Wir wollen uns ja spüren.

Klar, wer Kinder, wer Familie hat, wer zusätzlich noch einen bezahlten Job hat, hat oft phasenweise wenig Spielräume. Zeitmäßig oder wirtschaftlich oder beides. Auch in diesem Fall findest du später einige gute Anregungen, dir ein bisschen Luft zu verschaffen, die gar nicht viel Zeit, allerdings ein wenig Bewusstsein kosten.

Wie lange läuft das gut?

Früher oder später kommt bei vielen Menschen, die so empathisch sind aber auch bei Menschen, die wenig Ruhe finden, aber gut unter Druck funktionieren, der Zeitpunkt an dem sie sich ausgebrannt und leer fühlen können, unzufrieden sind, womöglich körperlich und psychisch krank. Natürlich muss das nicht sein, allerdings geht es leider für viele in diese „ich spür mich nicht mehr gut“-Richtung.

Wenn uns die Kraft ausgeht, gibt’s oft wenig bis keine Sexualität mehr.

Es gibt dann, wenn das Bisherige nicht mehr glücklich macht, unter Umständen Verunsicherungen, Traurigkeit und oft Ängste. Auf einmal passen bisherige Strategien und Konzepte nicht mehr, die Kraft geht uns aus. Auslaugende Verhaltensweisen werden uns oft erst spät bewusst, sie sind ja gut und unbewusst „eingeübt“. Wenn uns die Kraft ausgeht, gibt’s oft wenig bis keine Sexualität mehr.

Die eigenen Bedürfnisse wieder spüren

Das Schöne ist, du kannst jederzeit und ohne viel Zeitaufwand Augenblicke bewusst setzten, die dich stärken, dir guttun. Denn deine ureigenen Bedürfnisse, diese Sehnsüchte, Träume, unsere Wünsche sind immer noch da, vielleicht gut vergraben, und warten darauf wieder gespürt und ein Stück weit belebt zu werden. Weil sie zu dir gehören, dir guttun, Freude machen, Kraft geben.

Verhalten und Haltung

Manchmal kannst du dein Verhalten im Außen im ersten Schritt nicht oder nur wenig verändern. Aber wie steht’s um deine Haltung? Mit welcher Haltung/Einstellung gehst du durch dein Leben? Ja, die Kinder sind noch klein und anstrengend/der Job ist gerade herausfordernd/in der Beziehung kracht es im Gebälk…. Was kannst du trotzdem tun, damit es dir und damit auch anderen rund um dich besser geht? Siehst du nur (noch) diese Belastungen oder findest du auch genügend „Augenblicke des Atemholens“ dazwischen?

Und nun zum Sex

In der Sexualität ist frau eingeladen, sich im ersten Schritt einfach ein paar Fragen zu stellen, zum Beispiel:

  • Spüre ich bei körperlicher Nähe mehr mich selbst oder den anderen?
  • Kann ich abschalten, mich hingeben, fallen lassen?
  • Spüre ich mehr, was mein Partner/meine Partnerin gerade braucht und fühlt, was meine Hände berühren?

Im „guten Normalfall“ geht beides gut, wir switchen ohne nachzudenken hin und her, schwingen uns auf einander ein, können genießen und verwöhnen, nehmen und geben. Wir können gestalten und schauen, was heute für mich/uns gerade passt, was anturnt und guttut. Wie viele solche Erlebnisse gibt es für dich?

Wie viele prickelnde Spielräume hast du beim Sex?

Mit der Zeit machen viele leider oft am liebsten das, was sie kennen und mögen, weil sie wissen, was der/die andere braucht, irgendwann womöglich nur noch das. Dann wird vieles absehbar – es ist klar, wer wen verführt, unter Umständen auch wie genau eine Annäherung passiert, manchmal weiß man sogar, wo die Hand als nächstes hin greift…, wie viel Zeit wofür bleibt…, wie es endet. Und diese vermeintliche „Lieblingsnummer“ spielen wir manchmal zu Tode. Wie geht es dir? Wie viele Überraschungsmomente und Spielräume gibt es in deinem Liebesleben?

Aufgewacht

Wenn du dich selbst wieder gut spüren möchtest, nimm dir im ersten Schritt ein bisschen Zeit für dich selbst und starte mit den anregenden Fragen am Ende des Artikels. Im zweiten Schritt zeig dich auch anderen, in deinem Tempo mit deinen wirklichen Wünschen und Bedürfnissen, ganz so wie es für dich wohltuend ist. Vielleicht beginnst du in kleinen Bereichen, je nachdem wie viel Kraft und Mut du gerade aufbringst. Bevor das gelingt ein paar Fragen:

Wer bin ich als Frau eigentlich wirklich?

Bist du gerne starke, selbstbestimmte Frau? Oder lässt du dich auch gerne leiten, machst du gerne mit? Wie geht es dir mit sich verwöhnen lassen? Ist dir Unabhängigkeit wichtig, auch ein gutes Miteinander? Vielleicht alles zu seiner Zeit, im passenden Bereich? Wir haben so viele Facetten, manchmal sanft, manchmal stark, mal weich und dann wieder zielorientiert und fokussiert. Wir müssen uns nicht auf „die eine“ festlegen. Ein Zaubersatz in dem Zusammenhang: „Ja, so bin ich auch!“ Genauso ist es auch bei der Sexualität.

Wer bist du als sexuelle Frau wirklich?

Ein kleines Experiment für dich: Kannst du von dir sagen: „Ich bin eine sexuell erwachsene Frau?“ Vielleicht möchtest du den Satz ein paarmal – vielleicht sogar laut - lesen und immer unterschiedlich betonen? Einmal das ICH, dann das BIN, … und so weiter. Welche Betonung, welches Wort stimmt, stimmt vielleicht eines, vielleicht mehr oder sogar alles? Was bedeutet das für dich?

Die Strategie der kleinen Schritte

Oft wirkt eine Annäherung an uns selbst zu groß, wir sind vor dem ersten Schritt schon zu müde, stehen uns manchmal selbst im Weg, wir nehmen uns keine Zeit, sind nicht konsequent genug oder haben unglaublich hohe Erwartungen an uns selbst, oder es ist schwer, die eigene Komfortzone zu verlassen... diese Liste wäre endlos lange fort zu führen. Wenn du allerdings wirklich sagst, ich schau jetzt mehr auf mich, möchte mir Gutes tun und erforsche meine Bedürfnisse, nützt oft die Strategie der kleinen Schritte besonders gut. Folgende Fragen können deine eigene positive Wahrnehmung wieder stärken, deine Haltung bewusster gestaltbar machen.

6 anregende Fragen für dich

  • In welchen Situationen spürst du dich gut?
  • Wann fühlst du dich richtig wohl in deiner Haut? Vielleicht sinnlich, erregbar, begehrenswert – oder ganz anders erotisch? Wann ganz für dich und wann mit jemand anderem?
  • Was wünscht du dir wirklich von (d-)einem Partner oder Partnerin?
  • Bist du mutig, deine Phantasien zu träumen und womöglich auch zu teilen oder zu realisieren? Sei es in einer Beziehung mit einem Menschen oder auch mit mehreren? Innerhalb oder außerhalb einer Beziehung?
  • Was hat dir heute Freude gemacht?
  • Was brauchst du jetzt, was tut dir jetzt gut?

Die kleinen Veränderungen im Inneren sind oft die Basis für alles andere im Außen.

Über die Autorin:

Nicole Siller bietet psychologische Beratung, Sexualberatung und systemisches Coaching an. Sie ist Autorin von „Finde deine Lust!“ - das Praxisbuch für weibliche Sexualität.

Infos zu individueller Beratung, zu ihrem Blog, Podcast sowie Kursen gibt's auf lebendich.at.

Thema: Sex & Erotik