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Where is my name? Das sind die identitätslosen Frauen Afghanistans

Stellt euch vor ihr würdet in einer Welt leben, in der ihr keinen Namen hättet, sondern lediglich die Tochter von, oder Ehefrau von wärt....

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frau mit kopftuch trauert

Wie würdest du reagieren, wenn du keinen Namen hättest?

© istockphotos.com

Einen Namen zu haben ist von Geburt an das grundlegendste Recht eines jeden Menschen. Eine Person bei ihrem Namen zu nennen ist Teil ihrer Identität. Der eigene Name ist für uns so prägend und definierend, dass wir uns nicht vorstellen könnten, wie es wäre keinen zu haben – ein wandelnder identitätsloser Körper, dessen einzige Funktion es ist, Kinder zu gebären. Wir können es uns nicht vorstellen, wie es ist ein Kind aus dem Mutterleib zu pressen und nirgends wird das auf Papier festgehalten, dass das Kind zu uns gehört. Wir können es uns nicht vorstellen, wie es ist, wenn unsere Identitäten weder auf Geburtsurkunden, Schuldokumenten noch auf ärztlichen Rezepten festgehalten werden. Frauen in Afghanistan haben kein Recht auf einen Namen. Sie besitzen einen, werden aber nie so genannt und dürfen ihn auch selbst nicht sagen. Sie leben einzig und allein für die Männer, denen sie angehören.

In der Öffentlichkeit würde eine Frau niemals bei ihrem echten Namen genannt werden, da sonst die Familienehre zerstört würde. Stattdessen gibt es einige Bezeichnung, die afghanische Männer für die Frauen in ihrer Familie verwenden können und sollten. Darunter: Mutter meiner Kinder, mein Haushalt, mein schwächeres Glied und in ländlicheren Gegenden sogar mein Huhn und meine Ziege! Ein Wort, mit dem jede Frau in der Öffentlichkeit bezeichnet werden kann, ist Tante. Im eigenen Heim ist der eigene Name erlaubt, aber die wenigsten Frauen erhalten diese Ehre.

Im Laufe der Jahrtausende wurden Frauennamen in Afghanistan systematisch aus der Kultur gelöscht. Statt ihrer eigenen Namen finden sich auf Dokumenten die Beziehung zu ihren männlichen Verwandten wieder und nehmen den Platz ihrer Identitäten ein. „Mutter von..“, „Tochter von...“ – das sind die identitätslosen Frauen Afghanistans.

Der Identitätsverlust ist so tragisch, dass Frauen oft vergessen, wie sie heißen. Wenn sie ihren Namen noch kennen, dann verspüren sie Unbehagen und Scham beim Aussprechen, sodass sie ihn lieber nicht laut sagen wollen.

Die afghanische Schriftstellerin Somaia Ramish schreibt in ihrem Essay „Call me by my name“, dass ihr das Problem erst richtig bewusst geworden ist, als der afghanische Präsident Ashraf Ghani in seiner Eröffnungsrede seine Ehefrau bei ihrem Namen nannte: „When President Ghani called on the first lady, Bibi Gul, by name in a ceremony, everyone reacted with huge surprise. It was as if no one had ever heard a woman’s name!“

WHERE IS MY NAME

Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, hat sich eine Gruppe junger afghanischer Frauen aus Herat im Juli 2017 zusammengeschlossen und die Social-Media-Kampagne #whereismyname ins Leben gerufen. Sie forderten Frauen dazu auf, auf Twitter und Facebook ein Foto von sich hochzuladen und den Hashtag #WhereIsMyName zu setzen.

Die Kampagne gewann schnell an Aufmerksam, sodass schon bald Hunderte von Menschen in Afghanistan ihnen gleich taten und Bilder von sich posteten, darunter auch einige Männer, die ihre Frauen bei ihrem wahren Namen nannten. Auch afghanische Berühmtheiten sprangen auf dem Boot auf und zeigten ihre Unterstützung, sodass die Aktion von lokalen Fernsehsendern aufgegriffen wurde.

Das Ziel der Gründerinnen ist es Frauen dazu zu ermutigen, ihre Identität zurückzuerobern und sich nicht durch den Patriarchat in die tiefste Schublade der Gesellschaft stecken zu lassen. Außerdem soll die Kampagne dieses kulturell tieferliegende Problem, dass Frauennamen tabuisiert sind, aufzeigen, und dadurch Menschen dazu bewegen die Namen ihrer weiblichen Verwandten in der Öffentlichkeit auszusprechen.

ERSTE FRAUENVERSAMMLUNG IN KABUL

Am 24. August fand die erste Versammlung zur Kampgane #whereismyname in der afghanischen Hauptstadt Kabul statt. Tausende Frauen nahmen an dem Event teil und auch Regierungsminister und Universitätsprofessoren hielten Reden.

In einem Land wie Afghanistan, in dem Frauen schon von klein auf keine Rechte haben, scheint der Kampf, um den eigenen Namen vermutlich lächerlich, wenn es doch weitaus dringendere Probleme in Bezug auf Frauenrechte gibt. Wie soll man aber für das weibliche Geschlecht kämpfen, wenn das männliche die grundlegende Existenz eines Menschen, nämlich den eigenen Namen, nicht anerkennt und sich damit hinter Familienehre und anderen kulturellen Ausreden versteckt?

Leider stößt die Kampagne auch auf viele Gegner. So finden sich in den Sozialen Medien auch Postings, die darauf aufmerksam machen, dass die Kampagne nichts von den afghanischen Werten versteht und Frauennamen seien heilig und deshalb dürften sie in der Öffentlichkeit nicht genannt werden.

#WhereIsMyName? Stellt euch vor, ihr würdet in einer Welt leben, in der ihr keinen Namen hättet und keiner versteht, warum ihr euch so aufregt...