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Wie erkenne ich ein Burnout?

Müdigkeit, reine Erschöpfung – oder bereits ein Burnout? Wie erkennt man die Warnsignale? Was beugt vor? Autorin Petra M. Klikovits im Interview.


  • Burnout: Der totale Erschöpfungszustand gilt als weitverbreitetste Zivilisationskrankheit.

    Bild 1 von 3 © Corbis
  • Die Autorin Petra M. Klikovits nimmt sich in ihren Romanen dem Thema Burnout und der Sehnsucht nach dem Ausstieg an.

    Bild 2 von 3 © Verlag Gmeiner

Man liegt abend auf dem Sofa und ist zu erschöpft, um das Glas Wasser zu heben. Plötzliche Weinkrämpfe, Dünnhäutigkeit, wo man früher so stark war. Freude? Ein Fremdwort. Der Stress ist zu groß, die Belastung reicht nicht mehr nur bis zum Kopf – sie ist bereits weit darüber hinausgewachsen. Doch nicht jedes Gefühl des Ausgelaugtseins kann sofort als "Burnout" diagnostiziert werden.

Wie also erkennt man, ob die Müdigkeit, die Traurigkeit bereits ein Burnout bedeutet? Oder ob es nur ein kurzes, vorübergehendes Gefühl ist? Die Autorin Petra M. Klikovits setzt sich in ihren Büchern Vollmondstrand und dem soeben erschienenen Roman Inselsturm auf durchaus heitere Weise mit den Themen Burnout und der Sehnsucht nach einem anderen Leben auseinander. Wir trafen sie zum Interview:

WOMAN: Wie kommt es überhaupt zu einem Burnout?

Klikovits: Ein Burnout entsteht durch die Kombination äußerer und innerer Faktoren. Faktoren die im Außen begünstigend wirken sind die Arbeit mit schwierigen Klienten, schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende Unterstützung. Diese treffen im Inneren auf das Streben, perfekt sein zu wollen, Anerkennung und Liebe nur durch Leistung zu bekommen und in schwierigen Situationen ohne Unterstützung auskommen zu müssen im Inneren. Die körperliche Überforderung ohne der Möglichkeit sich effektiv zu regenerieren wird gesellschaftlich auch durch ständige Erreichbarkeit gefördert, in der Freizeit geht der freiwillige Stress oft mit Social Media weiter und versetzt unseren Körper in ständige Alarmbereitschaft. Die innere Bereitschaft, sich über die Maßen beweisen zu wollen, wird ebenfalls gesellschaftlich gefördert und entspricht einer “Höher! Weiter! Stärker!”-Haltung, die in der Wirtschaft bereits an ihre Grenzen gelangt ist.

WOMAN: Ab wann spricht man von einem Burnout?

Klikovits: Der Begriff Burnout beschreibt einen Verlauf in Phasen, beginnend mit Überengagement hin zu reduzierten Einsatz, emotionalen Reaktionen, Verleugnen und Schuldzuweisungen, dem körperlichen und geistigen Abbau, einer gefühlsmäßigen Verflachung, bis hin zur völligen Verzweiflung. Psychosomatischen Reaktionen können bereits zu Beginn auftreten und eine Eigendynamik entwickeln, sie werden oft ohne die zu Grunde liegende Überlastungssituation isoliert zu behandeln versucht.

WOMAN: Wir alle verspüren durch Stress immer öfter und immer schneller Müdigkeit und Lustlosigkeit – was sind die Warnsignale, auf die man achten muss?

Klikovits: Der vermehrte Einsatz ist bereits ein Warnsignal. In dieser Phase kommt niemand zur Behandlung und es muss sich kein Burnout daraus entwickeln. In der Folge kommen jedoch keine Zeit für Freunde haben, ständige Müdigkeit und sich nicht entspannen können, Kranksein sobald man im Urlaub ist dazu. Später üben sie Tätigkeiten die sie einmal gerne ausgeführt haben nur noch mit vermehrtem Kraftaufwand oder gar widerwillig aus, sie vernachlässigen sich selbst, reagieren auf Kritik anderer unverhältnismäßig, entwickeln Suchttendenzen, ziehen sich zurück und leugnen ihren Zustand.

WOMAN: Man sitzt auf dem Sofa, fühlt sich zu erschöpft, um das Glas Wasser zu heben, muss immer wieder weinen: Ist dies schon ein Burnout?

Klikovits: Bei einem Burnout spricht von anhaltender Erschöpfung, einer Wesensänderung und reduzierter Leistungsfähigkeit. Ich komme aus der Behandlung mit Hypnotherapie in der es weniger darum geht, jemanden mit einer Diagnose zu versehen, als ihn bei der Veränderung in Richtung seines Wunschzustandes behilflich zu sein. Wenn ich auf dem Sofa sitzen würde und kein Glas Wasser halten könnte, dazwischen immer weinen müsste, dann würde ich mir professionelle Hilfe wünschen und auch suchen, um nicht in einer ungesunden Entwicklung fortzuschreiten.

WOMAN: Reicht es bereits, eine Woche vom gas zu steigen, um ein Burnout zu behandeln?

Klikovits: ewusste Auszeiten sind wichtig. Darüber hinaus ist es notwendig, in einer professionellen Behandlung den eigenen Antrieb zu reflektieren. Es kann enorm hilfreich sein, aufzudecken was verführt, bei der Arbeit nicht NEIN zu sagen und somit immer wieder über eigene Grenzen zu gehen.

WOMAN: Viele Menschen scheuen vor Antidepressiva zurück. Sind sie die einzige Möglichkeit, mit dem Burnout zurecht zu kommen?

Klikovits: Ab einer fortgeschrittenen Entwicklung ist es sinnvoll, mit Antidepressiva eine stabile Basis zu etablieren. Je früher gelernt wird die ungesunde Entwicklung zu stoppen und sich um sein eigenes Wohlbefinden zu kümmern, desto eher kann darauf verzichtet werden.

WOMAN: Wenn man die ersten Warnsignale spürt – wie kommt man dagegen an?

Klikovits: Tun Sie sich etwas Gutes, holen Sie sich Unterstützung. Je früher desto kostengünstiger, effektiver und angenehmer für Sie. In der Tiefenentspannung z.B. lernen Sie, sich zwischendurch zurückzuziehen und Energie aufzubauen.

WOMAN: Leistungs- und finanzieller Druck sind oft enorm. Gibt es Tipps, wie man dem Burnout auch ohne Sabbatical oder Jobwechsel entgegen steuert?

Klikovits: Eine gute Vorsorgemöglichkeiten besteht darin, sich selbst realistische Ziele zu setzten. Hören Sie auf, andere verändern zu wollen, trennen Sie Arbeit von Freizeit, pflegen Sie eigene Sozialkontakte, trödeln Sie ganz bewusst. Zeigen Sie anderen Ihre eigenen Grenzen auf, setzten Sie sich mit Macht und Machtlosigkeit auseinander, pflegen Sie Alternativen zum Beruf, machen Sie bewusst Urlaub - und seien Sie (immer wieder) nicht erreichbar! Wenn Sie nach diesen Maßnahmen keine positive Veränderung wahrnehmen, sollten Sie auch vor einer Kündigung nicht zurückschrecken.

WOMAN: Diese Sehnsucht nach einem anderen Leben, einer längeren Auszeit: viele verspüren sie, kaum jemand gönnt sich den Luxus. Gibt es auch die "kleine" Auszeit?

Klikovits: Die “kleine” Auszeit gibt es in unseren Gedanken, diese sind bekanntlich immer frei. Holen Sie sich gute Erlebnisse ins Bewusstsein und durchleben sie diese mit allen Sinnen. Eben weil der Druck gesellschaftlich nicht zu leugnen ist, ist es sinnvoll, sich frühzeitig einen guten Umgang mit sich selbst anzugewöhnen. In diesem Fall könnten einige Stunden Tiefenentspannungstraining bereits ausreichende Hilfe und Schutz bieten.

WOMAN: Was würden Sie Frauen raten, die den Wunsch nach einem Ausstieg, nach einem neuen Leben ganz stark verspüren – sich aber nicht drüber trauen?

Klikovits: Mut tut gut. Stellen Sie sich die Frage, welche Erfahrungen Sie noch machen möchten. Es ist Ihr Leben. Wer sich (noch) nicht traut alles hinter sich zu lassen, kann nachlesen, wie andere das machen ... davon handeln meine beiden Romane.

Mehr zur Autorin: www.petramklikovits.com

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