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Wie die Idee dieser Frau gegen die Einsamkeit tausende Menschen tröstete

Um ihre eigene Einsamkeit zu überwinden, begann die Studentin Hannah Brencher, tröstende Botschaften an fremde Menschen zu schreiben. Eine kleine Idee, die inzwischen die ganze Welt erobert hat.

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Hannah Brencher
© instagram.com/hannahbrencher

Was Einsamkeit bedeutet, hat Hannah Brencher selbst erfahren: Voll Vorfreude war sie 2009 aus der Kleinstadt New Haven, Connecticut, nach New York gegangen, um ein soziales Jahr bei den Vereinten Nationen zu absolvieren. Doch schon bald fehlten der engagierten 21-Jährigen im Big Apple die täglichen Kontakte, das Miteinander, das sie von ihrem Heimatort gewohnt war.

"Ich hatte keine richtigen Freunde, nur lose Kontakte zu Kollegen." Auch die Trennung von ihrem Freund Ryan tat weh: "Wir hatten schon beim Abschied gespürt: Unsere Beziehung würde dieses Jahr nicht überstehen." Dass sich die empathische Frau in ihrem Job vorwiegend um bedürftige Kinder kümmern musste, verstärkte ihre Depression: "Ihr Leid setzte mir zu."

Briefe als Trost

Den wichtigsten Halt gaben ihr die Briefe ihrer Mutter. "Mama hatte nie einen Bezug zu E-Mail, Facebook, Handys oder SMS. Deshalb hat sie mir mein ganzes Leben lang aufmunternde Briefe geschickt", schreibt Hannah in ihrem Buch "Wenn du diesen Brief findest... " (Allegria Vlg., € 18,50).

Schon früher, als Hannah der erste Liebeskummer am College gepackt hatte, steckte Mama ihr ein Stück Schokoladekuchen inklusive tröstender Zeilen zu. Und sie hinterließ der Tochter am Armaturenbrett ihres Autos eine liebevolle Botschaft, als deren Idol Whitney Houston starb. "Jedes Kommen und Gehen, das wir miteinander erlebten, ging mit Briefen, Nachrichten, mit Kuverts, gefüllt mit Konfetti, und kleinen Geschenken einher. Viele Papierschnipsel, die zwei Menschen miteinander verbinden", erklärt die heute 29-Jährige ihre tiefe Mutter-Tochter-Beziehung.

In New York tapezierte Hannah ihr Zimmer mit Mamas Briefen: "Nur so konnte ich die vier Wände in eine Art Zuhause verwandeln." Sie schafften eine vertraute Umgebung, halfen Hannah aber nicht, ihre große Einsamkeit zu überwinden.

Botschaften verteilen

Es passierte während einer U-Bahn-Fahrt zu ihrer Wohnung. Der Anblick einer alleinstehenden alten und offenbar obdachlosen Frau löste bei Hannah etwas aus. "Ich verspürte plötzlich so ein tiefes Bedürfnis, der Fremden zu sagen, dass sie wertvoll, liebenswert und wichtig ist." Weil sie das nicht wagte, schrieb sie ihre Gedanken auf. Das Schreiben wurde eine Passion. "Ich begann, auf der Straße wahllos Menschen auszuwählen und mir zu überlegen, welches Schicksal sie haben könnten. Ganz ohne deren Wissen machte ich sie zu Brieffreunden. Eine Botschaft nach der anderen sprudelte aus mir heraus, ich konnte gar nicht mehr auf hören."

Brencher verfasste in kurzer Zeit unzählige Ermutigungen an Unbekannte und verteilte sie überall in der Stadt - in Kaffeehäusern und Büchereien, auf Parkbänken, in Einkaufswägen. "Ich wollte meine Worte gern mit anderen teilen." Innerhalb von zehn Monaten schrieb sie an die 400 Briefe. Als Empfänger gab sie an: "Wenn du diesen Brief findest dann ist er für dich! Nimm ihn mit - und lies!" Unterzeichnet waren die Nachrichten mit: "Ein Mädchen, das versucht, seinen Weg zu finden".

Aber warum ausgerechnet Briefe in einer Zeit, in der man seine Gefühle laufend auf Facebook preisgibt? "Eben genau deshalb. Ich richte meine Botschaften in erster Linie an Menschen meiner Generation, die in einer papierlosen Zeit aufgewachsen sind. Die meisten haben noch nie einen handgeschriebenen Brief erhalten. Die besten Gespräche der sogenannten Generation Y finden doch online statt. Die hat gelernt, ihren Kummer auf Facebook zu publizieren oder auf Twitter in 140 Zeichen auszudrücken. Ein handgeschriebener Brief gibt einem so viel mehr." Als Überbringerin der Botschaften outete sich Hannah zunächst nicht: "Ich wollte nicht aus meiner geschützten, anonymen Ecke."

Erst als sie nach einem Jahr New York den Rücken kehrte und wieder nach New Haven zurückkehrte, entschloss sich die junge Frau, über ihre Liebe zum Schreiben zu berichten. Über ihr Blog auf hannahbrencher.com teilte die studierte Soziologin ihre Erfahrungen schließlich doch mit der ganzen Welt. "Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, aus der Anonymität herauszutreten. Ich erkannte, dass ich so viel mehr erreichen kann, und wollte ganz einfach weiter schreiben." Also versprach sie, jedem einen "Liebesbrief" zu schicken, der ihr per E-Mail oder bei einer Postfachadresse seine Anschrift hinterlassen würde.

Nähe gesucht

Die Resonanz überwältigte sie. "Ich dachte eigentlich, dass sich nur ein paar alte Schulfreunde melden würden." Es kam ganz anders: Ihr Mailaccount war innerhalb kürzester Zeit voll, und die örtliche Poststation lagerte Wäschekörbe an Bittbriefen. Alleinerziehende mit Problemen, Krebskranke, Menschen mit Depression, Berufsaussteiger, verlassene Ehepartner, vom Leben Gebeutelte - alle wollten Hannahs Zuspruch.

"Diese Menschen möchten keinen Therapie oder eine Anleitung, wie sie nach irgendeinem Schema wieder glücklich werden könnten. Sie suchen lediglich nach einer Hand zum Festhalten. Ich denke, im Grunde dreht sich alles um Nähe. Und um dieses wundervolle Gefühl, zu wissen: Irgendwo denkt jemand an mich."

Und Hannah antwortete ihnen allen. Sie schrieb an jedem Tag Briefe, stand extra früh dafür auf und blieb länger wach. Manche fassten sich kurz und schrieben einfach nur als Betreff: "Depression", "Einsamkeit" oder "Heimweh". Andere schrieben von einer schweren Krankheit, dem Tod eines lieben Menschen: "Und ich versuchte, ihnen dementsprechend Trost zu vermitteln."

Im Laufe der Jahre wurde Hannahs Posteingang zu einem Auffangbecken für schwarze Tage und gebrochene Herzen. Bloß die Finanzierung der ausufernden Post wurde zunehmend ein Problem. "Wenn ich auch zwischendurch Kuverts von Unbekannten zugesandt bekam, die mir Briefmarken spendeten." Dennoch wuchs die Sache Hannah langsam über den Kopf. "Eines Tages erhielt ich den Brief eines Mädchens. Sie schrieb, dass sie auch gern Post an Bedürftige verfassen wolle und ob sie mich unterstützen kann."

Weltweites Netz

Das brachte Hannah auf die Idee, die Sache größer aufzuziehen. 2011 setzte sie den Startschuss für die mittlerweile weltweit agierende Non-Profit-Initiative "The world needs more letters", mit heute über 25.000 briefschreibenden Mitgliedern in über 65 Ländern. Hannah selbst hat kaum mehr Zeit, selbst Briefe zu verfassen: Als Autorin hat sie inzwischen mehrere Bücher über ihren spannenden Erfolgsweg geschrieben, sie hält Vorträge und wird weltweit zu Interviews in Talkshows eingeladen. Und verbreitet so die Botschaft, die ihr wichtig ist: "Wir dürfen niemals vergessen, uns füreinander aufrichtig zu interessieren."

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