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Wie lernt mein Kind Beziehung?

Die Fähigkeit, eine Partnerschaft und Familie erfolgreich handeln zu können, ist eine der lohnendsten im Leben. Wie können Eltern hier die Grundlage schaffen? Eine Expertin gibt Antworten.

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Wie lernt mein Kind Beziehung?
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Streit, gegenseitige Bösartigkeiten oder laute Seufzer wie: "Alle Männer sind doch sowieso Schweine!" Eltern ist oft gar nicht bewusst, wie sehr sie ihren Nachwuchs beeinflussen. "Egal wie, ihr Verhalten hat für die Kids Modellcharakter", weiß Dr. Martina Leibovici-Mühlberger (fitforkids.at) – und der prägt fürs Leben. Wie Erwachsene miteinander umgehen sollten, welche Erziehungsstile kontraproduktiv sind und was von neuen Familienmodellen zu halten ist, erklärt die Psychotherapeutin und Erziehungsberaterin im Talk.

WOMAN: Was sind die besten Voraussetzungen dafür, dass ein Kind später gut beziehungsfähig ist?

Leibovici-Mühlberger: Dass die Eltern, respektive die ersten Bezugspersonen, das Modell Beziehung positiv vorleben. Meine Eltern sind evolutionsbiologisch der Garant fürs Überleben, und entsprechend orientiere ich mich als Kind an ihnen. Ein funktionierendes Beziehungsmodell bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt, aber es gibt auch Lösungen. Wenn ich sehe, meine Eltern können sich mit Respekt und gegenseitiger Wertschätzung aufeinander Beziehen, bekomme ich ein ideales Rüstzeug mit.

WOMAN: Aber manchmal klappt's halt einfach nicht und es kommt zur Trennung.

Leibovici-Mühlberger: Wichtig ist, wie die Trennung passiert. Mit Respekt oder mit einem Scheidungskrieg. Kinder brauchen, das sagt die Forschung klar, beide Eltern, um eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln. Wir sprechen heute von einer Mutter-Vater Kind-Triade. Nicht mehr von einer Mutter-Kind-Dyade, die davon ausging, dass die Mutter-Kind-Beziehung die wesentliche ist und der Vater nur eine Randfigur. 2013 hat der Gesetzgeber versucht, mit dem Aussprechen der gemeinsamen Obsorge der neuen väterlichen Identität gerecht zu werden. Mit der Zielvision, die Väter mehr in den Alltag der Kinder einzubinden. Früher sind 80 Prozent der geschiedenen Väter aus diversen Gründen aus dem Leben der Kinder verschwunden. Die vaterlose Gesellschaft – wir haben sie trotzdem immer noch zu beklagen.

WOMAN: Aber wenn ein Elternpaar so gar nicht mehr miteinander kann?

Leibovici-Mühlberger: Egal wie sehr sie einander hassen, meinen, gegen den anderen kämpfen zu müssen: Ihre Kinder verlieren auf jeden Fall. Sie leiden ja mit, lieben Mutter und Vater, was auch Evolutionsbiologie ist. Für einen Elternteil gegen den anderen positionieren zu müssen, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die auch mit schlimmsten Schuldgefühlen einhergehen.

WOMAN: Und diese Last trägt man wahrscheinlich für immer mit sich herum!?

Leibovici-Mühlberger: Ich bin schon lange Therapeutin und kann Ihnen sagen: Die Kinder von einstigen Klienten sitzen wieder bei mir im eigenen Scheidungskrieg. Denn es ist ja ein Weltbild, mit dem sie aufgewachsen sind. Durch den Polarisierungskrieg der Eltern ist die Welt für sie eine polare, in der es nur "gut" oder "böse" gibt. Dann kommt noch die jeweils eigene Geschichte dazu. Zum Beispiel dass die Frauen immer die Verlierer sind und die Männer die Betrüger oder umgekehrt. Und wenn ich als Mädchen etwa mit einem gewalttätigen Vater aufwachse, denke ich mir: So einen Mann will ich nie haben. Und ein paar Jahre und zwei kleine Kinder später stelle ich fest: Ich habe genau so einen Mann wie meinen Vater geheiratet. Das ist wie ein Schneeball von einer zur nächsten Generation.

WOMAN: Es heißt ja, man bleibt unbewusst oft lieber bei dem, was man kennt, und wenn es noch so zerstörerisch ist.

Leibovici-Mühlberger: Auch der Vater, der die Mutter misshandelt, hat Modellcharakter. Daher ist es wichtig, bei solchen Vorkommnissen sofort zu intervenieren. Nicht von einer Woche zur nächsten weiterzuwurschteln. Ich habe gerade eine Klientin mit zwei kleinen Kindern. Ihr Ehemann, selbst Opfer einer schlimmen Kindheitsgeschichte, beherrscht die Familie gewalttätig und autokratisch. Aber jetzt besteht für die Kinder noch die Chance, ihre Geschichte neu zu schreiben. Es gibt natürlich auch Mütter, die ihre Familie tyrannisieren.

WOMAN: Ein harmonisches Familienleben scheint, das zeigen ja auch die Scheidungsraten, immer schwieriger zu werden.

Leibovici-Mühlberger: Der große Selbsterfüllungsdruck, der herrscht, könnte da mitspielen. Die Trennungsraten sind von 1,9 in den 1960er-Jahren auf 50 Prozent gestiegen.

WOMAN: Dafür gibt es aber immer mehr Patchwork-Familien.

Leibovici-Mühlberger: Patchwork ist eine hochsensible soziale Konstruktion und längst nicht immer so chillig, wie sie oft dargestellt wird. Im besten Fall haben Kinder dann zwei Mamas und zwei Papas und vier Ansprechpersonen, aber das setzt von den Erwachsenen einiges an Reife voraus. Hier sollen zwei Familiensysteme, jedes mit eigener Geschichte, miteinander verschmelzen. Da sind Reibungspunkte vorprogrammiert. Und sei's nur, dass sich der Teenie denkt: Wieso muss ich jetzt zum Abendessen am Tisch sitzen? Früher hab ich mir eine Pizzaschnitte mit in mein Zimmer genommen. Nur weil's der Neue von der Mama jetzt will? Sicher nicht.

WOMAN: Die betroffenen Kinder werden oft vor Tatsachen gestellt.

Leibovici-Mühlberger: Genau. Wichtig ist, nicht den fehlenden Elternteil ersetzen zu wollen, sondern sich in Demut als neuer sozialer Vater oder Mutter zu verstehen. Wir machen entsprechende Workshops für Eltern, um aufzuzeigen, welche Anforderungen Patchwork mit sich bringt. Es gibt natürlich auch Kinder, die sich in der neuen Familie fantastisch entwickeln.

WOMAN: Inzwischen gibt es auch Erwachsene, die sich Kindererziehung teilen, die aber nicht unbedingt emotional verbunden sein müssen: das Co-Parenting. Auf einer Website bieten sich etwa sogar fremde Männer als Ersatzväter an.

Leibovici-Mühlberger: Ich nenne das den Neoliberalismus des Beziehungslebens. Ich bin Alleinerzieherin und kaufe mir einen Partner zu. Aber die Vaterfunktion geht mit Verantwortung einher und auch mit Glaubwürdigkeit für mein Kind. Was, wenn der "Vater" nach drei Monaten genug von seinem Commitment hat? Geheda mal in die Position des Kindes, das sich denkt: "Seid's ihr deppat, ihr Erwachsenen? Jetzt soll ich tun, was das Lulu sagt? Und in ein paar Monaten ist wieder ein neues Lulu da."

WOMAN: Tatsache ist, dass es immer mehr Singles, mit oder ohne Kinder, gibt.

Leibovici-Mühlberger: Ja, denn Singletum wird als Lebensform zunehmend zur Konstanten. Nicht mehr nur als Durchgangsstadium. Ich bleibe Single und hab hie und da eine Beziehung für ein paar Monate oder für gewisse Zwecke. Das narzisstische Individualisierungsmodell.

WOMAN: Gewisse Zwecke können auch ein Baby sein!?

Leibovici-Mühlberger: Ja, und das ist dann mein Kind. Wir haben in Amerika einen Trend, wo junge, sehr gut ausgebildete und gut verdienende Frauen mit ihrem Partner kein Kind wollen, sondern Sperma zukaufen, weil sie die Verfügungsgewalt über das Baby behalten wollen. Denn wer weiß, wie lange sie mit dem Partner zusammen sind, und sie wollen sich dann in keinem Rechtsstreit wiederfinden. Das sind natürlich Auswüchse der modernen Reproduktionsmedizin, aber die Richtung ist jedenfalls bedenklich.

WOMAN: Was macht das mit einem Kind?

Leibovici-Mühlberger: Wie gesagt: Wenn es nicht beide Eltern haben kann, ist das suboptimal. Und die Gefahr, dass Kinder zunehmend zu Produkten werden, besteht. Etwa nach dem Motto: Du hast mich viel Geld gekostet, jetzt muss auch was aus dir werden!

WOMAN: Apropos "was werden". Im Buch "Wenn die Tyrannen-Kinder erwachsen werden" rechnen Sie mit Erziehungsmodellen ab, die narzisstische Persönlichkeitsentwicklungen fördern können.

Leibovici-Mühlberger: Die große Freiheits- und Talenteförderung. Klingt ja sehr charmant, hat aber viele Tücken. Wir haben dann Kinder, die alles dürfen und selbst entscheiden können. Das überfordert sie aber. Und Förderung heißt oft einfach, dass alles Mögliche ausprobiert wird. Und wenn der Gitarre-Unterricht nicht passt, dann wird's halt Tennis. Wenn die Kinder in die Schule kommen, haben sie keine Ausdauer, sind leicht kränkbar, wollen immer im Mittelpunkt stehen. Das setzt sich fort bis zum Job, wo sie nicht kontinuierlich am Arbeitsplatz erscheinen können. Und bei Partnerschaften mangelt es an Verantwortung, Treue und Verbindlichkeit. Wenn's ernst wird, geht man lieber, es könnte ja was Besseres nachkommen.

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