Ressort
Du befindest dich hier:

Mit seiner Zeit am besten umgeht

Wir machen alles "mal schnell", packen unsere Tage mit Aufgaben voll und vergessen dabei leicht, zu genießen. Doch ständige Hetzerei und Glücklichsein passen einfach nicht zusammen. Wie man mit seiner Zeit am besten umgeht, sagt ein Experte.

von

Mit seiner Zeit am besten umgeht
© istockphoto.com

Wir kennen sie alle, die supergestressten Mitmenschen, die auf alles nur eine Antwort haben: "Leider keine Zeit!" Eine glatte Lebenslüge für unseren Experten Lothar Seiwert, denn: "Zeit haben wir alle gleich viel. Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit, meint er in Wirklichkeit: 'Ich habe dafür keine Zeit', weil ihm anderes eben wichtiger ist. Für mich gibt es daher keine Zeit-, sondern nur Prioritätenprobleme. "Ja, und diese Prioritäten sind es, die man mal überdenken sollte. Wie nah sind wir selbst an einer ausgewogenen Life-Balance dran? Zu der, laut Europas führendem Experten für Zeit- und Lebensmanagement, "neben dem Job natürlich Gesundheit, Sport, Fitness, soziale Beziehungen, Freunde, Familie, Sinn und Spirit sowie Hobbys" gehören? Nur wer keinen der Bereiche vernachlässigt, kann auf ein Gleichgewicht hoffen. (Im Buch "Zeit ist Leben, Leben ist Zeit" (Aniston, € 23,-) gibt Bestsellerautor Dr. Lothar Seiwert wertvolle Tipps)

Wer zufrieden sein will, muss sich schon Zeit nehmen!

Die Sinne nähren die Seele. "Ja, ich weiß eh", werden viele jetzt sagen. "Das klingt alles gut, aber der Tag hat eben nur 24 Stunden." Auf der anderen Seite streben wir aber danach, möglichst glücklich und zufrieden zu sein. Und das wird man nicht, indem man Termine abhakt. "Sondern durch Erleben", wie Seiwert betont, "und das tun wir mit unseren Sinnen. An einer Blume riechen, gutes Essen schmecken, den Partner spüren, den Hund streicheln, sein Kind liebevoll betrachten. Auf all das antwortet unser Körper mit mehr Serotonin, dem Glückshormon." Die Zeit zum Genießen sollten wir uns schon nehmen. Sonst bleibt die Seele leicht auf der Strecke. Und das tut auch der Gesundheit nicht gut.

Die Krankheit hat schon einen Namen: Hurry Sikness

Schneller getaktet. Fakt ist, dass es uns heute schwerer denn je gemacht wird, sich (Aus-)Zeit zu nehmen. Schon im normalen Alltag entkommen wir der Eile nicht. Wir laufen, so Seiwert, "mal schnell" zum Copy-Shop, haben "schnell mal" eine Minute Zeit und sollen alles "asap" (as soon as possible) erledigen. Dass wir auch schneller sprechen und gehen als Generationen vor uns, ist da kein Mirakel. Tatsächlich hat sich, das ist wissenschaftlich erwiesen, die Gehgeschwindigkeit der Menschen innerhalb von zehn Jahren um ca. zehn Prozent beschleunigt. Und dass wir immer mehr in den Alltag packen, weiß jeder auch ohne Statistik. Ein Beispiel: Unsere Omas haben vielleicht zwei Anrufe pro Tag bekommen, hin und wieder mal einen Brief oder ein Telegramm verschickt. Heute sind 50 SMS oder Mails pro Tag für viele der Normalfall. "Tatsache ist", so Seiwert, "dass die meisten Dinge heute schneller getaktet sind und wir mehr Dinge schneller in der vorhandenen Zeit erledigen müssen - oder zumindest glauben, das tun zu müssen. Viele fühlen sich immer mehr gehetzt, es gibt schon das neue Krankheitsbild namens Hurry Sickness oder Hetzkrankheit." Eine Vorstufe vom Burnout sozusagen.

Dagegenhalten kann man mit der Einstellung: "Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter!" Oft gehört, oft wieder verdrängt. "Aber wie uns tragische Flugzeugunglücke und andere schreckliche Ereignisse lehren, kann es tatsächlich jeden Tag vorbei sein", erinnert der deutsche Zeitforscher. "Ist einem das bewusst, lebt man auch bewusster und intensiver." Und wenn jemand keinen Begriff von "Endlichkeit" hat, wird ihm diese spätestens vor Augen geführt, "wenn er durch eine Lebenskrise wie Krankheit, Unfall oder den Tod eines nahestehenden Menschen mit der harten Wirklichkeit schmerzhaft konfrontiert wird." In dieser Situation weiß man viele Dinge, an denen man davor vorbeihetzte, erst zu schätzen.

Überlege, wofür du deine Zeit ausgeben willst

Schmeiße dein "Geld" nicht weg. "Zeit ist wie Geld, nur wertvoller", zieht der Experte Resümee. "Entscheidend ist, wofür ich sie ausgebe!" Hier ein paar Vorschläge, sie gut anzulegen: Freunde und ein liebender Partner machen glücklich. Wenn du in deinem Tun einen Sinn siehst, nimmt das viel Druck von der Seele. Für den großen Sinn-Forscher Viktor Frankl war es vor allem wichtig, anderen etwas Gutes zu tun. Und: Je mehr Muße, desto mehr Lebensenergie. Also kein schlechtes Gewissen, wenn du mal Pause machst.

Die Technik erspart Zeit. Was machen wir damit?

Multitasking macht kaputt. Eigentlich müssten wir ja durch die vielen technische Erfindungen sowieso viel mehr Zeit zur Entspannung haben. Aber wir nutzen die gesparten Stunden offenbar nicht dafür. Eine deutsche Studie, die auch auf Österreich übertragbar ist, macht deutlich, dass wir uns etwa kaum noch Zeit nehmen, selbst zu kochen, und dass wir zu über 50 Prozent keinen Sport betreiben. Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt dafür kontinuierlich. Wir wollen nämlich statt Besinnung lieber noch mehr erledigen, erleben, shoppen. Und das sogenannte Multitasking wird uns Frauen auch noch als besonders bemerkenswerte Fähigkeit angepriesen. Dabei führt das ständige Umschalten zwischen verschiedenen Aufgaben zu Überforderung, die an Körper und Psyche nicht spurlos vorübergeht. In Befragungen gaben Frauen die ständige Eile und Hetze zu 80 Prozent als obersten Stressfaktor an, gefolgt von der Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie und Haushalt. Auf einen weiteren Stressfaktor weist Experte Seiwert hin: "Unerledigte Aktivitäten. Die machen uns fix und fertig. Stress ist so was wie schlechtes Gewissen, etwas nicht geschafft zu haben ..." Auch das muss nicht so sein, wenn man die Dinge mal gut sein lassen könnte. Ist die Küche nicht aufgeräumt, muss der Möbelkauf halt noch warten. Und wenn die Yogastunde mal entfällt, stürzt die Welt nicht ein. Nicht jede Verpflichtung ist auch wirklich eine. Besonders schlecht dran sind da Perfektionisten. Sie meinen häufig, alles selbst machen zu müssen. Delegieren, Leute! Raten Experten. Keiner ist unersetzbar!

Je weniger Neues passiert, desto schneller rast die Zeit vorbei

Die gefühlte Zeit. Die Zeit ist ja ein eigenes Phänomen. Seit Erfindung der mechanischen Uhr im 14. Jahrhundert messen wir sie. In Sekunden, Stunden, Minuten. Eine Stunde ist nach der Uhr immer gleich lang. Für unser Gefühl vergeht sie unterschiedlich schnell. "Entscheidend für diese subjektiv erlebte Zeit, die sogenannte Ereigniszeit, sind die mit ihrem Vergehen verbundenen eigenen Erlebnisse", schreibt die Psychologieprofessorin Hede Helfrich in der Publikation "Zeit" (Verl. Anton Pustet, € 23,-). "Wenn wir auf etwas warten, zum Beispiel auf das Grün vor einer roten Ampel, scheint die Zeit dahinzukriechen. Haben wir dagegen ein angenehmes Erlebnis, zum Beispiel eine interessante Abendunterhaltung, vergeht die Zeit wie im Flug." Im Rückblick wäre es dann genau umgekehrt: Das Zeitparadox tritt ein. Die Zeit, die in der Gegenwart schnell vergangen ist, erscheint uns in der Erinnerung als lang, weil sie vollgepackt mit Neuem war – und umgekehrt. Weil "Phasen, in denen wenig passierte, auch wenig Spuren im Gedächtnis hinterlassen."

Warum vergeht die Zeit schneller, je älter man wird?

Offen bleiben! Genau das ist auch der Grund, warum im Urlaub die ersten Tage langsam vergehen und die letzten ganz schnell. Am Anfang ist noch alles neu, man erkundet die Umgebung und erlebt viel dabei. Nach ein paar Tagen haben sich schon Gewohnheiten eingeschlichen. Man geht immer zum gleichen Frühstücksbuffet, kennt den Weg zum Strand usw. Und weniger Neues ist gleich: Zeit vergeht schneller. Das alles lässt sich, wie die Zeit-Forschung weiß, aufs ganze Leben übertragen. Als Kind und Jugendlicher erlebt man so viel zum ersten Mal. Mit zunehmendem Alter übernehmen Gewohnheiten und Abgeklärtheit nach und nach die Regie. Es prägt sich weniger ins Gedächtnis ein, und die gefühlte Zeit vergeht immer schneller. Aber auch hier kann man auf die Bremse steigen: Wenn man auch in späteren Jahren für Neues offen ist.

Das Internet ist einer der größten Zeitfresser

Keine Gefühle. In Sachen Internet gilt das Zeitparadox übrigens nicht! "Durch Surfen, Posten etc. stürmt eine Vielzahl von Signalen auf uns ein – daher vergeht die Zeit wie im Flug", so Helfrichs These. "Aber sie scheint auch in der Erinnerung als kurz." Weil die vielen Signale, die auf uns einwirken, als relativ bedeutungslos erlebt werden, wenig in unseren Gefühlshaushalt eingreifen. "Insgesamt erweist sich das Internet als gewaltiger Zeitfresser."

Wer alles erleben und machen will, wird viel verlieren

Verzichte auch mal. Ein guter Garant dafür, viel Wesentliches im Leben zu verpassen, ist übrigens die Angst, etwas zu versäumen. Wir kennen alle diese Typen, die rastlos von einem Event zum nächsten laufen oder sich ständig neue Verpflichtungen aufbürden. Oft fliehen diese Leute vor der "Gefahr", auch mal mit sich allein sein zu müssen. "Einige sind auch schon so gehetzt, dass sie es geradezu unheimlich finden, wenn es plötzlich ruhig um sie herum wird. Sie haben verlernt, freie Zeit zum Nachdenken, zum Träumen und zum Entspannen zu haben", kennt Lothar Seiwert das Problem. Aber Leben ist Energieverbrauch. Und je schneller der Motor läuft, desto früher kommt es zum "Kolbenreiber". Wer zu viel erleben und machen will, gerät immer mehr unter Zeitdruck. Verzichten heißt die Zauberformel und "sich auf das Wesentliche fokussieren!"

So nutzt du die Zeit besser!

Prof. Seiwert weiß, wie.

1

Planen.
Schreibe auf, was du am nächsten Tag erledigen willst. Setze glasklare Prioritäten und beginne mit dem für dich Wichtigsten – und nicht dem "Dringendsten". Unterscheide: Ob Chef, Kunde oder Partner – jeder, der "schreit", hält sein Anliegen für das Wichtigste. Ist es das auch?

2

Ablehnen.
Es ist wichtig, Zeit einzuplanen, in der wir uns nicht ablenken lassen. Machen wir das nicht, werden wir gnadenlos von anderen verplant. Daher: Habe auch mal den Mut und sage Nein.

3

Reihen.
Wir müssen uns bewusst werden, dass wir nicht alles sehen, lesen und mitbekommen können. Und dass wir auch nicht ständig sofort antworten müssen. Man kann ruhig Prioritäten setzen.

4

Gewinnen.
Seiwert spart sich zum Beispiel in E-Mails Höflichkeitsfloskeln wie Anrede und Abschied: "In der Sache ändert das nichts, aber es ist in der Summe vieler täglicher E-Mails eine zeitliche Erleichterung."

5

Praktisch.
Erledige unangenehme Aufgaben lieber gleich. Miste aus, zu viel Zeug bedrückt nur. Wenn du etwas wo herausnimmst, lege es gleich zurück. Das spart Such-Zeit.

Thema: Psychologie

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .