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Wie politisch darf Mode sein?

Die Bilder der Met Gala am Montag überschlagen sich in den sozialen Medien. Viele Promis nutzten die Gelegenheit, um sich durch Statements auf ihren Kleidern politisch zu äußern. Kim Kardashian kam gleich völlig verhüllt. Wir fragten Modedesignerin Sabine Karner, wie sie das sieht ...

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Wie politisch darf Mode sein?
© Getty Images

Bei der Met Gala am Montagabend, dem spektakulärsten Red Carpet des Jahres, haben sich die Stars ordentlich ins Zeug gelegt, um aufzufallen. Normalerweise findet die Spendengala am ersten Montag im Mai statt - sie musste jedoch, wie so vieles, aufgrund von Covid-19 verschoben werden. Letztes Jahr fiel sie ganz aus. Das Motto war wie immer ausgefallen, heuer lautete es "In America: A Lexicon of Fashion" und sorgte für viel Raum für Interpretation. Einige Stars bewegte es dazu, sich an Looks vergangener Hollywood-Filmgrößen zu orientieren.

Billie Eilish erinnerte mit ihrem weißblond gefärbten, gewellten Haar und der atemberaubenden Oscar de La Renta-Robe an Marilyn Monroe. Kendall Jenner hingegen trug ein Kleid von Givenchy, das einem Look von Audrey Hepburn im Film "My Fair Lady" nachempfunden war. Viele ikonische Hepburn-Looks stammen übrigens von besagtem Designer.

Andere Promis nutzten die extravaganten Roben und die extreme mediale Aufmerksamkeit des Abends, um deutlich auf gesellschaftspolitische Themen aufmerksam zu machen: Die Politikerinnen Alexandra Ocasio-Cortez und Carolyn Maloney, trugen die Statements "Tax the Rich" (vom Label Brother Vellies der Designerin Aurora James) und "Equal Rights for Women" auf ihren Kleidern.

Politikerin Alexandra Ocasio-Cortez (c) Getty Images

Model und Schauspielerin Cara Delevingne entschied sich für ein Dior-Ensemble mit "Peg the Patriarchy", Schauspieler Dan Levy eines mit einem kunstvollen Druck, auf dem sich zwei Männer küssen und Kim Kardashian hatte sich von Kopf bis Fuß schwarz verhüllt.

Mode wurde auch in der Vergangenheit immer wieder als Mittel zur Statement-Setzung verwendet: Wir erinnern uns auch an die Golden Globes 2018, wo sich die prominenten Gäste als Ausdruck ihrer Solidarität in Hinblick auf die Me-Too-Debatte allesamt schwarz kleideten.

Reality-Star Kim Kardashian (c) Getty Images

Wir haben uns gefragt, wie politisch Mode eigentlich sein kann bzw. darf - und deshalb mit der österreichischen Modedesignerin darüber gesprochen.

WOMAN: Wenn Stars sich zu gesellschaftspolitischen Themen äußern - was ist ihr Antrieb: Echtes Interesse, etwas zu verändern oder Selbst-PR?

KARNER: Ich glaube, weil es ihnen ein persönliches Anliegen ist, für die einzelnen Themen einzutreten. Wenn Promis für Sache einstehen, vermutet man immer einen Eigennutz. Die andere Seite ist: Wer schon einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, tut sich leichter, gesehen bzw. gehört zu werden. Wenn man sich die Leute ansieht, die zur Met Gala eingeladen werden - die sind sozusagen berühmt genug. Die brauchen das nicht aus Gründen der Selbst-PR zu machen.

Sprechen wir über Kim Kardashians Outfit. Sie hatte sich komplett verhüllt - derzeit gibt es kein offizielles Statement, warum sie das gemacht hat. Wie sehen Sie das?

(Anmerkung:) Kardashians Look ging viral - schließlich war es eine sehr ungewöhnliche Outfitwahl, die sie in ihrem Balenciaga-"Kleid" traf. Meinungen gibt es viele: Versteckt sich die Frau, die mit jahrelanger Selbstvermarktung reich geworden ist und deren Gesicht die ganze Welt kennt, just an diesem Abend unter dem Deckmantel der Anonymität, um absichtlich "nicht gesehen" zu werden? Oder ist sie im Hinblick auf die derzeitige Situation in Afghanistan, wo Frauen um ihr Leben fürchten, ihnen ihre Rechte weggenommen und sie sich verhüllen müssen, einfach nur ignorant?

Modedesignerin Sabine Karner (c) Sascha van der Werf

KARNER: Da es kein offizielles Statement von ihr gibt, ist es schwer zu sagen, worauf sie hinauswollte. Das Außen erwartet immer eine Rechtfertigung, eine Positionierung. Wenn es keine gibt, sind die Interpretationen recht frei. Die einen sagen, es sei überheblich und fragen sich was das soll, man könnte es aber auch so sehen, dass sie auf die Situation in Afghanistan aufmerksam macht und zeigen möchte, wie das eigentlich aussieht und dass sie dagegen ist. Vielleicht interpretieren wir auch etwas hinein, was gar nicht gemeint war. Ich denke auch, wenn man sowieso schon kein Fan von ihr ist, neigt man eher dazu, sie zu kritisieren.

Bei politischen Äußerungen durch Kleidung stehen nicht nur die Personen, die sie tragen, damit in Verbindung, sondern auch die / der DesignerIn, die / der für die Kreation verantwortlich ist. Sollten sich Designer politisch positionieren?

KARNER: Warum nicht? Das steht jedem zu. Es gibt ja in der Kunst generell viele Themen, die kontrovers sind. Damit die Leute beginnen, sich damit auseinandersetzen und zu diskutieren beginnen. Man sieht es auch jetzt - es wird darüber geredet. Diesen Diskurs finde ich ganz wichtig.

Schauspieler Dan Levy (c) Getty Images

Würden Sie sich bei Ihren Designs auch positionieren?

KARNER: Es kommt drauf an, worum es geht. Politische Themen sind ja breit gefächert. Wenn's um eine gewisse Partei geht, nein. Wenn es um Themen geht, die allgemein wichtig sind, dann ja. Die ganze Modebranche schwimmt zum Beispiel momentan auf der Nachhaltigkeitswelle - was man auch politisch sehen kann. Man positioniert sich automatisch in irgendeine Richtung, sobald man ein Produkt nach außen bringt. Auch, indem man sich fragt, für welche Frauen mache ich meine Mode? Wofür stehe ich als Designerin? Zum Beispiel im Hinblick auf verschiedene Körpertypen. Ich möchte, dass sich meine Kundinnen gut fühlen, sie sollen zu sich stehen, mutig sein. Das ist gewissermaßen auch ein gesellschaftspolitisches Statement.