Ressort
Du befindest dich hier:

Eine Wienerin auf Bali: Es ist nicht alles "Eitel Wonne Kokosnuss"

Gastautorin Julia Hofgartner berichtet für uns als Yogalehrerin und digitale Nomadin über ihr neues Leben auf Bali. Im zweiten Teil ihrer Serie schildert sie ihre ersten Eindrücke. Und die sind nicht nur angenehm...

von

Eine Wienerin auf Bali: Es ist nicht alles "Eitel Wonne Kokosnuss"
© Julia Hofgartner

Job kündigen, selbstständig machen und weit weg ziehen? Ganz ehrlich: Wer hat noch nie an ein Szenario wie dieses gedacht? Unsere Gastautorin Julia Hofgartner hat es gewagt und lässt uns an ihren Erfahrungen als Yogalehrerin und digitaler Nomadin teilhaben. Im ersten Teil ging es noch ums Koffer packen, inzwischen ist sie auf Bali angekommen. Und dort ist halt auch nicht alles Eitel Wonne Kokosnuss.

Bali April 2016: Mein erstes Mal auf der Insel. Ich bin auf der Suche, finde mich selbst und betrachte Bali von nun an durch eine rosarote Brille.


Bali September 2017: Ein Jahr später, eine Million Veränderungen. Meine rosarote Brille wird mir von den Augen gerissen und zertrampelt. Ich bin traurig, enttäuscht, fassungslos und trotzdem nicht dazu bereit meine Liebe zu dieser Insel aufzugeben.


Bali Oktober 2018: Zwei Jahre später. Ich komme in dem Bewusstsein, dass sich auch diesmal wieder viel verändert haben wird zurück auf die Insel und genau so ist es......


Ich verbringe meine Zeit auf Bali in dem kleinen Ort Canggu der ca. eine Stunde nördlich vom Ballermann der Australier - Kuta entfernt liegt. Bei meinem ersten Aufenthalt vor mittlerweile zweieinhalb Jahren war Canggu noch ein Geheimtipp: lange beinahe menschenleere schwarze Strände, gigantische Wellen, endlose Reisfelder, ein paar Hipster-Cafes mit grandiosem Essen, Surfer, Expats, Kokosnüsse und gechillte Vibes.

In nur eineinhalb Jahren hatte sich im September 2017 bereits einiges verändert: Luxushotels, Parkplätze statt Reisfelder, too much Instagram, Müll- und Umweltprobleme, Beachclubs, nervenaufreibender Verkehr und angekommener Pauschaltourismus. Diese Veränderung traf mich damals wie ein Schlag. Ich war entsetzt, enttäuscht, fühlte mich ohnmächtig und machtlos. Ich wusste zwar schon immer, dass Bali nicht nur Palmen, Strand und Kokosnüsse ist, trotzdem hatte ich es geschafft die negativen Aspekte des Insellebens aus meinem Kopf zu verdrängen. Als der erste Schock überwunden war, entschied ich mich dazu, trotz allem an Bali festzuhalten. Ich liebte es nach wie vor und ab dem Moment, ab dem es mich herausforderte vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.

Auch im letzten Jahr hat sich wieder so einiges verändert, wenn nicht sogar noch mehr. Familien, wo offensichtlich die 13-jährige, instagram-affine Tochter heuer den Urlaubsort wählen durfte, finden sich in einem hippen Kaffee voller Expats und digitaler Nomaden wieder. Nordasiatische und westliche Touristen sind zu sehr damit beschäftigt vor Insta-Walls (das sind bemalte Wände mit tollen Mustern oder inspirierenden Zitaten, vor denen man ein Foto machen muss, um es dann auf Instagram zu posten) zu posieren und aufs Handy zu starren, dass sie vollkommen vergessen ihre Smoothiebowl zu genießen, die sie halbaufgegessen zurückschicken, um schnell zum nächsten Fotospot zu eilen. Es wird gebaut als gebe es kein Morgen. Im Gespräch mit Expats erfahre ich, dass die ursprünglichen Beach Bars vermutlich bald einer großen Strandpromenade weichen müssen und bereits der nächste Beach Club im Entstehen ist.

» Please be a traveller not a tourist. Try new things. Meet new people. And look beyond what’s right in front of you. Those are the keys of understanding this amazing world we live in.«

Eat Pray Love hat zu seiner Zeit dem Tourismus ordentlich eingeheizt. Instagram und beliebte Influencer übernehmen heute diesen Part. Der Massentourismus, den es schon lange auf Bali gibt, ist längst in meinem home away from home Canggu angekommen und bahnt sich weiter seinen Weg in Richtung Norden an der Westküste der Insel entlang.

Auf der Jagd nach dem perfekten Foto

Interesse am echten Bali und an der Kultur der Balinesen ist bei vielen Touristen nicht vorhanden. Oft geht es ihnen nur darum, das perfekte Foto für die Daheimgebliebenen zu schießen, die eigenen Handlungen und deren Auswirkungen auf das Land werden dabei nicht reflektiert.

Ich finde diese Entwicklungen nach wie vor nicht gut, im Gegenteil. Ich finde sie erschreckend, beängstigend und befürchte, dass es in den nächsten Jahren noch um einiges schlimmer werden wird, wenn nicht bald eine Notbremse gezogen wird.

Vielleicht fragt ihr euch, warum bereits mein zweiter Gastartikel so negativ ist? Weil es Realität ist und auch die ungefilterte Wahrheit gesagt werden muss. Warum ich trotzdem hier bin? Weil ich Bali mit all seinen Schattenseiten und Herausforderungen liebe und nicht immer alles nur „eitle Wonne und Kokosnüsse“ sein kann.


Bali inspiriert, Bali fesselt, Bali schockiert, Bali verärgert – entweder es verschluckt dich oder es spuckt dich aus. Und soll ich euch noch was sagen? Es gibt sie immer noch – die menschenleeren Strände, tollen Wellen und endlosen Reisfelder ohne Selfie-Touristen. Man muss nur ein bisschen suchen.

Julia Hofgartner beim Yoga-Unterricht.

Über die Autorin:

Mag. Julia Hofgartner ist Bloggerin, Autorin und Yogalehrerin in Wien. Als echte Wasserratte unterrichtet sie sogar Yoga am Stand Up Paddleboard. Für ihren Yoga & Lifestyleblog „Yoga & Juliet“ wurde sie 2017 mit einem Bloggeraward ausgezeichnet. Momentan schreibt Julia Hofgartner an einem Yogabuch, das demnächst veröffentlicht wird. Gemeinsam mit ihrem Freund hat sie eine Content & Social Media Agentur gegründet und so ihre Liebe zum Storytelling zum Beruf gemacht. Mehr Infos über Julia Hofgartner findet ihr hier, natürlich könnt ihr ihr Abenteuer auch über Facebook und Instagram verfolgen.