Ressort
Du befindest dich hier:

Eine Wienerin in New York: Co-Working mit Cold Brew

Warum in New York immer mehr Cafés, Restaurants und sogar Fitness-Studios zu Co-Working-Spaces für Mitglieder werden und wie ihr neues Geschäftsmodell funktioniert, erklärt Gastautorin Rebecca Vogels im dritten Teil der Serie.

von

Eine Wienerin in New York: Co-Working mit Cold Brew
© Vogels

Ich liebe es, dass man in Wien keine fünf Meter weit gehen kann, ohne in ein Kaffeehaus zu stolpern. Gerade in den letzten Jahren habe ich in Cafés auch immer öfter gearbeitet - an Artikeln geschrieben, Business-Strategien überlegt, an Projekten gefeilt und zwischendurch meinen Café Latte getrunken.

Irgendwas an der Mischung zwischen Hintergrundmusik, dem Klappern von Häferln, dem Mahlgeräusch von Kaffeebohnen und dem Fauchen von Espressomaschinen hat mir - weitaus mehr als eine Büroumgebung - geholfen, produktiver zu arbeiten und kreative Lösungen zu finden. Aber es ist nicht nur die Geräuschkulisse, die Cafés zu einem inspirierenden Arbeitsplatz machen, sondern auch die Architektur, das Design, die Atmosphäre.

Ich bin weitaus nicht die Einzige, der es so geht: immer mehr Leute arbeiten auch in Wien vom Café aus und sitzen mit ihren Cold Brews oder Flat Whites vor ihren Macbooks. Aber während sich in Wien zwischen den ganzen digitalen Nomaden auch junge Eltern mit Kindern tummeln oder Studenten, die sich zum Kaffee mit der besten Freundin verabredet haben, so sitzt in den Cafés in Brooklyn wirklich jeder alleine am Laptop und arbeitet. Cafés in New York sind nicht länger Orte an denen man Freunde trifft, sich entspannt, Zeitung liest. Zeitschriften, die zum Schmökern bereit liegen, gibt es hier ohnehin nicht mehr. Cafés in New York sind vollständig zu Co-Working-Büros geworden.

Aus Restaurant wird Co-Working-Space

Ich finde solche Entwicklungen spannend, weil sie viel darüber aussagen, wie wir leben und arbeiten, was Arbeit und Freizeit für uns bedeutet. Aber ich sehe auch die ökonomischen Herausforderungen für Cafés, die sich lange Zeit damit beholfen haben, das Wifi am Wochenende abzudrehen. Vielleicht geht es aber auch kreativer. Das New Yorker Startup Spacious hat erkannt, dass es viele Leute gibt, die gerne den ganzen Tag im Café arbeiten, und hat kurzerhand Restaurants zu Co-Working Spaces umgewandelt.

Unter Tags Co-Working, abends Gourmet-Tempel.

Der Milling Room an der Upper West Side ist tagsüber Co-Working-Space und abends Gourmet-Restaurant bei dem man 40 Tage getrocknetes Strip Loin-Steak essen kann. Als ich letzte Woche beim Milling Room war, war jeder Platz besetzt. Jeder saß vor einem Laptop, manche hatten sogar große Monitore mitgebracht. “Wir verschicken jeden Tag um 17 Uhr SMS um unsere Mitglieder daran zu erinnern, dass das Restaurant seinen Betrieb aufnimmt”, erklärte mir eine Spacious-Mitarbeiterin. “Und mittags bietet das Restaurant ein Lunch-Angebot an, das unsere Mitglieder gerne nutzen. Für das Restaurant bedeutet das, auch mittags mehr Besucher zu haben.”

Mitgliedschaft im "Restaurant"

Spacious hat 14 Restaurants in New York zu Co-Working Spaces verwandelt, in denen Startups und Freelancer an Projekten arbeiten. Ab $99 erhält man eine monatliche Mitgliedschaft in diesen “Restaurants”, bei denen Kaffee und Wasser, in dem Ananas-Stücke schwimmen, inkludiert sind. Von dem Konzept - so scheint es - profitieren alle, wie Spacious CEO Preston Pearl sagt: “Wir hatten gedacht, dass wir Restaurant-Besitzer von unserer Idee überzeugen müssten ihren Raum tagsüber zu nutzen. Aber viele Restaurants haben Probleme, ihre Miete zu bezahlen und haben tagsüber wenig Gäste. Die Besitzer sind zu uns gekommen, um zusätzliche finanzielle Hilfe zu erhalten, die ihnen hilft ihren Restaurant-Betrieb fortzuführen.”

Auch die Bar Primo ist tagsüber ein Co-Working-Büro.

Auch noch im Fitnessstudio arbeiten?

Aber nicht nur Restaurants werden in New York zu Co-Working-Büros umfunktioniert. Auch große Fitness-Studio-Ketten wie Equinox oder Life Time Fitness sind inzwischen auf den Co-Working-Trend aufgesprungen und bieten neben Hip-Hop-Yoga-Kursen auch Co-Working-Bereiche an. Die Frage, die sich mir dabei - auch in Hinblick des kürzlich diskutierten 12-Stunden-Arbeitstags stellt ist: Wollen wir wirklich auch noch vom Fitnessstudio aus arbeiten? Oder müssen wir? Ist es healthy, wenn wir unseren Arbeitstag mit High Intensity Strength Training auffrischen? Oder arbeiten wir dann die ganze Zeit?

Gastautorin Rebecca Vogels hat passt sich schon voll an.

Ich stelle mir diese Fragen während ich im Brooklyn Habit Café einen 2-Percent-Milk Latte trinke. Draußen sind es 30 Grad, aber das Café ist auf gefühlte 15 Grad heruntergekühlt. Eine Frau neben mir trägt einen Kapuzenpulli mit einem Tiger. Alle Tische sind besetzt. Jeder arbeitet konzentriert an seinem Laptop. Die Barrista tippt gelangweilt auf ihrem Handy. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch reguläre Kaffeehäuser nur noch mit Mitgliedschaft zugänglich sind. Und vielleicht kriegen wir dann im Fitness-Studio auch einen Cold Brew.

Teil 1: Eine Wienerin in New York - Next Stop: Brooklyn!

Teil 2: Eine Wienerin in New York: Vom virtuellen Axt-Werfen

Über die Autorin:

Rebecca Vogels ist Gründerin der Brand- und Kommunikationsagentur "All of the Above". Sie bringt Silicon Valley Strategien rund um Kommunikation und Branding zu Unternehmen in Europa. Für die Huffington Post schreibt sie eine Kolumne zum Thema “Women in Tech”. Sie ist Co-Founderin des Online-Magazins You Might Also Like. Rebecca Vogels wurde kürzlich vom California Diversity Council zu einer der Top 50 Most Powerful Women in Tech gewählt.