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Eine Wienerin in New York: "What's your Story?"

Das kennen wir alle: Wir gehen durch eine fremde Stadt, beobachten die Menschen und fragen uns: Wie sieht ihr tägliches Leben wohl aus? In New York interessiert sich dafür aktuell auch eine Ausstellung. Unsere Gastautorin Rebecca Vogels hat sie besucht.

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Eine Wienerin in New York: "What's your Story?"
© Vogels

Neulich war ich am Columbus Circle unterwegs, als sich ein Fünfjähriger verzweifelt an mich klammerte und heulte: “Ich habe meine Eltern verloren. Kannst du mir helfen meine Eltern zu finden?” Der Columbus Circle liegt direkt am Central Park und ist ein einziges Chaos, bestehend aus Taxis, Fiakern, Touristen, Hot Dog-Verkäufern, Joggern und New Yorkern, die mit ihrem Cold Brew in der einen Hand und einem Hund in der anderen, Sonntags durch den Park spazieren. Es ist nicht der beste Ort, jemanden wiederzufinden.

Während ich nach den Eltern des Fünfjährigen Ausschau hielt, fragte ich mich, wie dieser Bub, der in New York aufwähcst, wohl lebt. Was für ein Leben die Leute hier haben, ist eine Frage, die ich mir mehrmals pro Tag stelle. Zum Beispiel, wenn ich in der U-Bahn sitze und in Williamsburg tätowierte Hipster einsteigen, in Park Slope Familien mit kleinen Kindern und in Carroll Gardens Medien-Leute. Dann frage ich mich: Was für ein Leben haben diese Menschen? Was beschäftigt sie? Und was lieben sie an ihrem Leben?

Für mich ist das Besondere an New York nicht die Statue of Liberty, die Taxis oder die Bagels. Auch nicht die schrägen Dinge wie Axt-Werfen oder (meine neueste Entdeckung) ein Lippenstift mit Donut-Geschmack. Was New York für mich so besonders macht, sind die Menschen, deren Energie, Kreativität und Lebenslust beeindruckend ist. Ich bin nicht die einzige, die sich dafür interessiert, wie andere Menschen leben, was für Träume und Ziele sie haben. Aktuell gibt es in Midtown eine Ausstellung, die eine einzige Frage stellt: “What’s Your Story?” Die Ausstellung ist Teil des “Strangers Project” und besteht aus weißen Zetteln, auf die Menschen ihre Geschichte oder das, was sie derzeit beschäftigt geschrieben haben.

Handschriftlich erzählen die Menschen ihre Geschichten.

Seit 2009 fragt Brandon Doman Fremde nach ihrer persönlichen Geschichte ist. Über 35.000 Menschen hat er in den letzten Jahren befragt. Die Antworten sind allesamt anonym und handschriftlich. Je nachdem sind sie ausführlich oder knapp, persönlich, universell, lustig, traurig, tiefgehend. Eine Story lautet: “Ich habe einen Gehirntumor überlebt. Bis jetzt.”

Tagisch-komische Geschichten

Eine andere erzählt von zwei Frauen, die beide wegen Essstörungen in Behandlung sind und gemeinsam im Washington Square Park einen Bagel mit Lachs, Frischkäse und Erdbeeren gegessen haben. Die Story ist tragikomisch. Sie vermittelt einen kurzen, aber doch tiefen Einblick in das Leben zweier Frauen, die sich in einem Programm zur Bekämpfung von Essstörungen kennengelernt haben und ihre neu gewonnene Freiheit zelebrieren. Die Beschreibung des Essens mit Rufzeichen vermittelt Enthusiasmus und Euphorie. Die Wörter “Eating Disorders”, die großgeschrieben und unterstrichen sind, die Bedeutung der Krankheit. Das Handschriftliche verleiht der Geschichte Persönlichkeit und eine emotionale Tiefe.

Was Brandon antreibt, Geschichten von Fremden zu sammeln? “Wir leben in einer Zeit, wo unsere Unterschiede immer größer werden”, erklärt er. “Ich glaube, dass das, was als einfache Geste des Zuhörens beginnt, eine transformierende Erfahrung sein kann.” Beim Lesen dieser Stories bekommt man etwas mit von der Emotion, von den Problemen, Lebenswegen, Schicksalen und fühlt mit anstatt zu beurteilen. Statt sich selber mit anderen Schicksalen zu vergleichen, liegt der Fokus auf der Story, auf einer anderen Person.

Warum wir mit Fremden reden sollten

Vor einem Jahr habe ich Kio Starks TED Talk zum Thema “Warum Sie mit Fremden reden sollten” gesehen. Kio beschreibt in ihrem TED Talk, dass es manchmal leichter ist, mit Fremden ehrlich über Probleme zu reden als mit Menschen, die uns nahestehen. In ihrem TED Talk erklärt sie: “Warum also können wir so gut mit Fremden kommunizieren? Es gibt zwei Gründe. Der erste hat mit dem schnellen Austausch zu tun. Es hat keine Folgen. Es ist leicht, ehrlich zu jemand zu sein, den man nie wieder sieht, oder? Das ist einleuchtend. Der zweite Grund ist wesentlich interessanter. Gegenüber uns Nahestehenden haben wir Vorurteile. Wir erwarten, dass sie uns verstehen. Wir gehen davon aus und wir erwarten, dass sie unsere Gedanken lesen. Angenommen, Sie sind auf einer Party und Sie können nicht glauben, dass Ihre Freundin oder Ihr Mann nicht merkt, dass Sie früher gehen wollen. Und Sie denken: ‘Mein Blick hat es doch verraten.’ Bei Fremden müssen wir von Null beginnen. Wir erzählen ihnen die ganze Geschichte, wir erklären, wer die Menschen sind, wie wir über sie denken; wir erklären die Insiderwitze. Und wissen Sie, was? Manchmal verstehen sie uns etwas besser.”

Schulschluss nachgemacht fürs Food-Business: Das ist Mohammed.


Ich finde es immer spannend, mit Fremden zu reden und einen Einblick in das Leben eines Taxifahrers, eines Kellners, einer Frau im Aufzug zu bekommen. Einige dieser Begegnungen sind mir über die Jahre trotz ihrer Flüchtigkeit in Erinnerung geblieben. Einer dieser Fremden, den ich in New York kennengelernt habe ist Mohammed, der vor neun Jahren nach New York gekommen ist. Seit drei Jahren steht er am Central Park in einem kleinen silbernen Wagen und verkauft Hot Dogs. Von morgens bis abends. Sieben Tage die Woche. “Ich habe meinen High School Abschluss nachgemacht, damit ich bald mein eigenes Food-Business aufmachen kann”, hat er mir erklärt und lachend gefragt: “Was kann ich dir geben? Hot Dog? Gyros? Bretzel?”

Es sind die Geschichten, die NY spannend machen

Es sind Geschichten, Menschen und Momente wie diese, die New York für mich so spannend machen. In all dem Chaos dieser Stadt, macht das Leben auf verrückte Art und Weise Sinn und diese riesige, laute Stadt mit acht Millionen Einwohnern wird auf einmal etwas kleiner, persönlicher. Irgendwann, während ich und der fünfjährige Bub zusammen am Columbus Circle standen, kam eine Frau über die Straße auf uns zugerannt. “Thank you so much! Thank you!”, rief sie mir zu und nahm ihren Sohn an der Hand. Einen Moment später waren die beiden in der Menschenmenge verschwunden und ich denke weiter darüber nach, wie sie wohl so leben, hier in dieser wunderbaren Stadt. Ganz nach dem Motto: “What’s Your Story?”

Teil 1: Eine Wienerin in New York: Next Stop: Brooklyn!

Teil 2: Eine Wienerin in New York: Vom virtuellen Axt-Werfen

Teil 3: Eine Wienerin in New York: Co-Working mit Cold Brew

Teil 4: Eine Wienerin in New York: Baby, it's hot outside!

Über die Autorin:

Rebecca Vogels ist Gründerin der Brand- und Kommunikationsagentur "All of the Above". Sie bringt Silicon Valley Strategien rund um Kommunikation und Branding zu Unternehmen in Europa. Für die Huffington Post schreibt sie eine Kolumne zum Thema “Women in Tech”. Sie ist Co-Founderin des Online-Magazins You Might Also Like. Rebecca Vogels wurde kürzlich vom California Diversity Council zu einer der Top 50 Most Powerful Women in Tech gewählt.