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Wing Tsun: Der kluge Weg zur Selbstverteidigung?

Von Frauen für Frauen erfunden ist Wing Tsun weit mehr als reine Kampfkunst. Was Wing Tsun zu einer der effektivsten Selbstverteidigungsarten macht, haben wir uns einmal genauer angesehen.

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Wing Tsun: Der kluge Weg zur Selbstverteidigung?

Soweit soll es im Idealfall gar nicht kommen.

© EWTO

Fast jede Frau kennt sie, diese unguten Situationen: Nachts allein auf der Straße. Der Mann hinter einem nimmt schon verdächtig lange den gleichen Weg wie man selbst. Man wird unruhig. Dreht sich immer wieder um. Die Schritte werden bestimmter. Potentielle Gefahr? Ist er kleiner als man selbst? Bildet man sich das gerade alles eh nicht nur ein? Was könnte als Waffe benutzt werden? Die Schlüssel? Lieber mal den Schlüsselbund aus der Tasche kramen. Den Freund anrufen? Den Typen ansprechen? Schreien? Unsicherheit. Wie verdammt soll man reagieren?

"Sei laut, sei unbequem", erklärt der Wing Tsun-Experte und Schulleiter Matthias Gold der "EWTO-Schule" in der Stumpergasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk: "Der Ad hoc-Täter auf der Straße geht immer den Weg des geringsten Widerstandes. Ein ängstliches, durch Körpersprache unsicher wirkendes 'Opfer' ist ihm da natürlich lieb." Und während keine Kung-Fu-Technik dieser Welt zu 100 Prozent vor einem Übergriff bewahren kann, ist die Sicherheit im Hinterkopf, sich im Ernstfall verteidigen zu können, in solchen Situationen Gold wert, wie der Experte erklärt: "Du wirst in jedes Gespräch anders hinein gehen, du wirst selbstsicherer auftreten. Es geht nicht darum, die ultimative Fighterin zu sein. Du musst lediglich wissen, was du im Notfall könntest ."

»Bei Wing Tsun geht es nicht darum, die ultimative Fighterin zu sein!«

Wing Tsun: Selbstverteidigung, kein Kampfsport

Von Frauen für Frauen erfunden, ist Wing Tsun tatsächlich kein Kampfsport im klassischen Sinn, sondern vielmehr ein ganzheitliches Training zur Selbstverteidigung, ein Ritual: "Bei uns lernt man, potentiell gefährliche Situationen im Alltag schadlos zu überstehen", erklärt Gold. Der Unterschied zum Kampfsport? Im Wettkampf gibt es Gewichtsklassen - auf der Straße nicht. Im Wettkampf sind Frauen und Männer getrennt - im Alltag nicht. Im Wettkampf gibt es einen Schiedsrichter, einen Zeitpunkt, wann der Wettkampf stattfindet, Regeln. "Auf der Straße hast du lediglich den Vorteil des Überraschungsmoments. Auf der Straße weißt du nicht, was als nächstes passiert", fast es der Schulleiter zusammen.

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Selbstverteidigung - geistige Haltung - Körperbewusstsein: Die drei Bausteine

Und genau darum geht es: Diesen Überraschungsmoment gilt es zu kontrollieren. Was im Wettkampf der Gong als Startzeichen ist, ist im Alltag Körpersprache, Rhetorik, Kommunikation: "Die meisten Auseinandersetzungen enden ja nicht in einer Schlägerei. Es geht darum, wie man sich selbst behaupten kann!" Die Kurse für Selbstverteidigung werden dabei laufend den modernsten Studienergebnissen aus Psychologie, Philosophie, Sport- und Erziehungswissenschaft angepasst. Schließlich bedeutet moderne Selbstverteidigung mehr als nur das Erlernen von speziellen Verteidigungstechniken. Bei Wing Tsun wird so Verhaltensänderung gelehrt. Wie lange es dauert, bis man die intus hat?

Wie lange braucht es, um Verteidigungsfit zu sein?

Nach einem guten halben Jahr wöchentlichen Trainings funktionieren die Bewegungsabläufe auch im Schlaf. 600-800 Wiederholungen einer Bewegung braucht es laut Matthias Gold nämlich, bis diese wirklich automatisiert und im Gedächtnis verankert ist. Und das muss sie auch. Rein technisch sitzt das Können schon nach zwei Monaten: "Die Frage ist dann halt, ob man sie im Überraschungsmoment auch mental umsetzen kann", so Gold. So gesehen muss das Können bei Wing Tsun ähnlich reifen, wie guter Wein: "Einfach schnell schnell abernten ist nicht", lacht Gold.

Wing Tsun - mit gesundheitlichem Hintergedanken

Dabei müssen bei Wing Tsun wirklich keine akrobatischen Meisterleistungen vollbracht werden. Körperliche Kraft spielt eine untergeordnete Rolle und wird bei dem Kung Fu-Stil durch ausgeklügelte Technik ausgeglichen. "Zu uns kommen keine Schläger. Wir haben Alltagspublikum, dass einen Ausgleich zum Alltag haben will." Und den bekommt es auch. Jede Bewegung, die erlernt wird erfüllt nicht nur den Zweck der Selbstverteidigung, sondern erfüllt auch einen gesundheitlichen Nutzen. Es werden Dehnreize gesetzt, der Rücken aktiviert. "Das Klischee des alten Kung Fu-Meisters mit weißem, langem Bart stimmt schon irgendwie. Die wissen nämlich nicht nur, wie man zerstört, sondern auch, wie geheilt wird. Kreuzprobleme, Verspannungen, all die Wehwechen vom vielen Sitzen werden durch den Sport wieder ins Gleichgewicht gebracht", erklärt Matthias Gold.

Selbstverteidigung: Tipps vom Profi

Was wir im Gespräch und Probetraining mit Matthias Gold gelernt haben? Potentiell gefährliche Situationen bereits im Vorfeld erkennen und gar nicht erst hinein geraten. Mit selbstbewusstem Auftreten und Kommunikation die Grenzen ziehen, bewachen - und notfalls eben auch verteidigen. Dafür muss man kein Sport-Profi sein und auch keine speziellen Voraussetzungen mitbringen ... nur trauen muss man sich. Und das ist leichter gesagt, als getan. Schon beim Probetraining fällt es schwer, bei einem lauten "Nein", nicht entschuldigend zu lächeln. "Das ist vielfach schon von der Erziehung mitgegeben", erklärt der Experte: "Mädchen wird nach wir vor oft anerzogen, nicht laut zu sein. Von dem gilt es sich zu befreien. Laut werden können ist eine mentale Entwicklung. Das wird bei uns auch gelehrt. Das Körperliche ist immer der letzte Schritt."

  • Wachsam sein
  • Auf sich aufmerksam machen
  • Unbequem & Laut sein

Denn wenn man nichts macht, passiert immer das, was der andere will.

Wo hat die Kampfkunst ihren Ursprung?

Erfinderin von Wing Tsun (zu deutsch "schöner Frühling") war die chinesische Nonne Mg Nui, die vor mehr als 250 Jahren gelebt hat. Wing Tsun sollte eine Verteidigungsform darstellen, die von Frauen genutzt werden konnte. Namensgeberin war die erste Schülerin von Mg Nui und bis heute zählt Wing Tsun zu den effizientesten Kampfkünsten für realistische Selbstverteidigung. Man zählt WingTsun zu den sogenannten "Inneren Stilen", zu denen auch Tai Chi, Bakua oder Hsing-I zählen. So ist Wing Tsun Selbstverteidigung für jedermann und jederfrau. Neben allgemeinen Klassen gibt es auch spezielle Frauen-, Kinder- und Jugendklassen. Auch für bestimmte Berufsgruppen bietet der EWTO Wing Tsun-Kurse an.

Es gibt sechs Standorte der EWTO-Schulen (Europäische WingTsun Organistation) in Wien. Alle Infos findest du auf deine-selbstverteidigung.at Die Stundenpläne der einzelnen EWTO-Schulen findest du auf den entsprechenden Schulseiten. Es kann jederzeit ein Probetraining vereinbart werden, bei dem auch alle weiteren Fragen persönlich beantwortet werden.

Themen: Workout, Fitness