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Wir leben nach den zehn Geboten: Kulman & Raimondi im WOMAN-Interview

Elisabeth Kulman & Ildikó Raimondi. In "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (ab 24.1.) spielen die beiden Opernstars raffsüchtige Dirnen. Wir sprachen mit ihnen über Konkurrenz, die sieben Todsünden und was sie tun, um gute Menschen zu sein...


Wir leben nach den zehn Geboten: Kulman & Raimondi im WOMAN-Interview
© Jeff Mangione

Pralle Weiblichkeit, eingeschnürt in sexy Korsagen. Elisabeth Kulman, 37, und Ildikó Raimondi, 49, bestaunen stolz ihre Wespentaille und das Dekollete – und schmeißen sich beim WOMAN-Shooting verführerisch in Pose. In dieser aufreizenden Aufmachung stehen die burgenländische Mezzosopranistin und die aus Rumänien stammende Sopranistin auch in der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ (Premiere: 24.1.) auf der Bühne. Kulman mimt die steckbrieflich gesuchte Puffmutter Begbick und Doyenne Raimondi – sie zählt seit 20 Jahren zum fixen Ensemble des ehrwürdigen Hauses am Ring – ein Freudenmädchen, das von der geldgierigen Bordellbesitzerin an lüsterne Männer verschachert wird. „Ich selbst mach‘ mir nicht die Hände schmutzig, spiele nur meine Macht aus und lass die Arbeit von meinen Mitarbeitern erledigen. Die Oper trifft damit perfekt den Nerv der Zeit“, sagt Kulman und spart nicht mit Kritik an der heutigen Gesellschaft, „die von der Profitgier in eine Krise getrieben wird“. Raimondi pflichtet bei: „Doch alle ausbeuterischen Schurken, die ebenfalls in der Phantasiestadt Mahagonny landen und meinen, dort einen Ort der Glückseligkeit gefunden zu haben, werden eines Besseren belehrt! Die Stadt entwickelt nämlich eigene Gesetze und wer kein Geld mehr hat, wird umgebracht!“

WOMAN: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie Damen aus dem horizontalen Gewerbe spielen?

Raimondi: Wir haben uns anfangs ein wenig Sorgen gemacht, weil ja der Regisseur bestimmt, wie eine Szene gespielt wird. Bei einem Stück von Bert Brecht und Kurt Weill wäre Vieles möglich, das an die Grenze geht. Umso glücklicher sind wir über Jerome Deschamps’ Inszenierung, weil wir unglaublich saubere Mädels sind! Püppchen eben... Es gibt also kein Jugendverbot! (lacht)

Kulman: Genau! Es ist überhaupt nicht vulgär oder obszön angelegt. Schmutzig sind nur unsere Geschäfte. Aber dieser Traum vom Kapitalismus endet in Soddom und Gomorrha!
Raimondi: Bei der Uraufführung 1930 in Leipzig herrschte große Aufregung! Ich bin schon gespannt, wie das Publikum reagiert. In Wien wird die Oper ja zum allerersten Mal gezeigt.

WOMAN: Wie viel von der Rolle steckt privat in Ihnen?

Raimondi: Also ich habe keinen Zweitjob im einschlägigen Milieu. Und bin recht brav und fad! Auch von Elisabeth denke ich, dass sie niemanden verkauft! (lacht) In der Haut einer Prostituierten zu stecken, ist schon allein auf der Bühne eine Herausforderung…

WOMAN: Frau Raimondi, Sie waren die Erste, die von der „Heimat großer Töchter und Söhne“ gesungen hat. Seit 1. Jänner ist diese Version der Bundeshymne Gesetz. Sind Dirnen auch große Töchter Österreichs?

Raimondi: Alle Frauen sind das! Genauso wie ein Mädel oder eine 80jährige Oma gehören auch die Damen vom Gewerbe dazu. Man sollte Prostituierte nicht diskriminieren. Man hat schon ganz früh neben Männerzünften wie etwa Kasernen Puffs aufgestellt, um Aggressionen abzuleiten. Dieser Beruf hat schon seinen Sinn! … Ich liebe solche Extremrollen, die mit meinem echten Leben nichts zu tun haben. Ich könnte auf der Bühne stehen und kochen, bügeln und Hausaufgaben kontrollieren, aber das mache ich ja privat auch. Mein erster Sohn Luciano Raimondi – er stammt aus meiner ersten geschiedenen Ehe mit einem italienischen Fahrradgeschäftbesitzer – ist schon 24 und fertiger Modedesigner. Aber der Kleinere, Julius, 13, – aus meiner jetzigen Ehe mit dem Germanistikprofessor Herbert Zeman – braucht mich schon noch...

WOMAN: Ist es eigentlich besser, mit einem Italiener verheiratet zu sein oder mit einem Österreicher? Italiener sind schon ziemliche Machos, oder?

Raimondi: Am besten ist es mit dem Richtigen verheiratet zu sein! Egal welche Nationalität er hat. Mit meinem Exmann war ich nur fünf Jahre zusammen. Er inzwischen verstorben ...

WOMAN: Das klingt, als wäre er an gebrochenem Herzen gestorben...

Raimondi: (lacht) Nein! Er hat mich und die Scheidung sehr gut überwunden. Er starb viel später an Krebs. Ein Grund unserer Trennung war sicherlich, dass ich meiner italienischen Schwiegermama nicht willkommen war, wir hatten da unsere Schwierigkeiten. Ich war dann eine Zeit lang Alleinerzieherin, bevor ich vor 22 Jahren meinen jetzigen Mann kennenlernte. Von meinen drei Herren zuhause habe ich das Wichtigste im Leben gelernt: Gelassenheit! Die beherrschen das wunderbar und legen die Beine hoch, selbst wenn’s notwendig wäre, aufzuräumen (lacht) . Ich hingegen versuchte immer alles perfekt zu machen. Aber diesen Druck habe ich jetzt von mir genommen...

WOMAN: Haben Sie gehört, Elisabeth! Sie beschreiben sich selbst gerne als Perfektionistin…

Kulman: (lacht) Im Job bin ich das auch. Privat packt mich der Putzwahn nur, wenn wir Besuch erwarten. Georg war letztens eh ganz verwundert, dass ich hektisch noch alles verstaute, bevor ein Fotograf wegen einer Homestory zu uns kam. Er meinte: „Sonst ist dir das doch auch egal...“ Ich bin eben keine Hausfrau. Kann auch nicht kochen. Mein Freund noch weniger. Wir bestellen meist Essen nachhause oder setzen uns ins Restaurant.

WOMAN: Sie hatten im Vorjahr einen schweren Bühnenunfall, verloren für drei Monate die Stimme. War diese Zeit auch eine Bewährungsprobe für Ihre Beziehung?

Kulman: Ich hatte schon Angst, dass wir uns entfremden. Denn Georg sagt sehr oft „ich hab dich lieb“ und ihm ist diese Zuwendungsbekundung auch umgekehrt sehr wichtig. Aber ich brachte ja wochenlang keinen Ton heraus und deshalb überlegte ich mir ersatzweise Gesten. Zum Beispiel streichelte ich ihm über die Wange oder legte meine Hand auf mein Herz. Diese nonverbale Kommunikation haben wir bis heute beibehalten. Wenn wir wo sind und uns nur aus der Ferne sehen, fassen wir uns ans Herz und verstehen genau, was das bedeutet...

WOMAN: Steht da vielleicht bald eine Heirat ins Haus?

Kulman: Nein, das finde ich nicht so wichtig. Ich brauche keinen Trauschein. Ich habe in Georg den Mann gefunden, mit dem die Gesprächsbasis einwandfrei passt. Das weiß ich sehr zu schätzen. Vor ihm war ich ja lange Single und machte Bekanntschaft mit Männern, denen Reden zuwider war. Oft gab es jahrelang dumme Missverständnisse. Es ist, wie auch das Stück zeigt, eben nicht leicht ein guter Mensch zu sein.

WOMAN: Leben Sie privat eigentlich immer nach den zehn Geboten?

Raimondi: Ja. Ich töte nicht, begehre nicht einen anderen, bin meinem Mann seit 20 Jahren treu....Okay, manchmal erlaube ich mir kleine Lügen. Aber die wirken eher positiv.

WOMAN: Ein Beispiel, damit Ihr Mann das gleich nachlesen kann.

Raimondi: (lacht) Ich sage ihm: „Du schaust heute besonders gut aus!“ Dabei schaut er normal aus wie immer. Aber das ist noch keine Sünde.

Kulman: Das könnte ich nicht. Ich bin furchtbar direkt! Wenn Georg schlecht ausschaut, frage ich ihn eher, was los ist und kümmere mich um sein Wohlbefinden.

WOMAN: Also auch Ihnen sind die sieben Todsünden – Wollust, Völlerei, Geiz, Zorn, Faulheit, Hochmut und Neid – fremd. Nicht schlecht, wo wir doch in einer wahren Neidgesellschaft leben. Und gerade Sie beide in der Oper tagtäglich erleben, dass die Konkurrenz nicht schläft...

Raimondi: Neidisch zu sein ist ein Zustand, der einem selbst das Leben schwerer macht. Deshalb bemühe ich mich, nicht neidisch zu sein. Klar habe ich mich früher auch gefragt: „Warum darf die das singen und ich nicht?“ Aber da folgte schnell der Gedanke: „Das ist schon okay...“ Man muss in diesem Punkt an sich selbst arbeiten!

Kulman: Aber wenn man es soweit gebracht hat, wie wir, lässt das nach.

Raimondi: Da dreht sich der Spieß um und man muss lernen mit dem Neid der anderen zu leben!

WOMAN: Bühnenunfälle oder Schwangerschaften sind wohl gute Gelegenheiten für neidische Kollegen, die auf eine Rolle oder Position spitzen...

Kulman: Schwangerschaften sicher! Deshalb kommen die meisten Mütter auch relativ bald wieder aus der Babypause zurück.

Raimondi: Ich habe bereits vier Wochen nach der Geburtmeines ersten Sohnes eine CD aufgenommen. Solange man kein Star ist, den alle hofieren, kann es sich keine leisten, lange wegzubleiben. Da muss man schon zur absoluten Spitze gehören wie Anna Netrebko...

Kulman: Aber niemand ist so bösartig, dass er Schadenfreude verspürt, wenn ein Kollege einen Bühnenunfall hat. Als ich die Stimme verlor bekundeten mir Freund und Feind gleichermaßen ihr Mitgefühl. Das war für alle ein Schock!

Raimondi: Ich merke hier im Haus, dass die Kollegen immer mehr zusammenhalten. Es ist kein Geheimnis, dass auch die Opernhäuser die Finanzkrise spüren. Aber je mehr gespart wird, umso mehr rückt man zusammen und entwickelt eine schöne menschliche Seite: Solidarität! Auf’s Dachl kriegt eh jeder eine von uns. Da will man sich nicht auch selbst noch bekämpfen. Dergroße Mythos: „Diva hasst andere Diva“ ist heute nicht mehr zeitgemäß.

WOMAN: Aber es strömen doch aus aller Welt die jungen Talente nach Wien!

Kulman: Stimmt. Früher waren es vor allem Russen, heute sind auch die Asiaten sehr stark. Und die sind phantastisch ausgebildet! Bis jetzt fehlt’s noch am letzten Schliff, aber bald nehmen sie uns vielleicht unsere Jobs weg.

Raimondi: Wenn man ein Lyrischer Sopran ist wie ich und 100 Bewerber auf eine Rolle warten, spürt man das gewiss. Aber zum Glück hat mich meine Mutter zuhause im ungarischen Arad Furchtlosigkeit gelehrt. Sie besaß ein Buch, wo drin stand, dass man Kindern mit Nichts Angst machen darf. Weder mit Geistern, Fremden noch mit der Dunkelheit....

WOMAN: Sind Sie deshalb als Kleinkind Nachts immer ausgebüxt?

Raimondi: Ja! Ich konnte kaum laufen, gewöhnte ich mir das schon an: Wenn es draußen finster wurde, verschwand ich und streifte allein in der Gegend herum: in den Nachbarsgärten, auf der Straße oder Scheunen. Und wenn es dabei noch blitzte und donnerte, fand ich es am allerschönsten!

Interview: Petra Klikovits