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WOMAN-Fachinterview: Wie ideales Lernen in den Ferien gestaltet werden soll

Während die meisten Kinder und Jugendliche derzeit ohne Reue ihre Ferien genießen können, heißt es für viele lernen, lernen, lernen: 60.000 bis 70.000 SchülerInnen hatten im Schuljahr 2009/2010 ein oder mehrere Nicht Genügend in ihrem Zeugnis. Doch wie lernt man in den Ferien richtig? Wie viel Erholung ist notwendig? Mag. Doris Pühringer, Akademische Sonder- und Heilpädagogin und Psychotherapeutin, beantwortet brennende Fragen im WOMAN-Interview.


WOMAN-Fachinterview: Wie ideales Lernen in den Ferien gestaltet werden soll
© privat

Wie viel Erholung bzw. echte Ferien (ohne Lernstunden) brauchen Schulkinder überhaupt?

Pühringer: Wichtig ist, dass die Kinder jetzt einmal raus können aus den eingeschränkten Zeitstruktu-ren und dem Schulalltag. Die Erholungszeit ist für jedes Kind individuell. Nach bereits zwei Wochen stellt sich bei Kindern die Langeweile ein, sollten sie nur vor Computer und TV-Programmen sitzen. Wichtig ist, dass am Anfang der Ferien die Auszeit genossen wird, diese bewegungs- und abwech-lungsreich gestaltet ist und dann im August wieder an kleine und regelmäßige Lernschritte gedacht wird – damit der Einstieg auch wieder gut gelingt.

Sind die Noten mittelmäßig oder sogar schlechter ausgefallen, kommen schnell Unzufriedenheit und Sorge auf. Wie sollen lernbedürftige SchülerInnen in den Ferien gefördert werden?

Pühringer: Negative Noten bauen sich langsam auf. Ferien dienen dazu, sich auf wenige Punkte gut konzentrieren zu können. Die schulische Struktur fällt weg und es steht Zeit zur Verfügung, sich um Lernprobleme zu kümmern, die man für das nächste Schuljahr ändern möchte. Es ist sinnvoll, sich rechtzeitig einen Plan zu machen. In diesem Plan sollte die Auszeit und danach ein Trainingsplan – am besten mit Profis (wie mit einem Lerncoach oder einem Lerntherapeuten) – erstellt werden.

Die Angebote rund ums Lernen in den Ferien sind vielfältig: Neben der "klassischen" Nachhilfe in allen Gegenständen können verschiedene Lerncamps und Intensivkurse besucht werden. Eltern sind bei der Auswahl dieser Angebote oft überfordert. Was können sie Ihnen raten?

Pühringer: Wichtig wäre, mehr über den Veranstalter herauszufinden; entweder auf der Homepage oder durch persönliche Gespräche. Wenn ein Anbieter nur Sommercamps für das Lernen offeriert und keine Erfahrung im Umgang mit Kindern hat, fehlt der Einblick in die Struktur und in die Ziele der An-bieter. Wichtig wären die Erfahrungen des Anbieters, die Ausbildungen der PädagogInnen und die persönliche Kontaktaufnahme. Mir gefällt es besonders gut, wenn zu lesen ist, dass Kinder mit Prob-lemen erwünscht sind. Hier ist beispielsweise eine positive Grundstimmung spürbar. Wenn Eltern nach einem persönlichen Gespräch ein gutes Gefühl haben, dass ihr Kind gut betreut wird, dann den-ke ich, dass das Angebot passt. Wichtig ist, dass auch das Kind bei der Entscheidung eingebunden wird und für Notfälle (Heimweh) klare Vereinbarungen getroffen werden.

In so genannten "School warm-up"-Lernwochen wird der Vorjahresstoff der Hauptgegenstände wiederholt. Ist dieses Angebot auch SchülerInnen mit guten Noten anzuraten?

Pühringer: Die Idee ist gut, Kindern die Möglichkeit zu bieten, wieder in den Schulalltag hineinzuwach-sen. Den ganzen Schuljahresstoff anzubieten, finde ich nicht notwendig. Meiner Meinung nach geht es darum, das Wesentliche herauszufiltern. Die Kinder sind sehr Reiz überflutetet. Wenn der ganze Jahresstoff wieder angeboten wird, besteht die Gefahr, dass sich die Kinder nicht mehr auf die Schule freuen. Das Risiko, dass negative Stimmungen groß gezogen werden, ist relativ hoch. Grundsätzlich sollten Lernwochen Lust auf das neue Schuljahr machen.

Wann profitieren SchülerInnen von einer Gruppen- bzw. Einzelbetreuung?

Pühringer: Einzelbetreuung ist sinnvoll, wenn individuelle Probleme und Teilleistungsschwierigkeiten beim Kind vorhanden sind. Wenn Kinder mit spezifischen Problemen im Gruppenprozess Anweisun-gen nicht folgen können, oder wenn Kinder schüchtern sind, Fragen zu stellen oder sie das Gefühl haben, andere sind schneller und besser, dann wird ein Kind mit einer Schulproblematik in der Grup-penbetreuung nicht profitieren können. In diesem Fall wäre ein Einzeltraining anraten. Schön wäre es, wenn in einem Institut Einzel- und Gruppenbetreuung angeboten wird, damit Kinder beides erleben können. Bei spezifischen Schwierigkeiten ist immer Einzelbetreuung sinnvoller.

Welches Ferien-Lernprogramm raten Sie Kindern mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie (Rechenstörung)?

Pühringer: Diese Diagnosen sind sehr weit gefächert, weil dies ein individuelles Problem ist. Hier wür-de ich schauen, welche Kernproblematik vorhanden ist (ganzheitliche Diagnostik) . Wie bereits er-wähnt ist bei spezifischen Problemen eine Gruppenbetreuung nicht sinnvoll, weil es hier um eine diffe-renzierte Bearbeitung geht. Hier sind Einzeltrainings anzuraten. Das Lerntraining muss spezifisch gestaltet sein, und für das Kind mit der individuellen Problematik maßgeschneidert sein.

Welche Lernziele raten Sie bei Nachprüfungen?

Pühringer: Das sollte sicher am Anfang der Ferien geplant werden und nicht erst am Ende der Ferien. Sonst ist die Krise vorprogrammiert, dass man in zwei Wochen Nachprüfung zu absolvieren hat. Hier wäre es sinnvoll zu hinterfragen, was fehlt und warum ist es soweit gekommen. Ein Nachhilfeinstitut sollte bereits am Anfang der Ferien gesucht werden, um sich rechtzeitig anzumelden und die restli-chen Ferien ganz genießen zu können. Vor allem wenn die Eltern-Kind-Beziehung angespannt ist, dann rate ich, eher ein Nachhilfeinstitut aufzusuchen.

Motivationsprobleme gehören zu den Hauptschwierigkeiten beim Lernen. Welche Lerntipps für die Lernmotivation in den Ferien können Sie unseren Lesern verraten?

Pühringer: Ein Lernplan erlaubt mir meine Lernschritte klar zu verfolgen und meine Erfolge überprüfen zu können. Somit kann ich mich mit Zeitgutschriften oder anderen Ideen belohen und freue mich über meinen persönlichen Erfolg. Ein guter Plan und Überblick erlaubt mir viele Freiheiten und vor allem wieder mehr Freizeit für alles, was Spaß macht! Hier möchte ich Ihre LeserInnen einladen, alle von mir empfohlenen Lerntipps zur Lernmotivation unter www.apaedo.at nachzulesen.