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Liebesroman-Finale: alternative Folgen

Thomas Glavinic schrieb das erste Kapitel des großen WOMAN-Liebesromans, viele Leserinnen und auch einige Leser setzten die Story von Niko & Lina fort. Und jetzt kommt das lang ersehnte Finale.


Liebesroman-Finale: alternative Folgen
© Sebastian Reich/News

Bestsellerautor Thomas Glavinic begann in der Ausgabe 14 vom 4. Juli mit dem großen WOMAN-Liebesroman und stellte die Protagonisten vor: die Wienerin Lina & Niko aus Berlin. Auf einem Fest laufen sie sich über den Weg, es funkt zwischen ihnen. Aber hat eine Fernbeziehung überhaupt eine Chance? Die Literaturagentin fliegt zu einer Buchmesse nach Rom, da mailt ihr Niko ein E-Ticket nach Berlin. Sie zögert, denn ihre letzte Affäre mit einem verheirateten Mann schmerzt noch sehr. Lina wendet das Blatt und sendet Niko ein Ticket auf die griechische Insel Zakynthos. Im Flugzeug begegnet ihr der Ex, Arik. Am Flughafen empfängt Lina Niko, aber er ist nicht alleine. Anai, angeblich eine Freundin aus Studientagen, ist eine vermögende Griechin mit wunderschönem Haus am Strand. Lina ist verunsichert. Was läuft bei den beiden? Beim nächtlichen Schwimmen tritt sie sich einen Seeigel in die Ferse. Niko bringt sie ins Krankenhaus und kümmert sich rührend um die Verletzte. Der anschließende erste Sex lässt Lina aber enttäuscht zurück. Da bringt Anai einen Freund ins Haus – es ist Arik …

Letzte Folge.

Die Gewinnerin des Finales ist keine Unbekannte: Eva Heinzl, 52, war die Gewinnerin der zweiten Folge und hat uns jedes Mal ihre Fortsetzung geliefert. Was ihr Niko und Lina bedeuten, liest du in WOMAN 23/2014 auf Seite 169. Und jetzt viel Spaß mit den alternativen Folgen.

Alternative Folgen.

Von: Renate Wörndl.

„Hi, Arik.“
„Ciao Bella.“
Was soll das denn, dachte Lina gereizt.
Im selben Moment hörte sie Niko fragen: „Ihr kennt euch?“
Sie gestikulierte mit den Händen. „Ja, darf ich vorstellen: Arik, mein Exliebhaber, mit dem ich bisher den besten Sex hatte.“ „Niko …“ Sie wusste nicht so recht, wie sie Niko betiteln sollte. Sie hatte es ausgesprochen und bereute es sogleich. Niko so zu kompromittieren! Wie konnte sie nur? Aber es ging ihr schlicht und einfach alles auf die Nerven. Momentan herrschte Stille. Ariks Augen funkelten. Niko schluckte. Anai hätte am liebsten losgelacht – so komisch war die Situation. Mit ihren Worten gab Lina Arik die Oberhand.
„So, so.“ Arik lächelte geheimnisvoll. Er sagte herablassend zu Niko: „Nicht gerade zufriedenstellend!“
„Wieso nicht?“, konterte Niko. „Wenn die Liebe nicht im Spiel ist, ist der Sex nichts wert. Diese Erfahrungen sind sicher bei dir oder soll ich sagen, bei Ihnen an der Tagesordnung.“
Lina lachte ein wenig hysterisch. Anai hatte nun genug. Sie wollte sich den Abend nicht verderben lassen, gab mit ihrer typischen griechischen Art dem Geschehen eine lustige Wende und zwinkerte Niko verschwörerisch zu. Die Flasche Ouzo wurde herumgereicht.
Lina war verwirrt. Niko schien ihre Worte mit Fassung zu tragen, jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Gut gelaunt und galant wie immer. Sie überlegte sich, wie sie reagierte, wenn ein Mann, den sie liebt, so über den gemeinsamen Sex denken würde. Sie wäre zutiefst gekränkt. Lina, wie bist du doch unfair. Nach dem ersten Mal. Und sie hoffte doch, es würde viele Male geben. Sie schämte sich. Warum nur schlitterte sie immer ins Fettnäpfchen? Sie wollte doch Niko! Nur Niko! Ob es Liebe war, konnte sie nicht sagen. Aber die letzten Tage hatten sie darin bestärkt, dass Niko es wert war, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Sie war verliebt. Das zumindest konnte sie ohne Wenn und Aber sagen. Und das beruhigte sie. Und Linas Gedanken spielten verrückt, kreisten um die Wiedergutmachung. Ab und zu erhaschte sie einen Blick von Niko, konnte ihn aber nicht deuten.
Der Morgen danach war ernüchternd. Lina lag alleine im Bett. Wo war Niko? Sie entdeckte ihn am Strand mit Anai. Lina hatte immer noch nicht herausgefunden, welche Rolle Anai übernommen hatte. Es konnte doch kein Zufall sein, dass sie alle bei Anai gelandet waren. Lina beschlich ein Gefühl von Planung. Aber wozu?
Das Frühstück verlief trotz allem locker und unbeschwert. Als hätte es den letzten Abend nicht gegeben. Von Arik keine Spur.
Sie habe Arik auf eine Annonce hin kennengelernt, erzählte Anai. Er war auf der Suche nach einer geeigneten Kulisse für seinen neuesten Film. Da er auch Regie führen würde, wollte er sich persönlich von allen Gegebenheiten überzeugen und schließlich eine Auswahl treffen. Anai hatte ihm ihr Haus für die Dreharbeiten angeboten. Seine charmante, überzeugende Art gefiel ihr. Und alles andere ginge sie nichts an. Seine Familie soll entzückend sein.
„Arik ist ein Filou. Nichts für dich Lina. Er ist oberflächlich. Nicht geeignet für eine Liebe.“
Dem konnte Lina nur zustimmen. Es tat auch nicht mehr weh, über ihn zu sprechen. Und sie würde sich damit abfinden müssen, dass sie ihm ab und zu über den Weg lief.
„Willst du den besten Sex aller Zeiten erfahren?“, flüsterte ihr Niko ins Ohr.
Sie tat überrascht, hatte sie doch daran gedacht, ihn zu verführen. In ihr begann es zu kribbeln. Sie begehrte ihn, daran bestand kein Zweifel.
40 Minuten später lagen sie atemlos und benommen auf der Stranddecke. Es fühlte sich fantastisch an. Beide wussten, es war etwas Unglaubliches passiert.
„Meinst du nicht, es passt perfekt?“, murmelte Niko.
Sie konnte nur nicken und hatte Tränen in den Augen. Wie hatte sie sich doch geirrt!
Eng umschlungen genossen sie die letzten Sonnenstrahlen auf Zakynthos.
Lina nahm ihr Gepäck vom Rollband und steuerte auf den Ausgang zu. Eine SMS von Niko: „Bin sicher in Berlin gelandet, es regnet. Kann es kaum erwarten, dich wieder zu sehen. Du fehlst mir schon jetzt.“
Sie würde sich ein Taxi nehmen. Ihr verletzter Fuß war noch verbunden und tat ihr weh. Warum hatte sie ihn auch unbedingt in den Schuh zwängen müssen. Sie hätte auf Niko hören sollen.
Eine bekannte Stimme rief ihren Namen.
„Mama, woher weißt du …?“
Neben ihrer Mutter stand Jojo.
„Na, du bist mir eine“, wurde sie von ihrer Freundin begrüßt. Schmatz von beiden links und rechts auf die Wangen. „Auch wir haben Geheimnisse, nicht nur du“, lachte Jojo.
Lina hätte schwören können, dass sie jedes auch noch so kleine Detail von Jojo wusste. Nun erfuhr sie von Jojos Bekanntschaft mit Anai. Zufall. Regelmäßige Telefonate. Austausch von Neuigkeiten. Und … Den Rest konnte sich Lina zusammenreimen. Und das Treffen mit Arik? Geschickt eingefädelt, die Filmrecherchen kamen Anai zu Hilfe.
Und Niko? Eine lange innige Freundschaft mit Anai, so wie Niko es gesagt hatte.
Lina war sprachlos. So was gibt’s doch gar nicht. Ein Roman könnte nicht besser geschrieben sein.
Plötzlich wusste Lina, was sie machen wollte: Sie würde eine Geschichte verfassen. Ihre eigene Geschichte. Die Trennung von Arik – Das Kennenlernen von Niko – Der Aufenthalt in Rom – Die Einladung nach Berlin – Die Reise nach Zakynthos – Die Begegnungen und Ereignisse auf Zakynthos – Niko – Niko und Lina.
Das Ende der Geschichte? Das konnte sich Lina noch nicht vorstellen. Noch nicht!
Vergnügt über ihre Eingebung schrieb sie sofort an Niko.
„Habe beschlossen, nun selbst Autor zu werden. Glaubst du, dass ich in Berlin für mein Buch Abnehmer finde?“
„Kommt darauf an, wie interessant es ist.“
„Sehr, die Handlung ist einzigartig. Kaum zu glauben, aber wahr.“
„Wie willst du das Buch betiteln?“
„Lina und Niko.“
„Lina und Niko?“
„Ja!“
„Und wie wird sie ausgehen, deine Lina-und-Niko-Geschichte“?
„Wer weiß. Das Ende ist noch offen.“
Nun hieß es aber wieder, Geld zu verdienen. Die versäumte Arbeit in Rom musste nachgeholt werden. Jeden Abend fiel Lina todmüde ins Bett. Ohne jedoch nicht vorher noch mit Niko telefoniert zu haben.
Die Wochen vergingen, bis sie endlich in ihre Arbeit Pausen einlegen konnte, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Das Buch nahm konkrete Formen an. Manchmal wusste sie nicht mehr, war das Wirklichkeit oder Fantasie? Und immer wieder entkam ihr ein Lachen, so grotesk erschien ihr das Erlebte.
SMS von Niko: ”Wie gefällt dir das Haus?“
SMS an Niko: „Traumhaft. Lande Samstag, 10 Uhr.“

Von: Klaudia Rank.

„Du hier?“, fragte Arik erstaunt.
Der Triumph hätte Lina gefallen. Verliebt vor ihm zu stehen, händchenhaltend mit Niko. Ihm ins Gesicht zu grinsen. Ein Leuchten in den Augen zu haben, das nicht er hervorgerufen hatte. Doch bitter fühlte sich die Niederlage an. Wie ein Messerstich bohrte die Eifersucht in ihr Herz, als er so vor ihr stand. Anai hing an seinem Arm und strahlte ihn an. Lina konnte die Gier in ihren Augen lesen. Das Prickeln, die Vorfreude, die auch sie erst vor ein paar Stunden empfunden hatte und die dann jäh im Keim erstickt wurde. Doch sie wusste, würde es zwischen Arik und Anai so weit kommen, hätte sie ihn endgültig verloren. Eine Erkenntnis, die sie mit einem Schlag hellwach werden ließ, obwohl Mitternacht vor der Tür stand. Wie hatte sie so blind sein können. Mit einem Mal erkannte sie, dass sie sich seit der Trennung von Arik nur etwas vorgemacht hatte. Sie hatte es nicht geschafft, ihn aus ihrem Herzen zu verbannen. Wie hatte sie so blind sein können! Stattdessen hatte sie sich in eine Liebesgeschichte verrannt.
„Und was machst du hier?“, antwortete Lina mit einer Gegenfrage.
„Ich habe Anai zufällig in einer Bar im Ort getroffen. Sie ist eine alte Freundin“, meinte er.
Täuschte sie sich, oder schwang in seiner Stimme eine Entschuldigung mit?
„Ja, so ein herrlicher Zufall“, kicherte Anai, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Arik auf den Mund.
„Woher kennt ihr euch denn?“, fragte Anai erstaunt.
„Aus Wien“, antworteten Lina und Arik gleichzeitig, als ob damit alles gesagt wäre.
„Lasst uns noch ein Glas Retsina trinken“, mischte sich Niko ein und verschwand im Wohnzimmer. Geschickt öffnete er die Weinflasche.
Lina hielt sich an ihrem Glas fest, nippte am Wein und beobachtete Niko, Arik und Anai. Die drei unterhielten sich angeregt, Anai genoss es sichtlich, von beiden Männern umgarnt zu werden. Sie strich Niko über den Arm oder fuhr Arik übermütig durchs Haar. Es ist doch wirklich ein komischer Zufall, dachte Lina. Da flog sie nach Zakynthos, um eine neue Liebe zu beginnen, nur um dann festzustellen, dass ihr Herz nicht frei war. Und plötzlich war sie überzeugt davon, dass diese Begegnung kein Zufall war, sondern das Schicksal Arik und sie auf dieser griechischen Insel wieder zusammengeführt hatte. Und seinem Schicksal konnte niemand entgehen. Sie beschloss, etwas zu unternehmen. „Soll ich dir das Haus zeigen?“, bot Lina Arik an.
„Oh ja, gute Idee“, stimmte Anai zu, nahm entschlossen Ariks Hand und zog ihn aus dem Zimmer.
Lina wollte ihnen folgen, doch Niko stellte sich ihr in den Weg und schnurrte: „Lass doch die beiden. Wir gehen wieder ins Bett und machen es uns noch ein bisschen gemütlich.“ Er zog sie heran und wollte sie küssen.
Unwirsch schob sie ihn weg. Hatte er denn nichts begriffen? Nichts gefühlt? Ihre Enttäuschung nicht bemerkt?
Scheinbar nicht, denn er sagte verstimmt: „Dann komm halt nach, ich gehe jedenfalls ins Bett.“
Lina folgte Anai und Arik. Sie hörte ihre Stimmen im Garten. Wünschte sich an ihre Stelle. Als sie hinaustrat, sah sie, wie Anai ihr Kleid über den Kopf zog und in Unterwäsche in den Pool sprang. Arik lachte, streifte seine Leinenschuhe ab, zog Hose und Hemd aus, und bevor Lina den Pool erreichte, tauchte er ins Wasser. Neben Anai kam er prustend an die Oberfläche.
Was sollte sie tun? Zu den beiden an den Pool gehen oder sich diskret zurückziehen? Würde er sich von Anai verführen lassen? Unschlüssig stand sie hinter einer Palme. Doch jemand nahm ihr die Entscheidung ab.
Ambrosius eilte aus dem Haus und rief wütend: „Anai, was machst du da mit fremde Mann im Wasser? Bist du verruckt?“ Er stand vor dem Pool, gestikulierte wild mit seinen Händen und redete auf Griechisch auf sie ein.
Anai beschwichtigte ihn: „Ist ja schon gut. Gib mir bitte ein Handtuch.“
Lina beobachtete, wie sie aus dem Pool stieg und sich von Ambrosius in das Handtuch wickeln ließ.
„Wer ist das?“, fragte Ambrosius und nickte abwertend in Ariks Richtung.
„Nur ein Freund von früher“, meinte sie und drückte Ambrosius einen Kuss auf den Mund.
„Schon wieder? Woher du nehmen all die alten Freunde?“, meinte er ungläubig und spielte damit auf Niko an.
Doch sie ging nicht auf seine Frage ein, sondern sagte: „Ich gehe mir schnell was anderes anziehen.“
Lina trat hinter der Palme hervor und stellte sich neben Ambrosius, der unschlüssig am Beckenrand stand.
Arik zog ein paar Bahnen im Pool. „Komm doch du rein“, forderte Arik Lina auf.
„Nein, selbst wenn ich wollte, geht es nicht, denn meine Wunde darf nicht nass werden.“
„Du bist verletzt?“, fragte er interessiert, schwamm an den Beckenrand und stieg die Leiter hinauf. Seine nassen Muskeln glänzten im Schein des Mondlichts.
Lina atmete flach. Oh ja, er hatte einen schönen Körper. Mit dieser Erkenntnis stieg die Erinnerung an vergangene Zeiten in ihr hoch. Die Nächte, als sie neben ihm gelegen hatte und seinen Körper liebkoste …
Er schnappte sich ein Handtuch und band es um seine Hüfte. „Sag mal, ist Niko dein neuer Freund?“
Täuschte sie sich, oder hörte es sich so an, als ob ihm diese Frage schon seit längerer Zeit auf der Zunge gebrannt hätte?
Sie antwortete nicht und fragte stattdessen: „Was ist mit deiner Familie?“
Er nahm sein Weinglas vom Tisch, setzte sich auf einen Gartenstuhl und schlug die Beine übereinander.
Lina blieb neben ihm stehen.
„Wir haben uns schon lange getrennt. Endgültig. Ich hatte versucht, es dir zu sagen, doch du hast nie auf meine Anrufe geantwortet.“
Lina erinnerte sich. Sie war damals so verletzt gewesen, dass sie es nicht ertragen hätte, seine Stimme zu hören. Sie schnappte sich Anais Weinglas und trank einen großen Schluck. Konnte es sein, dass sie durch ihre Verbohrtheit alles verdorben hatte? Hätte sie ihrer Liebe durch ein Gespräch noch eine Chance geben müssen? War nun alles zu spät? Verlegen drehte sie sich um und suchte Ambrosius, doch er schien auch ins Haus gegangen zu sein.
Arik beugte sich vor und griff nach ihrer Hand. Dann zog er sie vorsichtig zu sich auf den Schoß. Das nasse Handtuch rutschte hinunter. Er wollte sein Glas wieder auf den Tisch stellen, doch er verfehlte sein Ziel und es landete klirrend auf dem Boden. „Scherben bringen Glück“, flüsterte er, bevor er sie zu einem Kuss verführte.
Sie ließ sich fallen. Spürte, das es richtig war, das es sich gut anfühlte, ließ zu, dass das Schicksal seinen Lauf nahm.

Thema: Liebesroman

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