Ressort
Du befindest dich hier:

Teil 8: WOMAN-Liebesroman

Thomas Glavinic begann ... mit dem WOMAN-Liebesroman, Leserinnen schrieben die Story von Niko & Lina weiter. Werden sich die beiden finden? Wir drucken in der nächsten Ausgabe das Finale ab.


Teil 8: WOMAN-Liebesroman
© Sebastian Reich/News

Der Bestsellerautor Thomas Glavinic begann vor neun Ausgaben mit dem großen WOMAN-Liebesroman und stellte die Protagonisten Lina aus Wien und den Berliner Niko vor. Auf einer Party sind die beiden einander begegnet, ein Wiedersehen war nicht vereinbart, sie kennen einander kaum. Als die Literaturagentin Lina zur Buchmesse nach Rom fliegt, lädt Niko sie mit einem E-Tickets nach Berlin ein. Doch die toughe Agentin zaudert, ihre letzte Affäre mit dem verheirateten Arik hat sie noch nicht wirklich überwunden. Eigenwillig schickt Lina Niko ein Flugticket für Zakynthos. Im Flugzeug läuft ihr der Ex über den Weg, aber sie ignoriert das böse Vorzeichen. Als Niko sie abholt, ist der gutaussehende Berliner nicht alleine, neben ihm steht die reiche Griechin Anai. Lina ist verunsichert. Wie tickt die schöne Frau? Welche Rolle spielt ihr Koch Ambrosius? Nach einem Strand-Dinner und einem spontanen Sprung ins Meer spürt Lina Niko ganz dicht hinter sich. Endlich! Doch beim abendlichen Schwimmen steigt Lina auf einen Seeigel und wird ins Spital transportiert.

Wie geht es weiter?

Die Gewinnerin der Folge, Regine Koth Afzelius, beschreibt, wie sich Niko um die angeschlagene Lina kümmert. Doch welchen Plan hat Anai im Sinn?

Regine Koth Afzelius

"Du hast es dir verdient!", sagte die Freundin, nachdem Lina ihre Frage, ob sie verliebt sei, bejaht hatte. Kurz plauderten sie über den Stand der Dinge, und Lina beendete das Gespräch, weil Niko mit dem Pfleger samt Rollstuhl zurück ins Krankenzimmer kam. Schon rollte sie auf den Spitalsgängen Richtung Ausgang, schon saßen sie im Auto, schon fuhren sie auf der Schotterstraße, schon atmeten sie wieder Meer. Alles hatte sich gut gefügt, sie sprachen kaum und waren doch einig. Der Himmel flirrte milchigblau, Linas Sinne weiteten sich und sie verschwendete keinen Gedanken mehr an den Albtraum der vergangenen Stunden.
Mit Ambrosius musste man nicht so schnell rechnen, zwar dürfte er gekocht haben, denn würziger Duft hing im Haus, als sie zurückkehrten, aber er hatte seinen freien Tag, und auch Anai war unterwegs. Sie komme erst spät - und möglicherweise in Begleitung, zwinkerte sie zwischen den Zeilen, die sie auf einem Zettel hinterlassen hatte. So lag das Haus knisternd still, als ahnte es, was sich wenig später alles in ihm zusammenbrauen würde.
Die besten Stunden sind die vor dem ersten Sex, dachte Niko beschwörend, bemühte sich, Geduld in sich zu mobilisieren und saß zu Linas Füßen. Er ließ das gute Vorgefühl in sich aufsteigen. Die Idee von Sex hatten beide von Anfang an zwischen sich gespürt, und auf dieser Welle waren sie bis hierher geritten. Nun kam die Zeit für den Nahkampf. Er war jetzt ihr Pfleger und sank erst harmlos in Kurven und Knöchel. Betrachtete lange das eine, das heile Bein. Lina war verlegen, weil der Verband jetzt nicht den letzten Schrei des Erotischen darstellte, doch Niko liebkoste mit magischer Hand unbeirrt Fessel und Ferse, küsste Muskeln, strich über die Schwünge der Sohle, bis ihre Gedanken verstummten und in einem Zeitloch verschwanden. Sie war benommen von einer trägen Hingabe, die prickelnd in ihr strömte. Ich hab es mir verdient, sagte sie sich, wohlverdient! Und das Glück schien ihr umso gefestigter. Voller Hoffnung wurde sie zu Genuss. Er fuhr mit dem Daumen am Muster der Sehnen, massierte flauschig die Zehen, streichelte vom Fuß zum Bein, zur Kniekehle. Glitt vom Bein ein Stück hinauf in die geheimnisvolle Welt des Schnurrens. Tastete. Der Entdecker. Lina griff ihm ins Haar. Mit zarten Küssen hatte er sich genähert, Wärme floss in ihr, fiebrig und pulsierend. Die Luft brannte. Eine kleine Knospe erforschte er besonders, begann, sie mit winzigen, nassen Kreisen zu umgarnen und zu erobern. Linas Atmen und Seufzen lenkten seine Bewegungen. Er selbst atmete an ihr entlang und roch in sie, und sie schmeckte ihm, überall. Wie eine Katze schmiegte sie sich an ihn, er bedeckte sie mit Küssen aufwärts, und sie bot ihm den Hals. Bis er dort hauchte und saugte und biss, sacht. Lina legte die Arme über den Kopf und drückte den Rücken durch. Und Niko presste seinen Körper eng an sie, spannte ihn gleich einem Bogen, drückte den Schenkel an, streichelte erst ihr Gesicht, hielt sanft dann ihren Kopf mit den Händen, kam nah mit seinem Mund an ihre Oberlippe. Ihr Mund kam seinem entgegen und der Kuss trieb die Begierde hoch, ein Wellengang wie draußen. Sie schmolzen weiter ineinander und begannen gleichzeitig, Stoff zu entfernen, um Haut zu fühlen. Und klingeling, sprang eine ansehnliche Kraft aus dem Käfig und läutete an für den Liebesakt. Ein Griff, gekonnt, und Gummi rollte über die Gefahr und plötzlich ging alles schnell. Zu schnell. Zwar rieb sein Schamhügel kurz vielversprechend an ihr, doch Niko raste ans Ziel. Sie wollte - da war es schon vorbei.

Mit einem Schlag setzte die übliche Zeitrechnung wieder ein. Gedanken, vorher weggesperrt, prasselten auf das soeben Geschehene. Niko lag auf ihr, und Lina musste sich erst sammeln und verstehen, was passiert war. Sie fühlte eine große Enttäuschung in sich aufsteigen. Nicht, weil etwas beim Sex schiefgelaufen war. Sie mochte Niko und würde ihm das für sie Nötige beibringen können. Aber weil sie so sehr gehofft hatte, dass Sex mit Niko ihre nichtsnutzigen Erinnerungen an den besten Sex ihres Lebens ein für alle Mal tilge. Und das würde so rasch nicht der Fall sein, dieser Wahrheit konnte sie gleich ins Auge sehen. Und während diese Gedanken sie bereits eintrübten, hörte sie Stimmen im Haus. Anai war gekommen, so viel war klar. Lina konnte nicht hören, was gesprochen wurde, aber Fröhlichkeit und ausgelassene Laute drangen bis zu ihr. Und sie nahm die zweite Stimme wahr, die männliche, und ihr Atem stockte. Sie kannte diese Stimme. Bevor sie noch eine bewusste Zuordnung finden konnte. Sie. Kannte. Diese. Stimme. Und fühlte sich mit einem Mal dem Körper fremd, der auf ihr lag, fühlte sich allem und jedem fremd, entzog sich vorsichtig, indem sie Niko sacht von sich hinab und auf die Seite drehte, vorgab, dass der Fuß schmerzte. Dabei schmerzte er sogleich wirklich in dem Moment, in dem sie mit einem Mal alles schmerzte und das Glück augenblicklich aus ihr verschwand, wie es gekommen war. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich aus dieser Situation heil herauswinden konnte. Und Anai klopfte keck an die Zimmertür ...
"Seid ihr noch wach", fragte sie. "Trinkt ihr noch einen mit? Ich möchte euch jemanden vorstellen!" Soll ich heucheln? Wird er heucheln?, fragte Lina sich. "Was macht man da?", sagte sie laut. Der Puls schlug schneller, als das Herz es vertrug. Niko, der soeben aus einer völlig anderen Welt neben ihr auftauchte, bereits bunt sich aufrichtete und von alldem nichts ahnte, ahnen konnte, sah sie fragend an, ob sie Lust auf die Gesellschaft der beiden anderen habe. Diese Naivität machte sie erst zornig, stimmte sie aber einen Augenblick später milde. Verzweifelt klammerte sie sich an ihn, der so anders war als der Tunichtgut davor. Sie streifte tapfer das Kleid über und bot draußen den beiden die Stirn, Niko an ihrer Seite. Der ließ sich den Freund vorstellen. Der Raum bewegte sich leicht - oder war es doch Arik, der ein wenig taumelte, als er Lina sah? Eben hatte sie noch in verschiedener Hinsicht bitter an ihren Exfreund gedacht, leibhaftig stand er nun hier. Darin also mochten seine Recherchen auf Zakynthos geendet haben - oder kannte er Anai schon länger? Linas Untersuchungen jedenfalls fingen gerade erst an.

Alternative Folgen.

Von: Renate Wörndl.

Anai führte Lina und Niko in das Schlafzimmer im Erdgeschoß. Niko hatte darauf bestanden, Lina zu tragen, obwohl sie vom Krankenhaus Krücken mitbekommen hatte. Sie ließ es zu gern geschehen. Niko durchquerte den Raum und ließ sie auf der Terrasse sanft in eine weich gepolsterte Liege gleiten. Anai reichte ihr fürsorglich eine Tasse Tee.
„Niko, ich habe dir ein Zusatzbett gerichtet. Ich hoffe doch, dass du auf Linas Fuß Rücksicht nehmen wirst?“, brach Anai das Schweigen. Dabei lächelte sie verschmitzt.
Lina spürte die Sonnenstrahlen, die gedämpft durch den aufgespannten Schirm in ihren Körper drangen. Und trotzdem fröstelte sie ein wenig. Niko legte ihr eine Decke über, beugte sich zu ihr, flüsterte ihr zu: „Entspann dich, ich muss jetzt unbedingt duschen, bin gleich wieder zurück.“ Ein zärtlicher Kuss, und er verschwand im Haus.
Anai half Lina beim Duschen und Ankleiden. Dabei entschuldigte sie sich immer wieder wegen des Seeigels. Sie habe doch nicht ahnen können, dass … Sie hätte doch nie erlaubt, ins Wasser zu gehen, wenn… Ja, es kam vor, dass … Aber doch nicht an diesem Abend. Ja, wenn sie dies … Lina brauchte eine Menge Überredungskunst, um sie schließlich zu beruhigen. Wenn es jemandem peinlich war, dann ihr. Sie war doch sonst so vorsichtig, ging nie ohne Badeschuhe ins Wasser.
Niko! Er verwirrte sie.
Zu viert saßen sie später beim Abendessen. Linas verletztes Bein wurde so platziert, dass ja niemand daran stoßen konnte. Lina musste nochmals in allen Einzelheiten das Geschehene schildern. Und das konnte sie gut, es kam die Literaturagentin zum Vorschein. Aber dies wusste nur Niko, und er amüsierte sich köstlich. „Bravo für den Bestseller“. Niko klatschte Beifall.
Der Abend verlief ohne Pannen. Es wurde gelacht, geblödelt, und sodann folgten wieder ernste Gespräche. Ab und zu zuckte Lina zusammen, und ein leiser Schrei entfuhr ihren Lippen. Die erschreckten Gesichter ließ sie mit einem folgenden Lachen wieder entspannen.
Schließlich zogen sich die Freunde mit „Kalinichta“ zurück. Anai drehte sich nochmals um und sagte zu Niko: „Denk an meine Worte.“
„Was meinte sie damit?“, fragte Lina.
„Nun, du weißt schon, das Zusatzbett.“
„Nein, nicht das Bett, sie war zu ernst.“
„Sie sorgt sich um uns. Du hast nicht nur mein Herz erobert, sondern auch ihres. Sie mag dich“, sagte Niko daraufhin.
Lina ließ aber nicht locker. „Aber was meinte sie konkret?“, bohrte sie weiter.
„Nicht jetzt, später. Lass dies unser Geheimnis bleiben“, wehrte er ab. Sie setzte bereits wieder zu einer Frage an, kam jedoch nicht mehr dazu.
Nikos Arme umschlangen sie und seine Lippen begannen sie zu liebkosen. Beide genossen den Augenblick, gaben ihren Gefühlen nach. Das Zusatzbett blieb in dieser Nacht unberührt.
Um sich den Fragen von Anai nicht stellen zu müssen, tat Niko so, als ob, und das Bett sah wirklich nach einem unruhigen Schlaf aus. Total ungemütlich sei es gewesen. Seine Freundin sah jedoch an seinem Grinsen, dass er den Beleidigten nur spielte.
Die unbeschwerten Tage vergingen viel zu schnell. Beide wussten, dass Zakynthos bald nur mehr Erinnerung sein und der Alltag wieder seinen Lauf nehmen würde. Immer öfter unterbrach die Nachdenklichkeit die Fröhlichkeit. Wie würde es weitergehen? Sie in Wien. Er in Berlin. Die Flüge waren gebucht.
Niko hatte darauf bestanden, sie nach Wien zu begleiten und danach nach Berlin weiter zu fliegen. Sie müsse sich noch schonen, und er wollte mit eigenen Augen sehen, dass sie gut versorgt war. Das sagte er, aber Lina glaubte ihm nur zu einem Teil. Sie spürte, dass auch er nicht an den Abschied denken wollte. In den vergangenen Tagen waren sie sich sehr nahe gekommen. Lina erfuhr von seinem Häuschen im Grünen, außerhalb von Berlin gelegen. Hier lebten auch seine Eltern, er kam zum Wochenende oder zum Ausspannen. Sonst hatte er im Zentrum der Stadt eine Eigentumswohnung. Der Beruf als Immobilienmakler machte ihm Freude. Verheiratet war er noch nie gewesen, auch hatte er keine Vaterpflichten. Obwohl er gerne Kinder hätte. Natürlich war er öfter verliebt, hatte Freundinnen. Aber mit keiner konnte er sich eine Ehe vorstellen.
Lina erzählte von ihrem Beruf, ihren Reisen, ihren Vorlieben. Niko fragte und fragte. Kurze Antworten waren ihm zu wenig, er wollte jede noch so kleine Einzelheit genau erklärt haben. Sie freute sich darüber. Als die Liebe zur Sprache kam, redete sie so sachlich über Arik, als wäre er ein Gegenstand gewesen, der sie in ihrer Naivität für kurze Zeit fasziniert hatte. Punkt. Mehr gab es darüber nicht zu sagen.
Sie beschlossen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wichtig waren einzig und allein die Gegenwart und die Zukunft für sie beide.
Sie waren sich einig: Sie wollten einen gemeinsamen Weg gehen.
Aber Lina hatte Angst. Es ging ihr zu schnell. „Wie wird es sein, wenn wieder Normalität eintritt?“, fragte sie Niko.
Er lachte: „Dann ist alles so wie auf Zakynthos.“
Den letzten Nachmittag verbrachten sie mit Anai und Ambrosios. Herzlich umarmten sie sich zum Abschied und versprachen, bald wieder zu kommen. Lina konnte die Tränen nicht zurückhalten. So ging es ihr immer, wenn sie lieb gewonnene Freunde verlassen musste.
Ein Taxi brachte sie zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel Lina wieder ein: „Denk an meine Worte“ – so hatte Anai zu Niko gesagt. Und über diesen Satz hatten sie nie mehr gesprochen. Das Geheimnis war noch nicht gelüftet.
Sollte sie Niko jetzt darauf ansprechen? Verheimlichte er ihr etwas? Nein, sie wollte den Zauber von Zakynthos noch gefangen halten und glücklich sein.
Im Flugzeug wurde bereits das schlechte Wetter für Wien durchgesagt. Lina hoffte auf eine Fehlinformation, aber auch der letzte Funken Hoffnung erstarb beim Anflug. Sie kuschelte sich an Niko. Adieu Urlaub. Willkommen Alltag.
In ihrer Wohnung herrschte ein wenig Chaos. Der hektische Aufbruch nach Rom war unübersehbar. Das hatte sie völlig vergessen. Niko ging von Raum zu Raum und bemerkte anerkennend, dass ihr Einrichtungsstil ihm sehr gefalle. Er könne sich vorstellen, hier zu leben. Aber irgendwie doch nicht. Für zwei wäre die Wohnung zu klein. Lina war so nervös, dass sie seine letzten Sätze gar nicht mitbekam. Sie dachte nur daran, dass sie bald allein war. Und dann?
Es läutete an der Tür. Sie wechselten Blicke.

Von: Nashoa Fantur

Niko hielt, was er versprochen hatte. Er kümmerte sich ausgesprochen gut um seine leidende Seeigel-Patientin. Nun ja, vielleicht sogar ein bisschen zu gut …
Kichernd und mit leicht geröteten Wangen tauchte Lina unter der Bettdecke auf. Das war eben einfach unglaublich gewesen! Viel besser, als sie es sich in ihrer Fantasie ausgemalt hatte! Zwischen ihnen stimmte die Chemie einfach.
„Time out!“, japste Niko und schälte sich ebenfalls aus den Betttüchern. Er kuschelte sich dicht an sie und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Gänsehautfeeling pur. Lina sog den warmen, unverkennbaren Duft auf, den er verströmte. Dieser Moment konnte ihretwegen ruhig auf Dauerschleife laufen, dachte sie. Wenn sie diesmal wenigstens wüsste, wo sich der Repeat-Button befand … Sie sahen einander tief in die Augen, und Lina hatte zum ersten Mal seit Langem wieder das Gefühl, richtig angekommen zu sein. So musste es sich anfühlen, das pure Glück. Auf einmal machte Niko ein ernstes Gesicht.
„Sie leiden an schwer ansteckendem Liebeshunger, junge Dame. Ein paar Tage Bettruhe und intensive persönliche Betreuung durch Ihren Arzt werden dafür sorgen, dass Sie sich im Nu wieder besser fühlen“, stellte er seine Diagnose. Ohne mit der Wimper zu zucken.
Lina prustete los. Ganz schön frech, dieser verboten gut aussehende Kerl!
„Stichwort! Ich bin echt schon am Verhungern!“, flötete sie.
Während Ambrosios und Anai ihren täglichen Pflichten nachgingen, hatten sie beide genügend Inspiration gehabt, um sich den Nachmittag im Schlafzimmer zu vertreiben. Kaum vom Krankenhaus in der schönen Villa angelangt, waren sie übereinander hergefallen wie zwei ausgehungerte Raubtiere. Bloß aufs Essen hatten sie dabei vollkommen vergessen.
Niko verstand ihren Wink. Er verschwand splitterfasernackt in der Küche und erschien kurze Zeit später mit einem Tablett, beladen mit gefüllten Weinblättern, Feta, sonnengereiften Oliven, Trauben und Weißbrot im Türrahmen. Eine Flasche Retsina, Erdbeeren und griechisches Joghurt rundeten den (Augen-)Schmaus perfekt ab.
Während sie sich Griechenland am Gaumen zergehen ließen, blätterten sie gemeinsam durch Linas Reiseführer. Ein paar Sehenswürdigkeiten mussten sie schließlich noch einen Besuch abstatten, bevor es wieder heimwärts ging. Die Blauen Grotten in Agios Nikolaos und die Bucht Navagio, die bekannte Schmugglerbucht mit dem sagenumwobenen Schiffswrack, waren genau nach ihrem Geschmack.
„Weißt du was? Ich habe eine Idee!“, schmatzte Niko. „Kann ich dich für ein paar Minuten alleine lassen? Ich muss kurz in die Stadt.“
Was um Himmels willen hatte er auf einmal vor? Noch bevor sie ihn danach fragen konnte, war er aufgesprungen und in Jeans und T-Shirt geschlüpft. Er drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn, und ehe Lina ihren Bissen hinunterschlucken konnte, war er schon aus dem Zimmer geeilt. Der Motor von Anais Wagen heulte ein Mal lautstark in der Hauseinfahrt auf, dann war sie alleine. Ein wenig überrumpelt, lauschte sie dem Motorengeräusch nach, bis es schließlich in der Ferne verebbt war. Stille. Plötzlich klingelte es unten an der Tür. Wer konnte das sein? Für Ambrosios und Anai war es bestimmt noch zu früh, außerdem hatten die beiden bestimmt einen Schlüssel dabei, da war sich Lina sicher. Sie spähte vorsichtig aus dem Fenster, konnte auf die Distanz von oben jedoch nur einen dunklen Haarschopf erkennen. Vielleicht der Postbote, schloss sie, warf sich Nikos Hemd vom Vortag über und tappte nichtsahnend die Treppe hinunter. Ihr Fuß schmerzte immer noch jedes Mal, wenn sie auftrat. Schwungvoll öffnete sie die Tür, dann blieb ihr für einen Moment die Luft weg. Ihre Gedanken rasten, in ihrem Kopf hämmerte es. „DU!“, stieß sie hervor, als sie den unerwarteten Gast nun direkt vor sich stehen hatte.
„Lina? Was machst du denn hier?“
Beim Klang der tiefen Bassstimme, bei der sie einst eine wohlige Gänsehaut bekommen hatte, stellten sich ihr inzwischen die Nackenhaare auf. Hallo Vergangenheit, hätte sie am liebsten lautstark gerufen – verschwinde ein für alle Mal aus meinem Leben! Arik stand die Verwunderung groß ins Gesicht geschrieben. Seit der Begegnung im Flugzeug war er um einige Nuancen brauner geworden. Sie registrierte jeden einzelnen Stoppel seines charmanten Dreitagebarts und die Grübchen, die sie einst so an ihm gemocht hatte. Lässig fuhr er sich durch die vordere Haarpartie und entblößte zwei Reihen makellos weißer Zähne.
„Ich wohne hier!“, gab sie matt zurück und verschränkte dabei die Arme.
Er ließ seinen Blick über das großzügige Gelände schweifen und stieß dann einen Pfiff aus.
„Kann ich dir irgendwie weiterhelfen?“, fragte sie ihn, nachdem sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte, und klang dabei selbstsicherer, als sie sich in Wahrheit fühlte.
Wie sich herausstellte, waren Arik und Ambrosios langjährige erfolgreiche Geschäftspartner und für heute Abend für ein Meeting verabredet. Die Welt war tatsächlich ein Dorf. Und die Ironie des Schicksals hatte sich wieder einmal erfolgreich zu Wort gemeldet.
Wie in Trance führte Lina ihn in den Salon und schenkte ihm einen Ouzo ein. Ohne genau zu wissen, warum sie sich überhaupt die Mühe machte. Vermutlich nur, damit sie selbst ein paar Gläser kippen konnte.
Sie wechselten gezwungenermaßen ein paar höfliche Worte, warfen sich hin und wieder verstohlene Blicke zu. Irgendwann kam der Moment, den Lina im Nachhinein am liebsten aus ihrem Gedächtnis gestrichen hätte.
Er zog sie sanft zu sich, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dann hob er vorsichtig ihr Kinn und war drauf und dran, sie auf den Mund küssen.
Lina fühlte sich wie gelähmt. Etwas in ihrem Inneren krampfte sich zusammen. Bevor sich ihre Lippen jedoch berühren konnten, ertönte im Nebenraum ein Geräusch, so als ob etwas zu Bruch gegangen wäre. Die Tür zum Eingangsbereich stand einen Spalt offen. Oh nein – wenn das bloß keine Missverständnisse gab!

Thema: Liebesroman

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .