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WOMAN-Liebesroman: 3. Folge & alternative Folgen

Kultautor Thomas Glavinic startete - und bereits die dritte WOMAN-Leserin schreibt die Story weiter. Mach mit, schicke deinen Text und werde Teil unseres großen Liebesromans!

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Liebesroman
© elegeyda/ iStock/ Thinsktock

Der Starautor hat unseren WOMAN-Liebesroman begonnen: Im ersten Kapitel beschrieb Thomas Glavinic, wie sich Lina aus Wien und Niko aus Berlin begegnen und voneinander elektrisiert sind. Er bestürmt sie mit SMS, doch die Verlegerin will sich nach einer unglücklichen Affäre mit einem verheirateten Mann nicht mehr auf Gefühle einlassen. Aber er gibt nicht auf: Als sie unterwegs ist zur Buchmesse in Rom, schickt er ihr ein elektronisches Flugticket in seine Heimatstadt Berlin...
Eine Flut an Post folgte unserer Aufforderung an die Leserinnen, die Liebesgeschichte weiterzuspinnen. Wir wählten den Text von Eva Heinzl aus Wien aus, der Lina in Rom über ihren Schatten springen ließ: In einem Anfall von Mut buchte sie das Ticket für ihre Lieblingsinsel Zakynthos um, kaufte für Niko ein zweites und schickte es ihm. In Teil drei setzte Leserin Hermine Pfrogner noch eins drauf: Von ihrem neuen Selbstbewusstsein beseelt, ließ Lina alle Messetermine sausen und gönnte sich vor ihrem Abflug nach Griechenland noch einen Tag in Rom ganz für sich. Zum Bummeln und zum Träumen von Niko! In der aktuellen WOMAN-Ausgabe (ab 14. August 2014 im Handel) erfährst du, wie es bei unserer neuen Siegerin weitergeht!

Wir schreiben einen Roman!

So geht es weiter mit Lina & Niko, verfasst von WOMAN-Leserin Stephanie Kekeiss- Schertler, 32, aus Wien.

Geschickt zwängte sie sich durch die enge Sitzreihe und ließ sich in die weiche Polsterung ihres Sitzes sinken. Für gewöhnlich bevorzugte sie den Platz zum Gang, der sich für sie stets ein bisschen weniger klaustrophobisch anfühlte, doch heute hatte sie sich ganz bewusst für den Fensterplatz entschieden. Es war ein klarer, sonniger Tag, und sie wollte das Meer sehen und Weite, und hoffte, dass sich ihr innerer Aufruhr dadurch legen würde.
Die Beschleunigung des Flugzeugs kurz vor dem Start drückte sie in den Sitz. Sie liebte diesen Moment, kurz bevor man abhob, in dem bereits alles entschieden und es trotzdem jedes Mal wie ein kleines Wunder war, plötzlich zu schweben.
Nach dem herrlichen gestohlenen Tag gestern war mit dem Aufwachen urplötzlich die Ernüchterung gekommen, dumpf und lähmend wie der unvermeidliche Kater nach einer ausgelassenen Partynacht. Die Zeit gestern war im Sturm vorübergezogen, Rom hatte sie mitgerissen mit seiner Lebendigkeit, seinem Flair und der unbeschwerten Eleganz. Sie war verträumt durch die Straßen geschlendert, hatte Spaghetti Vongole und ein wunderbar cremiges Gelato genossen, ihr Reisegepäck um ein luftiges Sommerkleid und einen leuchtend orangen Bikini ergänzt, der ihre sanft gebräunte Haut zum Leuchten brachten.

Die unerwartete Leichtigkeit in Rom hatte ihr kaum Zeit gelassen, nachzudenken über diese abenteuerliche Reise, auf der sie sich gerade befand. Doch seit sie im letzten Augenblick die Sicherheitskontrolle passiert hatte, überschlugen sich ihre Gedanken. Immer wieder verfluchte sie sich für diesen impulsiven Einfall, dieses Zusammentreffen, das sie arrangiert hatte, für das sie die Verantwortung trug. Trotzdem flatterte ihr Bauch vor Freude bei dem Gedanken daran, Niko zu treffen. Immer wieder ertappte sie sich beim Gedanken daran, Hand in Hand mit ihm den Strand entlang zu spazieren, oder bei einem Glas eisgekühltem Ouzo in einer kleinen Taverne zu sitzen und stundenlang zu reden. Aber würden sie sich überhaupt etwas zu sagen haben, wenn sich ihre Kommunikation schon jetzt auf wortlose Flugtickets beschränkte? War es wirklich mehr als die Magie eines Abends, würden sie in Zakynthos überhaupt funktionieren? Was, wenn sie seine Art zu essen hasste, seine Badehose, seinen Geruch am Morgen? Was, wenn sie es nicht tat?

Fliegen Sie ganz allein nach Griechenland?“, fragte die ältere Dame, die ihre üppigen Hüften in
den Sitz neben ihr gequetscht hatte, und riss sie damit aus dem rasenden Durcheinander ihrer Gedanken. Sie musterte das Gesicht der Frau, das von zahlreichen Falten durchzogen war, die von ihrem Leben erzählten, die freundlichen Augen, die sie anzulächeln schienen.
Sie war überrascht, wie schwer es ihr fiel, diese Frage zu beantworten. Sie war so oft gereist, alleine, mit Partnern, Familie, Freunden, Kollegen. Doch noch nie war der Ausgang einer Reise so ungewiss gewesen, nie war sie so unsicher gewesen, was sie erwartete, von sich, von Niko, von einem möglichen wir.
„Ja, ich fliege alleine, aber ich treffe dort jemanden“, antwortete sie schließlich zögernd und fühlte zu ihrer eigenen Überraschung, wie sich ihre Wangen dabei röteten und ihr Herz beim Gedanken an das Treffen schneller schlug. Ihrer Sitznachbarin schien ihre Aufregung nicht zu entgehen. „Ein Liebesurlaub. Wie schön, dann wünsche ich Ihnen alles Gute, mein Kind“, flüsterte sie, bevor sie ihre Zeitschrift aufschlug und sie mit ihren lärmenden Gedanken alleine ließ.
Liebe. Was für ein großes Wort.

War sie wirklich bereit, sich wieder zu verlieben, sich fallen zu lassen, die Kontrolle abzugeben? War er das Risiko wert? Lächelnd erinnerte sie sich an seine Antwort auf ihre SMS. Nur drei Worte: „Ja. Ja. Ja!“ Und wenig später der Link zu einem entzückenden Boutique-Hotel mit Blick auf das in der Sonne funkelnde Meer. Vielleicht war es doch an der Zeit herauszufinden, welche Farbe seine Augen hatten, und sich darin zu verlieren.
Mit einem leisen Seufzen schloss sie ihr Buch und ließ es in ihren Schoß sinken. Sie schaffte es einfach nicht, in die Welt des Romans einzutauchen, zu hartnäckig drängte sich die Gegenwart in ihr Bewusstsein. Langsam ließ sie ihren Blick durch die Sitzreihen vor ihr gleiten, verweilte einen Moment bei dem jungen Paar, das vertraut die Köpfe zueinander gesenkt hatte, bewunderte die eleganten Züge einer Römerin, die sich im Takt einer lautlosen Melodie wiegte.

Plötzlich blieb ihr Blick an einem Hinterkopf hängen, der ihr seltsam vertraut schien. Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus, dann ärgerte sie sich über sich selbst. Ein Hinterkopf war wie jeder andere und es war sicher nur ihre überbordende Fantasie, die ihr wieder einen Streich gespielt hatte. Brüsk schlug sie ihr Buch wieder auf, um noch einmal zu versuchen, darin Zuflucht zu finden, als sich der Hinterkopf plötzlich erhob und ihr so sein markantes Profil mit den dunklen Augen offenbarte.
In ihrem Inneren heulte etwas auf. Welche Farbe diese Augen hatten, wusste sie genau. Wie konnte das sein, ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier. So lange hatte sie sich danach gesehnt, wieder in diese Augen zu blicken, so viele bittere Tränen hatte sie geweint, bis sie endlich wieder das Gefühl hatte, den Boden unter ihren Füßen zu spüren. Und nun, als sie gerade im Begriff war, sich vielleicht, ganz vielleicht nur, wieder auf jemanden einzulassen, war er wieder da, nur wenige Meter von ihr entfernt, atmete dieselbe Luft ein, die noch vor Augenblicken ihre Lungen durchströmt hatte.
Mit der Geschmeidigkeit, die all seinen Bewegungen anhaftete, betrat er den Gang und wandte sich in ihre Richtung. Mit klopfendem Herzen drückte sie sich so tief wie möglich in ihren Sitz und senkte ihren Blick auf ihr Buch, ohne auch nur eines der Worte, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdiente, erfassen zu können.

Zwei alternative, weitere Texte findest du hier. Aber nur der Text, der in WOMAN erscheint, soll von dir weitergesponnen werden.
Wie du teilnimmst, erfährst du unter woman.at/a/der-grosse-woman-liebesroman, wo auch sämtliche Teile zum Nachlesen verlinkt sind!

Alternative Folgen.

Laura Fischer, 16, Schülerin.

Autorin WOMAN-Liebesroman

So wie bei jedem Flug hob sich Linas Magen leicht und ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als das Flugzeug abhob. Sie hatte keinen Fensterplatz bekommen, trotzdem sah sie gespannt an dem Mädchen, das neben ihr saß, vorbei, aus dem Fenster. Das Flugzeug lag in Schräglage und entfernte sich immer weiter von den blinkenden Lichtern des Flughafens, in Richtung des strahlend hellblauen Himmels. Erst als Rom nicht mehr zu sehen war, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen.

Zakynthos. Die Insel war einer ihrer Lieblingsorte, deshalb hatte sie sie als Schauplatz für ihre persönliche Liebesgeschichte gewählt. Sie erinnerte sich nur zu gut an das eine Manuskript, das sie nur angenommen hatte, weil ein beträchtlicher Teil der Handlung auf Zakynthos spielte. Das war schrecklich unprofessionell gewesen und Lina hatte tagelang ein fürchterlich schlechtes Gewissen gehabt, doch sie hatte immer schon heimlich davon geträumt, sich auf ihrer Trauminsel zu verlieben. Auf ihrer Insel. Das war ihre letzte unüberlegte Handlung gewesen, bis Nico in ihrem perfekt geordneten, strukturierten Leben aufgetaucht war, wie eine Konfettiexplosion auf einem Schachbrett, mit perfekt aufgereihten Figuren. Er hatte die alberne unüberlegte Lina wieder hervorgeholt, die immer lächeln musste wenn sie an ihn dachte, die sich imaginäre Dialoge mit ihm ausdachte, und die sich immer wieder ausmalte, wie ihre nächste Begegnung sein würde.
Sie wusste, dass Nicos Flug etwas früher ging als ihr eigener, er würde ungefähr eine Stunde vor Lina am Flughafen sein. Würde er auf sie warten? Würde er sie umarmen? Oder sogar küssen?

Plötzlich merkte sie, dass eine Flugbegleiterin wohl schon seit einigen Sekunden versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Peinlich berührt bestellte sie Kaffee, der ihr auch gleich in einem Pappbecher gereicht wurde. Als auch das Mädchen neben Lina ihr Cola light bekommen hatte, widmete sich die Flugbegleiterin der nächsten Sitzreihe und ließ Lina mit ihren Gedanken wieder allein. Doch bevor sie sich wieder in ihrer Traumwelt mit Nico verlieren konnte, hörte sie wieder eine Stimme neben sich. „Entschuldigung? Ihr Kaffee tropft.“ Das Mädchen neben Lina deutete auf ihren Rock, auf dem sich gerade ein großer brauner Fleck ausbreitete. Er sah ein wenig aus wie ein eigenständiges Wesen, das seine Fangarme in Richtung des Rocksaums schlängelte. „Verdammt“, murmelte sie, als das Mädchen ihr ein Taschentuch reichte.

Die Situation erinnerte sie an ihre erste Flugreise nach Zakynthos ohne ihre Eltern, damals jedoch mit ihrem ersten Freund, Arian. Sie hatte auch Kaffee verschüttet, jedoch vor Wut. Sie hatten sich am Flughafen gestritten, und den ganzen Flug über weiter diskutiert, solange, bis sie das Meer gesehen hatten. Die Sonne war gerade untergegangen, sodass beide, nachdem sie das Naturschauspiel am Himmel beobachtet hatten, nicht mehr wussten, worüber sie gestritten hatten. Lina wusste es bis heute nicht.

Mittlerweile hatte sie den Versuch aufgegeben, den Kaffeefleck zu eliminieren, deshalb steckte sie das benutzte Taschentuch in das Netz, das an dem Vordersitz angebracht war, und nahm einen Schluck Kaffee. „Kommen Sie aus Deutschland?“, fragte das Mädchen. „Nein, aus Österreich.“ Lina fragte sich, woher das Mädchen gewusst hatte, dass Deutsch Linas Muttersprache war. „Ich komme aus München.“ Die nächsten Stunden plauderte Lina mit dem Mädchen. Es stellte sich heraus, dass sie Franziska hieß, einundzwanzig Jahre alt war, und sich mit einer pariser Freundin in Zakynthos zum Kurzurlaub treffen würde.
„Was wollen Sie eigentlich in Zakynthos?“ Und dann erzählte ihr Lina alles. Sie wusste nicht warum sie es tat, vielleicht, weil sie sie mit ihren langen blonden Haaren an Jojo erinnerte, oder weil sie einfach jemanden zum Reden brauchte, aber sie berichtete, wie sie Nico kennengelernt hatte, von der Party, dem interessanten Gespräch und den vielen SMS. Als sie bei ihrem letzten Tag in Rom und dem Flugticket angelangt war, hörte Franziska gebannt zu. „Klingt aufregend“, meinte sie schließlich. Aber ist er es wirklich wert, dass sie ihren Job für ihn schmeißen?“

Plötzlich setzte Lina sich kerzengerade auf und deutete nach draußen. „Das Meer!“ Auch Franziska drehte sich um, um die majestätischen Wassermengen zu bestaunen. Das Meer hatte immer schon eine besondere Wirkung auf Lina gehabt. Ob lange Strandspaziergänge, oder erfrischende Tauchgänge, in Gegenwart der mal mehr, mal weniger tosenden Wellen fühlte sie sich einfach ruhiger. Sie spürte die Entspannung auch dieses Mal, aber nicht lange, denn mit jeder Minute, die verstrich, wurde sie nervöser. Jetzt konnte sie nur noch an Nico denken, mit einer Mischung aus Vorfreude und Aufregung im Magen, sodass sie kaum noch still sitzen konnte, als das Flugzeug endlich den Boden berührte.

Als sie an der Kofferausgabe stand und ihren knallroten Hartschalenkoffer vom Band hievte, sah sie zum ersten Mal seit dem Morgen ihr Spiegelbild. Ihre Haare waren etwas zerzaust und sie hatte einen beinahe fiebrigen Glanz in den Augen, obwohl sie jeden Morgen sorgsam darauf achtete, ihre Frisur und ihr Make-up dezent, aber perfekt zu machen. Sie grinste breit. Nur noch wenige Schritte, bis sie durch die Tür treten würde, hinter der Nico vielleicht schon auf sie warten würde. Nur noch drei Schritte, zwei, einer... Die Türen öffneten sich automatisch. Dahinter war ein Halbkreis von wartenden Menschen, die alle erwartungsvoll zu der Tür sahen, aus der ich gerade gekommen war. Lina sah sich angestrengt um, während sie den Halbkreis verließ und in die Menschenmenge eintauchte. Kein Nico. Langsam zog sie ihren Koffer weiter, und ließ ihren Blick durch die Halle schweifen, bis- ja, das war er!

Ihr Blick war an einer großen Gestalt hängen geblieben, die seitwärts in ungefähr zwanzig Metern Entfernung zu ihr stand. Sie hastete einige Schritte weiter, bis sie in Rufnähe war, doch plötzlich blieb sie abrupt stehen. Nico unterhielt sich tatsächlich mit jemandem, und zwar mit einer Frau. Ihrer schwarzen Haare nach zu urteilen war sie Südländerin, also offensichtlich nicht Nicos Schwester, oder Cousine. Die beiden lachten. Noch hatte Nico sie nicht bemerkt. Wie in Trance trat sie näher, bis sie direkt neben den beiden stand. War das möglich? Sie räusperte sich. „Ähm, Nico?“ Erst jetzt schaute er auf. „Oh, hallo Lina.“ Er strahlte. „Das hier ist Anai.“ Die Frau legte ihm einen Arm über die Schulter.

Magdalena Pfurtscheller, 32, aus Fulpmes in TIrol.

Autorin WOMAN-Liebesroman

Lina blickte aus dem Flugzeugfenster. Ein winziger Tropfen Regenwasser lief langsam die kleine Scheibe hinunter und bahnte sich konsequent seinen Weg. Lina verfolgte seine Route. Der Tropfen war wie sie. Beharrlich und mutig. So war sie gestern auch gewesen. Linas Hände waren feucht und ihr Herzschlag war deutlich schneller als sonst. Lag es an ihrer leichten Flugangst oder an ihrer nervösen Vorfreude? In knapp einer Stunde würde das Flugzeug in Zakynthos landen, und kurz darauf würde sie Niko treffen. Endlich. Er wird eine halbe Stunde vor ihr landen und dann auf sie warten, so hatten sie es vereinbart. Lina machte die Augen zu und versuchte sich diesen Moment vorzustellen. So wie gestern Abend. Lange konnte sie nicht einschlafen, wälzte sich im Bett hin und her. War selbst erstaunt über ihre Veränderung, die sie die letzten Tage an sich selbst beobachtet hatte.

Das war herrlich an Niko. So spontan, so unproblematisch hatte er ihre Flugumbuchung akzeptiert. Er hatte auf ihr freches Mail mit dem Flugticket „Berlin - Zakynthos“ mit einem Smiley geantwortet und dazugeschrieben „um das Hotel kümmere ich mich.“ Um das Hotel, mit Doppelzimmer? Lina spürte, wie sie innerlich wieder einen Schritt zurück ging. Wie auf einem Sprungturm. 5 Meter. Zuerst mutig, voller Euphorie hinaufsteigen und dann kurz vor dem Absprung einen Rückzieher machen. Als ob sie wieder etwas nach unten zog. Der Mut nahm mit jeder Stufe ab, mit der sie dem Sprungbrett näher kam. Doch jetzt war es zu spät. „Mir ist nach dir und Me(h)(e)r“, hatte sie geschrieben. Mehr oder Meer? Oder beides? Sie hörte ihre Freundin Jojo in Gedanken sagen: „Jetzt komm schon, jetzt hast du A gesagt, jetzt musst du auch B sagen. Spring, und das Netz wird sich entfalten.“

Die attraktive Stewardess erklärte in klingendem Italienisch die Sicherheitsvorkehrungen, steckte sich die Sauerstoffmaske vor das Gesicht, und schwenkte mit den Armen, um den Notausgang anzuzeigen. Schon zu oft hatte Lina dieses Spektakel miterlebt. Sie könnte es fast schon selbst vorführen. Eine immer gleiche Wiederholung. Es erinnerte sie daran, wie viele Dates sie in ihrem Leben schon hatte. Einer gefühlten Ewigkeit gleichkommend. Die Unsicherheiten: Was soll sie anziehen? Ist der Ausschnitt zu tief oder zu brav? Welche Schuhe? Wenn sie die Augen schloss, sah sie sich selbst in Bildern in einer Zeitreise wieder. Andere Frisuren, andere Outfits, verschiedene Gefühle, verschiedene Treffpunkte, andere Männer. Eine Insel als Treffpunkt war neu. Neu und aufregend. Und selten war sie so nervös gewesen wie heute. Seltsam. Nein, das waren keine Schmetterlinge in ihrem Bauch, das waren Düsenjets.

Sie wurde aus ihrem Gedankenkarussell gerissen, das Flugzeug setzte sich in Bewegung und rollte langsam Richtung Startbahn. Lina schloss die Augen und träumte von Zakynthos: Sie träumte von Niko. Sie bummeln händchenhaltend die Strandpromenade entlang. Der herrliche Duft des Meeres, Mopeds knattern an ihnen vorbei und viele kleine weiße Schiffe am Horizont malen ein schönes Bild. Die warme Abendluft legt sich angenehm auf ihre Haut. Sie würde ihr rotes Kleid anziehen, das sie in Rom gekauft hat.

Nachdem Lina all ihre Termine auf der Buchmesse abgesagt hatte, bummelte sie wie eine schnurrende Katze durch Rom. An ihrem Tag in Rom, nur für sich. Ein Tag wie ein Geschenk, wie im Paradies. Sie ließ sich von den Schaufenstern in Beschlag nehmen. Ließ sich von ihnen verführen. Schlüpfte in herrliche Ledersandalen mit leichten Absätzen. Solche, die man nur in Italien finden konnte. Solche, die man voller Neid und Bewunderung an römischen Damenfüßen erblickt. Sie kaufte die Schuhe. Sie waren kein Schnäppchen, doch die Qualität stimmte. Eine Straße weiter erblickte sie eine weitere Boutique und kaufte sich ein rotes Kleid. Und so ging es den ganzen Tag weiter. Sie tauchte in den Moment ein, ließ sich treiben. Ließ sich verführen. Vom Leben, von Rom: von seiner Mode, von seiner Melodie, seiner Geschichte, von seinem Duft. Erschöpft aber glücklich von diesem schönen Tag gönnte sie sich am Campo de’Fiori ein Glas Lambrusco. Sie prostete sich innerlich stolz zu.

Die freundliche Stewardess gewann nun wieder Linas Aufmerksamkeit. Vor ihr der Getränkewagen. Darf es etwas zum Trinken sein? Sie gönnte sich ein Glas Prosecco und genoss das Prickeln auf ihrer Zunge. Die Flüssigkeit hinterließ ein warmes Gefühl in ihrem Bauch. Das Glas in der Hand blicke sie wieder aus dem kleinen Fenster und erfreute sich am wunderschönen Anblick unter ihr. Sie beruhigte sich wieder etwas. Griechische Inseln. Türkise, warme Farben und die grelle Sonne am Horizont schienen ihr viel Glück zu wünschen. Sie malten die Farben in ihrem Gesicht wider. Das Salzgebäck blieb verschlossen. Sie war jetzt viel zu nervös um etwas zu essen.

Das Flugzeug setze zum Sinkflug auf Zakynthos an. Es umkreiste die Insel. Je näher die Insel kam, desto schneller wurde wieder ihr Herzschlag. Der Flug war viel zu kurz gewesen um sich innerlich auf Niko vorzubereiten. Jetzt war sie fast da. Bei ihm. Wie würde er sie begrüßen? Eine Umarmung? Ein Kuss? Der Flieger landete. Die Passagiere klatschten durcheinander und der Pilot gab die Außentemperatur bekannt. Lina konnte kein Wort verstehen, doch sie war sich sicher, dass es über 30 Grad hatte. Zakynthos lächelte ihr freundlich zu.

Ungeduldig warteten die Passagiere in der Ankunftshalle auf ihre Koffer. Die meisten in Urlaubsstimmung .Lina biss nervös auf ihrer Lippe herum, als das Rollband sich endlich in Bewegung setzte und ein Gepäckstück nach dem anderen ausspuckte. Sie schnappte sich ihren Koffer, steckte sich noch ein schnell ein Pfefferminzbonbon in den Mund und steuerte zielstrebig den Ausgang an. Hinter den automatischen Türen würde Niko auf sie warten. Eine Sekunde blieb sie stehen, holte tief Luft, schloss die Augen um sich zu sammeln und noch ein letztes Mal Mut zu machen. Sie öffnete die Augen und ging weiter. Der Ausgang kam immer näher und die automatischen Türen öffneten sich für sie…

Thema: Liebesroman

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