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WOMAN-Liebesroman: 1. Folge & alternative Folgen

Kultautor Thomas Glavinic startete - und WOMAN-Leserinnen schreiben die Geschichte weiter! Mache mit: Schicke deinen Text und werde Teil des großen Liebesromans!

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WOMAN-Liebesroman: 1. Folge & alternative Folgen

Starautor Thomas Glavinic.

© Sebastian Reich/News

Aus einer kleinen Idee wurde in der vergangenen Woche eine wirklich beeindruckende Aktion: WOMAN bat in seiner letzten Ausgabe, einen Romanbeginn, den Starautor Thomas Glavinic extra für WOMAN geschrieben hatte, weiterzudenken und weiterzuschreiben. 98 Texte wurden bis Einsendeschluss eingereicht (selbstverständlich dürfen auch Männer am WOMAN-Roman mitschreiben, für diese Folge sind es bereits zwei (!) gewesen). Unsere Buchchefin Andrea Braunsteiner, Chefredakteurin Euke Frank, mehrere Kolleginnen und dazu leidenschaftliche Buchleserinnen aus der WOMAN Community ackerten alle Texte durch. Die letzten Tage verbrachten wir alle mit viel Papier, Stiften, Tabellen und vor allem mit angeregten Diskussionen über all die vielen tollen, spannenden, engagierten, überraschenden, frechen und auch skurrilen Texte. Voilà! Hier ist die Folge unseres WOMAN Romans - verfasst von Eva Heinzl aus Wien. Drei weitere Folgen haben es ebenso ans Licht der Öffentlichkeit geschafft. Diese Handlungsstränge kannst du ebenfalls unten nachlesen. Viel Spaß mit der nächsten Folge - und wir freuen uns auf weitere Texte, die die Story von Lina und Niko weiterspinnen. Wie du teilnehmen kannst, erfährst du hier: woman.at/liebesroman

Wir schreiben einen Roman!

So geht es weiter mit Lina & Niko, verfasst von WOMAN-Leserin Eva Heinzl aus Wien.

Eva Heinzl, 52. Die Wienerin war unter den 98 Einsendern für den WOMAN-Sommer-Liebesroman. Sie gewann den 1. Preis. Die erste Folge liest du hier!

Mittlerweile war es 19 Uhr, doch die Messehalle war noch immer voll mit Verlagsleitern, Literaturagenten und Autoren. So war es meistens am ersten Tag.
Unzählige Schatten standen beieinander. Drängten sich aneinander vorbei. Grüßten, umarmten einander. Klopften auf Schultern. Tauschten an Wangen Luftküsse aus.
Sie verspürte so gar keine Lust, sich diesem Treiben auszusetzen. Und noch viel weniger, die drei Terminpartner zufällig zu treffen, die sie versetzt, nein, verschlafen hatte.
Ohne auszusteigen, gab sie dem Fahrer die neue Adresse bekannt: Piazza Navona. Er wendete, ohne zu fragen und ohne auf die aufgeregten Hupen zu achten, die ähnlich einem Froschkonzert losgingen, einander übertrumpfend.
Mamma Mia! Man wird doch wohl noch die Fahrtrichtung ändern dürfen! Der Fahrer fuchtelte wild herum, um seinen Unmut über die Ungeduld der anderen Verkehrsteilnehmer zu zeigen. Drückte alle Fingerspitzen zusammen - dieses bekannte italienische Zeichen - und streckte sie wippend aus dem Fenster, sodass ihr seine Hände wie der Kopf eines Spechtes vorkamen.
Als Dank für seinen Wagemut erlaubte sie ihm großmütig, das Radio wieder anzustellen. An der Piazza Navona stieg sie erleichtert aus. Es schien die richtige Entscheidung zu sein. Auch, wenn der Fahrpreis exorbitant hoch gewesen war. Und sie alle Pläne für diesen Tag über den Haufen geworfen hatte. Sie kam sich leicht vor. So leicht wie Rom. So leicht wie eine Römerin. Vielleicht war es aber auch, weil sie seit dem Frühstück nichts gegessen hatte.
Sie ging mit dem Strom der Touristen an den Lokalen vorbei. Las in Speisekarten. Ignorierte die stets lächelnden Kellner, die einladend ihre unsichtbaren Netze über die hungrigen Menschen auszuwerfen schienen. Nein, SIE wollte entscheiden, wo sie sitzen, wo sie essen würde. Wollte sich nicht fangen lassen.
In der Rundung auf der kurzen Seite der Piazza sah sie ein Lokal, das sich von den anderen unterschied. Italienische Gäste. Die Kellner standen abseits und blickten aufmerksam umher. Schenkten Wein nach. Brachten Gebäck. Sie hatten es nicht nötig, Werbung zu machen. Hierher kam man wieder, weil man zufrieden war.
Die Nudelgerichte sahen wunderbar aus. Die Pizzen rochen nach Steinofen. Die Gäste aßen lebendig. Sie stocherten nicht lustlos. Sie schoben nicht Ungenießbares von einem Tellerrand zum anderen. Nein, sie lachten. Wickelten Pasta. Tunkten mit dem Brot die restliche Sauce auf. Fütterten einander mit Dolce.

Sie setzte sich an einen freien Tisch, bestellte Vino Rosso und bekam diesen samt italienischer Speisekarte. Sie lächelte zufrieden. Ihr Italienisch - molto bene. Schnell entschied sie sich für ein Carpaccio und eine Pizza al Funghi.
Der Piazza war bunt und pulsierend. Voll von Menschen, die hungrig waren. Malern, die ihre Werke anboten. Verkäufern, die neonleuchtende Bumerangs in die Luft warfen oder mit Taschenlampen Muster auf den Asphalt leuchteten. Dazwischen die drei wunderbaren Brunnen von Bernini. Mittlerweile waren sie beleuchtet, auch wenn das Tageslicht noch zu hell war, dies erkennen zu lassen.
Sie lehnte sich zurück und ließ den Tag Revue passieren. Sie dachte an Niko und seine SMS, ihre misslungenen Antworten und nicht zuletzt an sein wortloses Mail.
Als ihr sein Flugticket einfiel, pulsierte ihre Angst direkt in die Magennerven, die mit leichtem Zucken antworteten. War sie bereit, sich zu verlieben? Oder war sie es am Ende gar schon, ohne es sich einzugestehen? Was wäre sonst der Grund gewesen, dass sie so innig auf eine weitere SMS von ihm gewartet hatte? So oft an ihn dachte?
Sie überlegte, was er wohl denken würde. Von ihr. Von ihrer Begegnung.
Im Geist begann sie, Dialoge mit ihm zu formen. Sie zuckte zusammen. Wurden solche "einsamen Dialoge" nicht oft von Menschen geführt, die schon ange alleine waren? Vielleicht sogar zu lange? Diese Dialoge waren - als Monolog geführt - verlockend. Man konnte die Richtung vorbestimmen, die man wollte. Und hatte dann einen Grund, es nicht zum echten Gespräch kommen zu lassen. Ohne den anderen und seine Antworten zu kennen. Ja, man konnte so die eigene Einsamkeit schützen und bewahren.
Ihr Carpaccio kam mit knusprigem Pizzabrot. Während sie aß, blickte sie um sich und sah, dass fast ausschließlich Paare übrig geblieben waren. Sie kuschelten. Hielten Händchen. Sahen einander tief in die Augen.
Fast wären ihr vor Selbstmitleid die Tränen gekommen. War ihre Angst wirklich so groß, um sich Niko fern zu halten? Was hatte sie zu verlieren? Sie wollte doch auch eine Prise Glück in ihrem Leben. Hände zum Halten. Augen, um sich darin zu verlieren.
Welche Augenfarbe hatte Niko gehabt? Sie hatte keine Ahnung. Der Abend war schon zu spät gewesen, der Raum zu dunkel. Aber egal, sie stellte sich vor, wie es wäre, sich in blaue zu verlieren. In grüne. In braune. Verlieren konnte man sich überall, wenn man es nur zuließ.
Während sie ihre Pizza aß, dachte sie von Niko zu Andrea und wieder zu Niko. Was wäre, wenn sie sich in Berlin verliebt hatte und nur das Gefühl auf Niko übertrug? Wie konnte sie sicher sein, dass das nicht wieder passierte?
Ein Treffen auf neutralem Boden! Weder Berlin noch Wien. Dann würde sie sich ihrer Gefühle sicherer sein können.

Und wie bei der Wahl des Lokals würde SIE die Entscheidung treffen. Ein wenig die Kontrolle behalten, um sich an Niko verlieren zu können. Sie schloss die Augen und träumte von dem Flughafen, von dem aus man das Meer schon als dünnen Streif glitzern sehen, wo man das Meer schon riechen konnte: Zakynthos.
Schnell entschlossen rief sie bei der Fluggesellschaft an, wo ihr Flug gebucht war. Sie erklärte ihre Bitte: Umbuchung ihres Tickets auf: Rom-Zakynthos. Sie feilschte, bis ihr Wunsch erfüllt wurde. Natürlich gegen einen Aufpreis. Dann buchte sie noch ein Ticket: Berlin-Zakynthos, auf Nikos Namen.
Als sie Nikos E-Ticket erhielt, schickte sie es schnell weiter an ihn. Ohne Worte, versteht sich.
Der Flug war immer noch übermorgen. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Nun gab es kein Zurück mehr.
Eine letzte SMS schickte sie ihm noch: "Mir ist nach dir und Me(h)(e)r." Ganz schön frech, dachte sie. Ganz schön mutig. Vielleicht vom Vino Rosso. Sie zahlte und ging in die Nacht.
Morgen würde sie alle Termine auf der Messe unterbringen müssen.
Um am Tag darauf nach Zakynthos zu fliegen. Um Niko zu treffen.
Sie war nicht sicher, ob sie sich mehr darauf freute oder mehr Angst davor hatte.
Und träumte von ihrem Mut.

Alternative Folgen.

Brigitta Mathes, 53, Versicherungsberaterin.

Mechanisch kramte Lina ein paar Münzen für den Taxifahrer heraus.
Soll ich? Soll ich nicht? Soll ich …?
Das Klimpern in ihrer Hand lenkte plötzlich ihre Aufmerksamkeit auf andere Gedanken. Ein Sprung zurück, als sie 14 gewesen war. Sie konnte sich sehen, wie in einem Retrofilm, neben sich ihre beste Freundin Jojo.
Sie, Lina, in zerrissenen Jeans, einem Backstreet-Boys-T-Shirt und bunten Lederarmbändern am Handgelenk. Jojo mit dem vorwitzigen blonden Pony, den sie heute noch trug und der ihr wie eine Jalousie immer zu tief in ihre wasserblauen Augen hing. Dazu das zarte Blümchenhängekleid, das Jojo – wie sie selbst damals immer betonte – nur zur Tarnung als braves Mädchen trug.
Sie sitzen auf der von der Sonne aufgewärmten Steinmauer vor der Schule. Ihre Beine baumeln. Espandrillos und Flipflops. Die letzte Schulwoche im Anmarsch. Sonne und Wind auf der Haut, den Duft der blühenden Lindenbäume in der Nase. Die Haut schon sanft gebräunt vom letzten Wochenende im Schwimmbad. Und das Versprechen von endlos erscheinenden acht Wochen Sommerferien vor Augen.
Lina fühlte wie damals die Münze in ihrer Hand. Sie hörte das Kichern von Jojo, sah, wie sie sich den Pony aus den Augen pustete, und spürte, wie sie sie sanft in die Seite knuffte.
Nun mach schon, sagt Jojo, Kopf oder Zahl?
Kopf oder Zahl – das war damals ihr geheimer Code gewesen, wenn es um Entscheidungen ging.
Erdbeere oder Haselnuss? Kopf oder Zahl.
Radfahren oder Schwimmen? Kopf oder Zahl.
Lukas oder Michi? Kopf oder Zahl.
Erschrocken riss Lina die Augen auf. Waren sie damals wirklich so oberflächlich gewesen? Hatten sie tatsächlich das Schicksal, blind wie Athene angerufen? War es wirklich so einfach gewesen? Kopf oder Zahl für eine Entscheidung?
Sie wusste nicht, wie lange sie in ihrem Film verharrt war – ob ein paar Sekunden oder Minuten? Der Taxifahrer schien jedenfalls Geduld zu haben. Hastig reichte sie ihm das Trinkgeld und packte ihre Tasche. Stolpernd stieg sie aus und fand sich auf dem Gehsteig zwischen geschäftigen Menschen wieder, die an ihr wie an einem Hindernis in einem Fluss vorbeiströmten.
Lina konnte sich dennoch nicht vom Fleck bewegen. Eine Münze war in ihrer Hand zurückgeblieben und brannte förmlich in ihrer Handfläche.
Okay, dachte Lina. Kurz durchatmen, um der aufsteigenden Panik zu begegnen. Was will mir dieser Flashback sagen? Sie sah wieder den Film von damals auftauchen.
Lina und Jojo auf der Mauer. Beide grinsen und Jojo schnippt ihre Münze in die Luft. Mach dir nicht ins Hemd, hörte Lina ihr Alter Ego kichern. Was ist das denn schon für eine großartige Entscheidung, ob du übermorgen nach Wien oder Berlin fliegst? Es ist wie Erdbeere oder Haselnuss. Vertrau mir!
Mit einer ärgerlichen Handbewegung versuchte Lina die beiden pubertierenden Gespenster aus ihrer Vergangenheit zu vertreiben, doch sie hörte sie nur weiter hinter sich kichern. Sie gab sich einen Ruck, straffte ihre Schultern und nahm die Tür der Eingangshalle ins Visier. Das wäre doch gelacht, wenn sie, die taffe Literaturagentin, sich nicht im Griff hätte.
Sie tauchte ein in die Empfangshalle und sah sich um. Komisch, irgendetwas fühlte sich anders an. Sonst war spätestens die Eingangstür in ein Messe- oder Verlagszentrum die letzte Schwelle, an der sich Lina in die gewissenhafte Literaturagentin verwandelte. Das widerwillige Gefühl vom Nachmittag stellte sich wieder ein, als sie den Griff ihrer Ledertasche in der rechten Hand fühlte.
Reiß dich zusammen, herrschte sie sich an. Sie blies sich eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, aus dem Gesicht und begab sich auf die Suche nach den Toiletten. Zuerst werde ich mich frisch machen, mich sammeln, und dann meinen Job tun, für den ich nun mal hier bin, befahl sich Lina.
In den Toilettenanlagen herrschte noch mehr reges Treiben als auf den Gängen. Frauen aller Altersgruppen drängten sich vor den grell ausgeleuchteten Spiegeln. Lina betrachtete sie das erste Mal bewusst. Uniformen, so weit das Auge reichte. Graue Kostümchen, weiße Blusen, weiß gepuderte Nasen, Hochsteckfrisuren – das waren mit Sicherheit die Agentinnen.
Paradiesbunte Wallekleider, lockige Mähnen und grell bemalte Lippen – das waren Autorinnen, die gerne Aufmerksamkeit auf ihre noch nicht veröffentlichten Bücher lenken wollten.
Über allem schwebte ein Mix aus hastig versprühten Deos, zu schwerem Parfum und Toilettenmief.
Lina hielt unwillkürlich die Luft an und ergatterte endlich ein freies Waschbecken. Sie vermied vorerst den Blick in den Spiegel. Weiße Bluse, graues Kostüm, Hochsteckfrisur und wahrscheinlich ein wenig blass um die Nase. Sie drehte den Wasserhahn auf und ließ sich das kalte Wasser über die Handgelenke rinnen. Als sie die Handflächen öffnete, fiel klirrend die Münze ins Waschbecken und rollte in einer Spirale Richtung Abfluss. Schnell griff Lina nach der Münze. Plötzlich hatte sie Angst, ihren Talisman zu verlieren.
Langsam leerte sich der Waschraum und Lina riskierte einen ersten Blick in den Spiegel.
Unwillkürlich musste sie lachen. Die Hochsteckfrisur sah eindeutig nach Bad-Hair-Day aus, die Mascara war verwischt. Unter dem grauen Literaturagentinnen-Kostüm lugte keine weiße Bluse, sondern ein schwarzer Spitzen-BH hervor. Und noch bevor sie zu ihren Schuhen hinuntersah, wusste sie, dass sie keine schwarzen Pumps, sondern ihre roten Sneakers trug.
Hinter sich konnte Lina die beiden 14-jährigen Gespenster kichern hören.
Okay, dachte Lina und legte die Münze auf den Rand des Waschbeckens. Dann gute Miene zum neuen Spiel. Sie zupfte ein wenig ihre Haare zurecht, malte ihr Augen-Make-up nach und tupfte sich Gloss auf die Lippen. Dann zog sie den Ausschnitt ihres Kostüms gerade, sodass der BH wie absichtlich zur Geltung kam. Lina atmete aus.
Übermorgen Berlin oder nach der Messe zurück nach Wien? Kopf oder Zahl!
Sie klatschte die Münze auf ihren Handrücken und sah sich dabei fest in die Augen. Eigentlich wusste sie ohne hinzuschauen, dass Kopf oben lag.
Sie spürte einen lange unterdrückten Schalk in sich aufsteigen. Ein wildes, lebendiges, abenteuerlustiges Gefühl. Fest verpackt in Kisten von Vernunft, Angst und Erwachsen-Sein-Müssen.
Lass uns also spielen, Niko!
Sie packte ihre Tasche, warf sich nochmals einen kessen Blick im Spiegel zu und beschloss als ersten Schachzug, ihm auf sein Flugticket nicht zu antworten, sondern einfach übermorgen den Flieger zu nehmen und sich überraschen zu lassen.

Monika Kolovos, 55, AHS-Lehrerin.

Niko schob leise seufzend den Stapel Schularbeitshefte auf seinem Schreibtisch beiseite. Unmöglich, sich zu konzentrieren. Waren es wirklich die Singvögel auf dem blühenden Kirschbaum vor dem Fenster, die ihn ablenkten? Nein, es waren seine Unsicherheit und seine Unruhe, die er immer verspürte, wenn er spontan etwas Unüberlegtes getan hatte.
Wie konnte er einer Frau, die er kaum kannte, einfach so ein Flugticket nach Berlin schicken? Und jetzt wartete er wie ein frisch verliebter Teenager auf eine Nachricht. Typisch ich, dachte er, und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Auf dem Weg dorthin erinnerte ihn ein Blick in den Spiegel daran, dass er sich wieder einmal Haare und Bart schneiden lassen sollte. Auf jeden Fall bis übermorgen, denn sie würde doch kommen, wenn das Ticket bereits ausgestellt worden war?
Die Hefte konnten ja wirklich noch warten, seine Schülerinnen und Schüler am Gymnasium wussten ohnehin, dass er die Korrekturen nie vor Ende der Frist zurückgab. Eine Pause hatte er sich jedenfalls verdient. Er griff nach dem Buch, das er gerade las, und ging zum Schreibtisch zurück, um auch sein Handy zu holen.
Die Hängematte am Kirschbaum im Hinterhof des Hauses, in dem er seit zwei Jahren eine Wohnung im Erdgeschoss gemietet hatte, gehörte zu seinen Lieblingsplätzen. Die meisten Mieter hatten nie Zeit oder nahmen sich diese nicht, um diesen idyllischen Ort aufzusuchen. Am Nachmittag spielten hin und wieder ein paar Kinder in der ziemlich heruntergekommenen Sandkiste. Die Mutter der Kleinen schaute dann aus dem Fenster und zog sich beruhigt wieder zurück, wenn sie Niko in der Hängematte lesen sah. Sie wusste, dass er Lehrer war, und wähnte ihre Kinder daher in Sicherheit.
Severin, seinen Sohn, zog es immer, wenn er hier war, wie magisch in den Hinterhof, seit er die im spärlich wachsenden Rasen verstreuten Maulwurfshügel entdeckt hatte. Er war fest davon überzeugt, dass sich irgendwann ein Maulwurf zeigen würde, und legte sich immer wieder auf die Lauer.
Niko musste sämtliche verfügbaren pädagogischen Tricks anwenden, um Severin in die Wohnung zu locken, damit der Siebenjährige noch seine Hausaufgaben erledigte. Das zweite Jahr der Grundschule stellte schon eine beachtliche Herausforderung für das Kind dar, und Niko half ihm, so gut er konnte. Dass die Trennung von Severins Mutter Maria kurz vor der Einschulung erfolgt war, hatte sicher nicht zu einem unbeschwerten Schulbeginn beigetragen.
Das Handy vibrierte in der Hosentasche seiner ausgewaschenen Jeans und riss Niko aus den ihn traurig stimmenden Gedanken.
Lina?
Nein – eine Nachricht von Peter, einem Kollegen. Ob er samstags am Lehrerausflug teilnehmen würde … Niko wusste es noch nicht. Konnte es nicht wissen, denn er wartete auf die Antwort einer Frau, die er kaum kannte, aber der er ein Flugticket geschickt hatte. Rom–Berlin, Ankunft Berlin-Schönefeld, 21 Uhr. Er war doch wirklich ein Trottel.
Dies hatte er ihr auch im vorletzten Mail geschrieben, und so fühlte er sich auch. Aber irgendetwas an Lina hatte ihn vollkommen verzaubert, so dass er an nichts anderes denken konnte. Auch wenn der erste Eindruck nicht so einnehmend gewesen war. Eher kühl und zurückhaltend hatte sie ihm bei Katharinas Feier im Literaturhaus die Hand gereicht, als sie einander vorgestellt wurden. Wahrscheinlich auch eine Anwältin wie Katharina, hatte er gedacht. Klassisches Kostüm, perfekt geschminkt, vorbildliche Umgangsformen. Er hatte sich ein bisschen geschämt, da er sich in Jeans und T-Shirt plötzlich unpassend gekleidet fühlte.
Aber als er sich mit Lina über Wien und Literatur unterhielt, wurde aus dem anfangs zögerlichen Lächeln immer häufiger ein herzhaftes Lachen. Ihr Blick war eine Mischung aus scheu und verschmitzt, und sie wandte ihre Augen manchmal schnell ab, wenn sie zu lange in seine geblickt hatten.
Waren es diese ungewöhnlich blauen Augen, die ihn so verzaubert hatten? Ein so reines Blau, wie man es selten sah. Nicht das helle Blau der Augen mancher blonder Frauen, sondern die türkis leuchtende Farbe des Meeres, wie er sie von einigen Stränden in Griechenland kannte.
Niko fuhr sich abrupt durch die gelockten Haare, als ob er mit einer Handbewegung seine Träumereien beiseiteschieben wollte.
Zurück ins Hier und Jetzt.
Manchmal musste er sich bewusst wieder in die Realität zurückholen. Er rief die E-Mails auf seinem Handy auf. Die erste Nachricht von Lina aus Rom war nicht vielversprechend gewesen. Ihre Hoffnung auf schönes Wetter hätte sie ihm nicht mitteilen müssen. Und noch dazu als Antwort auf seine offenherzige Liebeserklärung. In diesem Moment hatte er das Gefühl gehabt, sich gründlich getäuscht zu haben. Sein gutes Gespür für Menschen schien versagt zu haben. Wie hatte er sich nur einbilden können, dass diese Frau ihm ihre Nummer nicht nur aus reiner Höflichkeit, sondern als Bestätigung einer Liebe auf den ersten Blick gegeben hatte. Er war wieder einmal vorschnell in seinem Enthusiasmus gewesen, eine Eigenschaft, die Severins Mutter so oft kritisiert hatte.
Die zweite Nachricht aber, nur Stunden später, hatte mit einem Schlag alle Bedenken zerstreut. Er rief Linas SMS erneut auf.
„Habe gerade an dich gedacht“, hieß es da.
Wenn eine engagierte Literaturagentin am Campo de’ Fiori kurz vor beruflich wichtigen Terminen an ihn denkt, dann hatte das etwas zu bedeuten. Dann wollte sie ihm doch eindeutig sagen, dass sie seinem Vorschlag, ein paar Tage mit ihm in Berlin zu verbringen, zugeneigt war. Und da war es doch nur folgerichtig, ihr die Entscheidung zu erleichtern und ihr das Ticket zu schicken.
Freitag, Berlin-Schönefeld. Übermorgen. Severin würde er an diesem Wochenende ohnehin nicht sehen, weil Maria mit ihm zu den Großeltern nach Potsdam fahren wollte. Und Lina und er könnten gemeinsam all jene Orte in Berlin aufsuchen, von denen sie geschwärmt hatte. Er hatte ihr noch gar nicht erzählt, dass seine Mutter aus Wien stammt und wie sehr er diese Stadt, Linas Stadt, liebte. Und sie könnten ja auch …
Plötzlich fielen Niko wieder die Deutschaufsätze ein, die er bis spätestens Dienstag benoten musste. Wenn Lina sogar den Montag über bleiben würde? Er wollte seine Arbeit lieber heute erledigen, um uneingeschränkt Zeit für Lina zu haben. Sie wusste ja noch gar nichts von seinen Kochkünsten und seiner Leidenschaft für Musik. Aber was wusste er denn schon von ihr? Wann würde sie denn endlich zurückschreiben?

Anita Subwir aus Gumpoldskirchen.

Niko brummte der Schädel. Er war bereits seit einigen Minuten wach, wagte es jedoch nicht, die Augen zu öffnen. Warum nur hatte er so viel von diesem Fusel getrunken, der ihm noch dazu gar nicht schmeckte? Wie hieß das Mädchen gleich nochmal, das ihn in diese Studenten-WG geschleppt hatte? Und wie war er überhaupt nach Hause gekommen?
Langsam öffnete er die Augen und tastete nach seinem Smartphone. Der Wecker tönte bereits das dritte Mal im Schlummermodus. Zum Glück hatte er keinen Nine-to-five-Job. Niko war in einer PR-Agentur angestellt, die sich auf Events spezialisiert hatte. Er und seine Kollegen arbeiteten oft bis spätnachts, um etwa VIP-Gäste zu empfangen oder Journalisten zu betreuen. Es kam daher nicht selten vor, dass er erst im Laufe des Vormittags ins Büro kam.
Mühsam schleppte sich Niko in die Küche und goss sich ein großes Glas Wasser ein. Er hatte enormen Durst und wollte den fahlen Geschmack aus seinem Mund spülen. Doch mit dem ersten Schluck kam schlagartig die Erinnerung zurück – an das verrauchte Lokal, an die Jusstudentin Kathi, die gerade dort ihre Sponsion gefeiert und ihn später mit in die WG mitgenommen hatte. Er hatte auf nüchternen Magen mit ihr angestoßen und so viele Shots getrunken, dass er binnen kürzester Zeit völlig betrunken gewesen war. Er sah auch plötzlich wieder ihr zorniges Gesicht vor sich, weil er sich nicht mit ihr, sondern andauernd mit seinem Handy beschäftigt hatte. Aber der Empfang war nun einmal schlecht gewesen, und das Laden der Buchungsseite hatte ewig gedauert.
Oh Gott! Das Flugticket!
Ein Schauer durchfuhr Niko. Sofort hastete er zu seinem Bett, auf dem das Handy lag. Dabei stolperte er fast über seine heilige Gibson. Er hatte schon ewig nicht mehr Gitarre gespielt, doch gestern Nacht hatte er sie offensichtlich noch aus dem Koffer geholt, da sie nun am Couchtisch lehnte.
Hatte er gestern noch darauf gespielt? Darüber konnte er jetzt nicht nachdenken.
Lina.
Das Flugticket.
Sein Herz raste, als er das Telefon an sich nahm. Drei neue Nachrichten. Seine Hand zitterte.
Nein, lieber noch nicht lesen. Er wollte zuerst überprüfen, ob er es wirklich getan hatte.
Er hatte.
Um 18:11 Uhr hatte er eine Nachricht an Lina geschickt. Da war sie, die Flugbestätigung. Ungläubig starrte er auf das Display. So früh war er schon derart betrunken? Was mochte sich Lina bei dieser Mail gedacht haben? Warum überhaupt hatte er nicht wenigstens ein Ticket für sich nach Rom gebucht. Warum ein Ticket für sie? Sie hatte doch so viele Termine, sie könnte wohl nicht einmal, auch wenn sie wollte.
Ja, er wollte sie unbedingt schnell wiedersehen und sie dazu bringen, ihn in Berlin zu besuchen. Aber wie kam er dazu, einer Frau, die er gerade erst kennengelernt hatte, mitten in der Nacht einen Flug zu buchen?
Niko wurde es schwarz vor Augen. Er musste sich aufs Bett setzen. Plötzlich war ihm, als würde er Linas Parfum riechen. Diesen eigenwilligen Duft mit seiner starken Zitrusnote, der ihn seit dem ersten Treffen verfolgte.
Erst gestern im Büro war er wie paralysiert, auf der Toilette nach der Mittagspause. Die Putzfrau hatte sich wieder einmal übernommen und den kleinen Raum mit einem neuen Raumspray fast eingenebelt. Unter gewöhnlichen Umständen hätte ihn der künstliche, beizende Gestank wohl angeekelt – doch da war eine Orangennote, die ihn entfernt an Linas Parfum erinnerte. Und sofort hatte er wieder ihr Gesicht vor Augen. Ihr Lächeln.
Er würde ihr natürlich nie gestehen können, dass es ein Klospray gewesen war, der die Sehnsucht nach ihr schlagartig so stark entfacht hatte, dass er sich zu einigen sentimentalen SMS hinreißen ließ. Noch vor einigen Wochen hätte er nie im Traum daran gedacht, einer Frau einmal Derartiges zu schreiben.
Nachdem er die Nachrichten abgeschickt hatte, genierte er sich etwas. Er schob sein Verhalten auf die stechenden Dämpfe in der Toilette. Doch diese waren längst verflogen, als er nach der Arbeit gedankenverloren durch die Straßen lief.
Lina. Lina. Lina.
Er konnte an nichts anderes denken.
Bis er zufällig seinem alten Schulfreund Guido über den Weg lief, der ihn überredete, mit ihm auf ein Bier in das nächstgelegene Lokal zu gehen – wo sie sogleich in die Runde von Kathi und den feiernden Studenten aufgenommen wurden.
Niko war es gewohnt, von Mädchen angesprochen zu werden. Er war bereits in der Schule der begehrteste Junge gewesen, was wohl daran lag, dass er bereits mit 15 die Punkband „Bricket Wood“ gegründet hatte, die es zu einem großen lokalen Erfolg brachte. Doch dann kam das Abitur, der Schlagzeuger und der Bassist zogen zum Studium in andere Städte und die Band war Geschichte. Seine weiteren musikalischen Projekte verliefen ähnlich unglücklich. Um Geld zu verdienen, veranstaltete er zunächst selbst kleine Festivals. Dies sollte später sein Hauptjob werden. Für Musik blieb ihm keine Zeit mehr.
Lina.
Dieser Name.
Mehrmals schon sagte er ihn laut vor sich her. Vielleicht wollte er sie so fassbarer machen. Warum nur fühlte er sich so sehr zu ihr hingezogen? Smarte Karrierefrauen waren doch sonst überhaupt nicht sein Typ.
Lina war anders. Sie liebte ihren Job, da sie sich mit dem beschäftigen konnte, was sie liebte: Literatur. Sie war eine der belesensten Menschen, die er je getroffen hatte. Und witzig obendrein. Von ihrer gemeinsamen Freundin Katharina wusste er, dass sie einige Jungschriftsteller entdeckt und mit ihren Anregungen und Tipps oft deren gesamte Werke mitgestaltet hatte. Doch Lina war bestimmt zu mehr fähig, als die schlechten Manuskripte anderer aufzupolieren.
Niko atmete tief durch und öffnete endlich seine Nachrichten. Die zweite kam von Lina: „Dann bis übermorgen. Aber wenn ich schon komme, musst du mir einen deiner Songs vorspielen.“
Ungläubig starrte er zunächst auf den Bildschirm, dann auf seine Gitarre, die noch immer am Couchtisch lehnte.

Thema: Liebesroman

Kommentare

Brigitta M.

Freut mich sehr, dass ich "Alternative 2" geschrieben habe. Ich finde aber auch die anderen Abzweigungen sehr ansprechend. Und wie heißt es so schön: Fortsetzung folgt, vielleicht auch wieder meine! :-)

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