Ressort
Du befindest dich hier:

Teil 5: WOMAN-Liebesroman

Kultautor Thomas Glavinic startete - und Leserinnen schrieben die Story weiter. Diesmal kommt erstmals ein Mann zum Zug. Werde auch du mit deinem Text Teil des WOMAN-Liebesromans.


Teil 5: WOMAN-Liebesroman
© Sebastian Reich/News

Starautor Thomas Glavinic beschrieb im ersten Kapitel des WOMAN-Liebesromans, wie Lina aus Wien und Niko aus Berlin einander begegnen und voneinander elektrisiert sind. Doch die Verlegerin will sich nach einer unglücklichen Affäre mit einem verheirateten Mann nicht mehr auf Gefühle einlassen. Als sie unterwegs ist zur Buchmesse in Rom, schickt er ihr ein elektronisches Flugticket nach Berlin …

Was bisher geschah.

Eine Flut an Post folgte unserer Bitte an die Leserinnen, die Story weiterzuspinnen, und wir wählten jeweils eine Gewinnerin aus. In Kapitel zwei sprang Lina in Rom über ihren Schatten und buchte das Ticket für ihre Lieblingsinsel Zakynthos um, kaufte für Niko ein zweites und schickte es ihm. In Teil drei schmiss sie, von neuem Selbstbewusstsein beseelt, ihre Messetermine, um einen Tag nur durch Rom zu bummeln und von Niko zu träumen. Dann wird Lina am Flug nach Zakynthos aus der Bahn geworfen: An Bord ist der Mann, wegen dem sie früher so gelitten hat. Die letzte Siegerin Marie Barth beschrieb, wie unsere Heldin gerade durch diese Begegnung imstande war, die Vergangenheit abzuschütteln. Und sich auf das vereinbarte Treffen mit Niko zu freuen. Lies hier, was Karl S. Eiringer daraus macht …

Angekommen am La Costa, in Pose geworfen, spürte Lina eine Hand auf ihrer Schulter, drehte sich -und erblickte Niko mit einer anderen am Arm. "Hallo Lina. Das hier ist Anai."
Eine Kommilitonin sei sie gewesen, zum Studieren habe sie Berlin ausgewählt, ein wenig Kunstgeschichte für die Seele, etwas Wirtschaft für die großbürgerlichen Eltern. Vor allem aber Clubs, Szene, großes Kino -auch mit Niko. Daher auch das lose Band, das jetzt für Unterkunft sorgen würde - eine Villa in der Bucht, immer für Freunde und natürlich auch für Freunde von Freunden geöffnet, so Niko.
Eine Anai -"die Anmutige", wahrscheinlich auch noch Sternzeichen Jungfrau -, eine wahrlich "Makellose". Dunkelschwarzes, glänzendes Haar, diese mediterrane Drahtigkeit und ein Hautton, der nördlich der Alpen nicht möglich ist. Da standen nun Niko, Anai, Lina - und Lina trug ein Four-Letter-Word auf ihren Lippen. Und ließ ihren Coffee to go zu Boden gleiten.
Bemerkt man die Beschämung, ist sie längst geschehen, aber doch früh genug, um zu ahnen, wie gleich die Röte ins Gesicht kriecht, die Stirn zu glänzen beginnt und die Verlegenheit ob des Moments, der so ganz anders wie vorgestellt verläuft, vom Körper Besitz ergreift. Sich selbst verkriechen wollend, senkt man den Blick, um sich - "FUCK!", entfuhr es Lina -eines mittlerweile unbändig monströs gewordenen Kaffeeflecks gewahr zu werden.
"Nette Begrüßung Lina!" "N-ein", stammelte Lina, "der Kaffee, ähm -du siehst, das Kleid - ach! Hallo, ich bin Lina." "Anai", das Gegenüber, den Arm von Niko nehmend zum Küsschen links, Küsschen rechts, was Lina nur recht war, war sie doch fast versucht gewesen, den beiden gegenüber einen Knicks zu machen. "Self-esteem Lina, wo ist deine Achtung?!", probierte sie sich zu rationalisieren, abgelenkt genug, um Anai nicht zu bemerken, die mit einem "No Prob" ihr Hermes-Tuch von den Schultern nahm, es Lina um die Hüfte schwang, verknotete und ihr Missgeschick ungesehen machte.
"Du Miss Geschick!" denkend warf Lina ein "Efcharisto!" zurück - "Parakalo!" Nunja, wenigstens die Basics funktionierten automatisch, somit hatte Lina Zeit, sich ein wenig zu sammeln. Doch den Takt gab nun Anai vor. "Kommt mit zum Auto, wir fahren gleich zum Haus, Ambrosios ist bereits am Kochen!"

Lina war dankbar für das gleißende Sonnenlicht, ihre dunkelsten Shades gaben ihr jetzt Schutz - vor allem. Und Niko. Der saß neben ihr, auf der Rückbank des Cabrios, aber entfernt genug, dass keine Berührung stattfand. Er hatte auch nicht sofort zur hinteren Tür gegriffen, erst auf Anais Anweisung, sich nach hinten zu setzen, da sie vorne Müll hortete. Erstmal Ruhe, Kopf nach hinten, Sonne spüren und Salz riechen. Das belebte sie schon wieder.
Das Radio spuckte die Cardigans aus, natürlich "Favorite game". "I really thought that I could take you there, but my experiment is not getting us anywhere." Egal, an nichts denken, Haare in den Wind, genießen. Sie roch Mandeln und Oliven. Was machte sie hier eigentlich? Nicht denken, zwang sich Lina. Wie roch eigentlich Niko, roch Anai nach Mandeln und Oliven? Nicht denken.
Angekommen, war Lina wieder bei sich, sie fühlte sich wieder, nicht gut, aber sie selbst. Sie fuhren die Straße hoch, der dahinterliegende Park abgetrennt von einem eisernen Zaun. Am Eingangstor des Gartens kauerte neben den beiden Eisenflügeln eine verwahrloste Gestalt, verfilzte Haare, staubige Jacke, vor sich herbrabbelnd. Anai, kaum davon Notiz nehmend, öffnete das Tor, sie hatte die Fernbedienung nicht gefunden, und setzte sich wieder in den Wagen. Lina konnte den Blick nicht abwenden und hatte das Gefühl, dass diese schwarzen, wirren Augen sie durch ihre Sonnenbrille hindurch fixierten. Und in dem Moment, als sie vorbeifuhren blaffte die Gestalt: "Leukosia!" Lina schreckte zurück, landete halb auf Niko, und Anai blaffte etwas auf Griechisch zurück.
Ein kurzer Schauer bahnte sich durchs Rückenmark, allerdings wohlig abgelöst durch eine schützende Berührung Nikos, der sie an der Schulter fasste und, die Hand auf ihr ruhen lassend, den Schreck nahm. "Bettler -ihr wisst ja, die Krise", so Anai. "Sie kommen manchmal zu den Häusern und bekommen von uns zu essen, was übrigbleibt, sind aber ungefährlich." Doch Grund genug, dass das einschießende Adrenalin Lina wieder auf "wach" stellte. Wieder da.
Angekommen, bot sich Niko, ganz Gent, an, ihre Tasche zu tragen. Viel hatte sie ja nicht mitgenommen, aber für die Überraschung durfte er schon ein wenig schleppen. Sie würden heute hier schlafen, unten, oben sei noch nicht hergerichtet, Niko und Lina in nebeneinanderliegenden Zimmern, die alten Jugendzimmer, Anai gleich gegenüber. Toilette hier, Bad dort, in einer Stunde Treffen im Salon, gegessen wird am Strand, Ambrosios grillt Fisch. "Gib mir dein Kleid zum Reinigen Lina, im Kleiderschrank findet sich sicher was Passendes. Dress up fancy for the boy!"

Das Einzige, was jetzt passte, war eine Dusche. Lina war geplättet, fühlte sich überfahren. Sie ließ das dampfend heiße Wasser auf sich herabströmen, fühlte, wie das vom Wind zerzauste Haar sich an ihren Kopf und an die Schultern legte. Sie wusch sich die letzten Stunden vom Körper, den Flug, das Treffen, den Bettler, all das, das zwischen ihrer romantischen Vorstellung und dem Jetzt lag. Die Seife roch angenehm nach Verbenen und das Shampoo - daher kam also der Geruch - nach Mandeln und Oliven.
Sie trocknete sich rasch ab, schlüpfte in den bereitliegenden Bademantel und warf sich auf ihr Bett. Vor 24 Stunden war sie noch Literaturagentin mit fixem Zeitplan in Rom und jetzt eine taumelnde Königin am Feld, mit voller Wucht von einer Konfettikanone getroffen. Aber jetzt war sie am Zug.
Die Inspektion des Kleiderkastens - eigentlich der Kästen - brachte auf alle Fälle mehr zutage als den Hosenanzug, den sie in ihrer Tasche hatte. Lina war größer als Anai, von der Figur her aber sollte das schwarze Seidenkleid passen, auch wenn der Saum über das Knie rutschte - aber hey, dress up fancy for the boy! Dazu noch diese silberne Gypsy-Kette, Haare zum Pony und fertig. Manchmal machten Kleider eben Leute.
Im Salon stand schon Anai in ihrer dunklen, bunt bestickten Tunika bereit und goss behutsam Wasser in die halb mit Ouzo gefüllten geeisten Gläser. "Er opalesziert." "?" "Der Ouzo, er bekommt diesen milchigen Glanz, diesen sanften Schleier, der sich dann auf deinen Gaumen und deine Sinne legt. Angeblich betörten die Sirenen nicht nur mit ihrem Gesang -Jamas!" Anai stürzte das Glas auf ex, Lina tat es ihr gleich, sie mochte Ouzo, und den konnte sie jetzt ganz gut vertragen.

Mehr online.

Weil es so viele gute Einsendungen gibt, sind zwei weitere hier nachzulesen. Mache mit, vielleicht bist du bald dabei! Wie du teilnimmst, erfährst du unter woman.at/a/der-grosse-woman-liebesroman, wo auch sämtliche Teile zum Nachlesen verlinkt sind!

Alternative Folgen.

Laura Fischer.

Die Sonne wärmte ihr Gesicht, als sie den steinigen Weg entlang schlenderte, den Blick stets aufs Meer gerichtet. Sie hatte das Gefühl, die weiß gekrönten Wellen würden im Einklang mit ihrem Herzschlag brechen, in einem langsamen, sanften Rhythmus. Nur wenige Meter neben dem Asphalt begann schon der Sandstrand. Lina öffnete die Riemen ihrer Sandalen, um die Zehen im Sand zu vergraben. Die goldgelben Körner fühlten sich noch warm an, obwohl es schon fast sechs Uhr war.
Mit den Schuhen in der Hand setzte sie sich wieder in Bewegung, in die Richtung, die ein Einheimischer ihr gewiesen hatte. Der Strand zu ihrer Rechten war beinahe verlassen, bis auf zwei junge Frauen, die lachend versuchten, sich gegenseitig ins Wasser zu stoßen. Lina musste lächeln. Die beiden Frauen erinnerten sie an sie selbst und Jojo. Eine von ihnen hatte sogar blonde Haare. In Wien musste sie sich sobald wie möglich wieder einmal mit Jojo treffen. Sie stellte sich vor, wie ihre Freundin auf die ganze Geschichte mit Nico reagieren würde. Vor Aufregung würde sie wahrscheinlich ihren Eiscafé verschütten, um dann jedes kleine Detail aus Lina zu quetschen. Ja, so war Jojo, dachte sie.
Das Lokal war so klein, dass Lina beinahe daran vorbeigelaufen wäre. Über die Eingangstür hatte jemand „La Costa“ in blassblauer Farbe geschrieben, die bereits am Abblättern war, und das S von „Costa“ war verkehrt geschwungen. Sie wusste nicht ob es Absicht war, oder ein Fehler des Malers. Als Lina eintrat, kam ihr Popmusik entgegen, einen Tick zu laut für ein romantisches Abendessen, wie sie fand. Das Restaurant war auch eher eine Bar mit einigen Tischen, die großteils besetzt waren. Sie steuerte einen der freien Tische an und sah sich um.
Die Bar in der Mitte des Raumes erinnerte Lina an eine kleine Insel, Flaschen in allen möglichen und unmöglichen Farben und Formen reihten sich hinter der Theke aneinander.
Es standen mehr Menschen – vor allem Frauen – an der Bar, als an den Tischen saßen, was Linas Verdacht bestätigte, wohl nicht in einem klassischen Restaurant gelandet zu sein. Sie ließ ihren Blick durch den Raum wandern, blieb immer wieder an den vielen Frauen hängen, die um die Bar schwirrten wie Bienen um einen Bienenstock. Die meisten von ihnen waren sehr hübsch, hatten große Brüste, pralle Lippen und makellos gebräunte Haut. Einigen war der letzte Besuch beim Schönheitschirurgen offensichtlich nicht gut bekommen, doch die meisten schafften es mühelos, den Barkeeper mit ihrem Wimpernklimpern zu bezirzen. Kalte Wut mischte sich unter Linas Aufregung. Solche Mädchen hatte sie schon zu Schulzeiten verabscheut. Sie war nie die Beliebteste gewesen, und in Liebesdingen war ihr immer eines der Klimpermädchen zuvorgekommen. Was, wenn Nico diese Beachgirls auch bevorzugte, fragte sie sich, während sie ihre blassen Arme betrachtete.
Was für ein Unsinn, dachte sie. Nico kommt nur wegen dir nach Zakynthos. Wenn er nicht in dich verliebt wäre, hätte er dich nicht mit Nachrichten bombardiert. Er hat gesagt, er muss ständig an dich denken!
Doch plötzlich erhob sich eine leise nagende Stimme in Linas Kopf. Ihr habt euch in Deutschland kennengelernt, flüsterte sie hinterhältig. In Berlin, wo es keine Strandbars gibt. Und sagt Jojo nicht immer, jeder Urlaubstag sei ein neuer Urlaubsflirt?
Lina verdrängte die zweifelnde Stimme und Jojos unzählige Weisheiten und griff nach der Speisekarte, um sich abzulenken. Allein das Wort „Speisekarte“ war schon zu lang, um das Stück Papier zu beschreiben, auf das mit einem dicken Filzstift eine Handvoll Speisen geschrieben war. Seufzend legte sie die Karte wieder auf den Tisch und ließ ihren Blick wieder durch den Raum gleiten. Da ging die Tür ging auf. Lina musste sich ein wenig zur Seite lehnen, um zu sehen, wer gekommen war: ein Mann mit breiten Schultern, in einem rosa Hemd, das ihm ausgesprochen gut stand. Nico.
Lina setzte sich kerzengerade auf. Sollte sie winken? Nein, das würde zu aufdringlich wirken. Sie blieb still sitzen. Sein Blick glitt quer durch den Raum, streifte Lina, wanderte weiter. Er hatte sie gesehen, trotzdem ging er mit langen Schritten direkt zur Bar. Lina merkte, dass alle geschminkten Augen auf Nico lagen, während er mit dem Griechen sprach, der hinter der Theke stand. Der nickte ihm zu und begann, ein Getränk zu mischen. Dass Nico der bei Weitem charismatischste Mann im Raum war, war nicht zu übersehen. Während er an der Bar lehnte, kamen einige der Frauen auf ihn zu und begannen, mit ihm zu plaudern. Lina kannte das Verführerisch-Lächeln-und-Haare-zurückwerfen-Spiel zur Genüge. Ihre Augen verengten sich, unwillkürlich ballte sie die Fäuste. Sie würde nicht aufstehen. Entweder Nico würde zu ihr kommen, oder …
Das Oder würde sie sich überlegen, wenn es so weit war. Sie beobachtete Nico weiter. Er schien auf alle Fragen höflich zu antworten, wich jedoch allen zugesteckten Telefonnummern und sich um seine Schulter legenden Armen geschickt und mit einem breiten Lächeln aus, was Lina frohlocken ließ.
Plötzlich drehte Nico den Kopf. Anscheinend hatte der Barmann nach ihm gerufen, denn er sagte etwas zu den zwei Frauen neben ihm, schüttelte dann den Kopf und nahm die zwei Cocktailgläser entgegen, die auf der Theke standen.
Jetzt steuerte er direkt auf Lina zu. Wieder durchströmte sie ein rauschendes Glücksgefühl.
„Lina!“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, dieses Mal ein echtes.
Seine Stimme klang genau so, wie sie sie in Erinnerung hatte. Sie stand auf und wurde von ihm in eine Umarmung gerissen, dann bekam sie zwei Küsse auf beide Wangen.
„Es ist so schön, dich zu sehen!“
Sie fühlte sich leicht benommen, aber ihr Verstand wurde immer klarer, und sie wurde sich immer bewusster, dass sie wirklich mit Nico auf ihrer Trauminsel war. Langsam hoben sich ihre Mundwinkel, und sie erwiderte sein breites Grinsen.
„Komm, lass uns in den hinteren Teil gehen, dort ist es viel gemütlicher, sagte Nico, und deutete auf eine kleine Treppe, die Lina offensichtlich übersehen hatte. Nico drückte ihr einen der Cocktails in die Hand, die andere nahm er fest in seine, und zog sie mit, die Treppe hinunter.
Sie warf noch einen letzten Blick auf die Frauen, die ihr böse hinterherstarrten, dann drückte sie Nicos warme Hand und folgte ihm.

Renate Wörndl.

Vergnügt durchschritt sie die Hotelhalle und stellte amüsiert fest, dass ihr viele Blicke folgten. Männliche anerkennend, weibliche neidisch? Sie war sich ihrer Ausstrahlung durchaus bewusst. Damit hatte sie schon immer punkten können, sogar in ihrem Beruf brachte ihr dies Vorteile. Aber sie wollte es eigentlich nicht, sie wollte nur, dass ihre Arbeit Anerkennung fand.
Die Gedanken an die Arbeit waren schnell vergessen. Sie steuerte auf die Poolbar zu und bestellte sich einen Ouzo. Vorweg ein Gläschen kann nicht schaden, sagte sie sich. Sie nahm das rege Geschehen auf, als wollte sie noch irgendetwas mit auf den Weg zu Niko nehmen.
Kurz schloss sie die Augen und stellte sich Niko vor. Niko, der im Restaurant sicher schon auf sie wartete. Würde sie ihn wiedererkennen? Da surrte ihr Handy und eine Fotografie erschien auf dem Display. Ein attraktiver Mann lächelte ihr entgegen. Damit hatte sie zwar nicht gerechnet, aber Niko schien ihr immer in Gedanken voraus zu sein.
Das Lokal konnte sie mühelos zu Fuß erreichen. Die Wärme und der Spaziergang taten ihr gut. Überall gingen bereits die Lichter an. Verschwendung, um diese Uhrzeit, ging es ihr durch den Kopf. Ein Blick zum Himmel – blau, ohne Wolken, ein Flugzeug stieg auf. Die jetzt noch nicht wahrnehmbaren Sterne würde sie in der Nacht mit Niko betrachten.
Sie fühlte sich so beschwingt, fast ein wenig wie beschwipst. Immer wieder grüßte sie Leute auf ihrem Weg mit „Kalispera“. Einheimische? Touristen? Sie konnte es nicht sagen und wollte es auch gar nicht wissen, sie tat es irgendwie mechanisch und weil sie die ganze Welt hätte umarmen können.
Je näher sie ihrem Ziel kam, desto mehr freute sie sich auf das Wiedersehen mit Niko.
La Costa lag verträumt in einer kleinen Bucht. Eine typisch griechische Taverne. Dezent beleuchtet, umrahmt von Olivenbäumen und Oleander. Das Meer mit dem Sandstrand war von der Terrasse aus über eine Treppe erreichbar. Die Abendsonne spiegelte sich im Wasser. Die Wellen kamen und gingen.
Am Eingangsbereich blieb sie stehen. Die einladenden Tische waren bereits zur Hälfte mit Paaren besetzt. Erstaunlicherweise entdeckte sie keine Kinder. Kein Kinderlachen, kein Kinderweinen. Nun ja, vielleicht war gerade dieses Lokal für Liebespaare bekannt und deshalb beliebt für die traute Zweisamkeit.
Ein Kellner kam auf sie zu und begrüßte sie mit einem Wortschwall aus Deutsch, Englisch … und Griechisch? Sie konnte es nicht sagen, und so blieb sie weiterhin unschlüssig stehen und ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Es war nicht zu übersehen, dass sie jemanden suchte. Zu ihrer Überraschung wurde sie an der Hand genommen und in eine nette kleine Nische geführt.
Sie freute sich, dass der Tisch nicht festlich gedeckt war, sondern einfach so, wie man es sich im Urlaub in Griechenland vorstellt. Sie hatte schon befürchtet, Niko würde sie mit einem Galadinner überraschen. Aber er kannte ja ihre Vorlieben nicht, und deshalb hätte sie es ihm verziehen.
Trotz Abschottung von den anderen Gästen war der Ausblick aufs Meer frei. Sie seufzte und ließ die atemberaubende Abendstimmung auf sich wirken.
„Hallo, willkommen auf Zakynthos“, sagte da eine feste und zugleich weiche Stimme.
Niko!
Sie drehte sich um, lachte ihn an.
„Willkommen an unserem neutralen Ort.“ Das musste sie unbedingt sagen. Sie wollte nach wie vor die Oberhand behalten, oder nicht? Sie war sich dessen nicht mehr so sicher. Alles kommt, wie es kommt, sagte ihr Bauchgefühl, und auf ihr Bauchgefühl konnte sie sich normalerweise verlassen.
Es wurde ihnen Ouzo gereicht, sie prosteten einander zu, sahen einander in die Augen. So sehr hatte sich Lina in Rom gewünscht, sich in seinen Augen zu verlieren So sehr wollte sie in Rom seine Augenfarbe kennen. Jetzt war es so weit. Blau, blitzblau. Die Farbe passte zu ihm, und Lina glaubte, in seinen Augen eine gewisse Spitzbübigkeit zu erkennen. Sie genoss seine zärtlichen Blicke, die über ihren gesamten Körper wanderten, um schließlich wieder zu ihrem Gesicht zurückzukehren.
Musik holte die beiden in die Realität zurück. Angespannt, aber unbefangen setzten sie sich, und Niko winkte den Kellner heran, der vorher taktvoll in der Küche verschwunden war. Niko bestellte eine Flasche Verdea, einen für Zakynthos typischen Weißwein, dazu eine große Flasche Minerale naturale.
„Wenn du willst, stelle ich auch unser Essen zusammen“, sagte Niko.
Sie wollte.
Hunger hatte sie keinen, aber sie wollte sich verwöhnen lassen.
Niko wählte gut und sein Appetit war ansteckend. So unbeschwert und glücklich hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Sie wusste bereits jetzt: Sie war angekommen.
Sie redeten, lachten, ihre Hände berührten sich wie selbstverständlich. Sie harmonierten, lauschten den Klängen griechischer Musik. Musiker, gekleidet in der Tracht von Zakynthos, kamen regelmäßig an ihren Tisch, um ganz alleine für Lina und Niko zu spielen. Ab und zu verirrte sich ein Gast in die Nische. Vielleicht auch aus Neugier. Was hier wohl vor sich geht?
Ob es auch für Niko Liebe war? Eine ehrliche Liebe, im Herzen verankert?
Sie würde es herausfinden!
Der Wein – und nicht nur der Wein – beflügelte Lina, und sie beschloss, beim Sirtaki mitzutanzen. Sie zog ihre eleganten Sandalen aus, warf Niko einen Handkuss zu, ging auf die Tanzfläche, überlegte es sich wieder, kehrte um und holte Niko. Immer und immer wieder wurden sie von den Tanzenden mitgerissen, bis Niko sie schließlich in die Arme nahm und mit ihr eng umschlungen in die Nacht hinaus an den Strand ging.

Sie rieb sich die Augen. War das ein Klopfen oder hatte sie geträumt?
Verschlafen öffnete sie die Tür. Vor ihr stand Niko in Bermuda und T-Shirt mit einem Frühstückstablett. Kaffeeduft stieg ihr in die Nase.
„Guten Morgen. Gut geschlafen?“ Niko strahlte sie an.

Thema: Liebesroman

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .