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Teil 6: WOMAN-Liebesroman

Thomas Glavinic begann - mit dem WOMAN Liebesroman Anfang Juli. Begeisterte Leserinnen schreiben die Fortsetzung. Mache mit und entscheiden, wie es mit Lina und Niko weitergeht.


Teil 6: WOMAN-Liebesroman
© Sebastian Reich/News

Mit Thomas Glavinic hat der WOMAN-Liebesroman begonnen. Er stellte die Protagonisten Lina aus Wien und Niko aus Berlin vor, beschrieb im ersten Kapitel, wie die beiden einander begegnen und nicht mehr voneinander lassen können. Als Lina zur Buchmesse nach Rom reist, sendet Niko ihr ein E-Ticket für einen Flug nach Berlin. Die clevere Literaturagentin will sich nach einer unglücklichen Affäre mit einem verheirateten Mann nicht mehr auf Gefühle einlassen. Aber ein Abenteuer, warum nicht? Und Lina schickt Niko ein Ticket für einen Flug nach Zakynthos. Auf der griechischen Insel lebt es sich unbeschwerter als in der Großstadt.

Was dann geschah.

Auf dem Flug auf die Insel gibt es eine böse Überraschung für Lina: An Bord sitzt der Mann, der Auslöser ihres Liebeskummers war. Aber jetzt freut sie sich auf Niko, in wenigen Stunden ist sie mit ihm zum Abendessen am Strand verabredet. Doch der letzte Sieger des WOMAN-Liebesromans, Karl S. Eiringer, baute ein Hindernis ein: Nicht nur der junge Mann wartet am Strand. Neben ihm steht auch Anai, eine Freundin aus Studententagen, die auf der Insel ein Haus mit Personal hat, und beide einlädt. Wie es weitergeht, liest du hier!

Inge Hödl, 39.

Nach dem dritten Glas Ouzo fühlte Lina sich nicht nur leicht beschwipst, sondern erfrischt, wie innerlich erneuert. Und nach Erneuerung lechzte sie mehr als nach Ouzo oder gegrilltem Fisch. Aber das lag wohl auch am Seidenkleid, das an ihr wie das sprichwörtliche "kleine Schwarze" aussah. In Wirklichkeit aber keines war, sondern schlicht und einfach zu kurz und zu eng war. Mehr als ein Blatt Papier würde kaum zwischen ihren ansonst flachen Bauch und den Stoff passen, aber na ja Sie erinnerte sich an eines von unzähligen fürchterlichen Buchgeschenken von Jojo mit dem Titel "Dressed to kill oder Wie werde ich Sexgöttin". Jojo und sie hatten viel darüber gelacht und sich gegenseitig daraus vorgelesen. Die Autorin versicherte darin wenig glaubhaft, dass nur wirklich sexy ist, wer sich in um zwei Nummern zu kleine Kleider zwängt. "Sonst warten immer die Männer auf die Frauen, heute ist es einmal umgekehrt", holte Anai sie aus ihren Gedanken. Sie klimperte mit ihren langen Wimpern, und als Niko endlich oben am Treppenabsatz erschien, setzte sie einen unnachahmlichen Blick auf. Lina kniff ihre Arschbacken zusammen und hoffte, das Kleid würde so nicht ganz so eng wirken, wie es sich anfühlte, und legte prüfend, mit Blick auf Niko, den Kopf schief. Beide Frauen begutachteten seinen Auftritt. Ob er sich dabei unwohl fühlte, konnte Lina nicht sagen, jedenfalls ließ er sich nichts anmerken. Als Anai plötzlich mit den Fingern schnippte und rief: "More action, Darling!", brachen sie gemeinsam in Gelächter aus. Niko machte darauf hin eine schwungvolle Drehung, die ihn fast über das Geländer fallen ließ. In letzter Sekunde fing er sich geschickt und verwandelte den halben Sturz vor den Damen galant in eine tiefe Verbeugung. Er küsste Anai die Hand, ergriff darauf hin Linas zum Kuss und hielt kurz inne - sah ihr in die Augen und sagte schelmisch: "Ich hoffe, ich kann euren Vorsprung noch auf holen!" Lina schlug kokett die Augen nieder und grinste breit. Ouzo, hab Dank, mein Freund, dachte sie. Als sie aufsah, bemerkte sie, wie Niko sie betrachtete. In seinem Blick lag etwas, das sie gerne konserviert hätte, um es abrufen zu können, wann immer sie es brauchen sollte. Anai zwinkerte ihr über die Schulter von Niko zu und formte ein lautloses "Beautiful!" mit den Lippen.

Unbemerkt hatte der launige Plausch während der Wartezeit unter Mithilfe des Ouzo sie beide zu Verbündeten gemacht, und Unsicherheit und Anspannung waren von Lina abgefallen. Beschwingt spazierte das Trio zum Strand. Schon nach wenigen Metern entledigte sich Lina ihrer Stilettos und ging entspannt barfuß neben Niko und Anai auf den von Rauch umhüllten Grillmeister Ambrosius zu. Näher gekommen sah sie, dass der Grieche wie wild mit den halb brennenden Fischen kämpfte, griechische Verwünschungen ausstieß und kaum Augen für seine Gäste hatte. Anai tätschelte sein wohlgeformtes Hinterteil und sagte verschwörerisch leise zu Lina: "Du weißt sicher, was Ambrosia bedeutet ?" Lina lachte laut auf. Sie hatte Mühe, Niko den Grund ihrer Heiterkeit zu erklären, entschloss sich kurzerhand, der Situation eine neue Wendung zu geben und zog ihn in Richtung Wasser. "Lass uns sehen, wie warm das Meer ist!" Dazu war Niko mehr als gerne bereit und so schlenderten sie einige Minuten schweigend nebeneinander her. Die Stille legte sich nicht schwer und drückend auf sie, sondern fühlte sich angenehm und vertraut an. Plötzlich blieb Niko stehen und ließ Linas Hand los. Lina blieb ebenfalls stehen und sah ihn fragend an. "Geh einfach weiter." Lina zog verwirrt die linke Augenbraue hoch. "Ich möchte dir zusehen", erklärte er. "Von hinten?", fragte sie leicht irritiert. "Ja, von hinten, von vorne, von der Seite, von oben und von unten!", ergänzte Niko, "du siehst einfach unglaublich aus!" Lina lächelte. Sie ging ein paar Schritte, drehte sich nach links. Schaute in den Himmel, der langsam sein helles Blau gegen ein dunkles eintauschte, und ging langsamen Schrittes auf Niko zu. Kurz vor ihm blieb sie stehen und lächelte. Doch gut, dass das Kleid wie eine zweite Haut war! Einem Impuls folgend, nahm sie Nikos Gesicht in beide Hände, zog es zu sich heran und küsste ihn auf den Mund - zuerst ganz vorsichtig und zärtlich, dann immer fordernder! Er konterte das forsche Drängen ihrer Lippen und drückte sie dabei mit starken Armen an sich heran. Als sie sich nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit voneinander lösten, knisterte die Luft förmlich zwischen ihnen. In derselben Sekunde atmeten beide tief aus, sahen sich an und lachten kurz auf. Oh, danke lieber Gott! Er küsst einfach himmlisch gut, dachte Lina. "Also für eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung haben wir zu viel Spaß, oder?", stellte Niko schmunzelnd fest. "Ich würde auch lieber eine Rolle in einem Almodóvar-Film spielen", lachte Lina befreit, "nur romantischer und weniger hektisch!""Klingt gut für mich!", murmelte Niko, der seine Nase bereits in Linas Haar vergraben hatte, und flüsterte: "Es ist schön!" Lina nickte unmerklich, um seine Nase nur ja ganz lange nahe bei sich zu haben. Von Weitem drang das laute Rufen von Anai und Ambrosius zu ihnen durch: "ESSSEEEN!" Aneinander geschmiegt schlenderten Lina und Niko in Richtung des gedeckten Tisches, auf dem ein weißes Tischtuch im Wind flatterte und mehrere Flaschen auszumachen waren.

Dann wurden unter bewundernden "Ahhhs" und "Ohhhs" butterweich gegrillter Octopus und Fisch serviert. Nach dem Essen und reichlich Retsina ließ sich Lina satt und zufrieden in ihren Stuhl fallen, als ein lautes "Rrrtsch" für Stille sorgte. Mit tiefroten Ohren bemerkte Lina, dass soeben ihr Traum von der Sexgöttin geplatzt war und der lukullische Genuss seinen Tribut in Form des gesprengten Seidenkleids verlangt hatte. "Shhhit!", entfuhr es ihr. Anai straffte ihren Rücken und sagte gedehnt: "Also das muss bestraft werden -das Tribunal ordnet die sofortige Entledigung des geopferten Kleidungsstücks an!" "... und empfiehlt die dringende Taufe zur Reinigung der Sünderin", setzte Ambrosius begeistert nach. Das Triumvirat war um Strenge bemüht, doch konnte Lina erkennen, dass die drei sichtlich um ernste Gesichter rangen. Wo sie schon das Kleid zerstört hatte, wollte sie nun keinesfalls die Spielverderberin sein und fragte im gespielt unsicheren Kleinmädchenton: "Ausziehen und ins Wasser?" Alle drei nickten unisono. "Aber nur, wenn ihr mitkommt", rief Lina und sprang auf. Rannte zum Wasser, zog sich das Kleid über den Kopf und tauchte ins kühle Wasser. Sie schwamm zügig einige Tempi. Als sie innehielt, wusste sie, ohne sich umzudrehen, dass sie nicht allein war. Jemand war ganz dicht hinter ihr.

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Weil es so viele gute Einsendungen gibt, sind zwei weitere hier nachzulesen. Mache mit, vielleicht bist du bald dabei! Wie du teilnimmst, erfährst du unter woman.at/a/der-grosse-woman-liebesroman, wo auch sämtliche Teile zum Nachlesen verlinkt sind!

Magdalena Pfurtscheller.

Die Sonne tauchte langsam in den Horizont ein, Möwen tanzten zum Abschied um sie herum, das Meer glitzerte. Lina beobachtete das wunderschöne Naturschauspiel, der atemberaubende Anblick lenkte sie etwas von ihrer inneren Unruhe ab. Niko komme gleich nach, hatte er ausrichten lassen. Wichtige Mails. Wichtiger als jetzt bei Lina zu sein. Lina spürte deutlich, wie sich in ihrem Magen etwas verhärtete, und das fühlte sich nicht gut an. Sie war mit Anai schon voraus zum Strand gegangen. Unten an der Bucht angekommen, trafen sie auf Ambrosios. Rastas, muskulös, tätowiert, schon etwas älter, charismatisch, interessant. Eifrig hantierte er hinter dem Grill und begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. Er sprach ein holpriges Englisch. Ein Freund von Anai. Der Freund? So genau schien das hier niemand zu nehmen.
Lina hatte sich das Treffen mit Niko anders vorgestellt. Ein altbekanntes, schweres Gefühl breitete sich in ihr aus: Enttäuschung.
Anai riss sie aus ihren Gedanken: „Der Sonnenuntergang ist wunderschön, nicht wahr?“
Lina nickte, und sie blickten beide schweigend auf den Horizont.
„Und Niko? Was ist mit euch beiden?“, fragte Anai und musterte gespannt ihre Reaktion von der Seite.
Lina fühlte sich schon wieder überfahren. Sie kannte diese Frau doch kaum, und schon sollte sie ihr etwas erklären, das sich nicht so einfach erklären ließ. Worauf sie selbst noch keine Antwort hatte. Lina spürte den Sand unter ihren Füßen und wäre jetzt am liebsten darin versunken. Einfach verschwinden, weg von dieser Insel und dieser absurden, völlig ungeplanten Situation. Warum konnte sie mit Niko nicht alleine sein, so, wie es geplant war, so, wie sie es die letzten Tage geträumt hatte. Um sich besser kennenzulernen und auszuloten, was das war zwischen ihnen beiden. Wirklich mehr? Lina fing an, daran zu zweifeln.
Plötzlich stand Niko neben ihnen. Nochmal davongekommen.
„Lina, du siehst wunderschön aus!“, sagte Niko, frisch geduscht, mit kurzer Bermudashorts und beigem Leinenshirt.
Like it, dachte Lina. Der Fisch brutzelte auf dem Grill, und herrliche Düfte drängten sich in ihre Nase. Rosmarin, Knoblauch und dieser verführerische Rauchgeruch kündigten ein perfektes Dinner an. Sie aßen den Fisch, der hervorragend schmeckte, tauchten Weißbrot in Tsatsiki und tranken Weißwein. Sie unterhielten sich über die Arbeit, die Insel, die griechische Wirtschaftskrise und Alltägliches. Niko hatte Lina gegenüber Platz genommen und beteiligte sich rege an den Gesprächen. Nikos Augen trafen Linas Blick und versanken darin, ein Strahlen breitete sich auf seinem Gesicht aus, und Lina erwiderte das Lachen automatisch. Es wäre jetzt viel schöner gewesen, mit ihm alleine zu sein.
Anai und er erzählten einige Anekdoten aus ihrer Studienzeit, die wirklich lustig waren. Niko lachte viel mit Anai. Was war zwischen den beiden? Oder noch viel wichtiger: was ist? Anai berührte seinen Unterarm, wenn sie lachen musste. Lina versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch so langsam fühlte sie sich immer mehr fehl am Platz.
Anai, Niko und Ambrosios lachten wieder laut. Den Grund dafür hatte Lina verpasst.
„Lina, Schätzchen, alles klar?“, fragte Anai.
„Ja, ich möchte mir nur kurz die Beine vertreten. Ich habe wohl doch etwas zu viel gegessen.“ Lina erhob sich langsam. Ein paar Sekunden hoffte sie, Niko würde ihr anbieten, sie zu begleiten. Doch er nickte nur freundlich. Die drei nahmen ihre Unterhaltung wieder auf, und Anai führte wieder das Wort.
Lina spazierte langsam den Strand entlang und entfernte sich von der Gruppe. Ihre lachenden Stimmen nahm der Wind mit, bis sie mit zunehmender Entfernung ganz verschwanden. Sie blickte aufs Meer hinaus. Niko gefiel ihr, er interessierte sie, und ja, sie hatte Lust auf Meer und mehr. Aber nicht auf diese Weise, nicht mit dieser seltsamen Wendung in ihrer gemeinsamen Lovestory.
All die netten Nachrichten, die er ihr geschickt hatte. War es Höflichkeit Anai gegenüber, dass er auch ihr so viel Aufmerksamkeit schenkte? Sie hatten wohl wirklich viel Zeit miteinander verbracht und standen sich nahe. Doch wie nahe? Anai war charismatisch und attraktiv. Eine Frau, der nicht nur Männer hinterherblickten.
Lina seufzte und schüttelte den Kopf. Das Meer rauschte in seinem bekannten Rhythmus, und sie versuchte sich zu sammeln. Sie war eifersüchtig und enttäuscht. Und das bedeutete eines: Niko war ihr jetzt schon näher, als ihr lieb war. Sie hatte die Kontrolle verloren. Zuerst Arik im Flugzeug, dann dieser Abend. Das war genug für einen Tag, der ganz anders geplant gewesen war. Im ihrem Drehbuch „Zakynthos mit Niko“ waren weder Arik noch Anai vorgesehen gewesen.
Sie wusste nicht, wie lange sie schon so dastand, da spürte sie plötzlich einen Arm auf ihrer Schulter. Hoffnung breitete sich warm in ihr aus, um so schnell, wie sie gekommen war, wieder im Sand zu versinken. Anai.
„Alles in Ordnung? Komm, es gibt noch Eis.“
Lina blieb nichts anderes übrig, als mit Anai mitzukommen. Niko war gerade dabei, ein paar Fackeln am Strand aufzustellen. Er empfing Lina mit einem breiten Grinsen.
Anai ging auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Hüften und näherte ihre Lippen langsam seinem Ohr „Keine Sorge, nach dem Eis lassen wir euch alleine.“
Lina freute sich innerlich, und doch ärgerte sie sich, dass Anai wieder die Initiative übernahm. Sie dirigierte den ganzen Abend, war die Regisseurin. Und Lina gefiel dieses Schauspiel ganz und gar nicht. Sie brauchte keine Beobachterin ihrer Lovestory aus der Front Row. Diese Frau hatte ihr einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch was auch immer zwischen Anai und Niko war, jetzt war Lina hier. Sie hatte sich mit ihm auf dieser Insel verabredet, und es war ihr Date.
„Anai, ich möchte dir vielmals danken für diesen tollen Abend. Doch ich bringe kein Eis mehr hinunter. Sorry. Niko und ich, wir gehen noch ein bisschen in die Stadt, dann könnt du und Ambrosios noch ungestört einen schönen Abend verbringen.“
Anai viel kurz der Mundwinkel hinunter.
„Komm Niko, wir gehen.“ Lina nahm den grinsenden Niko am Arm und verschwand mit ihm in die Nacht.
Zakynthos war ihre Idee gewesen und sie war wieder die Regisseurin.

Karl S. Eiringer.

„Jetzt mal Butter bei die Fische!“
Lina lachte laut auf, war doch Nikos Berliner Schnauze mit ihrer Direktheit immer ein Bringer gewesen. Das Ganze aber jetzt gepaart mit seinem Seebärenaufzug zu sehen, brachte wieder den Witz zutage, der es ihm damals erlaubt hatte, ihre Nummer zu kriegen. Blaue Shorts, Ringelshirt und Wollpullover, aber vor allem die Kapitänsmütze, brachten sie zum Schmunzeln – es war charmant, wie er sich selbst nicht ernst nahm. Der Seebär und Ambrosius präsentierten stolz ihren Küchenfang – ein kleines Meeresungeheuer, auf Eis drapiert, das sie am Servierwagen wie eine Opfergabe den beiden Sirenen darbrachten. Anai hatte die Gläser wieder gefüllt, und man trank auf das Leben, die Liebe, den leeren Magen und das bevorstehende Mahl.
Der Weg zum Strand war nicht weit, Ambrosius ging voran mit dem Ungeheuer, die übrigen schnappten sich die Körbe mit Gemüse und Wein, dem Brot, Besteck und Strandtüchern. Niko hakte sich bei Lina unter, und sie folgten Anai runter zur Bucht. Es fühlte sich gut an. Näher als während der Autofahrt, vertrauter, ähnlich dem Gefühl, als sie sich in Berlin getroffen hatten. Am Steg dann der Grill, das Meer, von unten beleuchtet, oben Feuerschalen neben dem runden Tisch – Kitsch hin oder her, das Setting war großartig. Anai brachte Ambrosius die Kochutensilien, der Seebär entkorkte den Wein, und Lina kümmerte sich um den Tisch – einen runden Tisch, der niemandem einen Vorsitz bot, keine Ordnung. Bei drei Leuten konnte Lina sich zwar neben Niko setzen, aber sie saß somit auch zwischen Anai und ihm. Oder eben neben ihr – man konnte es drehen und wenden, wie man wollte, sie waren sich gleich nahe am Tisch, und dieser Gedanke irritierte sie.
„Du musst die Klinge am Hals entlanggleiten lassen.“ Ein klirrendes Geräusch ließ Lina herumfahren. Sie sah Anai neben Niko stehen, mit einem Säbel in der Hand, in der anderen eine geköpfte Champagnerflasche.
Ein bisschen wie die Seeräuber-Jenny stand sie neben ihrem Kapitän.
Anai schenkte den Schampus in die Gläser, mit einem vierten Glas und der Flasche begaben sie sich zu Ambrosius, der sich bereits der Vorbereitung des Fisches widmete.
Es war wohl ein Prachtexemplar seiner Gattung. Ein Jäger, dem Maul nach zu urteilen, jetzt jedoch selbst zum Verzehr freigegeben. Das ließ Lina schmunzeln. Sie musste sich selbst bei der Nase nehmen, den Gedanken würde sie wohl aus jedem Manuskript streichen. Der Alkohol forderte wohl seinen Tribut. „Lasst uns etwas essen, solange ich noch dazu in der Lage bin.“
Niko stimmte ihr zu: „Jo, aber zuerst kappst du nächste Flasche!“
Säbel, Flasche, zack und offen. Wenn sie etwas wollte, konnte Lina recht schnell sein.
Natürlich war das Essen ein Gedicht, ein seidiger Backteig überzog papierene Zucchiniblüten, die Auberginen waren fleischig wie Steaks, und das Tsatsiki war von einer ungekannten, fetten Leichtigkeit. Gang um Gang steigerte sich die Lust am Speisen, der Euphorisierung Höhepunkt aber galt dem Fisch. Er thronte auf einem Meer aus goldenem Lauch, umkränzt von leuchtend gelben Blüten.
Ambrosius wurde mit allerlei Komplimenten bedacht, Anai selbst stimmte mit ein in die Hymnen auf ihren Koch, war jetzt mehr Gast als Geber.
„Die Blüten, Anai, großartig. Was ist das?“
Anai musste erst Ambrosius um Erklärung bitten. „Ich kann es dir nicht übersetzen Lina, Ambrosius nennt es ‚Moly‘, eine Art Kraut, das damals Odysseus vor dem Zauber der Circe schützte.“
Lina lächelte schelmisch zu Anai, und dann fixierten sie mit ihren Blicken Niko, der, ganz Hase vor den Schlangen, mit einem „Jamas?“ zögerlich den beiden zuprostete.
Moly, ein Zauberkraut also. Das, der Retsina und auch der griechische Kaffee, den ihnen Ambrosius noch bereitet hatte, bevor er sich mit einem weiteren Ouzo verabschiedete, ließ die Runde trunken und schwitzend zurück. Lina dachte es, Anai sprach es aus: „Lasst uns schwimmen!“, sprang auf, nahm Linas Hand und zog sie vom Stuhl. In der Bewegung streifte Anai ihre Tunika ab, spannte kurz ihren Körper und sprang mit dem Kopf voran ins Wasser.
Das Momentum war groß genug, Lina nicht zögern zu lassen. Dem Reißverschluss geschuldet, konnte sie sich zwar nicht ganz so elegant ihrer Robe entledigen, ließ aber dann mit einem Hüftknick die Seide zu Boden gleiten und tauchte selbst ins kühle Meer. Sie spürte die Kühle ihren Körper umfassen und wie die Haut sich fest an das Fleisch legte, das Außen an der Wasserlinie abgeschält wurde und die Frische die Benommenheit aus ihrem Inneren drängte. Ein, zwei Tempi unter Wasser, mit dem letzten Zug sich auf den Rücken drehend, an die Oberfläche gleitend, noch mit geschlossenen Augen Luft holen und mit der Zunge das Salz an den Lippen spüren. Lina strich sich die Haare und das Wasser aus den Augen – Woohooo! –, und suchte Anai.
Im Widerschein des beleuchteten Meeres schwamm Anai bereits in Linas Richtung. „Die richtige Erfrischung jetzt, oder?“
Der Kapitän schien eine Landratte zu sein oder fühlte sich zumindest kalt erwischt, denn er stand noch am Rand des Stegs und blickte etwas unentschlossen zu den beiden im Wasser.
„Komm schon, sei ein Frosch und hüpf ins Wasser“, feuerte Lina ihn an. „Raus aus den Klamotten!“, setzte Anai nach.
Was Niko auch machte, unter Beobachtung allerdings, was zu einer etwas ungelenken Performance führte, die die beiden im Wasser schmunzeln, fast kichern ließ. Seinem athletischen Kopfsprung allerdings wurden gute Noten ausgestellt.
Wieder aus dem Wasser, hüllten sich die drei in die Strandtücher. Ein letzter Ouzo.
„Jamas!“
„Jamas!“
„Skol!“
Die Prozession bewegte sich in Richtung Haus. Alles könne so bleiben, morgen werde abgeräumt, Handtücher finde man im Badezimmer, Frühstück morgen im Salon.
„Aber nicht vor 11!“, gab Anai vor.
Am Weg zurück sah Lina etwas, wohl eine Jacke, am Strand liegen, schenkte dem aber keine weitere Beachtung, wollte sie doch unter eine warme Dusche, um die Goosebumps zu glätten.
Als Lina aus der Dusche kam und die Badezimmertür öffnete, stand Niko vor ihr. Er mehr erschrocken als sie, genug für Lina, um ihren kurzen arhythmischen Herzschlag wahrzunehmen. Ihre Augen weiteten sich, sie fasste ihn am Nacken und zog ihn an sich. Beim Kuss schloss sie die Augen, fühlte, wie sein Nacken sich entspannte und er ihr Wollen auch wollte.
„Du schläfst bei mir heute – bitte.“
Da die Aufforderung wenig gute Antworten zuließ, genügte Nikos „Ja“. Und sein Blick dazu.

Thema: Liebesroman

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