Ressort
Du befindest dich hier:

Teil 7: WOMAN-Liebesroman

Thomas Glavinic begann mit dem WOMAN-Liebesroman, Leserinnen schrieben die Story von Niko & Lina weiter. Werden sich die beiden finden? Wir drucken noch zwei weitere Folgen im Heft ab.


Teil 7: WOMAN-Liebesroman
© Sebastian Reich/News

Der Bestsellerautor Thomas Glavinic erfand die beiden Protagonisten des großen WOMAN-Liebesromans: Lina aus Wien & den Berliner Niko. Er beschrieb, wie die beiden einander begegnen und nicht mehr voneinander lassen können, obwohl sie sich kaum kennen. Als Lina zur Buchmesse nach Rom reist, mailt Niko ihr ein E-Ticket für einen Flug nach Berlin. Die Literaturagentin zögert. Nach einer frustrierenden Beziehung mit dem verheirateten Arik will sie keine Gefühle zulassen. Doch auch sie sendet Niko ein Flugticket für Zakynthos. Im Flugzeug läuft ihr der Ex über den Weg, aber Lina ignoriert das böse Omen. Als Niko sie abholt, ist der gutaussehende Berliner nicht alleine, neben ihm steht eine alte Freundin: Anai. Die Griechin aus reichem Haus hat ein Haus am Strand und den fantastischen Koch Ambrosios. Lina ist verunsichert. Wie tickt die schöne Frau? Nach einem Strand-Dinner und einem spontanen Sprung ins Meer spürt Lina einen Atem im Nacken.

Werden sie ein Paar?

Mit dieser Folge von Gewinnerin Magdalena Pfurtscheller sieht es für Lina und Niko rosig aus. Wird das so bleiben? Wir setzen den Roman noch mit zwei Kapiteln fort, im übernächsten WOMAN kommt dann das große Finale!

Die Wellen schwappten sanft um Linas Hüfte, doch konnten auch sie ihren schnellen Herzschlag nicht bremsen. Das malerische Blau des Meeres war bezaubernd, Lina wollte darin eintauchen und diesen Moment mitnehmen. Eine Hand umfasste langsam ihre Hüfte, sein Mund sank auf ihren Hals. Genau dabei wurde Lina schwach. Er hatte wieder ins Schwarze getroffen. Lina war so aufgeregt wie ein Kind, kurz bevor das Christkind kommt. Ein blöder Vergleich, dachte sie, aber einfach immer passend. Sie schloss die Augen, drehte sich langsam um, und plötzlich, ansatzlos, stieß sie einen gellenden Schrei aus. Es war gerade so unpassend in dieser Situation -wie in einem Liebesfilm, wenn die Leinwand plötzlich unter dem lang ersehnten Kuss entzweiriss, wie ein schöner ruhiger See, in den ein schwerer Stein geworfen wurde, der die gespiegelte Zeichnung der Oberfläche abrupt zerstörte. Es war etwas mit ihrer linken Fußsohle. Es fühlte sich so an, als ob sie auf ein Nadelkissen getreten wäre. Ein furchtbarer Schmerz durchbrannte ihren Körper. Niko hatte seine Augen weit aufgerissen: "Um Himmels willen! Lina, was ist denn los?" Lina schlang die Arme um seinen Hals und hob ihren Fuß aus der Tiefe über die Wasseroberfläche und wimmerte panisch weiter. Und da sahen sie es beide: Ein dicker fetter Seeigel steckte in ihrer Fußsohle.

Dann ging alles ganz schnell. Niko zog sie hinaus an den Strand. Ambrosios und Anai stürmten panisch auf sie zu. Niko legte sie behutsam auf den Boden ab, und Lina schlug die Hände vor ihrem Gesicht zusammen, so grauenvoll war der Anblick ihres Fußes. Anai, Ambrosios und Niko diskutierten heftig. Ein Seeigel: Herausziehen? Nein, drinnen lassen. Der Stachel könnte aber um diese Jahreszeit giftig sein. Einen Krankenwagen rufen! Schnell! Lina wurde schlecht, und dann verlor sie das Bewusstsein.

Neonlichter an der Decke. Hässlich, mit schwarzen Punkten, von denen einem übel wurde, wenn man sie länger betrachtete. Es sah nicht aus wie in Anais wunderschöner Villa. Der Geruch von Desinfektionsmittel, hektische Schritte auf quietschenden Sohlen weiter entfernt. Krankenhaus. Lina blickte zu ihrem Fuß. Ein dicker Verband umhüllte ihr Bein. Eine Infusion hängte an ihrem Unterarm. Tropf, tropf Langsam wie bei einem Wasserhahn bahnte sich die Flüssigkeit den Weg in ihr Blut. Sie war in einem Krankenzimmer, allein. Lina schloss die Augen. Das war ein Albtraum, bestimmt würde sie bald aufwachen. Warum gab es im richtigen Leben keine "Rückgängig"- Taste wie auf ihrem PC. Manchmal wünschte man sich, diese Dinge würden nicht nur in der virtuellen Welt funktionieren. Einen Satz geschrieben, er passt nicht rückgängig, löschen. Lina tritt bei lang ersehntem romantischen Date auf Seeigel rückgängig, löschen, entfernen, escape. Seeigel, ich habe heute leider kein Foto für dich! Rückgängig, rückgängig, bitte! Flehte Lina innerlich. Kurze Bilder zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Niko und sie küssen sich im Meer, danach teilen sie sich eine Decke am Strand, trinken noch ein Glas Wein, lachen, gehen später in die Villa zurück. So war das Drehbuch für diesen Abend gewesen. Langsam öffnete sie die Augen. Verdammt, es hatte sich nichts verändert. Sie lag immer noch da. Wo war Niko? Wie spät war es? Sie war ganz alleine. Plötzlich öffnete sich die Tür und eine griechische Krankenschwester kam herein. "How you feel?", polterte sie in holprigem Englisch los. "What happenend, what is the time? Where is my boyfriend?", fragte Lina hektisch mit belegter Stimme. Die Krankenschwester ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen, kontrollierte streng den Regler der Infusion, ohne den Blick auf Lina zu richten, und sagte: "You fine now, drink and sleep, Doctor coming later, you boyfriend coffee!" Sie hielt Lina einen Becher mit einem Strohhalm hin. Lina wollte widersprechen, doch bemerkte sie erst jetzt, wie durstig sie war. Sie trank die ganze Flüssigkeit aus und fiel in ihr Kissen zurück. Ihr fielen die Augen wieder zu, eine kurze Sekunde lang dachte sie daran, dass sie Niko gerade "boyfriend" genannt hatte.

Tageslicht drang durch Linas Lider. Sie wusste schon bevor sie die Augen öffnete, dass sie sich besser fühlte. Sie musste lange geschlafen haben. Da spürte sie es. Eine große warme Hand hielt die ihre. Lina blickte langsam auf Niko. Er schlief neben ihr auf einem Sessel tief und fest und hielt immer noch ihre Hand. Lina fühlte sich plötzlich gut. Es war ein wunderschönes Gefühl, und sie hatte Zeit genug, Niko in aller Ruhe zu betrachten. Er sah müde aus. Er trug immer noch dieselbe Kleidung wie beim Abendessen. Sein Haar war süß verwuschelt. Wie lange hatte sie geschlafen? Plötzlich musste sie grinsen. Diese Situation war so verrückt, dass sie sogar schon wieder witzig war. Doch obwohl sie auf Zakynthos die Zeit nicht so verbracht hatten, wie ursprünglich geplant, war dieser Moment unglaublich schön und wertvoll. Er hielt ihre Hand. Er war für sie da gewesen, er hatte sich nicht einmal umgezogen. Langsam wachte er auf. Grinsend erwiderte er Linas Grinsen. "Du lachst?", fragte er schelmisch mit müder Stimme. "Tolles Date, oder?", grinste Lina zurück. Niko schüttelte aufgrund der absurden Situation lachend den Kopf. "Ja, das kannst du laut sagen. Du hast fast alles verschlafen. Aber alleine dir beim Schlafen zuzuschauen, war es wert!" Sie blickten sich stumm in die Augen, und Niko rieb zärtlich ihre Hand. "Mach dir keine Sorgen, du bist bald wieder fit. Sie mussten die giftigen Stacheln herausoperieren, so tief ist der Seeigel in dir gesteckt. Ich kann dich heute mitnehmen, wenn du möchtest. Sie meinen aber, du sollst dich unbedingt noch ein paar Tage ausruhen. Anai sagt, wir können so lange bleiben, wie wir wollen.

Ich habe mir noch ein paar Tage freigenommen und kann dein Krankenpfleger sein, wenn du das möchtest. Ich kann mir jedenfalls nichts Schöneres vorstellen." Lina lächelte glücklich. Vielleicht ist es doch richtig so, dass es im Leben keine "Rückgängig"-Taste gibt, dachte sie. Es fühlte sich verdammt gut an, dass Niko sich um sie kümmern wollte. Sie spürte, dass sie ihm wichtig war, und er war ihr wichtig. Sehr sogar. Genau das hatte sie doch auf Zakynthos herausfinden wollen, und genau das hatte sie auch geschafft. Die Art und Weise war zwar bizarr, aber die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst ...

Alternative Folgen.

Barbara Zelger.

Sie drehte sich nicht zu ihm um. Er kam noch ein kleines Stückchen näher, noch einen Zentimeter enger an sie heran. Sie spürte seinen Atem bereits in ihrem Nacken. Auf den er langsam seine Lippen legte. Sie schloss die Augen. Umfasste seinen Kopf mit ihrer rechten Hand. „Vielleicht sehen wir heute noch eine Seeschildkröte“, flüsterte sie. Was haben die Schildkröten jetzt mit uns zu tun, so ein blödsinniger Satz, dachte sie und warf ihm noch einen nach: „Hör nicht auf!“
Er umarmte sie. Sie hatten keinen Boden unter den Füßen. Mussten lachen, als Linas Kopf untertauchte. Er drehte sie zu sich herum, strich ihr geduldig die Strähnen aus dem Gesicht, küsste sie zärtlich auf den Mund. Sie schmeckte Salz. Salz und Lippen und Zunge. Spürte Finger auf ihrer durch das Salz samtig-weich gewordenen Haut. Es war kein Fehler gewesen, ihn hierher zu holen. Hier war es wie Urlaub. Nicht meine, nicht seine Realität. Unser erstes gemeinsames Erlebnis.
Sie hörten Anai lachen, die zügig auf sie zu schwamm. „Na, ihr beiden? Habe ich euch zu viel versprochen?“ Das Essen, der Strand, das Wasser. Niko. Immer wieder Niko. „Ich bleibe heute Nacht bei Ambrosius. Ihr findet allein nach Hause?“
„Anai und Ambrosius?“, fragte Lina, sobald Anai sie wieder alleine gelassen hatte.
„Ja, sie sind zusammen. Ich weiß nicht, wie ernst es ihnen ist, aber sie haben Spaß“, sagte Niko.
Lina lachte auf. Er sah sie aufrichtig an, unschuldig fast. Hatten sich Anai und Ambrosius mit ihm abgesprochen? Sie war nervös. Wie weit sollte sie heute Nacht gehen?
Anai lief bereits wieder Richtung Strand. Wie eine Meerjungfrau, so anmutig und selbstbewusst. Ambrosius, noch mit einigen Bekannten beschäftigt, warf ihr einen Blick zu, lächelte sie an. Sie lief tropfend zu ihm, küsste ihn auf die Wange, kitzelte ihn mit ihrem nassen Haar.
Anai wedelte vom Strand her mit Handtüchern. Für Lina hatte sie eine schwarze Tunika und einen Bikini zurechtgelegt. „Du kannst froh sein, dass ich einiges zwischenlagere hier bei Ambrosius. Sonst müsstest du jetzt mit dem Handtuch nach Hause laufen“, rief sie fröhlich.
Lina und Niko legten sich auf die Handtücher, um sich notdürftig zu trocknen. „Was möchtest du machen? Hast du Lust auf einen Cocktail? Anai hat mir ihre Lieblingsbar verraten.“
Lina nickte. Noch nicht nach Hause, noch nicht ganz alleine mit ihm sein, noch Leute um sie herum, das klang gut. Einen weiteren Cocktail würde sie vertragen.
Sie verabschiedeten sich von Anai und Ambrosius, die breit grinsten. Lina fühlte sich wohl in ihrer Haut. In Anais Tunika. Stil hatte sie, diese Frau!
In Nikos Nähe. Sie strahlte. Sie war so entspannt wie lange nicht mehr.
Um die Cocktailbar zu erreichen, spazierten sie am Meer entlang. Eng aneinander liefen sie mal im, mal nahe am Wasser. In Erwartung auf all das, was noch kommen würde, sprachen sie erstmals wirklich miteinander, alleine und ernst, um voneinander mehr zu erfahren. Sie plauderten über die Kindheit, die ersten Berufswünsche, die ersten Schritte raus aus dem jeweiligen Elternhaus. Sie erzählten einander von ihren besten Freunden und freuten sich über die gemeinsame Freundin Katharina, die sie einander vorgestellt hatte.
„Wenn Katharina wüsste, wo wir …“, begann Lina.
„… wo wir beginnen, eine gemeinsame Geschichte zu gestalten“, ergänzte Niko.
Lina konnte es nicht glauben: War es so einfach, sich wieder zu verlieben? Konnte es sein, dass es diesmal beiden gleich ernst war? War sie sich ihrer Gefühle sicher? War er es? War es nicht zu schön, zu unkompliziert, um wirklich wahr zu sein?
Sie kamen zur Bar, setzten sich und bestellten Cocktails, hielten einander an den Händen. Lina fühlte sich beobachtet, doch es machte ihr nichts aus. Sie wollte nicht einmal wissen, wessen Blicke sie in ihrem Rücken spürte. Fühlte sich sicher. Niko. War bei ihr. Hielt ihre Hand. Wich ihr nicht von der Seite. Umgarnte sie mit seinen Blicken und Worten. Kein Fehler. Das Richtige. Die richtige Entscheidung. Warum sollte sie nicht wieder fühlen dürfen? Warum nicht einfach genießen? Schwierig könnte es später noch werden. Wien–Berlin. Nicht jetzt daran denken. Genießen. Küssen. Lieben.
Sie musste auf die Toilette. Stand auf und drehte sich, um zum Eingang der Bar zu gelangen. Da blieb sie kurz stehen. Nun erkannte sie, wessen Blicke sie in den Rücken gezwickt hatten. Arik.
Da saß er. Saß da und starrte sie an. Sie starrte zurück. Nicht allein saß er da, sondern in Begleitung einer Frau, deren Hand er gerade zu seinem Mund führte. In dieser Bewegung war er erstarrt. Sah Lina bloß an. Die Frau blickte fragend auf ihn. Lina wollte nicht zu lange stehen bleiben, sich keine Blöße geben, ihm keinen Triumph lassen. Vor allem Niko nicht aufscheuchen, ihn an ihren Gefühlen nicht zweifeln lassen, nicht das vielleicht ansetzende Glück zwischen ihnen zerstören. Niko. Was war Arik im Gegensatz zu ihm?
Sie lief weiter Richtung Lokal. Blieb kurz an Ariks Tisch stehen. Reichte ihm die Hand, der Frau die Hand. „Arik, wie schön, endlich deine Frau kennenzulernen!“, rief sie und lief davon.
Den böse funkelnden Blick aus Ariks Augen hatte sie noch bemerkt. Will er wieder eine Frau behandeln, verführen, ins offene Messer laufen lassen wie mich? Will er seine Frau weiterhin betrügen, belügen? Sie wieder verlassen für eine andere? Denkt er niemals an sein Kind?
Als sie zurückkehrte, sah sie Arik und die Frau diskutierend die Terrasse verlassen. Lina hatte vielleicht nicht das Richtige getan. Kindisch gehandelt. Vielleicht eine neue Liebe zerstört. Doch die Ehefrau, das Kind? Sie setzte sich wieder zu Niko und lächelte ihn an.
Er betrachtete sie. „Wer war das?“ Keine Eifersucht, kein Zweifel, nur Neugierde: Wen konnte Lina hier auf Zakynthos kennen?
Diesen Mann werde ich nicht belügen. Nicht mit einer Lüge etwas Mögliches, etwas Neues beginnen, dachte Lina. „Ein fertig geschriebenes, unschönes Märchen aus meiner Vergangenheit“, sagte sie. Reinen Gewissens. Ihm die Wahrheit! Dass es die Wahrheit war, dass sie mit Arik abgeschlossen hatte, fühlte sie jetzt stärker als jemals zuvor.

Klaudia Rank.

Sie hatte damit gerechnet, dass Niko ihr hinterhergeschwommen war, umso enttäuschter war sie, als Anai prustend neben ihr aus dem Wasser tauchte. Das weiße Mondlicht schimmerte auf ihren langen schwarzen Haaren, und als sie lachte, leuchteten ihre weißen Zähne wie kleine Perlen.
„Du siehst aus wie eine Meerjungfrau“, kicherte Lina. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Der Alkohol entfaltete seine Wirkung, außerdem wollte sie ihre Enttäuschung darüber verbergen, dass Niko ihr nicht gefolgt war. Sie entdeckte ihn neben Ambrosius sitzend am Strand. Singend schwenkten die beiden ihre Weingläser hin und her.
„Lass uns zurückschwimmen“, forderte Anai Lina atemlos auf, während sie auf der Stelle strampelte. Ohne eine Antwort abzuwarten, schwamm Anai Richtung Ufer. Am Strand angekommen, hob sie ihre bunt bestickte Tunika auf und streifte sie über. Dann räumte sie flink das Geschirr auf den Boden und zog die weiße Tischdecke herunter. „Du kannst rauskommen“, rief sie Lina zu und schwenkte das Tischtuch.
Zügig schwamm Lina ans Ufer und hüllte sich in den weißen Stoff. Niko und Ambrosius waren in ein Gespräch vertieft und hatten ihre Ankunft nicht bemerkt.
„Lasst uns wieder zum Haus gehen“, schlug Anai vor. Ihre langen Haare tropften und sie zitterte. „Mir ist ziemlich kalt.“
„Ja, eine warme Dusche wär jetzt toll“, stimmte Lina zu. „Kommst du mit Niko?“
„Komm gleich“, meinte er abwesend und warf ihr eine Kusshand zu.
Lina hätte zu gerne gewusst, über welches Thema sich die beiden so anregend unterhielten. Fackeln leuchteten ihnen den Weg bis zum Gartentor. Sie eilte Anai hinterher und sah gerade noch, wie sie im Haus verschwand und die Tür offen ließ. Lina betrat das Bad neben ihrem Zimmer. Das dampfend heiße Wasser der Dusche vertrieb langsam die Wirkung des Alkohols und eine schwere Müdigkeit machte sich in ihr breit. Sie trocknete sich ab, hüllte sich in ihren Bademantel und legte sich aufs Bett. Einen Moment ausruhen, dachte sie, doch es dauerte nicht lange, bis sie eingeschlafen war. Einige Zeit später klopfte Niko vergeblich an ihre Tür, auch seine Rufe blieben ungehört. Der Ouzo und der Retsina verschafften ihr einen tiefen, traumlosen Schlaf. Erst als Anai am nächsten Morgen gegen ihre Tür hämmerte, fuhr sie erschrocken hoch. Irritiert blickte sie sich um. Es dauerte einen Moment, bis sie wusste, wo sie sich befand. Das gleißende Sonnenlicht ließ sie blinzeln. Verärgert stellte sie fest, dass sie den restlichen Abend verschlafen hatte. Die Chance, ihn mit Niko zu verbringen, hatte sie vertan.
„Kommst du zum Frühstück?“, rief Anai durch die geschlossene Tür.
„Ja, komme sofort“, stammelte Lina. Sie erhob sich langsam und öffnete die Terrassentür. Einen Moment hörte sie den Wellen zu, die ans Ufer rollten. Sie schloss die Augen. Ihr Kopf brummte. Ouzo und Retsina schienen sich nicht gut zu vertragen. Dann öffnete sie den Schrank, aus dem sie am Vortag das schwarze Kleid entführt hatte. Sie musste grinsen, stellte sich wieder vor, wie peinlich es ihr gewesen war, als das Kleid riss. Zuerst zog sie einen Rock und eine weiße Bluse heraus, doch dann entschied sie sich für ein weites Sommerkleid, auf dem sich bunte Blumen tummelten. Es war so locker geschnitten, dass kein Fauxpas zu befürchten war. Sie legte noch ein leichtes Make-up auf und eilte hinaus.
Niko und Anai saßen auf der Terrasse. Der Frühstückstisch war üppig gedeckt. Von dort hatte man einen herrlichen Blick über den Park, der gänzlich von einem eisernen Zaun umgeben war. Niko stand auf, nahm sie in den Arm und küsste sie. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Schade, dass wir uns gestern Abend nicht mehr gesehen haben.“
Seine Stimme klang verführerisch, und sie ärgerte sich nun noch mehr, dass sie eingeschlafen war.
Lina nickte, löste sich von ihm und setzte sich.
Anai reichte ihr einen Korb mit frischem Brot und schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein. „Ich muss gleich noch was loswerden“, meinte sie. „In einer halben Stunde kommt eine Produktionsfirma hier ins Haus. Sie wollen im Salon und auf der Terrasse ein paar Szenen für einen Film drehen.“
„Okay“, meinte Niko. „Ich wollte mit Lina heute sowieso an den Hafen gehen.“
„Das ist eine tolle Idee“, stimmte sie zu. „Vielleicht könnten wir zur Piratenbucht fahren?“
„Warum nicht“, sagte Niko und biss von seinem Brot ab.
Während Anai Tipps für weitere Ausflüge gab, beobachtete Lina Niko. Seine Augen leuchteten, als er aufmerksam Anais Bericht lauschte. Er hakte interessiert nach, während Lina nur Augen für Niko hatte und ihrer Gastgeberin mit halbem Ohr zuhörte. Anai bot ihnen ihren Wagen an, da sie ihn an diesem Tag nicht mehr benötigen würde. Sie wollte während der Dreharbeiten anwesend sein.
Dieser Abend sollte ganz anders verlaufen als der vorherige, nahm Lina sich vor. Da fiel ihr der Koch ein. „Wo ist Ambrosius?“, fragte sie.
„Er ist zu Hause und kommt erst heute Abend wieder“, meinte Anai. „Ihr seid doch zum Essen wieder da, oder?“
Lina wollte gerade abwehren, sie hatte sich einen romantischen Abend am Hafen vorgestellt, als Niko antwortete: „Natürlich, war doch super gestern. Wieder grillen am Meer?“
„Klar, wenn ihr wollt“, stimmte Anai zu. „Dann geb ich ihm nachher gleich den Auftrag, alles vorzubereiten.“
Lina wollte gerade widersprechen, da klingelte es.
„Ach, die Filmleute!“, sagte Anai aufgeregt. „Die sind zu früh dran!“ Hektisch stand sie auf und eilte ins Haus.
Niko nahm Linas Hand, beugte sich vor und sagte: „Wir machen uns heute einen schönen Tag. Ich freue ich schon.“ Er drückte ihr einen Kuss in die Handfläche und sah ihr tief in die Augen.
„Ich freue mich auch. Tut mir leid wegen gestern Abend.“
„Das können wir ja heute nachholen“, sagte er und grinste verschmitzt.
Im Haus hörte man laute Stimmen. Kurz darauf betrat Anai, gefolgt von einigen Männern, die Terrasse. „Hier ist der Garten, und dort hinten befindet sich der Zugang zum Strand“, erklärte sie und gestikulierte heftig mit ihren Armen.
Lina, die mit dem Rücken zur Hauswand gesessen hatte, erhob sich und drehte sich um, damit sie die Neuankömmlinge begrüßen konnte. Während sie auf die Gruppe zutrat, ließ sie ihren Blick schweifen. Als sie die letzte Person erkannte, stockte ihr der Atem.
Arik grinste sie an.

Thema: Liebesroman

WOMAN Community

Deine Meinung ist wichtig! Registriere dich jetzt und beteilige dich an Diskussionen.

Jetzt registrieren!

Schon dabei? .

ticket.at Charts