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Der große WOMAN-Liebesroman

Kultautor Thomas Glavinic startet - und WOMAN-Leserinnen schreiben die Geschichte weiter! Mache mit: Schicke deinen Text und werde Teil des großen Liebesromans!


Der große WOMAN-Liebesroman

Thomas Glavinic: Landete zuletzt mit "Das größere Wunder" einen Bestseller.

© Sebastian Reich/News

Er ist einer der renommiertesten Autoren des Landes, mehrfach ausgezeichnet, seine Bücher sind Bestseller. Jetzt konnten wir Kultautor Thomas Glavinic, 42, für den Beginn eines ganz besonderen Romans gewinnen: den großen WOMAN-Liebesroman, der mit der Ausgabe WOMAN 14/2014 startete (und ebenfalls unten nachzulesen ist). Glavinic hat sich den Beginn einer Geschichte ausgedacht (siehe unten), und du, als WOMAN-Leserin, die gerne selbst schreibt, die viel Fantasie besitzt, die Lust an der Formulierung hat, schreiben die Geschichte weiter. Es geht um Lina, eine Literaturagentin, und einen Mann namens Niko … Thomas Glavinic: "Der Anfang ist tatsächlich für mich die schwierigste Aufgabe bei einem Roman. Man muss den richtigen Ton finden, die Geschichte passend anlegen, nicht zu groß, nicht zu klein, da passiert auf wenigen Seiten sehr viel Entscheidendes, und man kann viele Fehler machen."

Alles zum großen WOMAN-Liebesroman findest du auch unter woman.at/liebesroman - und hier jetzt der Anfang von Thomas Glavinic!

Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere. Weniger ärgerte sie sich darüber, dass ihr der Schlaf morgen fehlen und sie beim Gespräch mit den Verlagsleitern unkonzentriert sein würde, sondern dass sie nicht wusste, was ihre Gedanken so im Fluss hielt. Sie reiste oft und gern, beruflich und privat, sie liebte das Ankommen in fremden Städten, die exotischen Gerüche in der Luft, die unbekannten Sprachen, die Geräusche auf den Straßen,und am liebsten landete sie auf einem Flughafen, von dem aus man schon das Meer sehen konnte.
Das Meer sehen konnte man von Fiumicino aus nicht, zumindest nicht vom Boden aus, trotzdem war Rom eine ihrer Lieblingsstädte und die Buchmesse in Rom neben der in Jerusalem für sie die wichtigste. Sie freute sich auf jeden Besuch in Rom, aber Vorfreude hatte ihr noch nie den Schlaf geraubt.Das hat so keinen Sinn, dachte sie. Sie knipste die Nachttischlampe an, holte sich ein Glas Wasser und suchte ihr Handy. Wie üblich fand sie es erst nach einer Weile, es steckte in ihrer Jacke. Noch fünf Prozent Akku. Sie verband es mit der Steckdose.
Zwölf neue Kurznachrichten. Drei waren von Niko. Diese las sie am Schluss, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sonst nichts Dringendes anlag.

Hi. Wie war das Essen mit dem Dicken? Hab an dich gedacht.
Hast du es dir überlegt? Das mit meinem Vorschlag? Drei Tage? Oder wenigstens zwei? Ich denke noch immer an dich und höre erst damit auf, wenn du mir endlich zurückschreibst. Sonst denke ich immer weiter an dich, und du bist schuld, wenn ich an nichts anderes mehr denke und alles vernachlässige und aus meinem Job fliege und beim Andichdenken in der Dusche ausrutsche und mit gebrochenem Steißbein an dich weiterdenken muss, weiter und immer weiter. Auf meinem Grabstein wird stehen: Der Trottel hat nur noch an diese Lina gedacht.

Die letzte Nachricht las sie ein zweites und ein drittes Mal. Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Was daran lag, dass sie nicht wusste, was sie fühlte. Oder fühlen sollte.
Sie legte sich wieder ins Bett und schaltete den Fernseher an. Es lief ein Krimi. Sie zappte weiter. Auf "National Geographic" kam eine Doku über Tiere der Urzeit. Genau das Richtige, genau das richtige Grad an Langeweile. Sie drehte den Ton leise und wartete. Auf Ruhe in ihrem Kopf. Auf das Nachlassen der Spannung. Auf den Moment, in dem sie fühlte, dass sie endlich mit sich allein war. Mit sich im Reinen. Ein wenig.
Als am Morgen der Wecker läutete, wusste sie nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Sie fühlte sich zerschlagen. Die kalte Dusche änderte auch nichts daran. Zum Glück hatte sie den Koffer schon am Vorabend gepackt.
Sie schlüpfte in ihr Reise-Outfit. Jeans, T-Shirt und Sneakers, bequem und praktisch, und wenn der schwitzende Geschäftsmann am Nebensitz seinen Tomatensaft verschütten sollte, war nicht viel passiert.
Als sie sich vor dem Spiegel die Haare bürstete, musste sie lachen. Ob einer von den Menschen, mit denen sie regelmäßig über Bücher verhandelte, sie in diesem Aufzug erkennen würde? Sie sah nicht gerade aus wie eine Literaturagentin, sondern eher wie ihre eigene Praktikantin.
Im Taxi beantwortete sie auf ihrem iPad E-Mails und SMS. Niko schrieb sie zuletzt. Es fiel ihr schwer, Worte zu finden. Von den richtigen gar nicht zu reden.

Nun wusste sie auch, was das Gefühl gewesen war, das sie in der Nacht heimgesucht und ihr den Schlaf geraubt hatte: Angst. Es kam alles so schnell. Und was da so schnell kam, war sehr stark. Und was da sehr stark war, davor fürchtete sie sich. Zumindest seit dem letzten starken Gefühl, seit jenen wenigen intensiven Monaten mit Arik, dem Schauspieler, der für sie Frau und Kind verlassen hatte, was ihr selbst gar nicht so recht gewesen war, und der sie dann wiederum für Frau und Kind verlassen hatte, was ihr noch weniger recht gewesen war. Nie wieder, hatte sie sich geschworen, nie wieder würde ihr so etwas passieren, nie wieder würde sie sich so schnell so tief auf einen Menschen einlassen. Und nie wieder würde sie sich von jemandem so sehr verletzen lassen. Nie wieder würde sie ihr Gleichgewicht verlieren, nie wieder würde sie die Kontrolle über ihr Leben aus der Hand geben, nie wieder würde sie zulassen, dass etwas stärker war als sie.
So hatte sie es gehalten: Sie war auf keinen Flirt eingegangen, hatte keine Einladung angenommen, die beruflich nicht zwingend war, war abends zeitig nach Hause gegangen und hatte sich auf die Arbeit konzentriert. Manuskripte gelesen, mit Lektoren am anderen Ende der Welt geskypt, sie hatte ferngesehen, Musik gehört, mit ihrer Mutter telefoniert, gekocht. Und manchmal auf ihrem Handy nachgesehen, ob Arik geschrieben hatte.Und dann das. Dieser Mann. Niko. Ausgerechnet Niko. Wer hieß schon Niko? Aber der Niko, den ihr Katharina im Berliner Literaturhaus vorgestellt hatte, sah nicht aus wie ein Niko, zumindest nicht wie die Nikos, die ihr davor begegnet waren. Dieser war auf eine uneitle Weise attraktiv, hatte Manieren, war humorvoll, intelligent, wirkte ein wenig unstet und schien sich selbst nicht übermäßig ernst zu nehmen. Nachdem sie zu dritt ein paar Stunden Katharinas Anwaltszulassung gefeiert hatten, wollte Lina nicht unhöflich sein, als Niko nach ihrer Nummer fragte.
Im Nachhinein hatte sie natürlich verstanden, dass es keineswegs ihr Bestreben nach guten Umgangsformen gewesen war, das sie ihm ihre Nummer hatte diktieren lassen, diese Ausrede hatte sie nur für sich selbst gebraucht. Darin war sie immer schon gut gewesen: sich etwas vorzumachen.

Bin unterwegs zum Flughafen. Halt die Daumen, dass das Wetter in Rom schön ist. Wie ist es in Berlin?

In dem Moment, als sie auf Senden drückte, kam sie sich dämlich vor. Was ist denn das für eine Nachricht?, dachte sie. Vor allem als Antwort auf seine? Was will ich denn damit sagen?
Sie überlegte, noch einen Satz hinterherzuschicken, ein paar Worte, die weniger unverbindlich klangen. Es fiel ihr nichts Passendes ein. Darin war sie auch noch nie gut gewesen. Das Richtige zu sagen. Außer in ihrem Job, da traf sie meistens ins Schwarze.
Im Flugzeug saß sie neben einem kleinen Jungen, der sie sehr an ihren Neffen Lukas erinnerte, und dessen übertrieben parfümierte Mutter, die die Flugbegleiterin herumkommandierte und sich über den bitteren Kaffee und das trockene Sandwich beschwerte. Der falsche Lukas war trotzdem nett. Kinder konnten nichts für ihre Eltern. Auch wenn sie eines Tages wurden wie sie.
Sie fand Ruhe genug, ein paar Exposés zu überfliegen. Die meisten taugten nicht viel. Eines steckte sie in eine ihrer roten Folien, um es später noch einmal zu lesen.
In Rom schien die Sonne, es war spürbar wärmer als in Wien. Sofort fühlte sie sich leichter. Sie schob sich die Sonnenbrille auf die Nase, nannte dem Fahrer die Adresse des Hotels, setzte sich auf einen mit Brandlöchern übersäten Sitz und schrieb ihrer Mutter, sie sei gut gelandet. Das tat sie immer, denn das war ihre Abmachung. Ihre Mutter hatte Flugangst.
Kein SMS von Niko. Die Frage nach dem Wetterbericht hatte ihn wohl verschreckt. Vorwerfen konnte sie ihm das nicht. Vermutlich war es auch besser so, wenn die Sache jetzt auf diese Art versickerte.
Während sie ihr Haar vom Fahrtwind durcheinanderwirbeln ließ, versuchte sie trotz des Italo-Pop, der aus den Boxen kam, ihren Tagesplan durchzugehen. Es gab drei oder vier Terminüberschneidungen, und sie musste abwägen, wen sie um Verschiebung bitten und wen sie ganz versetzen konnte. Bis 17.00 Uhr hatte sie frei. Von da an würde Lina vier Tage lang nicht sich selbst, sondern der Literaturagentur gehören. Zwar war sie selbst die Agentur, aber einen Unterschied machte das nicht.
Nachdem sie ihre Sachen im Hotel abgestellt und sich unter der Dusche den Flugzeugschweiß abgewaschen hatte, setzte sie sich mit ihren Manuskripten in ihr Lieblingscafé am Campo de' Fiori und bestellte einen Espresso und eine Flasche Wasser. Der Kellner kannte sie, er stellte ihr ungefragt zwei stuzzichini neben den Kaffee.
Das war es, dieses Gefühl von Leichtigkeit vermisste sie in Wien, und nicht nur dort, sondern in jeder anderen Stadt. Sie blickte hinauf zur Statue von Giordano Bruno, der an ebenjener Stelle verbrannt worden war, und nickte der schwarzen Gestalt zu. Nach dem Kaffee bestellte sie ein Glas Wein und begann zu arbeiten.
Weit kam sie nicht. In ihrem Kopf drehten sich wieder die Gedanken, alles vermischte sich, ihr Leben, ihre 32 Jahre, Vergangenheit, Zukunft, was werden sollte, was werden könnte, und gerade hier, auf diesem wunderschönen alten Platz, war sie außerstande, sich zu einer Entscheidung durchzuringen. Sie steckte die Manuskripte zurück in die Tasche, lehnte sich zurück und blinzelte in die Sonne.
Zum ersten Mal war sie als Kind in Rom gewesen, doch daran erinnerte sie sich kaum noch. Besser war ihr Andrea in Erinnerung geblieben, der Junge, den sie mit 16 beim Sprachaustausch kennengelernt hatte und mit dem sie ein halbes Jahr später, bei seinem Gegenbesuch in Wien, zum ersten Mal geschlafen hatte. Im Nachhinein hatte sie verstanden, dass sie nicht so sehr in ihn verliebt gewesen war, sondern mehr in seine Stadt, Rom, diese Stadt, die zu ihm gehörte. Wie sie ihn erlebte, war er ganz Rom, er war der Petersdom und die Vatikanstadt, er war die Piazza Navona und die Sieben Hügel, er war ein Spaziergang in der warmen Nacht, er war die Fahrt ans Meer, er war die Pasta und die Pizza und der Wein, er war das Licht, das römische Licht, klar und weich, er war die Nacht, die hier so vertraut war und so wenig furchteinflößend. Sie hatte älter werden müssen, um auf die Idee zu kommen, dass es womöglich immer nur die Stadt war, nie der Mann.

Mit einem Mal wurde sie traurig. Sie zog ihr Handy heraus. Eine Nachricht von Katharina, eine von Jojo, ihrer besten Freundin, mit der sie schon so oft nach Rom hatte fliegen wollen, aber immer war etwas dazwischengekommen. Sie machte ein Foto von den Obst-und Gemüseständen mit dem schwarzen Giordano über ihnen und schickte es ihr mit einem Smiley.
Wieso schreibt er mir nicht zurück?, dachte sie.
Vielleicht war es wirklich so. Vielleicht war es heute nicht mehr möglich, eine Beziehung zu führen. Vielleicht blieben einem nur die Freunde. Die Freunde blieben, die Partner kamen und gingen.
Unwillig schüttelte sie den Kopf. So durfte sie nicht denken. So zu denken, bedeutete nicht nur eine Absage an alles, woran sie glaubte, sondern führte geradewegs in eine Sackgasse. Frauen, die so dachten, fanden sich eines Tages übergewichtig und mit drei Katzen auf einer Couch wieder, die Fernbedienung in der Hand.

Sitze am Campo de' Fiori. Habe gerade an dich gedacht.

Sie atmete durch. Drückte auf Senden. Und kam sich abermals ein wenig dumm vor. Verwirrt bat sie um die Rechnung, legte das Geld auf den Tisch und machte sich auf den Weg ins Hotel, als wollte sie den Ort einer Niederlage eilends verlassen.
Waren es wirklich die Städte, in die sie sich verliebte, und nicht die Männer? Sie wagte nicht daran zu denken, dass sie in Niko verliebt war - beileibe nicht -, aber wenn, dann konnte es auch an der Stadt liegen. Nicht? Obwohl sie Berlin ja schon lange kannte. Die Theorie galt wohl nur für Städte, die man neu kennenlernte. Berlin. Niko. Berlin. Nikos größter Pluspunkt war, dass er nichts mit dem Literaturbetrieb zu tun hatte. An den meisten Menschen, mit denen sie täglich arbeiten musste, haftete Staub, sie lebten wie Schatten, und jeder von ihnen hasste auf die eine oder andere Weise die wirkliche Welt. Das war es wohl, was ihr an Niko so gut gefiel: Dass er die Welt zu lieben schien, dass er sein Leben nahm, wie es kam, es an sich riss, während sie stets an allem zweifelte.
Du interpretierst in diesen Kerl Dinge hinein, die nicht da sind, sagte sie zu sich, gerade als sie beim Hotel ankam. Trotzdem kontrollierte sie ihr Handy. Eine Nachricht von Jojo. Drei E-Mails von Lektoren, eine von einem Agenten, zwei von ängstlichen Autoren, die darum baten, dass ihr Manuskript auf der Messe möglichst breit gestreut wurde. Ihre Finger flogen über den Bildschirm, und noch ehe der Lift oben ankam, hatte sie alle E-Mails beantwortet.
Ich hasse diesen ganzen Unsinn, dachte sie. Was mache ich hier eigentlich?
Drei Uhr. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit. Missmutig legte sie sich aufs Bett. Der Blick auf die Tasche mit den Manuskripten löste in ihr Widerwillen aus. Sie schaltete den Fernseher ein und suchte nach einem deutschen Sender.
Sie schreckte hoch. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war. Der Digitalwecker auf ihrem Nachttisch zeigte 18 Uhr 30 an. Das bedeutete etwas, aber was?
Sie setzte sich auf, und dabei schoss ihr durch den Kopf, dass sie drei Termine verschlafen hatte. Ihre Aufregung war so groß, dass sie zunächst weder ihren Koffer noch ihr Handy fand. Binnen einer Minute war sie angezogen, drei Minuten darauf saß sie in einem Taxi, das zufällig gerade einen anderen Gast vor dem Hotel abgesetzt hatte. Dann erst hatte sie Zeit, ihre Nachrichten abzurufen.
Keine einzige SMS.
Drei E-Mails. Eine von Niko. Sie las sie vor den anderen.
Es war ein elektronisches Flugticket. Ausgestellt auf ihren Namen, Rom-Berlin, für den übernächsten Tag. Sonst keine Nachricht. Kein Gruß, nichts.
Sie bat den Fahrer, die Musik abzustellen, und schaute aus dem Fenster. Als sie vor dem Messezentrum hielten, blieb sie sitzen. Sie starrte das Flugticket an. Übermorgen.
Unsinn, dachte sie.
Oder?, dachte sie.

Wie es weitergeht, kannst du hier nachlesen.

Thema: Liebesroman
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