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Vier Frauen im Interview: „Was ist dein Scheiß-Problem?“

Für ihre Culture-Clash-Komödie „Womit haben wir das verdient“ hat Regisseurin Eva Spreitzhofer auch ihre beiden Töchter und ihre „Bonus-Tocher“ vor die Kamera geholt. Wir baten die vier Frauen zum Interview.

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Vier Frauen im Interview: „Was ist dein Scheiß-Problem?“
© Marko @zlouma Zlousic

Der Plot ist schnell erklärt: Nina (Chantal Zitzenbacher), Teenagertochter Wanda (Caroline Peters) und Harald (Simon Schwarz) tritt zum Islam über. Die Aufregung ist freilich groß – schließlich gilt die Patchwork-Familie als liberal und weltoffen. Da passt diese plötzliche Sinneswandlung nicht ganz ins Bild. Eva Spreitzhofer ist mit ihrem ersten Spielfilm eine herrliche Komödie gelungen – die zum Lachen und Nachdenken anregt.


Am Set dabei waren übrigens auch ihre beiden Töchter – Stella, 19, und Marlene, 20 – sowie ihre „Bonustochter“ Flora, 23 dabei. Und ja, sagt die Regisseurin, „da ist man schon kritischer. Ich habe ihnen schon gesagt, dass sie gut sein müssen.“ Vor allem aber war sich Spreitzhofer selbst gegenüber streng: „Ich habe schon genau hingeschaut: Finde ich die Mädels jetzt toll, weil sie gut sind, oder weil sie meine Töchter sind? Bin ich eh objektiv genug?“ Uns verrieten die vier Frauen, wie es war, plötzlich Kopftuch tragen zu müssen …

Eva, ist es selbstverständlich, dass Sie Ihre Töchter in Ihrem Film mitspielen lassen?
Eva: Naja, irgendwie schon, da sie Role-Models waren für die Mutter-Tochter-Situationen im Film. Den Satz: „Was ist dein Scheiß-Problem?“ habe ich mir nicht ausgedacht (lacht).

Ihre Töchter sind im Film als junge Musliminnen in YouTube-Videos zu sehen, die zum Islam übergetreten sind …
Eva: Genau. Auf YouTube findet man ja wirklich viele solcher Videos. Ich habe mir überlegt, wie ich das herstellen kann. Wir haben die ersten Ideen bei einem gemeinsamen Lasagneessen besprochen. Dann haben wir in Stellas Zimmer gefilmt und in meinem Wohnzimmer. Und alle haben Kopftücher aufgesetzt.


Wie ging’s es Ihnen dreien dabei?
Marlene: Es war irgendwie ein arges Gefühl! Allein optisch. Man glaubt immer, das macht vielleicht nicht so viel aus – das ist aber gar nicht so.
Flora: Es war spannend, sich plötzlich so verändert im Spiegel zu sehen. Ich habe einen anderen Menschen vor mir gesehen. Auch, weil sich meine Körperhaltung verändert hat. Und es kommt viel mehr Ausdruck ins Gesicht. Es war auch total interessant, sich die YouTube-Videos anzusehen – was viele Frauen bewegt zum Islam überzutreten. Und das Kopftuch mit diesem Wissen aufzusetzen ist nochmal anders, als es aus Spaß zu tun.

Inwieweit können Sie nachvollziehen, dass junge Frauen zum Islam übertreten?
Flora: Hört man sich die Beweggründe an, kann man es mit Mühe vielleicht bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Ich persönlich könnte es mir nicht vorstellen …
Marlene: Ich auch nicht. Wenn eine Freundin von mir auf die Idee käme, zum Islam überzutreten und Kopftuch zu tragen, würde ich wohl versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ich habe kein Problem, wenn jemand zum Islam übertritt. Aber das Kopftuch spricht für mich gegen all das, wofür ich als Frau stehe.


Eva, wie hätten Sie denn reagiert, hätte Sie das gleiche Schicksal mit einer Ihrer Töchter ereilt, wie Wanda?
Eva: (lacht) Glücklicherweise ist das nicht passiert! Ich wäre total schockiert gewesen. Ich komme aus einer sehr politischen Familie und habe meinen Töchtern auch immer gesagt: Dass ich euch nicht religiös erziehe, heißt nicht, dass ich keine Werte habe, sondern: Humanismus, Antirassismus, Feminismus. Vom spirituellen Standpunkt her ist es mir egal, ob sie an Geister, eine Göttin oder irgendetwas anderes glauben. Aber in dem Moment, in dem es ideologisch wird und man denkt, man müsse sein Leben einem Glauben unterordnen – das geht sich für mich nicht mehr aus. Und ich finde halt, es gibt keine Religion, in der die Frauen gut wegkommen.


Und, woran glauben Sie?
Stella: Ich glaube jedenfalls nicht an Gott. Auch in der Schule habe ich keinen Religionsunterricht besucht, sondern Ethik.
Flora: Ich habe mich mit neun Jahren taufen lassen. Ich wollte das damals so – meine Eltern haben mir immer die Option gelassen, selbst entscheiden zu können, in welche religiöse Richtung ich gehen möchte. Ich konnte mir so auch meine Taufpatin selbst aussuchen. Vor ein paar Jahren bin ich aber wieder aus der Kirche ausgetreten. Weil ich einfach gemerkt habe, dass vieles nicht meinen Wertvorstellungen entspricht und es vieles gibt, mit dem ich nicht konform gehe. Ich glaube aber nicht an nichts – ich glaube schon, dass es da etwas gibt. Man kann es halt nicht benennen oder kategorisieren. Ich würde mich da mittlerweile – aus Prinzip – auch in keiner Religion einordnen wollen.
Eva: Ich finde es übrigens wichtig, dass Religionsrechte niemals über Kinder- und Frauenrechten stehen dürfen. Und auch nicht über den Rechten derer, die nicht an irgendein Jenseits glauben. Letzteres wird in unserer Gesellschaft, finde ich, etwas vernachlässigt. Es ist nicht genant zu sagen, man ist Atheistin.

Sind Sie seit dem Film sensibilisierter, was das Thema Islam angeht?
Marlene: Mir fallen auf der Straße irgendwie schon vermehrt Frauen auf, die Kopftuch tragen. Man nimmt das halt irgendwie anders wahr, wenn man sich damit beschäftigt. Ich arbeite neben meinem Politikstudium auch bei einer Cateringfirma. Da habe ich kürzlich in einem Hotel eine Gruppe von Frauen bedient, die Burka getragen haben. Und da war ein sehr junges Mädchen dabei, die ein Kopftuch aufhatte. Das war irgendwie ein komisches Gefühl …
Eva: Mich regt es ja auf, wenn ich zwei komplett verhüllte Frauen sehe – und daneben gehen die Männer in kurzen Hosen und T-Shirt. Ich kriege da so eine Wut! Ich will in so einer Welt einfach nicht leben, in der das passiert. Sollte sich eine Religionsgemeinschaft einfallen lassen, dass Männer in Handschellen gehen müssen, wäre ich genauso dagegen. Ich finde, diese Art Apartheid, darf man nicht akzeptieren.

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