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Woody Allen im WOMAN-Interview über die Unlust, Geburtstage und sein Alter

Klein, fast winzig ist er und wirkt schwach und verloren. Aber wenn er den Mund aufmacht, beherrscht Woody Allen, schlagfertig und witzig, jeden Raum. Mit WOMAN sprach die Filmlegende über seinen 45. Film, über die Unlust, Geburtstage zu feiern und sein Alter zu akteptieren - und über seine jungen Traumfrauen.


Woody Allen im WOMAN-Interview über die Unlust, Geburtstage und sein Alter
© Reuters/ Gustau Nacarino

Woman: „Ich sehe den Mann Deiner Träume“ kommt quasi an Ihrem Geburtstag ins Kino. Feiern Sie Ihren Geburtstag?

Allen: Ich nicht. Aber die Menschen um mich herum zwingen mir das Feiern auf! Meine Frau, die Kinder und meine Freunde sind der Meinung, dass man zumindest essen gehen sollte. Ich finde eigentlich, je weniger Aufstand man um einen Geburtstag macht, desto so besser! Ich glaube, die suchen alle nur nach einer Gelegenheit, um ein Steak zu kriegen!

Woman: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 75. Geburtstag. Würden Sie gern 100 Jahre alt werden und noch immer Filme machen?

Allen: Wenn ich fit wäre, gerne! Aber nicht, wenn ich mich an einen Gehwagen kralle und sabbere! Vielleicht habe ich ja Glück, meine Eltern sind auch sehr alt geworden. Jedenfalls hat sich meine Einstellung zum Tod hat sich nicht verändert: Ich lehne ihn strikt ab! Ich bin eben ein großer Feigling.

Woman: Würden Sie gern mehr über Ihre Zukunft wissen wollen? Waren Sie mal bei einem Wahrsager?

Allen: Nein, da glaub’ ich gar nicht dran! Das ist doch völliger Humbug. Reine Scharlatanerie! Die sind nur hinter deinem Geld her. Die Zukunft vorherzusagen, das ist doch albern! Im Film ist das ja komisch, aber in Wirklichkeit ist das ein Milliardengeschäft, und die, die unsicher und ängstlich sind, zahlen.

Woman: Was halten Sie denn vom Älterwerden?

Allen: Es ist lausig! Das Älterwerden hat keinen einzigen Vorteil. Ich bin weder klüger, noch weiser, gelassener oder milder geworden. Es hat aber auch gar nichts Gutes: Der Rücken tut öfter weh, Du siehst nicht mehr gut, hast Verstopfung und brauchst ein Hörgerät. Alt zu werden, ist ein ganz mieses Geschäft. Ich kann nur davon abraten... Halten Sie sich lieber ans Jungsein, schnappen sich einen tollen Kerl und verschieben Sie das Ganze um mindestens zwei Jahre!

Woman: Sind Sie auch immer noch derselbe Pessimist wie eh und je?

Allen: Unbedingt! Schon als kleiner Junge hatte ich eine düstere Lebenseinstellung. Für mich ist unsere Existenz eine schmerzhafte, albtraumhafte und völlig sinnlose Erfahrung! Glücklich kann man dabei nur sein, wenn man sich selbst belügt.

Woman: Dabei haben Sie keinen Grund zur Gram: Ihre Filme sind Hits oder schon Klassiker, Sie sind glücklich verheiratet und den zwei kleinen Töchtern völlig verfallen. Liegt das Granteln in Ihren Genen?

Allen: Das geht bei mir irgendwie automatisch. Aber meine Beobachtungen bestätigen mich auch! Ich stehe ja nicht allein mit meiner Meinung, Nietzsche, Freud und Eugene O’Neill haben es nur besser formuliert: Sobald man einen ehrlichen, klaren Blick aufs Leben wirft, wird es unerträglich. Es ist ein finsteres Abenteuer ohne Happy-End.

Woman: So unglücklich wirken Sie gar nicht!

Allen: Ich habe mir selbst ein paar Strategien verordnet, um weiterzumachen. Filme machen einen großen Teil dieser Strategie aus. Als Junge bin aus meiner furchtbaren Schule oft ins Kino geflohen und habe Cary Grant und Humphrey Bogart bewundert. Dann ging’s mir gut. Jetzt vertreibe ich mir das Jahr mit Naomi Watts, Penelope Cruz und anderen schönen Menschen. Filme zu machen ist eine wunderbare Methode, um nicht übers Leben nachzudenken, sondern über Kostüme.

Woman: Warum spielen Sie nicht mal wieder in einem Ihrer Filme mit?

Allen: Das macht keinen Spaß, wenn man nicht mehr derjenige ist, der am Ende das Mädchen bekommt! Mir müsste dazu erst eine Rolle einfallen, mit der ich plausiblerweise die schöne, junge Frau abschleppe. Es ist so frustrierend, dass ich die Filme mit so schönen Wesen wie Scarlett Johansson und Naomi Watts mache – aber kriegen tun sie die anderen Kerle! Ich bin nur noch der Regisseur, der alte Knacker, der am Rand des Sets sitzt! Das missfällt mir sehr. Ich möchte doch derjenige sein, der ihnen im Restaurant tief in die Augen schaut!

Woman: Was würden Sie anstellen, wenn Sie nicht jeden Jahr einen Film drehen würden?

Allen: Keine Ahnung. Mir macht das Arbeiten Spaß. Genau so viel Spaß macht mir Musik und Sport im Fernsehen zu schauen. Ich führe ein ganz normales Leben, samt Arbeit. Ich stehe früh auf, bringe die Kinder zur Schule, geh’ auf mein Fitnessgerät, um gesund zu bleiben - dann schreibe ich etwas, übe Klarinette und gehe mit meiner Frau spazieren. Ganz bourgeois.

Woman: Lieben Sie etwa die Langeweile? Und was passiert, wenn Sie in London, Paris oder Barcelona drehen?

Allen: Dann nehme ich die Routine einfach mit. Das Fitnessgerät wird dort ins Haus gestellt, ich stehe früh auf… Nur die Kinder müssen im Sommer nicht zur Schule. Dann geh’ ich direkt morgens ans Set. Ja, ich bin recht langweilig. Und das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit. Okay, ich bin vielleicht gar nicht SO langweilig, aber mein Leben ist langweilig.

Woman: Ihre Filme machen es einem jedenfalls sehr schwer, sich zu langweilen. Ob Liebeskummer, Betrug oder Trennung, alles, was im Leben tragisch ist, ist bei Ihnen sterbenskomisch. Warum?

Allen: Wenn man schreibt, interessiert man sich für Dinge, die falsch laufen. Wenn alles gut läuft, gibt’s keine Geschichte. Wenn Naomi Watts und Josh Brolin hier ein glückliches Paar wären, wäre es doch grotesk langweilig. Sollen wir ihnen dabei zuzuschauen, wie sie jeden Morgen aufstehen, frühstücken... Dann wäre deren Leben ja so langweilig wie meins! Mit einem Problem wird’s interessant! Daraus entsteht dieser Funkenflug...

Woman: Dieser ist Ihr 45. Film. Nummer 46 haben Sie im Sommer in Paris mit Marion Cotillard und Carla Bruni gedreht. Ist noch irgendein Filmwunsch offen?

Allen: Oh ja - endlich mal soviel Regen einsetzen wie ich will! Das habe ich bisher nie durchsetzen können, das ist zu teuer. Das Drehbuch dazu habe ich schon vor Jahren geschrieben - „Manhattan in the Rain“. New York durchgehen im Regen zu zeigen, davon träume ich noch.

Woman: Wie schreiben Sie? Welche Muse inspiriert Sie?

Allen: Ich fürchte, ich bin selten inspiriert. Ich habe ja früher fürs Fernsehen geschrieben. Da kam ich montags ins Büro, und am Samstag lief die Sendung. Da schreibt man einfach, da wartet keiner auf die Muse. Seitdem kann ich das: Ich gehe in mein Schlafzimmer, setze mich, starre wie ein Zombie vor mich hin und schreibe einfach.

Woman: Sie schauen also nicht aus dem Fenster und sehen jemanden, der Sie zu einer Eingebung animiert?

Allen: Im Haus gegenüber sitzt ein Mann am Computer - völlig unromantisch. Schöner wäre eine hübsche Frau, mit der ich mir ab und an zuwinken. Aber das wahre Leben ist längst nicht so unterhaltsam wie im Film.

Woman: Wie vielen Frauen Ihrer Träume sind Sie schon begegnet?

Allen: Einer ganzen Menge! Einige habe ich auch geheiratet. Meine erste Ehe zähle ich nicht mit, da war ich erst zwanzig. Aber meine zweite Frau war so eine Traumfrau...

Woman: Louise Lasser, eine Schauspielerin...

Allen: Wir haben 1966 geheiratet. Leider hat das nicht geklappt – aber sie war wundervoll! Wir gehen auch immer noch sehr freundlich miteinander um. Ich habe einige großartige Frauen geliebt, die mir sehr viel gegeben haben. Nur das Zusammenleben mit ihnen funktioniert nicht immer.

Woman: Warum? Sind Beziehungen so kompliziert oder Sie zu neurotisch?

Allen: Gerade im Showgeschäft lernt man ja viele Traumfrauen kennen. Würde ich im Büro oder als Lehrer arbeiten, wären es eher nette, kluge Frauen, die einem über den Weg laufen. Aber im Film sind es so umwerfende Kreaturen wie Scarlett, Naomi oder Penelope! Welcher Mann kann schon sagen: „Ich hab’ da grad was mit Penelope Cruz und Scarlett Johansson laufen...“ Da läuft zwar nichts, aber ich arbeite zumindest mit ihnen!

Woman: Würden Sie denn lieber als Javier Bardem oder als Scarlett Johansson wiedergeboren werden?

Allen: Weder noch. Ich würde gern als Auster wiedergeboren werden. Dann hat man keine Probleme, liegt einfach nur still rum und kann sich die Schale über den Kopf ziehen.

Woman: Sie könnten aber auch verspeist werden...

Allen: (lacht) Aber nur, wenn man mich kriegt!

MEHR zu Woody Allen finden Sie in WOMAN 24/2010!

Interview: Mariam Schaghaghi