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Woran halten Sie sich fest?

Wir alle brauchen etwas zum Umklammern, wenn im Leben alles drunter und drüber geht. Und suchen nach Kraftquellen, wenn wir uns schwach fühlen. Fünf Frauen erzählen, was sie aufbaut …

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Woran halten Sie sich fest?
© Gerald Lechner

Maria Gschwandtner, 28, Luftakrobatin

Durch die Luft fliegen, sich schwerelos und frei fühlen – beruflich lebe ich das aus, wovon so viele träumen. Wenn ich mit meinen Akrobatiknummern auftrete, lote ich aber auch meine körperlichen und geistigen Grenzen aus. Bei jeder Nummer in der Luft steht das eigene Leben am Spiel.

»Aber ich weiß, dass ich im richtigen Moment loslassen und danach auch wieder konzentriert und fokussiert weiterarbeiten kann.«

Das mache ich auch privat so. Ich bin kein misstrauischer Mensch und trete jedem mit positivem Grundvertrauen entgegen. Wenn es mir schlecht geht, versuche ich, mich nicht ewig darin zu suhlen, sondern dann auch wieder weiter zu schauen. Vor etwa einem Jahr bin ich bei einem Event aus sechs Metern Höhe abgestürzt. Das war ein Schock! Zum Glück hatte ich viele Schutzengel und außer starken Prellungen und einer Schnittwunde am Rücken keine Verletzungen. Vier Tage danach bin ich wieder in die Luft gegangen, weil ich für eine Show gebucht war. Man muss immer weitermachen. Das Leben ist eine Reise. Und das Glück finden wir am Weg, nicht am Ziel.

Franziska Madl, 36, Ordensschwester

Wir Menschen brauchen sehr wenig, um glücklich zu sein. Trotzdem jagen alle irgendwelchen Sachen nach, die sie nicht brauchen. Zufriedenheit findet man in den einfachen Dingen des Lebens, vor allem in menschlichen Begegnungen. Ich habe gelernt, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen, sondern als Teil eines größeren Ganzen zu sehen.

»Und ich habe gelernt, dass es keine einfachen Antworten auf die großen Fragen des Lebens gibt, weil die Welt nicht schwarzweiß ist, sondern sehr bunt und vielseitig.«

Auf Gott kann ich mich immer verlassen, weil ich glaube, dass er mich und alle Menschen aus Liebe erschaffen hat und nur mein Bestes will. Er ist immer da, auch wenn wir Fehler machen. Menschen zu vertrauen, ist im Vergleich etwas schwieriger, aber ich vertraue unserer Priorin, meinen Eltern und engsten Freunden. Es ist unser Auftrag, gut und verantwortungsvoll mit diesem Leben umzugehen. Als Christin glaube ich auch an die Auferstehung. Das letzte Wort haben für mich das Leben und die Liebe.

Cornelia Hribernik, 50, Altenpflegerin

Ein Tag in der Pflege ist emotional wie körperlich sehr anstrengend. Es ist wichtig, dass man sich im Team austauschen kann.

»Mit der Zeit lernt man, den Mensch als Ganzes zu betrachten. Nicht der Mensch selbst ändert sich im Alter, sondern dessen Bedürfnisse.«

Wenn man das verstanden hat, arbeitet es sich viel leichter. Für viele gehören wir zu ihren Angehörigen. Da ist es nicht immer leicht, sich abzugrenzen. Gerade bei Sterbebegleitungen geht es einem selbst nicht immer gut. Und natürlich gibt es auch privat Situationen, in denen man sich leer fühlt. Dann ziehe ich mich mit einem Buch, einer CD oder meinen Nordic-Walking-Stöcken zurück. Es stärkt mich, zu wissen, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Ich wünsche mir Freunde, die mit mir ein Stück gehen. Kraft, wenn es bergauf geht. Und Mut, wenn Hindernisse den Weg versperren.
Coole Sache: Am 29. November wurden im Wiener Ringturm die beliebtesten Pflegerinnen und Pfleger 2016 geehrt: pflegerin-mit-herz.at

Panah Ahmed, 29, Singer/Songwriterin

Woran ich glaube? Dass es immer einen Grund gibt, der uns dranbleiben und weitermachen lässt. Und gerade in Krisenzeiten denke ich ganz bewusst daran, was mich anspornt: die Musik, meine Familie und meine Freunde! Allein der Gedanke daran bringt mich auch an den schwersten Tagen aus dem Bett und hilft mir, nicht aufzugeben. Außerdem schreibe ich in solchen Phasen die besten Songs. Vor allem als Jugendliche habe ich sehr oft mit meinem Schicksal gehadert, hab mich gefragt, warum den Ärzten gerade bei mir ein Fehler passiert ist. Sie ausgerechnet mir die falsche Impfung gegeben haben und ich deshalb seit meinem dritten Lebensjahr im Rollstuhl sitze. Tatsache aber ist:

»Man muss die Dinge im Leben annehmen, wie sie nun mal kommen. Es bringt nichts, sich mit etwas zu quälen, das man ohnehin nicht ändern kann. «

Ich werde mir doch nicht selbst zusätzliche Steine in den Weg legen! Mir war immer klar, dass ich leben möchte – und zwar laut, frei und möglichst ungezwungen!

Christiana Varga, 31, Zukunftsforscherin

Veränderung ist alles. Klassische Biografien gibt es nicht mehr. Heute leben wir mobiler als früher: Wir wechseln öfter den Job, Partner oder Wohnort. Mit diesen Freiheiten entstehen viele Unsicherheiten. Das merke ich auch an mir. Man muss aufpassen, dass man sich nicht selbst überfordert. Bei all den Möglichkeiten hat man schnell den Druck, alles erleben zu müssen. Und das auch noch perfekt! Ich überlege mir dann bewusst: Was will ich wirklich? Und was bilde ich mir nur ein zu wollen? Wenn die Basis, meine Familie, passt, stresst es mich auch nicht, wenn sich um mich viel verändert. Stillstand wäre für mich sowieso ein Horror!

»Ich brauche keine Orientierungspunkte, auf die ich mich starr hinbewege. Vielmehr stärkt mich der Glaube an mein Urvertrauen. «

So kann ich jeden Tag rausfiltern, was für mich passt. Generell sollte die Gesellschaft selbstbewusster werden und mehr an sich glauben. Zu viel Angst lähmt. Die Zukunft liegt nicht vor uns, sie findet jeden Tag statt, und wir haben jetzt die Chance, sie mitzugestalten.

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