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Zen: Die Kunst ein Kind zu erziehen

Wer jemals einem Kleinkind dabei zugesehen hat, wie es Spaghetti im Schneckentempo einsaugt, der weiß: Erziehung ist wirklich nix für Ungeduldige.

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Zen: Die Kunst ein Kind zu erziehen
© Instagram

Wer einem Kleinkind einmal dabei zugesehen hat, wie es einen Teller Spaghetti isst, weiß, dass Kindererziehung nichts für Ungeduldige ist. Selbst wenn Mama schon mit der Stoppuhr danebensteht, weil sie eigentlich schon vor 10 Minuten zum Kinderarzt losgefahren sein sollte, wird da jede Nudel einzeln beäugt, in die Hand genommen, zwischen den Fingern gerollt, in den Mund und wieder hinausgesaugt – Stress sieht anders aus.

Ich bemühe mich ganz ehrlich jeden Tag aufs Neue, dass ich geduldiger werde und nicht wegen Kleinigkeiten die Nerven verliere. Aber an manchen Tagen ist das verdammt noch mal echt leichter gesagt als getan. Manchmal würde ich am liebsten einfach das Handtuch werfen und laut schreien: „Ich bin (k)ein Star, holt mich hier raus!“

»...schon morgens im Bad stehe ich vor der 1. Geduldsprobe«

Den ersten dieser Momente habe ich oft schon morgens im Bad. Habe ich es endlich geschafft, beide Kinder dorthin zu bugsieren und ihnen die Zahnbürsten in die Hand zu drücken, ohne dass mindestens einer von uns drei brüllt, ist das schon ein erster Erfolg. Weil man ja ein gutes Vorbild sein möchte, nimmt man auch die eigene Zahnbürste zur Hand und möchte gleichzeitig mit den Kindern lustig Zähneputzen.

In der Realität sieht das dann so aus, dass mir die Zahnbürste samt Schaum schief aus dem Mund hängt, während ich gleichzeitig versuche, dem nonstop plappernden Noah die Zähne zu putzen und seinen randvollen Zahnputzbecher doch noch aufzufangen. Diesen Moment wählt Nico, um sich mit der Baby-Zahnbürste im Fäustchen an mir hochzuziehen und mir dabei die Jogginghose bis zu den Knöcheln runterzuziehen. Während ich so einen Blick im Spiegel auf mich erhasche, wie ich mit heruntergelassener Hose und einem T-Shirt voller Kinderzahnpasta dastehe, frage ich mich kurz, ob der Glamour-Faktor heute wohl noch steigen kann.

Und – wer hätte das gedacht – ja, er kann! Letztens war ich in einem Anflug von Übermut mit beiden Kindern auf einen Stadtbummel. Warum sollte man so etwas schließlich nicht allein mit zwei Kleinkindern machen können? Als „Trendy urban Mom“ mit Takeaway-Latte und Designer-Kinderwagen durch die Einkaufsstraße flanieren? Gut, es fing schon mal damit an, dass ich keinen Designer-Kinderwagen, sondern nur einen alten Buggy mit Geschwister-Board hatte, aber einen Becher Takeaway-Kaffee würde ich schon irgendwo auftreiben!

Bevor ich mir diesen genehmigte, wollte ich als gute Mutter aber zuerst meinen Kindern ein bisschen pädagogisch wertvolle Spielplatz-Zeit gönnen. Also beide Kinder raus aus dem Buggy und rein ins innerstädtische Spieleparadies! Schon bald musste ich jedoch feststellen, dass der Spielplatz vielleicht doch etwas zu „urban“ für meinen Geschmack war. Während ich mit der einen Hand versuchte, Noahs Sturz vom Klettergerüst zu dämpfen, pfriemelte ich Nico nämlich nach den ersten Minuten bereits drei Zigarettenstummel, ein benütztes Pflaster sowie den Verschluss einer Bierdose aus dem Mund.

Als das arme Kind nach einer Runde im Rindenmulch auch noch mit Schiefern übersät war und aussah, als wäre es gerade aus einer Kohlemine gekrochen, strich ich die Segel. Da ich das Wechselgewand klugerweise im Auto gelassen hatte (Anfängerfehler, ich weiß!), musste Nico eben jetzt nur in der Windel zurück in den Buggy – heiß genug war es ja Gott sei Dank.

Während ich noch versuchte, dem glamouröseren Teil meines City Trips etwas näher zu kommen, und motiviert das Kindergefährt durch die Einkaufsstraße schob, baute sich vor uns jedoch bereits der Anfang vom Ende in Form eines Springbrunnes auf. Habt ihr eurem Kind schon mal gesagt, es darf sich irgendwo NUR DIE FÜSSE nass machen? Ihr wisst schon, was jetzt kommt, oder…? Ich wusste es nicht.

Um Noah nicht den Spaß zu verderben, zog ich ihm die Schuhe aus und ließ ihn blauäugig in Richtung Springbrunnen hüpfen – wo ich ihm dann innerhalb 0,5 Sekunden dabei zusehen konnte, wie er sich als Ganzes komplett und absolut in den Brunnen setzte und als begossener Pudel wieder heulend zu mir zurück trabte. Also goodbye Takeaway-Latte, goodbye Einkaufsbummel – hello Wechselgewand im Auto.

In Ermangelung einer besseren Lösung zog ich Noah bis auf die Unterhose (und die Gott sei Dank trockenen Schuhe!) aus und trabte mit zwei halbnackten Kindern unter den tadelnden Blicken zahlreicher Touristen durch die gesamte Innenstadt zurück zum Auto. Was habt ihr denn, seid ihr etwa noch nie mit zwei Kindern in Unterhose spazieren gegangen, ihre blöden Gaffer?!

Zurück in der Parkgarage entwertete ich resigniert das Ticket. Kaum kam dieses wieder aus dem Automaten (Experten wissen: Ausfahrt innerhalb von 10 Minuten!), verkündete Noah mir und allen anderen Anwesenden jedoch laut: „Muss gacka!“.

So bugsierte ich also mich, zwei halbnackte Kinder und einen Buggy in die Garagen-Toilette, in der es nicht nur laue 35°C, sondern auch ein Duft-Bouquet wie in einer Kloake in Kalkutta hatte. Bei diesem Unterfangen quetsche ich mir an der hygienisch schwer bedenklichen Klotür so den Fuß ein, dass ich die Hälfte des Toilettenpapiers, mit dem ich gerade fünflagig die Klobrille für Noah auslegte, gleich dazu benutzen konnte, mein Blut vom Boden aufzuwischen.

Während es sich Noah nun am Klo bequem machte und mir viele schöne Geschichten von Gott und der Welt erzählte, während er sich gemütlich auf sein Geschäft vorbereitete, schielte ich schön langsam nervös auf die Uhr. 10 Minuten – das würde knapp. Während mir Noah versicherte, dass „es bestimmt gleich kommt“ und er „nur noch ein bisschen probieren“ wolle, verstrichen die Minuten.

Nico brüllte inzwischen im Buggy zwischen mir und der Toilette eingekeilt wie am Spieß, während mein Schweiß und Blut sich in Tröpfchen einen Weg an mir hinunter bahnten und mein Stresspegel mit jeder Minute exponentiell anstieg.

Zuerst versuchte ich, Noah noch sanft zur Eile zu überreden, dann wurde ich insistenter und letzten Endes verlor ich dann doch die Nerven. Habt ihr euer Kind schon mal angeschrien, dass es jetzt verdammt noch mal ein bisschen schneller sch…. soll? Wahrlich keine meiner Sternstunden als Mama… Unverrichteter Dinge rannte ich schließlich mit zwei bitterlich weinenden (noch immer halbnackten) Kindern von der Garagentoilette zum Auto und schaffte es mit quietschenden Reifen gerade noch so durch den Ausfahrtsschranken. Das mit der Gelassenheit muss ich wohl noch ein bisschen üben…

Über die Autorin: Susanne Holzer ist freie Autorin aus Salzburg. Gemeinsam mit Sybille Maier-Ginther schreibt sie im ehrlichen Mama-Blog und Buch „Hand aufs Herz“ darüber, wie das Leben mit Kind wirklich ist. Mehr von den beiden gibt’s auf HandaufsHerz-Facebook.

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