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"Zero Covid": Wie die Pandemie in 5 Wochen vorbei sein könnte?

Yaneer Bar-Yam hat Länder wie Neuseeland, Australien, Thailand oder Vietnam beraten, wo man das Coronavirus im Griff hat und wieder ein normales Leben möglich ist. Wie das auch bei uns gelingen kann.

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"Zero Covid": Wie die Pandemie in 5 Wochen vorbei sein könnte?
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Was vermisst du gerade am meisten? Essen gehen, Kino, Konzerte, Fortgehen oder einfach mal wieder die Freundinnen zu umarmen? Stell dir vor, all das wäre wieder möglich – nach fünf Wochen. Geschäfte, Schulen, Friseure - alles hätte wieder ganz normal offen. Ja, das kann funktionieren. Denn Neuseeland, Australien, Taiwan, Thailand oder Vietnam haben es vorgemacht und dort genießen die Menschen ein nahezu normales Leben.

In Europa und den USA stecken wir gerade wieder im (vielfach verlängerten) Lockdown fest und die zweite Welle fordert weitaus mehr Todesfälle als auch Belastung für unsere Wirtschaft als noch die erste im Frühjahr. Die Pandemie wütet seit bald einem Jahr bei uns und vielleicht sollten unsere Regierungen doch noch einmal ihre Strategien überdenken. Und auf jene Länder schauen, die erfolgreicher gegen das Virus ankommen.

Was, wenn die Pandemie in 5 Wochen vorbei sein könnte?

Was diese Länder vereint? Die sogenannte "Zero Covid"-Strategie. Beraten wurden sie dabei unter anderem von Yaneer Bar-Yam. Der US-amerikanische Physiker und Systemwissenschaftler beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit pandemischen Ausbrüchen und fordert nun auch von den Regierungen Europas sowie der USA diese zu befolgen, um weitere katastrophale Folgen für die öffentliche Gesundheit und wirtschaftliche Konsequenzen zu vermeiden.

Jene haben die Zero Covid-Strategie bisher als zu schwierig oder kostspielig eingeschätzt und auf weichere Lockdowns oder die rasche Entwicklung eines Impfstoffes gesetzt. Aber selbst wenn der Impfstoff nun da ist, wird es noch Monate dauern, bis wir wieder bedenkenlos zu unserem früheren Leben zurückkehren können. Und die aktuelle Vorgehensweise birgt leider das Schlechteste aus beiden Welten: Der halbe "Lockdown", den viele ohnehin nicht mehr ernst nehmen, ist psychisch, sozial und wirtschaftlich zermürbend und senkt aktuell auch die Infektionszahlen zu wenig. Dazu kommt auch noch die mutierte und um 50-60 Prozent ansteckendere Virusvariante B117 auf uns zu, weswegen London gerade in die Knie gezwungen wird.

Klänge es daher nicht auch für unsere berechtigt besorgte Wirtschaft besser, auf fünf Wochen wirklich strenge Maßnahmen zu setzen und dann wäre der Spuk vorbei, als mehrere Monate oder gar Jahre Hin und Her mit mehreren On-Off-Lockdowns zu riskieren?

Aber was genau bedeutet Zero Covid?

Yaneer Bar-Yam setzt auf die folgenden Punkte aus den Erfahrungen im asiatisch-pazifischen Raum:

Flatten the curve? Nein. Bei Zero Covid ist es - wie der Name schon verrät - das Ziel, die Ansteckungen auf Null zu reduzieren. Um das zu erreichen, müssen alle zusammenarbeiten: Zero Covid ist eine Gemeinschaftsaktion. Jeder und jede sollte sich darauf konzentrieren, das Ziel von keiner einzigen Infektion im ganzen Land zu erreichen. Dies umfasst die Unterstützung von Privatpersonen, sozialen Netzwerken, Gesundheitsorganisationen, Unternehmen und der Regierung. Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssten geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden. Denn Maßnahmen können nicht erfolgreich sein, wenn sie nur auf die Freizeit konzentriert sind, aber die Arbeitszeit ausnehmen.

Zero Covid sieht einen kompletten Lockdown von 5 Wochen vor, bei dem wirklich alle - bis auf Menschen in systemerhaltenden Jobs - zuhause bleiben. Und beim Verlassen des Hauses beziehungsweise Betreten anderer Räumlichkeiten muss auf maximale Sicherheit geachtet werden: mit Masken, Luftreinigern sowie regelmäßigem Lüften.
Im Gegensatz dazu zielt man in Europa momentan darauf ab, die COVID-19-Fälle auf einem "überschaubaren Niveau" zu halten und es wurde zudem zu lange gewartet, bis sich die Krankenhäuser der vollen Kapazität näherten und selbst dann wurden oft nur sanfte Lockdowns verhängt.

Einreiseverbote, Reisebeschränkungen sowie ein reduzierter Bewegungsradius verhindern den Import von Infektionen aus anderen Ländern, Gemeinden oder Nachbarschaften. Je kleiner der durch diese Einschränkungen geschützte Bereich ist, desto schneller wird der Prozess lokal auf Null gebracht. Die Einschleppung neuer Fälle soll durch Quarantäne für Reisende aus "roten Zonen" verhindert werden.
Im Gegensatz dazu können Reisende in den USA und in Europa eine Quarantäne oft durch Vorlage eines negative Corona-Tests vermeiden, die durchaus auch eine Fehlerquote aufweisen. Zudem werden Quarantäne-Auflagen in der Regel nicht streng genug umgesetzt.

Das alles ist natürlich ein massiver Einschnitt. Daher ist es umso wichtiger, dass der Lebensunterhalt für alle gesichert werden muss. Finanzielle Verluste - ob für Einzelpersonen oder Unternehmen - müssen solidarisch abgefedert werden. Unterstützung sollte es aber auch anderer Art geben: psychologisch, in Form von Lernunterstützung oder Versorgung von Obdachlosen beispielsweise in freistehenden Hotels.

Es kann natürlich auch nach Zero Covid wieder zu Infektionen kommen, aber genau wie bei der Brandbekämpfung ist es weniger kostspielig, solche Maßnahmen lokal und sporadisch zu ergreifen, als kontinuierlich zu kämpfen. Ausbrüche können lokalisiert werden, so dass nur ein kleiner Teil des Landes oder Staates betroffen ist. Außerdem ist es viel einfacher, die Übertragung innerhalb eines Ortes auf Null zu reduzieren, als dies in einem ganzen Staat zu tun.

Zero Covid auch in Österreich?

Ähnliche Maßnahmen werden auch von "Zero Covid - Gemeinsam runter auf Null" gefordert, einem Zusammenschluss von WissenschafterInnen, medizinischem Personal, Gewerkschaften aber auch Kulturschaffenden aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Wir haben mit einem der VertreterInnen, David Schrittesser (Mathematiker aus Wien, aber aktuell an der University of Toronto tätig), gesprochen:

Wie ist die Zero-Covid-Petition entstanden?
David Schrittesser: Unsere Bewegung wächst ständig und diskutiert bereits seit März 2020 die Entwicklungen der Pandemie. So ist unsere Kampagne entstanden, denn wir wollten aktiv etwas tun.

Was hat sie persönlich daran überzeugt?
David Schrittesser: Ich bin Mathematiker und Logiker und habe mich mit meiner Expertise ebenso seit März mit der Pandemie auseinander gesetzt. So bin ich schon nach wenigen Wochen zu dem Schluss gekommen, dass Zero Covid der einzige Weg ist - damals stand ich damit noch alleine da. Aber jeder andere Zugang ist für Mathematiker haarsträubend aufgrund des exponentiellen Wachstumsverhaltens des Virus. Das bedeutet: Entweder steigen die Infektionszahlen rasend schnell nach oben - aber mit dem richtigen Vorgehen eben auch nach unten. Dazwischen gibt es nichts.

Ein Bild, das ich dafür immer gerne verwende: Einen Tiger lasse ich ja auch nicht ins Haus und sage dann, den lass ich jetzt ein bisserl herumgehen und die jungen Leute anknabbern, die halten das eh aus. Unsere Regierungen machen genau das - nämlich immer nur so viel, wie wir müssen, damit nicht alles den Bach runtergeht.

Oder ein anderes Bild: Wenn es im Einkaufszentrum brennt, sagt man auch nicht zu den Leuten: Arbeitet oder shoppt weiter und wir löschen, bis der Brand auf 20 Prozent unten ist. Das ist jedoch das, was aktuell passiert. Und es ist erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit Arbeit, Konsum oder Skifahren aus allen Maßnahmen ausgeklammert werden. Damit nimmt man in Kauf, dass tausende Menschen sterben.

Warum haben sich europäische Länder bisher nicht für diesen Weg entschieden?
David Schrittesser: Einerseits, weil in unserer Politik meist Wirtschaftsinteressen Vorrang haben. Andererseits weil man hierfür sehr viele Leute koordinieren müsste. Aber die Reaktionen sind meist sehr zerspragelt - es gibt keine einheitliche Linie, jeder kocht sein eigenes Süppchen.
Zudem wird uns oft vorgeworfen, dass unsere Forderungen autoritär wären - was nicht zutrifft. Wir wollen zwar, dass auch im Wirtschaftsleben eingegriffen und reguliert wird, allerdings nicht, dass noch mehr ins Privatleben eingegriffen wird.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Zero Covid in Österreich oder Deutschland umgesetzt wird?
David Schrittesser: Ich denke, früher oder später wird es in die Richtung gehen. Die Frage ist nur, wie viel Leid vorher noch passieren muss. Auch aufgrund der neuen Mutation, die sich vom aktuellen Lockdown nicht bremsen lässt. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass wir das Schlimmste bei weitem noch nicht hinter uns haben.

Aber es gibt immer mehr Aufmerksamkeit für Zero Covid, zehntausende haben unsere Petition unterschrieben und wir sind auch nicht die einzigen: Sogar in Österreich gibt es zeitgleich zwei andere Kampagnen, mit denen wir in Kontakt sind.

Was mich sehr freut, denn es gibt hiermit zum ersten Mal eine Kampagne, die einen solidarischen Umgang mit der Pandemie fordert - und auch gehört wird. Es geht mehr darum, wie wir die Lasten der Pandemie gerecht verteilen und wie wir so viele Menschen wie möglich retten können ohne dass jemand zurückgelassen wird.

David Schrittesser / Foto von Martina Lajczak
Thema: Coronavirus