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Zero tolerance bei sexueller Belästigung: Warum das problematisch sein kann - für Frauen

Eigentlich ist es ja sehr löblich, dass viele Firmen nun angeben, bei sexueller Belästigung sofort und hart durchzugreifen. Aber leider kann diese konsequente Vorgehensweise sogar einen massiven Nachteil haben.

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Belästigung
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Nachdem im Laufe der #MeToo-Kampagne weltweit unzählige Fälle von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ans Tageslicht gekommen sind, geben immer mehr Unternehmen bekannt, eine "zero tolerance policy" zu vertreten - also keinerlei Toleranz bei Vergehen walten zu lassen, sondern die Täter gleich zur Rechenschaft zu ziehen. Beziehungsweise diese zu entlassen.

An und für sich lobenswert, aber dadurch entsteht laut Arbeitspsychologin Liane Davey leider meist ein neues Problem, dass es Frauen erneut erschwert, Übergriffe zu melden.

Denn Belästigung ist ein sehr breites Feld: von strafrechtlich Verfolgbarem, wie Vergewaltigungen oder sexueller Nötigung bis hin zu all den "Kleinigkeiten", die man bisher eben unter den Teppich fallen ließ wie unerwünschte Berührungen, Kommentare oder auch Gesten.

Diese werden nun wieder viele Frauen unter den Teppich fallen lassen, weil sie Angst haben, dafür die Verantwortung tragen zu müssen, dass der Beschuldigte bei einer "Kleinigkeit" seinen Job verliert. Und damit wären wir leider wieder am Anfang der Debatte. Denn damit nimmt man ihnen wieder die Möglichkeit, sich an jemanden wenden zu können, um das Arbeitsfeld sicherer und angenehmer zu gestalten.

Und so erfahren die Kollegen, die einen zwischendurch mal berühren, einen anzüglichen Witz oder Kommentare zur Figur machen, weiterhin nicht, dass sie damit das Arbeitsklima vergiften und sich jemand wegen ihnen unwohl und angegriffen fühlt. Das Ziel sollte jedoch nicht unbedingt eine Entlassung sein, sondern einen Weg zu finden, diese Belästigungen zu beenden. Dass der Kollege aufgeklärt wird, damit aufhört und ein respektvoller Umgang möglich ist. Sollte dies jedoch nicht passieren, dann sollte er mit Konsequenzen rechnen müssen.

Aber so wichtig es ist, Männern dabei zu helfen, aufmerksamer zu werden und ihr Verhalten zu korrigieren, so kann dies niemals eine Entschuldigung für Belästigungen sein, die in vollem Bewusstsein und mit Absicht geschehen.

Und davon gibt es leider immer noch viel zu viele und diese Täter sind viel zu lange ungestraft davongekommen. Auch weil sie sich in einem Umfeld bewegen können, wo ihr Verhalten als harmlos oder lustig eingestuft wird. Wenn jedoch ein allgemeines Umdenken stattfindet und anzügliches Verhalten nicht mehr als tolerierbar angesehen wird, dann sind auch deren perfide Intentionen klarer erkennbar.

via: qz.com