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Sophie, wie war das, als du bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen bist?

Die Leipzigerin Sophie Jones hat mit 18 Jahren die Zeugen Jehovas verlassen und musste danach erst lernen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Heute unterstützt sie einen Verein, der SektenaussteigerInnen hilft, und nimmt bei der Miss Germany-Wahl teil.

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Sophie, wie war das, als du bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen bist?
© Sophie Jones

"Was will ich vom Leben? Will ich, dass mir alles vorgeschrieben wird? Mache ich das nur, weil es einfach ist? Oder weil meine Familie es von mir erwartet?" Diese Gedanken hatte Sophie Jones, bevor ihr der Ausstieg bei den Zeugen Jehovas gelang und genau diese möchte sie auch anderen Menschen in einer ähnlichen Situation mitgeben.

»Mein Leben war geprägt von Fremdbestimmung, seelischer und körperlicher Misshandlung, bis ich mit 18 Jahren endlich den Ausstieg geschafft habe. «

Die 25-Jährige wurde in die – wie sie selbst betont – "extremistische Gemeinschaft" der Zeugen Jehovas hineingeboren, der weltweit über 8,6 Millionen Menschen angehören. In Österreich gibt es über 21.000 Mitglieder der seit 2009 offiziell anerkannten Religionsgesellschaft. "Die Zeugen halten alle für harmlos. Man belächelt vielleicht diejenigen, die in der Fußgängerzone stehen und die Zeitung 'Wachtturm' anbieten. Aber das stimmt nicht - sie sind nicht weniger gefährlich als Scientology," sagt die Leipzigerin. Daher ist ihr ein Umdenken in der Gesellschaft so besonders wichtig.

Hineingeboren

Die Eltern von Sophie waren bei den Zeugen Jehovas. Als sie acht Jahre alt war, trennten sie sich - eigentlich unmöglich in der Glaubensgemeinschaft, denn der einzige gültige Scheidungsgrund ist laut Statuten wortwörtlich die "Hurerei", also Ehebruch. Ihr Vater wurde im Laufe der Scheidung aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und durfte mit keinem Mitglied mehr Kontakt haben. Sophie war damals noch nicht getauft, daher durfte sie ihren Vater an den Wochenenden sehen. Aber mit ihrer Taufe im Alter von 17 Jahren musste auch sie den Kontakt komplett abbrechen.

"Diesen Bruch habe ich nicht gut verkraftet und nur geweint. Ich konnte nicht verstehen, warum ich so leide, wenn ich doch Gottes Willen erfülle. Gott hat die Familie geschaffen, warum sollte ich dann meinen Vater verleugnen?" so Sophie über ihre ersten Zweifel. Zudem wurde eine ihrer besten Freundinnen zur selben Zeit ausgeschlossen, zu der sie ebenso jeden Kontakt abbrechen musste.

»Was will ich denn in diesem Paradies, wenn die Leute die mir am Herzen liegen, nicht hineinkommen?«

Als 17-Jährige kamen auch andere Sorgen auf: Sex vor der Ehe ist strikt verboten. Deswegen heiraten viele Zeugen schon sehr früh - und unüberlegt. Eine Ehe muss jedoch ein ganzes Leben lang halten. Noch mehr Unbehagen löste der Gedanke an Kinder aus: "Würde ich es über Herz bringen, wenn mein Kind einen Unfall hat, eine lebensrettende Bluttransfusion zu verbieten? Will ich zu meinen Kindern sagen: Mach kein Abitur, damit du mehr Zeit hast, um zu Predigen zu gehen?" Denn man werde dazu angehalten, keine höhere Bildung oder Karriere anzustreben und am besten nur einen Teilzeitjob anzunehmen, damit man Zeit für den Glauben habe. Jeder Tag beinhaltet das Studium der Bibel, der Glaube ist der Lebensinhalt und alles wird danach ausgerichtet. Nur "nebenbei" Zeuge Jehovas zu sein, ist definitiv nicht möglich. Es ist als Lebensaufgabe gedacht.

Erste Zweifel in der Pubertät

In der Schule traf Sophie dann auf andere Kinder und konnte – selbst wenn Freundschaften kaum möglich waren – einen Einblick in deren Welt gewinnen: "Während meine SchulkollegInnen Musik hörten, ins Kino gingen oder Zeitschriften lasen, hatte ich nur den 'Wachtturm', die Bibel oder den Predigtdienst. Ich fragte mich da: Bin ich die, die komisch ist oder doch die anderen, die doch in der Welt Satans leben?"

Sie versuchte damals, die Bedenken zu verdrängen, damit man sie nicht für schwach hält. Denn das sei das Prinzip: Zweifelst du, ist dein Glaube zu gering – dann bist du selbst schuld. Als einzige Lösung, um diese Schuldgefühle zu bekämpfen, bleibt dann nur noch das Gebet um den Glauben wieder zu festigen.

»Mit Außenstehenden konnte ich nicht reden, weil mein Bibelgeschwafel ohnehin alle komisch fanden.«

Ihre Zweifel und Ängste konnte das junge Mädchen niemandem anvertrauen. Spricht man mit anderen Zeugen Jehovas darüber, würde man noch mehr unter Beobachtung stehen. Die ständige Kontrolle unter allen Mitgliedern sei eines der wichtigsten Druckmittel, so Sophie heute. Sie erzählt unter anderem, sie habe einmal eine Freundin vor allen anderen verpetzt, weil diese geraucht hatte. Jede Sünde müsse sofort bereut und den älteren Männern der Gemeinde gestanden werden. Man müsse sich also selbst bekennen oder das "Glück" haben, dass jemand anderer einen verrät.

Der Ausstieg

Nachdem sie immer mehr Argumente gesammelt hatte, ging sie ein letztes Mal zu einer der Zusammenkünfte. Und kam danach nie wieder. Erleichtert wurde ihr diese Entscheidung, da sie bereits in einer eigenen Wohnung lebte - 100 Kilometer entfernt von ihrer Mutter und der Gemeinschaft, die sie von Geburt an kannte. Immer wieder standen Mitglieder der „Glaubensgemeinschaft“ vor der Türe um sie umzustimmen, aber sie ließ niemanden mehr an sich heran. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt längst, Fragen wie "Willst du wirklich sterben, wenn der Weltuntergang kommt?" oder "Willst du Gott so enttäuschen?" würden sie nicht umstimmen.

Nachdem aktive Mitglieder mit Ausgeschlossenen nicht mehr reden dürfen, hörte das Nachbohren irgendwann auf. Aber das bedeutete auch, dass das gesamte soziale Umfeld verloren ging. Sophie stand damals von einem Tag auf den anderen völlig alleine da. Auch mit ihrer Mutter hat sie bis heute keinerlei Kontakt mehr.

Seitdem hat sich ihr Leben komplett verändert. Sie musste lernen, sich vom Drama ihrer Vergangenheit zu lösen, um glücklich und selbstbestimmt zu werden: "Ich hatte vorher nie die Möglichkeit, mich auszuprobieren. Wer will ich überhaupt sein? Was sind meine Ziele?". Der Ausstieg bot ihr völlig neue Möglichkeiten, was natürlich auch überforderte. Sophie kennt zahlreiche Ausgestiegene, die danach abgerutscht sind und begonnen haben, Drogen zu nehmen.

Die prägenden Erlebnisse haben oft psychische Erkrankungen zur Folge, die sich auf alle Bereiche des Lebens auswirken: "Ich kenne einige, die schon vor 10 oder 20 Jahren dort weg sind und keinen Job finden, keine Beziehung führen können oder suizidgefährdet sind. Sie sind psychisch so zerstört worden, da muss gar kein Schlägertrupp mehr vor der Tür stehen," so Sophie.

Sektenaussteigerin, Aktivistin, Model, Bibliothekarin, Autorin: Auf eine Rolle lässt sich Sophie heute nicht mehr beschränken

Fünf Jahre nach ihrem Ausstieg hat sie ihre Geschichte erstmals öffentlich gemacht: "Zunächst habe ich mich geschämt, darüber zu reden und wollte nur, dass mich alle für einen normalen Menschen halten. Aber irgendwann musste ich es erzählen, um mit mir selbst ins Reine zu kommen. Und es gibt so viele, die Ähnliches oder Schlimmeres erlebt haben - die nach Geschichten wie der meinigen suchen."

»Von Religion halte ich nicht mehr viel. Der Großteil nutzt Mitglieder nur aus, es geht um Geld uns Macht. Ich glaube an Karma: Wenn man Gutes gibt, kommt Gutes zurück. Aber nicht an einen alten Mann mit Bart, der auf einer Wolke sitzt und alles regelt. «

Mittlerweile hat sie ein sehr differenziertes Bild zu den Zeugen Jehovas: Das Verbot von Bluttransfusionen, Diskriminierung von Lesben und Schwulen oder auch von Frauen, häusliche Gewalt und die Ächtung von ausgeschlossenen (Familien-)Mitgliedern bezeichnet sie als eindeutig menschenrechtswidrig. Hinzukommt, dass in den letzten Jahren vermehrt Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch innerhalb dieser Organisation ans Tageslicht gekommen sind, die jahrzehntelang vertuscht wurden.

Aufmerksamkeit für ihre Botschaft durch eine Miss-Wahl

Sophie ist heute selbstbewusst und weiß über ihre Stärke gut Bescheid. Sie möchte jungen Menschen in derselben Situation helfen und Mut machen. Um viele mit ihrer Botschaft zu erreichen, veröffentlicht sie Aufklärungsvideos auf YouTube, ist Mitglied im Verein "JZ Opferhilfe" und hat sich sogar bei der Wahl zur "Miss Germany" angemeldet. Dessen Konzept wurde vor zwei Jahren verändert und basiert nun nicht mehr darauf, wie gut man im Bikini am Laufsteg aussieht. Stattdessen werden Frauen mit Geschichte und Persönlichkeit gesucht, die etwas bewegen wollen. Als "Miss Sachsen 2021" will sie beweisen, dass man alles erreichen kann, was man sich in den Kopf setzt und dass es da auch keine Grenzen gibt - egal was man erlebt hat.

Seitdem bekommt Sophie täglich Nachrichten von Menschen, die Hilfe brauchen. Nicht nur von Personen, die aus einer Sekte aussteigen wollen, sondern auch von Angehörigen oder FreundInnen von Betroffenen. Wie kürzlich von einem Burschen, der sich in eine Zeugin Jehovas verliebt und Rat gesucht hat. Oder von einer 15-Jährigen, die einige Zeugen im Freundeskreis hatte und überlegte, Mitglied zu werden: "Es hat mich sehr beruhigt, als sie dann schrieb, sie hätte sich dagegen entschieden. Ich bin glücklich, wenn ich nur einen einzigen Menschen vor dem Schicksal retten kann, das ich erlebt habe," bekräftigt die 25-Jährige.


Sophie Jones' Autobiographie "Erlöse mich von dem Bösen: Meine Kindheit im Dienste der Zeugen Jehovas" erscheint am 26. März 2021 im Handel.

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