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So sieht Zivilcourage aus!

Dominik Lieboner wollte eine Freundin vor zwei Typen beschützen – und landete schwerverletzt im Krankenhaus. Trotzdem sagt er: "Ich würde immer wieder so handeln.“

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So sieht Zivilcourage aus!
© Ivo Kljuce

Samstag, 14. März, 2015. Zusammen mit ein paar Freunden war ich unsrer Stammdisco in Ludwigshafen. Es war gegen drei Uhr in der Früh, als wir uns auf den Nachhauseweg machen wollten. Am Ausgang standen zwei Jugendliche, die eine Bekannte von mir aus dem Nichts heraus beschimpften. Ich stand ein bisschen abseits, da ich auf den Rest unserer Gruppe wartete, und schnappte dabei Wortfetzen wie „Nutte“, „Schlampe“ und „Bitch“ auf. Geht gar nicht! Trotzdem blieb ich erst einmal im Hintergrund und beobachtete die Jungs. Dann aber fing einer von ihnen an, mit seinen Fäusten zu pumpen, die Augen blitzten aggressiv. Ich dachte mir: Ich muss sie beschützen und einschreiten. Also bin ich dazwischen gegangen. „Was willst du?“, meinten sie, „Das ist eh nur ein Weib. Die ist eh nix wert.“ Ich wurde in meinem Ton schärfer: „Geht jetzt. Sofort.“ Sie drohten mir: „Weißt du, wer wir sind? Wir warten draußen auf dich.“ Ich dachte mir nichts dabei. Die beiden waren weitaus schmächtiger als ich. Plötzlich rempelte mich einer. Der andere schlug mir eine Glasflasche ins Gesicht. Es ging alles so schnell. Die Erinnerung an das Gefühl, wie mir das warme Blut den Nacken runter geronnen ist, kommt immer wieder hoch. Selbst heute noch, knapp ein halbes Jahr später. Ebenso werde ich nie die Bilder vergessen, wie ich in meiner eigenen Blutlache liege, während ich auf den Krankenwagen wartete. Es waren die längsten zehn Minuten meines Lebens. Meine Gedanken drehten sich im Kreis: „Wie viele Liter Blut hat ein Mensch? Werde ich das überleben?“

Dominik kurz nachdem er ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

Die Bilanz, nachdem ich ins Krankenhaus eingeliefert worden war: Eine Gehirnerschütterung, Blutverlust von einem Liter und mehrere Schnittwunden im Gesicht – eine, die mit 30 Stichen genäht, werden musste. Zwei Zentimeter weiter oben und ich hätte mein Augenlicht verloren.

Das Schlimmste waren die psychischen Schmerzen. Die ersten Tage konnte ich nur schlecht schlafen. Nach einiger Zeit gar nicht mehr. Ich fand mich in einem Leben wieder, das irgendwie so gar nicht zu mir passte: Traurig und trist. Meine Ausgelassenheit und Lockerheit hatte ich – mit einem Schlag – verloren. Ich saß einmal die Woche beim Psychologen, schluckte täglich Anti-Depressiva. Sobald ich das Haus verließ, war ich angespannt und zitterte am ganzen Körper. Ich hatte es nicht unter Kontrolle. Auch wenn ich mir noch so oft vorsagte, dass es keinen Grund für meine Panik gab, änderte das nichts. Zu bewusst war mir, dass das alles auch hätte anders ausgehen können. Ich hätte sterben können.

Der Weg zurück in ein normales Leben ist und war alles andere als leicht. Ich hatte oft mit Rückschlägen zu kämpfen. Die letzten Monate haben meiner Familie, meiner Freundin und mir viel Kraft gekostet. Ich muss immer noch Tabletten nehmen und bin momentan auch in einer stationären Akut-Traumatherapie. Dennoch ich bin zuversichtlich, bald wieder der Alte zu sein.

Die äußeren Wunden heilen langsam. Die Psyche leidet noch immer.

Und trotz allem: Ich würde es immer wieder tun! Einschreiten, um jemand anderen zu beschützen. Mich für jemand Schwächeren stark zu machen. Ob Freund oder Fremder: Wir dürfen nicht anfangen, nebeneinander her zu leben, uns nicht mehr für unsere Mitmenschen und das, was mit ihnen passiert, zu interessieren. So spielt man denen, die keine Grenzen kennen, in die Hände.

Thema: Report

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