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Italien: Mit 50 ist man als Frau zu alt, um belästigt werden zu können

Eine Klage wegen sexueller Belästigung wurde in Italien von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen, mit der irrwitzigen Begründung, die Klägerin sei zu alt.

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Carlo Tavecchio
© Getty Images

Opfer von sexueller Belästigung können nur junge Frauen werden. Das ist die unfassbare Meinung der italienischen Staatsanwaltschaft, die mit dieser Begründung eine Klage fallen ließ. Der Beschuldigte, Carlo Tavecchio (74), ist kein Unbekannter, er ist der ehemalige Präsident des italienischen Fußballverbandes. Die Klägerin, Elisabetta Cortani (53), Chefin der Frauenabteilung des Fußballclubs Lazio Rom, wirft ihm anzügliche Komplimente und sexuelle Übergriffe vor. Aber das scheint dem Staatsanwalt nicht Grund genug, um Tavecchio strafrechtlich zu verfolgen - denn wie bereits erwähnt, sei Cortani seiner Meinung nach mit 53 Jahren zu alt, um überhaupt belästigt werden zu können. Das berichten unter anderem der britische Guardian und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

Abgesehen davon, dass diese Aussage schlichtweg unfassbar und auch juristisch nicht haltbar ist, gibt es laut dem Anwalt der Klägerin sogar Video- und Audiobeweise für die sexuellen Belästigungen, die 2015 und 2016 während geschäftlichen Besprechungen vorgefallen sein sollen. Dabei soll er zunächst derbe Kommentare über ihren Körper gemacht haben, sie aufgefordert haben sie solle ihn ihre Brüste anfassen lassen und dann über sie hergefallen sein, wobei sie sich aus der Umklammerung befreien konnte und flüchtete.

Mit 50 Jahren zu alt, um belästigt zu werden?

Aber dennoch wurde die Klage fallen gelassen, da Cortani diese zu spät vorgebracht habe und eben zu alt sei, um sich durch die "Avancen" von Tavecchio einschüchtern zu lassen. Denn das italienische Recht sieht vor, dass sexuelle Belästigung schon nach sechs Monaten verjährt. Allerdings können Amtspersonen - wozu auch Tavecchio aufgrund seiner Verbindung zum Olympischen Komitee zählt - sechs Jahre lang belangt werden. Das zweite Argument der Staatsanwaltschaft ist darüber hinaus einfach nur realitätsfern und dringend diskussionsbedürftig.

Daher hat Cortani bereits Einspruch eingelegt und nun soll ein Richter entscheiden, ob das Verfahren doch noch aufgenommen wird. In einem Interview betont sie, dass italienische Frauen verstärkt um ihre Rechte kämpfen sollen und stets Anzeige erstatten sollen: "Egal, ob man uns glaubt oder nicht. Wir müssen beginnen, Respekt zu verlangen. Sonst ändert sich die Kultur in Italien nie."

Tavecchio hingegen weist alle Vorwürfe von sich. Aber der Verbandspräsident fiel schon zuvor immer wieder unangenehm auf: Und zwar aufgrund von rassistischen, homophoben sowie antisemitischen Aussagen: Er wolle sich prinzipiell nicht mit Juden oder Homosexuellen treffen und betitelte Fußballspieler aus Afrika als „Bananenfresser“. Weder das, noch seine fünf Verurteilungen wegen Finanzvergehen kosteten ihn jedoch bisher seinen prestigeträchtigen Job. Erst, als die italienische Fußballmannschaft es nicht schaffte, sich für die diesjährige Weltmeisterschaft zu qualifizieren, musste er seinen Hut nehmen. Offenbar das einzige, was solchen Herren in bella italia zum Verhängnis werden kann.

Italien hat ein Macho-Problem

Aussagen wie jene des besagten italienischen Staatsanwalts sind nicht nur im Lichte der aktuellen #metoo-Bewegung schmerzhaft. Im schönen Italien ticken die Uhren offenbar immer noch ein bisschen langsamer als anderswo. Denn das Land, das mit Silvio Berlusconi den Mann, der es für nötig befand, Frauen im Fernsehen zu sehr leicht bekleideten und stummen Deko-Elementen zu reduzieren, mehrfach zum Regierungschef machte und der es der Nation mit obskuren Bunga-Bunga-Partys dankte, ist offenbar immer noch stark vom Bild geprägt, dass sich Männer gegenüber Frauen alles erlauben können.

So wurde unter anderem in italienischen Medien die Schauspielerin Asia Argento, die Filmproduzent Harvey Weinstein der Vergewaltigung bezichtigte, negativ dargestellt und ihr die Schuld zugeschoben. Oder ein Richter entschied, dass Grapschen als Humor und nicht als Belästigung einzustufen sei. Und sogar die Frauen im Parlament wollten ihre Erfahrungen mit Belästigungen nicht im Plenum teilen, sondern machten dies stattdessen in einer Räumlichkeit einzig im Beisein von Frauen und ohne Männer.

Da verwundert der aktuelle Fall von Frauenfeindlichkeit durch die Staatsanwaltschaft fast schon gar nicht mehr. Aber das sollte kein Grund sein, nicht dagegen anzukämpfen - was Elisabetta Cortani mit ihrer Hartnäckigkeit beweist.

Kommentare

margretni

Derartig Verrücktes habe ich noch nicht gehört. Ich denke manchmal, in einer Welt voller Verrückter zu leben, unfassbar.