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So wird das Jahr 2030

Organe aus 3D-Druckern, WGs mit bis zu 30 Mitbewohnerinnen und -bewohnern sowie Drohnen, die Bienen ersetzen: War erwartet uns 2030? Forscher Sven Gábor Jánszky skizziert in WOMAN, wie unser Leben in ein paar Jahren aussehen wird. Vieles davon hört sich nach Science-Fiction an. Er sagt: "Ist aber alles realistisch. Die Technologien dafür sind bereits vorhanden".

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So wird das Jahr 2030
© Photo by Helena Lopes on Unsplash

Beruf

Autodidaktes Lernen. In Sachen Ausbildung und Job gibt es immer rasantere Entwicklungen. "Nachdem unsere Bildungssysteme darauf aber so gut wie kaum reagieren, müssen es die Menschen selbst in die Hand nehmen, autodidaktes Lernen ist im Vormarsch."

Phase der Vollbeschäftigung. Was uns zukünftig ebenfalls erwartet: zu wenige Menschen für zu viele Jobs. Der Grund: Die Babyboom-Generation, die in den nächsten zehn Jahren in Pension geht. Sie hinterlässt in der Jobwelt eine Lücke, die so groß ist, dass sie durch die Nachkommenden nicht gefüllt werden kann. Daraus resultiert ein Mangel an Arbeitskräften: "In den nächsten 20 bis 25 Jahren werden im deutschsprachigen Raum Headhunter um gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konkurrieren." 2050 allerdings kommt eine weitere Veränderung auf uns zu: "Bis dahin wird die künstliche Intelligenz so weit fortgeschritten sein, dass Computer viele der menschlichen Wissensberufe übernehmen können. Wir werden dann nur mehr vier oder fünf Stunden am Tag arbeiten müssen." Und womit verdienen wir dann unser Geld?"Es wird relativ sicher eine Art Grundeinkommen entstehen", überlegt der Experte, "Ob das an Bedingungen geknüpft sein wird oder nicht, lässt sich aus heutiger Sicht jedoch noch nicht sagen."

Gesundheit

Hohes Alter. Forever young -diese Vision ist nicht mehr weit weg. Laut Jánszky wird es nämlich zu einem extremen Sprung in puncto Lebenserwartung kommen: "Expertinnen und Experten schätzen das Durchschnittsalter der Zukunft auf 120 Jahre. Einige gehen sogar von 150 aus." Wow! Wie kann das denn möglich sein?" Durch medical food (siehe weiter unten), künstlich hergestellte Ersatzteilorgane und die Veränderung von Genen mit einer einfachen Spritze", so der Trendforscher.

Künstliche Ersatzteilorgane. Leber, Nieren oder Herzen aus dem 3D-Drucker: Klingt abgespact, ist aber absolut realistisch. "Schon heute werden künstliche Herzklappen aus körpereigenen Zellen hergestellt. Der große Vorteil: Diese werden nicht mehr abgestoßen", erklärt Jánszky. Seine Prognose: "In den nächsten zehn Jahren können ganze Organe gedruckt werden."

Gen-Veränderung. Gen-Analysen werden ab Oktober in England als Krankenkassenleistung verbucht. "Ist also nur eine Frage der Zeit, wann es bei uns so weit ist", meint der Forscher. "Aus dem individuellen Genom können alle möglichen Risikofaktoren abgelesen werden." Und in Zukunft auch verändert werden: Crispr - so nennt sich die Technologie, mit deren Hilfe kaputte Gen-Abschnitte durch gesunde ersetzt werden können. Und zwar relativ leicht mit einer Spritze. "Es wird einem dabei eine künstlich hergestellte RNA injiziert. Noch ist das Verfahren sehr teuer, wird 2030 aber bestimmt schon für die Ersten leistbar sein."

Essen

Medical Food. Wir werden zukünftig vor allem Lebensmittel essen, die auf Basis der Echtzeitdaten unseres Körper zusammengestellt werden. Jánszky: "Du putzt morgens deine Zähne mit einer elektrischen Bürste. Diese analysiert deinen Speichel, wertet ihn aus und schickt die Daten an dein Handy. Das kann dadurch täglich die Differenz zwischen dem Idealzustand und der aktuellen Beschaffenheit in deinem Körper errechnen. Die Bakterien und Wirkstoffe, die einem fehlen, werden via 3D-Technologie in unser Essen gedruckt, in die Butter, die Marmelade, den Käse, die Milch, den Kuchen, den Kaffee."

Insekten als neues Trendfood? Stimmt es, dass wir uns schon bald, wie oft behauptet, von Mehlwürmern und Heuschrecken ernähren werden? "Blödsinn", findet Jánszky. "Es stimmt schon, dass Insekten einen großen Proteingehalt haben, und auch, dass mehrere Milliarden Menschen davon satt werden könnten, aber Essen und unser Ernährungsverhalten sind etwas gesellschaftlich sehr tief Verankertes, das sich nicht einfach so verändern lässt. Ein paar wenige Restaurants wird es geben, die damit kochen, und wenn man mal besonders mutig sein möchte, geht man eben dorthin."

Politik

Vager Ausblick. Anders als in der Technik folgt die Politik keinen Kausalketten, aus denen sich Wenn-dann-Szenarien ableiten lassen. Dadurch können Forscherinnen und Forscher hier nur schwer konkrete Zukunftsprognosen liefern. Trends zeichnen sich dennoch ab. Jánszky: "Momentan fehlt es an progressiven Parteien, jenen, die um Veränderung kämpfen. Hier könnte etwas Neues entstehen, für das es ein Wählerpotenzial von zehn bis 15 Prozent gibt."

Liebe

Anbandeln übers Internet. Tinder verabschiedet sich mal nicht. Im Gegenteil: "Das Matching wird in ein paar Jahren sogar viel intelligenter sein als heute." Anders gesagt: Flirten wird wissenschaftlicher. "2030 werden Maschinen in der Lage sein, den aktuellen Bewusstseinszustand zu erkennen, und können auch die Historie des Menschen wesentlich besser einschätzen als er selbst. So schaffen sie es, aus einem Teich voller Singles diejenigen herauszufischen, die sich als Partner sehr gut eignen würden."

Mehr Beziehungen. Die Phasen eines Menschenlebens haben sich verändert: "Früher unterteilte man sie in Jugend, Arbeit und Pension. Heute durchleben Erwachsene bereits acht Stadien. Dazu gerechnet wird unter anderem die Familienphase, die sich in den ersten zehn Jahren als eher sesshaft gestaltet und danach wieder dynamischer wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass man beim Übergang von einer Periode in die nächste auch seine Beziehung wechselt, ist groß. Und wenn man bedenkt, dass die Menschen bald viel älter werden, ist es nur logisch, dass das Versprechen ,auf ewig' schwer realisierbar ist. Der Schwur entstammt einer Zeit, in der Menschen nicht mal 50 Jahre alt wurden." Ganz schön desillusionierend! Ist das das Ende der Romantik?"Nein", gibt sich der Experte zuversichtlich, "Man muss sie nur neu erfinden."

Mobilität

Selbstfahrende Autos ersetzen Taxis. Hier steht uns laut Trendkenner eine riesige Veränderung bevor: "In den nächsten drei bis fünf Jahren werden selbstfahrende Autos auf unsere Straßen kommen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind diese dann zum Großteil nicht im Besitz von Menschen." Stattdessen findet man sie in großen Flotten in Städten aufgestellt, wo sie als Taxis fungieren. Das könnte vor allem für Familien spannend sein, nämlich wenn selbstfahrende Autos die Kinder frühmorgens in die Schule und nachmittags zum Ballett, Chor oder Fußball fahren. So entfällt der lästige ,Taxidienst' für die Eltern. Plus: Eine Runde mit so einem PKW wird kaum etwas kosten. "Ähnlich dem Google-Modell verdienen die Herstellenden Geld, indem sie den Fahrgästen Werbung vorspielen oder sie zum Online-Shopping während der Fahrt animieren."

Wandelndes Wertempfinden. Die Idee, ein Auto als Statussymbol zu sehen, verliert auch weiterhin immer mehr an Bedeutung: "Die Menschen definieren ihr Freiheitsbefinden neu. Wenn man unter Unabhängigkeit früher verstanden hat, ein Auto zu besitzen, um schnell von A nach B zu kommen, wird der Begriff in Zukunft besonders mit Nicht-Festlegung assoziiert."

Freizeit

Urlaub an Identitätsorten. Gleich eine gute Nachricht vorweg: Wir werden mehr Zeit haben, und auch das Geld für Reisen wird vorhanden sein! Juhu! Aber wohin werden uns die Urlaube der Zukunft führen? "An Identitätsorte." Noch nie gehört? Der Forscher klärt auf: "Menschen wollen sich selbst und anderen gegenüber beweisen, zu wem sie sich zugehörig fühlen, und an Orte reisen, die diese Identität verkörpern. Sie wollen Vorbilder treffen und sie möchten sich mit anderen Menschen umgeben, die ebenso nach dieser Identität streben. ,Sportlich' und ,Öko' sind zwei von etwa 30 Basis-Identitäten."

Neues Shoppingverhalten. Auch sonst wird das Spüren der eigenen Identität in unserer Freizeit im Vordergrund stehen: "Es werden in Städten sogenannte ,Blöcke' entstehen, wo sich alles um ein Thema wie zum Beispiel Musik dreht. Da findet man dann ein Geschäft mit Instrumenten neben einer Karoke-Bar. Daneben wiederum steht eine Konzerthalle und so weiter. Es geht dann nicht mehr so sehr ums Einkaufen, vielmehr um das Erleben seiner Interessen."

Umwelt

Drohnen als Bienenersatz. Jánszky liefert eine optimistische Prognose. Dennoch sollten Menschen, denen die Natur am Herzen liegt, diese Zeilen vermutlich lieber überspringen. "Wir gehen davon aus, dass Technologie die meisten der heute bekannten Probleme lösen kann. Etwa das Bienensterben: Sollte es tatsächlich so weit kommen, dass sie in Massen aussterben, kann man sie durch Minidrohnen ersetzen, die den Blütenstaub durch die Gegend transportieren." Auch was Trinkwasser, Essen und Energie betrifft: All dies lässt sich mithilfe von Technologie lösen. Einzig für das Schmelzen des Eises an den Polarkappen haben Wissenschafterinnen und Wissenschafter noch keine Lösung gefunden. Wie sich das tatsächlich auf unsere Erde auswirkt, ist allerdings auch nicht klar: "Es gibt ganz viele verschiedene Theorien, die sich teilweise sehr stark widersprechen und alle möglichen Szenarien schildern."

Haushalt

Riesen-WGs in Großstädten. Halt dich fest, denn: Wir alle werden bald schon 20 bis 30 Mitbewohnerinnen und Mitbewohner haben. Bitte wie!? "Jeder Mensch wird von sehr vielen digitalen Assistenten umgeben sein", weiß Zukunftsexperte Sven Gábor Jánszky. Jeder dieser Helfer ist für etwas anderes zuständig: Lebensmitteleinkäufe, Terminkoordination, Styling, Gesundheit, Erziehung, Urlaub. "Es handelt sich dabei um intelligente Softwarte-Systeme, ähnlich wie Siri und Alexa, nur noch viel komplexer und fortschrittlicher." Aber wie sieht das im Alltag dann aus? Nehmen wir als Beispiel Foodshopping: Jede und jeder von uns kauft im Großen und Ganzen immer dieselben Lebensmittel ein. Und hier kommt jetzt die Technologie ins Spiel: "Der persönliche Assistent kennt alle Zutaten, Produkte und Speisen, die man immer daheim hat. Noch bevor uns etwas von dieser Liste fehlt, wird automatisch eine Bestellung an den Supermarkt weitergeleitet, der uns die fehlenden Nahrungsmittel liefert." Heißt im Konkreten auch: Selbst Essen einkaufen zu gehen, wird dann der Vergangenheit angehören. Auch der Trend der Urbanisierung und der Einpersonenhaushalte hält weiterhin an.

Glaube

Neue Weltbilder. "Die Anhängerschaft der traditionellen Religionen ist weiter rückläufig", erläutert Jánszky, "Was wiederum nicht heißt, dass die Menschen nicht glauben. Das tun sie, orientieren sich in Zukunft aber eher an ,Ersatzreligionen'." So etwa steigt die Zahl der Leute, die sich der Quantenphysik verschreiben, die darauf aufbaut, dass alle Teilchen auf der Erde auf einer nicht sichtbaren Ebene miteinander verbunden sind. Mit der neuen Modereligion lässt sich eine Vielzahl übernatürlicher Phänomene erklären. "Zum Beispiel jenes, dass ein Mensch am Montag über ein bestimmtes Thema redet und am Dienstag einen Beitrag zu exakt diesem Thema in den Nachrichten sieht", so der Zukunftsforscher.

ZUKUNFTSFORSCHER SVEN GÁBOR JÁNSZKY

Trend-Experte. Er ist Chairman des größten Zukunftsforschungsinstituts Europas, des 2b AHEAD ThinkTank. Unter seiner Leitung entwerfen jährlich 300 CEOs und Innovationschefinnen der europäischen Wirtschaft die Zukunftsszenarien und Strategieempfehlungen für die kommenden zehn Jahre. Zudem ist er Autor der Trendbücher "2020","2025", "Das Recruiting-Dilemma","Die Neuvermessung der Werte" und "2030". trendforscher.eu

Thema: Trends

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