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Zwischen Kind und Job: Top-Betriebswirtin Marie-Hélène Ametsreiter im Interview

Manche sehen in Marie-Hélène Ametsreiter nur „die Frau des Telekom-Bosses“. Dabei hat sich die frühere Topmanagerin ganz bewusst für Familie und einen Teilzeitjob entschieden.


Zwischen Kind und Job: Top-Betriebswirtin Marie-Hélène Ametsreiter im Interview
© Susanne Spiel

Mittag auf der verschneiten Wiener Jesuitenwiese: Kaum aus dem Job bzw. Kindergarten, ist schon Quality Time für Mutter und Tochter angesagt! „Zieh mich schneller, Mama!“, jauchzt Marie-Sophie, 2, und hält sich – eingemummt in ihren rosa Skioverall – an ihrem blauen Bob fest. Und wenn die Kleine lacht, ist sie ihrer Mutter Marie-Hélène Ametsreiter (vormals Magenschab), 40, wie aus dem Gesicht geschnitten. Finanziell nötig hätte es die Betriebswirtin, die sich in der letzten Dekade als CEO mit dem Aufbau der kroatischen VIPnet (zählt zu den Vorzeigemodellen des Konzerns) einen Namen mach-te (z. B. „Managerin des Jahres 2005“) zwar nicht, wieder arbeiten zu gehen – schließlich gehört ihr Mann, Telekom- General Hannes Ametsreiter, 43, (seit 2005 verheiratet) zu den Topmanagern des Landes. Trotzdem ist sie zurück im Biz: als GF-Mitglied bei Mobilkom Austria Group Services, wo Ametsreiter Synergiekonzepte für internationale Beteiligungen erarbeitet. „Zwar nur Teilzeit und 30 Stunden pro Woche, aber immerhin. Nur so kann ich unserer Tochter eine gute, zufriedene Mutter sein.“ Den Biss hat die Wienerin von ihrem Vater Hans Magenschab, der in der Ära Klestil die „Stimme des Präsidenten“ war. Doch seit es Marie-Sophie gibt, ist vieles anders...

WOMAN: Sie scheinen mit Leib und Seele Mutter zu sein. Warum reicht Ihnen das nicht?

Ametsreiter: Ich arbeite gern. Wenn ich erfolgreich bin, bin ich glücklich – egoistisch gesagt. Ich brauche das soziale Gefüge. Meine Mutter zum Beispiel war „nur“ Hausfrau, und es war super, dass sie für meinen Bruder Georg und mich stets da war. Ich habe nach einem Jahr Karenz gemerkt: „Das allein ist es nicht!“

WOMAN: War die Karenz so fad?

Ametsreiter (lacht): Nein, ich war 24 Stunden damit beschäftigt, die Kleine zu umsorgen, den Haushalt zu schupfen. Wir sind täglich über die Prater Hauptallee spaziert. Bei Schneefall und Minusgraden. Anfangs hatte ich Sorgen, weil Marie-Sophie bei der Geburt nur 2,3 Kilo wog, aber die frische Luft hat ihr nicht geschadet. Sie ist putzmunter!

WOMAN: Wie schaukeln Sie nun Kind und Karriere?

Ametsreiter: Hannes bringt sie in den Kindergarten, meine Mutter holt sie die halbe Woche von dort ab, bringt sie in den Englisch-Singkurs, bis ich um 19 Uhr heimkomme. Dann hat Marie-Sophie mich ganz für sich. Wir essen, baden, ich lese ihr vor, bring sie zu Bett. Daher geht sie ein bisschen später schlafen als andere Kinder. Und Donnerstag und Freitag hol ich sie mittags ab. Die Zeit fordert sie von mir!

WOMAN: Und Ihr Mann macht im Haushalt nichts?

Ametsreiter: Halbe-halbe geht bei seinem Job nicht. Aber er ist ein unglaublich liebender Vater. Er singt mit ihr, geht mit ihr ins Kino und freut sich, wenn ich beruflich zwei Tage nicht da bin und er Marie-Sophie für sich hat. Für Hannes ist unser Kind die beste Energie-Tankstelle.

WOMAN: Was tun Sie beide an freien Wochenenden?

Ametsreiter: Da sind wir in unserem Haus in Salzburg. Es steht mitten im Wald, und auf unserem Grund laufen Rehe herum. Wir sind dort immer zu dritt! Sonst sprechen Hannes und ich gar nicht mehr miteinander, weil jeder so viel um die Ohren hat. Wir gehen rodeln, Ski fahren, machen Ausflüge. Über die Firma reden wir trotzdem (lacht) .

WOMAN: Bei Ihnen und Herrn Ametsreiter hat’s treffenderweise in der Mobilkom gefunkt. Liebe am Arbeitsplatz also...

Ametsreiter: Ja, aber nicht sofort. Wir waren Kollegen auf der gleichen Hierarchie-Ebene, aber jedes Mal, wenn wir ein Projekt gemeinsam hatten, notierte er mir auf meine Unterlagen „Well done“. Das waren aber noch keine verschlüsselten Liebesbekundungen! Das schrieb er nämlich auch anderen Kollegen. Da war ich eine von vielen (lacht) ! Aber bevor ich 1999 mit 29 Jahren als Marketingdirektorin zum ersten Mal nach Zagreb ging, waren wir bereits ein Paar. Diese Long-Distance-Beziehung hatte auch Vorteile, denn man strengt sich mehr an. Ist mehr miteinander als nebeneinander. Mit meinem Intermezzo als Selbständige zogen wir zusammen, aber 2005 beauftragte mich der damalige Boss Boris Nemsic nochmals als Generaldirektorin mit der Niederlassung in Kroatien...

WOMAN: Warum wollten Sie kurzfristig selbständig sein?

Ametsreiter: In einem Unternehmen gibt’s eine leistungsgerechte Entlohnung, aber auch die hat Grenzen. In einer Ich-Company gibt’s das nicht. Ich habe jedoch erkannt, dass Geld allein nicht glücklich macht. Und dass ich ein Teamplayer bin. Als Consulterin war ich sehr einsam.

WOMAN: Sprechen Sie eigentlich Kroatisch?

Ametsreiter: Nur ein paar Sätze. Wahnsinnig schwere Sprache! Trotzdem habe ich es geschafft, die Vipnet zum beliebtesten Arbeitgeber Kroatiens zu machen. Das liegt wohl auch daran, dass dort die Mitarbeiter am Campus viele Lifestyle-Möglichkeiten haben, die motivieren: vom Betriebskindergarten bis hin zum Fitness-Studio. Bei uns im Wiener Headquarter gibt es keinen Betriebskindergarten, weil laut Umfragen die meisten ihr Kind lieber in der Nähe des Wohnsitzes zur Betreuung geben oder Unterstützung durch Verwandte haben. Mein Bruder und seine Frau leben mit ihrer dreijährigen Tochter im selben Haus wie wir. Und mein Vater holt mit Marie-Sophie jetzt alles nach, was er bei uns Kindern wegen seines stressigen Berufs versäumt hat.

WOMAN: Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater?

Ametsreiter: Ich schau auf ihn. Und bemühe mich, ihm und meiner Mutter zu beweisen, dass nicht nur mein älterer Bruder Georg was schaffen kann.

WOMAN: Sie haben schon so viel geschafft! Haben Sie Ihre Karenz trotzdem als Karriereknick erlebt?

Ametsreiter: Ja! Denn man kann keinen 20-Stunden-Tag mit Kind erledigen. Ich habe den Schritt zurück gern getan, denn ich wollte Familie. Auch wenn man zerrissen ist. Ich kämpfe oft mit den Tränen, wenn sich Marie- Sophie an mir festklammert. Da spüre ich, wie sehr sie mich vermisst. Dann stelle ich mir auch die Frage: Muss das sein? Aber ja, es muss! Sonst ginge es meinem Ego schlecht. Denn die Arbeit als Hausfrau ist leider noch immer eine unbedankte Arbeit.

WOMAN: Wollen Sie noch ein zweites Kind?

Ametsreiter: Derzeit ist nichts geplant. Es dauert ja auch eine Zeit, bis man wieder im Job drin ist. Ich bin froh, dass ich mein neues Leben halbwegs auf Schiene gebracht habe. Es gibt eh Tage, wo ich vor Erschöpfung weine, weil mich jede außerordentliche Verpflichtung unseres ohnehin schon ausgebuchten Terminkalenders durcheinanderbringt. Etwa ein Streit, eine Krankheit... Dann läuft’s schon „on the edge“. Mit einer Freundin essen zu gehen oder wellnessen – das spielt’s nicht.

WOMAN: Sie können also nie wirklich den Moment leben!?

Ametsreiter: Doch, denn ich kann genießen! Sollte ich einmal das Gefühl haben, Familie geht eindeutig vor, werde ich auf meinen Job verzichten. Da bin ich viel zu sehr Bauchmensch! Und sollte ich unschlüssig sein, werde ich mich an die Worte meiner Mutter erinnern: „Schlaf drüber! Eines Morgens stehst du auf und weißt, was zu tun ist.“ Doch jetzt bin ich froh, dass alles so ist, wie es ist. Und dass auch manche Kollegen damit aufgehört haben, mich in erster Linie als „Frau vom Ametsreiter“ zu sehen.

Interview: Petra Klikovits