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Wie man die Gesellschaft repariert: Interview mit Politologin Emilia Roig

Eine Welt ohne Benachteiligung von Minderheiten? Und warum bedrohen Single-Frauen unsere Gesellschaft? Politologin Emilia Roig erklärt, was es braucht, damit wir die alten Fehler nicht mehr machen.

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Emilia Roig Politologin
© Mohamed Badarne

Die Stimme am anderen Ende der Handyleitung ist freundlich und fröhlich, trotz der Schwere des Themas: Diskriminierung. Darüber hat Aktivistin Emilia Roig, 37, ein Buch geschrieben. "why we matter" (Aufbau Verlag, € 22,70) heißt es und soll vor allem eines: alte System aufbrechen und unsere Gesellschaft endlich grundlegend verändern. Die Worte, die Roig während unseres Interviews wählt, sind empathisch - das Gesagte verweist trotzdem auf sehr viel Dringlichkeit. Mit Gelassenheit und gleichzeitiger Beharrlichkeit wiederholt sie Sätze wie "Hierarchien müssen endlich wegfallen" und "Wir brauchen eine alternative Realität zu der, in der wir bislang gelebt haben".

Aufgrund ihrer eigenen Geschichte – Roig ist in einer transracial Familie aufgewachsen, ist Mutter eines sechsjährigen Sohnes und lebt nach einer zehnjährigen Hetero-Ehe in einer Partnerschaft mit einer Frau -weiß sie, wie viel Diskriminierung in unserem Alltag tatsächlich und meist unbewusst passiert. Die Politologin kämpft für Solidarität, Gleichberechtigung und gegen Zustände, die wir für normal halten. Sie setzt sich für eine Welt ohne Rassismus, Homofeindlichkeit, Stereotype und Patriarchat ein -und zeigt, was jeder Einzelne von uns für ein Miteinander auf Augenhöhe beitragen kann.

Emilia Roig Politologin
Emilia Roig gründete 2017 das "Center for Intersectional Justice", um Gleichstellungsund Anti-Diskriminierungsarbeit in Europa zu forcieren. Ihr Ziel: dass die Utopie einer Welt, in der alle gleich sind, endlich Wirklichkeit wird

WOMAN: Lassen Sie uns mit einer Zukunftsprognose starten. Im Buch schreiben Sie: "Die Lage der Welt ist chaotisch. Chaos jedoch geht häufig einem Paradigmenwechsel voraus, einer großen, globalen Veränderung." Wohin führt uns der Weg?

Roig: In eine positive Richtung, auch wenn das momentan noch schwierig zu erkennen ist. Wir bewegen uns weg von Trennung, Dominanz, Wettbewerb, hin zu mehr Liebe, Mitgefühl, Verbindung und Respekt. Alte Strukturen lösen sich auf, neue entstehen, auch wenn aktuell teilweise noch sehr viel Widerstand herrscht. Bewegungen wie #Metoo und Black Lives Matter aber finden mittlerweile ein großes Echo in der Gesamtbevölkerung, weil mehr und mehr Menschen klar wird, dass wir Missbrauch, Gewalt und Machtgefälle nun sichtbar machen wollen.

Sie sagen allerdings auch: "Die Grenzen der Normalität werden kontinuierlich neu verhandelt und neu definiert. Allerdings bleibt das Fundament der Unterdrückung bisher unverändert. Die Macht verschiebt sich lediglich." Was muss sich ändern, damit auch die Basis, auf der unsere Gesellschaft fußt, neu gestaltet werden kann?

Roig: Wir müssen Hierarchien auflösen, ansonsten können wir nicht vorankommen. Es hilft nichts, wenn wir gegen das Patriarchat kämpfen, mit dem Ziel vor Augen, dass plötzlich die Frauen über den Männern stehen. Das wäre genauso problematisch. Wir müssen sensibler dafür werden, wie unser gesellschaftliches Miteinander funktioniert. Nämlich vor allem durch Bewertungen. Als mein Sohn drei war, sagte er über eine Frau, die neben uns stand: ,Guck mal, die ist dick.' Mein erster Impuls war, zu antworten:,Das ist nicht nett, wenn man so was sagt.' Gleichzeitig war ich froh, dass sie ihn offensichtlich nicht verstanden hatte, weil er es auf Französisch gesagt hatte. Dann aber verstand ich die Situation als Chance und erklärte ihm: ,Ja, sie ist dick. Wir haben alle andere Körperformen und sind alle schön, so wie wir sind.' Damit stieg ich aus dem System aus, das uns permanent, wenn auch unbewusst, signalisiert, dass Dünnsein besser bewertet wird als Dicksein. Dieses Bewertungssystem betrifft viele Facetten unserer Identitäten: schwarz, weiß, behindert, nicht behindert, Mann, Frau, hetero, queer

Angenommen, die Frau hätte Sie beide verstanden. Hätten Sie dann genauso reagiert?

Roig: Damals, das weiß ich nicht Heute aber definitiv. Vermutlich würde es sie im ersten Moment überraschen, weil sie es nicht gewohnt ist, dass jemand so handelt, eben weil wir es innerlich von klein auf so übernommen haben. Aber was ist daran beleidigend, eine Person so zu sehen, wie sie ist!? Viel verletzender ist es doch, ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie so, wie sie ist, nicht richtig ist.

Sie sehen ja auch in der Bodypositivity-Bewegung sehr viel Entwicklungspotenzial. Inwiefern?

Roig: Zunächst: Es ist großartig, dass es ein Movement wie dieses gibt, allerdings wird es mehr und mehr vom Kapitalismus und Neoliberalismus instrumentalisiert. Das Credo "Du musst schön sein" hat sich gewandelt zu "Du musst dich schön fühlen", wir sehen aber nicht, warum viele mit ihrem Aussehen überhaupt hadern. Das müssen wir angehen: die Ursachen von Komplexen und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.

Das Thema Unterdrückung ist ein sehr komplexes. Gehört man zu einer Mehrheit, um Sie zu zitieren, unterdrückt man zwangsweise andere - auch wenn dies meist unbewusst und unbeabsichtigt geschieht. In welchen Situationen passiert das besonders häufig?

Roig: Etwa wenn Menschen sagen: "Ich sehe deine Hautfarbe gar nicht." Es ist bei den meisten bestimmt gut gemeint, aber in Wahrheit ist es sehr ignorant, denn leider spielt sie in unserer Gesellschaft eine viel zu große Rolle, als dass man sie einfach ausblenden könnte. Schwarze Menschen werden mit ihrer Hautfarbe von klein auf konfrontiert. Es ist ein Privileg der Weißen, sie nicht thematisieren zu müssen. Fangt an, hinzuschauen! Denn nur so kann Rassismus überhaupt gesehen und bekämpft werden. Ein weiteres Beispiel ist die klassische Mann-Frau-Beziehung. Noch immer heißt es oft: "Super, dass dein Mann so viel mithilft im Haushalt."Dabei sollte sein Beitrag als selbstverständliche Beteiligung gesehen werden. Nichts, wofür die Frau sich vielleicht auch noch bei ihm bedanken muss. Die meisten Männer sind sich ihres unbewussten Anspruchs, in einer Partnerschaft bedient zu werden, aber nicht mal bewusst. Viele Frauen hinterfragen das noch immer genauso wenig und fügen sich in ein System, das sie unterdrückt. Warum ist das so?

Warum ist das so?

Roig: Weil diese Systeme so machtvoll sind, dass sie uns unsere Identität geben, auch dann, wenn es uns kleinhält. Viele Menschen haben Angst, dass sie unsichtbar werden, sobald sie aus einem bestimmten Konstrukt aussteigen. Gleichzeitig ist es ein Weg, um Ungerechtigkeiten auszuhalten, indem man sie als gegeben hinnimmt und sie in ihrer Bedeutung herunterspielt.

Im Buch stellen Sie die Frage: "Warum hat die feministische Bewegung nur sehr bedingt dazu geführt, dass Männer durch ihr Verhalten, Aussehen und ihre gesellschaftlichen Rollen ihre weibliche Seite ausdrücken und ausleben dürfen?" Haben Sie eine Antwort gefunden?

Roig: Es ist die Angst vor dem Verschwinden und dem Verlust der eigenen Bedeutung. Dabei sehe ich bei meinem Sohn, wie wichtig es ist, dass er all seine Facetten leben darf. Er hatte eine Zeit lang sehr lange Haare, liebte Rosa und Nagellack. Das war einigen Menschen unangenehm. "Ist doch was für Mädchen", sagen sie dann. Ich versuche dagegenzuhalten und ermutige meinen Sohn dazu, sich die Freiheit zu nehmen, so zu sein, wie er sein möchte.

Wovor fürchtet sich das Patriarchat außerdem?

Roig: Single-Frauen. Unsere Gesellschaft ist nonstop darum bemüht, Frauen um die 30, die keinen Partner haben, herabzuwürdigen. Das sieht man allein bei Filmen wie "Bridget Jones". Das Grande Finale ist, dass sie endlich schwanger wird und heiratet. Aber keine Frau braucht einen Mann an ihrer Seite oder muss Kinder haben, um wertvoll und vollständig zu sein. Wir müssen die ganzen Märchenbücher umschreiben. Prinzessinnen sollen endlich ihr eigenes Königreich regieren, auf Abenteuer gehen und selbstbestimmt leben, anstatt sich über einen Mann zu definieren. Auch ich habe deshalb sehr lange meine Homosexualität negiert, weil ich Mutter sein wollte und das lange Zeit unweigerlich mit Heterosexualität in Verbindung gebracht habe. Vor allem weiße Männer sind in unserer Gesellschaft besonders privilegiert.

Wie stehen Sie zur Quotenregelung? Ist es die Lösung, ein Anfang oder muss man ganz woanders ansetzen?

Roig: Quoten sind absolut notwendig, aber sie reichen definitiv nicht aus. Und vor allem braucht es das Bewusstsein, dass Quoten nicht dazu da sind, Frauen zu helfen, weil sie nicht gut genug sind, sondern dass sie da sind, um eine gesellschaftliche Schieflage zu korrigieren und das Präferenzsystem für weiße Männer ohne Behinderung zu sprengen.

Um Diskriminierung zu verhindern, wird sehr viel auf Bildung gesetzt. Mit Erfolg?

Roig: Nein. Damit das passieren kann, müssten die ganzen Lehrpläne komplett umgeworfen werden. Voltaire, Rousseau, Goethe, Marx, Kant, Einstein: Momentan lernen wir zu 99 Prozent über weiße Männer aus Europa. Das ist aber nur eine Perspektive von sehr vielen. Auch das Storytelling muss hinterfragt werden: Das Wahl-und Abtreibungsrecht hat man uns Frauen nicht einfach so gegeben. Man stellt die Mächtigen gerne als wohlwollend und kooperativ dar. Das stimmt so aber nicht. Die Unterdrückten mussten für jeden einzelnen Fortschritt kämpfen.

Why we matter Buch
Ein Buch für ein besseres Morgen. Aktivistin und Politologin Emilia Roig schreibt in "why we matter"(Aufbau Verlag, € 22,70) über eine Gesellschaft auf Augenhöhe und wie diese funktionieren kann.

Was kann nun jeder Einzelne von uns für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung konkret tun?

Roig: Versuchen, zu verstehen, dass die Welt, wie wir sie bisher kennen, nicht die absolute und einzige Wahrheit ist. Bereit sein, eine alternative Realität zu erschaffen, indem wir alte Strukturen und Systeme hinterfragen, zerbrechen und neu aufstellen. Wir müssen mit dem Finger auf alle Ungerechtigkeiten zeigen. Denn erst wenn die Missverhältnisse sichtbar gemacht werden, besteht überhaupt die Chance, sie aufzulösen.

In welche Welt möchten Sie Ihren Sohn als Erwachsenen mal entlassen?

Roig: In eine, in der Arbeit und Geld weniger entscheidend sein werden für das Wohlbefinden einer Person, als sie das jetzt sind. Wo Liebe herrscht, für andere, aber vor allem für sich selbst und genau diese Welt, in der man lebt.

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