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Darum sollten wir „Lohnarbeit“ statt „Arbeit“ sagen

„Ich gehe in die Arbeit.“ - Jeder weiß, was damit gemeint ist. Aber Hausarbeit... Ist das nicht auch Arbeit? Ella Kronberger und Beatrice Frasl erklären, warum wir dringend differenzieren sollten.

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Ella Kronberger macht sich auf Instagram für Themen wie Bodyimage, Menstruation und Feminismus stark. In letzter Zeit fällt in ihren Storys oft der Begriff "Lohnarbeit", wenn sie davon erzählt, dass sie ins Büro geht. Was dahinter steckt, erfährst du hier …

Lohnarbeit bezeichnet per Definition menschliches Schaffen gegen Geld. Diese Erwerbstätigkeit lässt sich von anderen Arbeitsformen wie Haus- und Familienarbeit oder ehrenamtlicher Arbeit abgrenzen. Lohnarbeit wird nach vertraglichen Regelungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer entgolten.

Warum nicht einfach „Ich gehe in die Arbeit“?

Weil es mehr als nur eine Art von "Arbeit" gibt. Meistens wird es aber von der Gesellschaft nicht als solche angesehen, wenn jemand zuhause bleibt, um sich um die Kinder zu kümmern, den Haushalt für die Familie zu schmeißen oder jemanden zu pflegen. "Die Arbeit von Frauen wurde schon immer unsichtbar gemacht – genau hier müssen wir eingreifen und sicherstellen, dass nicht nur 'Lohnarbeit' als richtige Arbeit gesehen wird", meint Kronberger, die übrigens ausgebildete Fotografin ist und Zeitbasierte und Interaktive Medienkunst studiert.

"Ein Großteil der nicht bezahlten Tätigkeiten wird vorrangig von Frauen verrichtet. Es ist wichtig, auch diese Leistungen als Arbeit zu bezeichnen, um die automatische Assoziierung mit Erwerbsarbeit aufzubrechen und somit andere Formen sichtbar zu machen", unterstreicht auch Autorin und Podcasterin Beatrice Frasl. Als @fraufrasl ist sie als feministische Influencerin auf Instagram und Twitter unterwegs. Aktuell ist sie Doktorandin an der Schnittstelle Kulturwissenschaften/Gender Studies. Zum Thema Queer Studies hat sie an der Uni Wien unterrichtet.

Einige von Kronbergers FollowerInnen reagierten mit Unverständnis, als sie den Begriff verwendete. Weil es so klinge, als würde sie sich darüber beschweren, in die Arbeit zu müssen. "Für mich ist das Wort überhaupt nicht negativ behaftet", stellt Kronberger klar. "Es ist nur wichtig, dass 'Lohnarbeit' nicht das einzige ist, was wir als Arbeit bezeichnen. Dann wird die Wertschätzung bei anderen Dingen, wie zum Beispiel der 'Carearbeit', niemals gleich sein. Aber beides ist Arbeit. Darum sollten wir auch beides als solche bezeichnen. Weil wir alle wissen: Sprache schafft Realität."

Die gesellschaftliche Norm

Gerade traditionelle Familienbilder – der Mann arbeitet, bringt das Geld nach Hause und die Frau bleibt daheim, arbeitet nicht – sollen durch dieses bewusste Differenzieren aufgebrochen werden. "Die Unsichtbarkeit mancher Arbeitsformen liegt auch an patriarchalen Verhältnissen. Es ist traditionell die Arbeit der Männer, die belohnt (und wertgeschätzt) wird, während es die der Frauen ist, die unbezahlt bleibt und als selbstverständlicher Dienst 'aus Liebe' angesehen wird“, erklärt Frasl.

Und sie spricht weiter: "Gesellschaftlich herrscht die Idee vor, dass 40 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche die Norm ist. Das ist aber eine männliche Norm. Viele Frauen arbeiten in atypischen und prekären Beschäftigungsverhältnissen, die meisten Teilzeit. Das liegt auch daran, dass sie neben ihrer bezahlten Arbeit viel mehr unbezahlte Arbeit als Männer erledigen: den Haushalt, die Kindererziehung, das Familienmanagement, die Pflege kranker und alter Angehöriger. Oft sind gerade diese Verantwortungen, die Frauen übernehmen, die Frauen leisten, enorm belastend - auch psychisch. Hier gibt es keinen Urlaub oder Feierabend."

Fassen wir noch einmal zusammen: "Frauen arbeiten also mehr, verdienen aber weniger als Männer. Gleichzeitig – das zeigen uns alle Zeitverwendungsstudien – haben sie weniger Erholung, weniger Zeit für sich", meint Frasl. "Diese Belastungen müssen fair zwischen Frauen und Männern verteilt werden."

Was tun, wenn man von anderen belächelt wird ...?

Außerhalb feministischer Bubbles ist es meistens (noch) nicht üblich, dass zwischen verschiedenen Arbeitsformen abgegrenzt wird. Was tun, wenn man sich dafür entscheidet, seinen Sprachgebrauch zu ändern, aber Angst hat, von seinem Umfeld belächelt zu werden?

"Da hilft, denke ich, klar zu machen, dass es auch andere Formen der Arbeit gibt und mit Daten und Fakten zu überzeugen", meint Frasl.

"Als weiblich gelesene Person wird man in unserer Gesellschaft für viele Entscheidungen belächelt", gibt Kronberger zu bedenken. "Egal, ob man jung Mutter wird ('Die bekommt das niemals hin!'), keine Kinder möchte ('Das tut sie nur, weil sie keinen Mann abbekommt!') oder seinen Job liebt ('Frauen, die sich vorrangig auf ihre Karriere konzentrieren, sind mir suspekt!') ... Die Liste ist endlos. Belächelt zu werden, steht auf der Tagesordnung. Ob da nun ein Punkt mehr auf die Liste kommt, ist mir mittlerweile wirklich egal!"

ÖGB und AK gegen die ungleiche Teilzeit-Verteilung

Fast die Hälfte der Frauen in Österreich, genau sind es 47,3 Prozent, arbeiten Teilzeit (meistens 20 Stunden), während Männer weiterhin ihrem Vollzeitjob nachgehen. Nur 10,7% der Männer sind teilzeitbeschäftigt. Gewerkschaft (ÖGB) und Arbeiterkammer (AK) wollen dieser ungleichen Verteilung der Teilzeitarbeit (sobald Kinder da sind) gegensteuern. Erst heute präsentieren sie ein neues Modell: Sie fordern "Familienarbeitszeit", das heißt Förderungen von je 250 Euro monatlich, wenn nicht nur ein Elternteil die Arbeitszeit reduziert.

ÖGB-Frauenvorsitzende Korinna Schumann und AK-Präsidentin Renate Anderl möchten dadurch die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Frauen und Männern positiv zu beeinflussen. Das Modell soll Frauen ein besseres Einkommen bringen, Männern mehr Familienzeit und Kindern mehr Zeit mit ihren Vätern. Außerdem sollen Frauen so aus der Teilzeitfalle rausgeholt werden. Übrigens soll das Modell auch für Alleinerziehende gelten. Zustimmung kam von der SPÖ und den Grünen. Die ÖVP hat sich noch nicht geäußert, FPÖ und NEOS lehnen das Modell ab.

Was heißt das jetzt? "Es ist normal, dass anfangs nicht alle Parteien sofort zustimmen", sagt Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung "Frauen & Familie" in der Wiener AK auf WOMAN-Rückfrage. "Hier liegt es jetzt an uns, noch mehr Überzeugungsarbeit zu leisten, etwaige Gegenargumente zu widerlegen und weitere Berechnungen durchzuführen, um zu erklären warum das Modell Sinn macht." Der Bedarf junger Eltern sei auf jeden Fall da. Das "klassische" Familienmodell, wie wir es bisher kennen, sei nicht mehr zeitgemäß, meint Moritz. Beide Elternteile sollen die Möglichkeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern und gleichzeitig nicht aus dem Berufsleben gerissen werden. "Ob sich das Modell tatsächlich durchsetzen lässt, liegt vor allem beim Familienministrium und der Regierung. Da braucht man manchmal einen langen Atem, aber wir bleiben dran."

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Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung "Frauen & Familie" der Wiener Arbeiterkammer (c) Lisi Specht


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