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Shibari: Ein Experte erklärt die japanische Fesselkunst

Frauen, die in kunstvoll geknüpften Seilen von der Decke baumeln oder elegant verschnürt auf japanischen Tatami-Matten sitzen: So kann man sich die japanische Fesselkunst namens Shibari vorstellen. Und obwohl die Technik viel Fingerfertigkeit verlangt, können auch AnfängerInnen diese Methode in ihr Liebesspiel integrieren. Doch dafür braucht es Training von ExpertInnen.

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shibari
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In der Netflix-Show "Finger weg!" sollte den notgeilen TeilnehmerInnen gezeigt werden, dass man einander auch ohne Sex näherkommen kann. Um das wirklich zu verinnerlichen und sich dabei vielleicht auch noch selbst ein bisschen mehr zu lieben, mussten sie an diversen Sessions teilnehmen. Darunter auch an einer Shibari-Session. Gut, manche der Pärchen nahmen das mit dem kunstvollen Fesseln zwar nicht so ernst, doch sie haben uns trotzdem Lust gemacht, uns mit der Materie zu beschäftigen.

Dabei ist es aber nicht empfehlenswert, einfach ins Blaue hinein den Partner oder die Partnerin zu fesseln. Und schon gar nicht, wenn man sich die Praktik aus einer Reality-TV-Show abschaut. Deshalb haben wir einen Experten befragt, der sich schon seit über einem Jahrzehnt mit Shibari beschäftigt. Vinciens ist der Leiter des Kinbaku Studio Vienna, wo man die Kunst des japanischen Fesselns erlernen kann.

Was ist Shibari & woher kommt die Praktik?
Vinciens: Shibari, beziehungsweise Kinbaku sind Bezeichnungen für die japanische Fesselkunst. Sie hat ihre Wurzeln in Japan zur Zeit der Samurai und entwickelte sich in den 50er Jahren des 20 Jahrhunderts zu einem Teil des modernen BDSM. Es geht im Grunde darum, mit Seilen einen Menschen zu fesseln, teilweise oder ganz bewegungsunfähig zu machen, um in diesem Menschen Gefühle und Emotionen auszulösen und als fesselnde Person dann mit diesen Gefühlen zu arbeiten.

Warum und seit wann ist Shibari auch bei uns ein Begriff?
Vinciens: In den USA gab es schon sehr früh im 20. Jahrhundert eine teilweise versteckte BDSM-Szene, in der Bondage, also die erotische Fesselung, eine große Rolle spielte. Nach dem zweiten Weltkrieg begann ein Interessens- und Wissensaustausch zwischen Japan und den USA. In Europa wurde Shibari hauptsächlich durch die beiden Fesselkünstler Matthias Grimme, welcher Autor und Verleger vieler BDSM-Bücher ist und Osada Steve, welcher als ursprünglicher Berliner seit über 40 Jahren in Japan lebt und dort die japanische Fesselkunst studierte, bekannt gemacht und forciert. Matthias Grimme ist durch seine Tätigkeit maßgeblich daran beteiligt, dass BDSM und somit auch Bondage salonfähig wurde und dass Informationen zu diesem Thema verfügbar wurden. Osada Steve brachte die japanische Bondage in den frühen 2000ern vor allem in den deutschsprachigen Raum und von dort aus ins restliche Europa. Seit dieser Zeit gibt es einen regen Austausch zwischen Interessierten aus der ganzen Welt.

»Wichtig ist, dass man die Techniken erlernt und entsprechend oft übt.«

Für wen ist Shibari geeignet?
Vinciens: Shibari ist für alle Personen geeignet, die sich für Seile und dem emotional intensiven Umgang mit dem Partner oder der Partnerin interessieren. Da es sehr viele Möglichkeiten gibt, wie man das Seil einsetzen kann, ist für jede Richtung was dabei. Das kann erotisch, sportlich, spielerisch, therapeutisch, darstellerisch, künstlerisch und vieles mehr sein.

Ist Shibari gefährlich?
Vinciens: Es kommt darauf an, wie und in welcher Form man Shibari betreibt, ob es gefährlich werden kann. Generell kann bei Fesselungen mit Seilen eine Verletzungsgefahr nie hundertprozentig ausgeschlossen werden. Entweder man fesselt „ausbruchssicher“, dann ist die Verletzungsgefahr sehr hoch, fesselt man gesundheitlich sicher, dann kann sich der Partner oder die Partnerin früher oder später aus der Fesselung befreien. Bei Shibari geht es aber nicht um einen „Houdiniwettbewerb“. Der oder die Andere will gefesselt werden, beziehungsweise in der Fesselung verbleiben. Das ist zum Beispiel einer der Unterschiede zwischen der japanischen Bondage und der ursprünglichen amerikanischen Bondage, wo das Sich-Wehren oft dazugehört.

Bleibt man am Boden und betreibt zärtlich-erotisches Shibari ist die Verletzungsgefahr gering. Betreibt man härteres BDSM-lastiges Shibari oder Hängefesselungen steigt die Gefahr. Wichtig, egal welcher Form der Fesselung man nachgeht, ist, dass man die Techniken erlernt und entsprechend oft übt. Einfach nur „mal schnell fesseln“ kann rasch zu einem Unfall führen. Will man keine Zeit ins Erlernen von Shibari investieren, sollte man die Hände von den Seilen lassen und auf alternative Fixierungsmethoden wie Ledermanschetten, Bondagesäcken, Segufix und ähnliches ausweichen.

Was steckt hinter dem Wunsch, gefesselt zu werden oder selbst zu fesseln?
Vinciens: Die Gründe, warum Bondage betrieben wird, sind so mannigfaltig wie die Anzahl der Personen, die Bondage betreiben. Auf der Seite der Fesselnden lassen sich der Wunsch der Dominanz über eine Person, erotische Spiele, artistische Darbietungen, sportliche Ambitionen, Erwecken von Gefühlen und Emotionen im Partner oder der Partnerin, der Geruch, das Geräusch und das Gefühl der Seile und viele Dinge mehr nennen. Menschen lassen sich gerne fesseln, um abzuschalten, um andere Sinne zu schärfen, Kontrolle abzugeben, sich hinzugeben, Grenzen auszuloten, sich zu präsentieren, weil sie die Geräusche und den Geruch der Seile und das Gefühl wenn die Seile über den Körper streichen und diesen langsam immer fester umschlingen und bewegungsunfähig machen lieben und so weiter. Selbst wenn man schon Jahre fesselt oder gefesselt wird, entdeckt man neue Möglichkeiten und hört neue Gründe, warum man Shibari betreibt.

Wo kann ich Shibari in Österreich lernen?
Vinciens: Das Kinbaku Studio Vienna bietet seit mittlerweile zehn Jahren umfassende Ausbildung im Bereich Shibari/Kinbaku an. Hier lernt man die japanische Fesselkunst von der Pike auf und kann sich in verschiedene Richtungen weiter entwickeln. Außerdem werden regelmäßige Treffen und Trainings angeboten. Zusätzlich wird großer Wert auf Sicherheit und gesundheitliche Aspekte gelegt

Brauche ich einen Partner oder eine Partnerin?
Vinciens: Es wird zwar auch die Richtung Selfbondage angeboten und ausgeführt, wer allerdings Shibari betreiben will, benötigt einen Partner oder eine Partnerin. Ähnlich wie beim Tanzen ist es erforderlich, mit einem Gegenüber zu praktizieren. Teure Workshops zu besuchen, ohne einen Partner oder eine Partnerin zu haben, mit dem oder der man das Erlernte auch ausführen kann, ist rausgeschmissenes Geld.

Kann ich das auch online anhand von Videos lernen?
Vinciens: Nein! Es gibt zwar entsprechende Angebote, aber diese sind nur dann sinnvoll, wenn man schon entsprechende Erfahrung besitzt und sich auf diese Weise neue Ideen und Anregungen holt. Niemand würde als AnfängerIn Klettern oder Fallschirmspringen nur über Videos erlernen wollen. Ein Video macht nicht auf Fehler und Gefahren aufmerksam, die man unwissentlich macht. Ein Video kann nicht alles erklären und nicht auf die spezifischen Bedürfnisse der jeweiligen Fesselpaare eingehen.

Thema: Sex & Erotik