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7 Tage Sex – was bringt das TV-Sexperiment wirklich für Beziehungen?

Täglicher Sex als Lustlosigkeit? Wir sprachen mit Experten.


7 Tage Sex – was bringt das TV-Sexperiment wirklich für Beziehungen?
© Corbis

Es sexelt im TV: Sowohl der österreichische Privatsender ATV als auch RTL setzen derzeit auf ein neues Dokusoap-Format mit dem Titel "Rettet die Liebe! - 7 Tage Sex". Im Mittelpunkt beider Formate stehen sechs Paare und ihr Liebesleben. Das sich in den meisten Fällen als ziemlich eingeschlafen entpuppt. Stress im Job, Kinderbetreuung, Haushalt – statt Erotik gibt's abends Diskussionen oder es regiert zumindest die Fernbedienung.

Ein (von Kameras begleitetes) "Sexperiment" soll nun die Leidenschaft in der Beziehung neu entfachen. Denn die Paare nehmen sich vor, eine Woche lang mindestens einmal täglich miteinander zu schlafen. Wie wirkt sich der Sex auf die Beziehung aus? Sind sie plötzlich wieder im 7. Himmel? Wie meistern sie nun die Probleme mit Job und Kindern?

Täglicher Sex als Beziehungs-Allheilmittel

Kann täglich eingeplanter Sex wirklich die Libido ankurbeln? Wie erotisch ist Sex nach Terminkalender? Und: Hat Sex tatsächlich so gravierenden Einfluss auf die Beziehungsqualität? Wir sprachen mit Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Jutta Leth vom Juvenis Medical Center in Wien ( www.juvenismed.at ) und dem klinischen Psychologen und Verhaltenstherapeuten Mag. Jürgen Steurer.

WOMAN: Welchen Einfluss hat Sex wirklich auf die Qualität von Beziehungen?

Leth: Sex ist natürlich ein sehr wichtiger Aspekt. Im Laufe der meisten Beziehungen nimmt mit den Jahren vor allem die Häufigkeit ab. Die erste intensive Verliebtheit klingt nach etwa 1,5 Jahren ab. Damit reduziert oder "normalisiert" sich dann auch häufig das sexuelle Verlangen.

WOMAN: Einmal täglich oder einmal im Monat – wie oft Sex ist denn "normal"?

Leth: Die Häufigkeit und Intensität von Sexualität in Beziehungen ist phasisch völlig unterschiedlich. Dabei spielen auch andere Beziehungsfaktoren wie die Identität als Paar, die Übereinstimmung in Haltung und Werten aber auch Rahmenbedingungen des Zusammenlebens wie Stress, Belastung durch Beruf oder Finanzen sowie Verpflichtungen der Kinderbetreuung eine Rolle. Dazu treffen Männer und Frauen völlig unterschiedliche Aussagen zur "normalen" Sex-Häufigkeit in Beziehungen. Männer geben im Schnitt 3x pro Woche an – Frauen dagegen finden 1x pro Woche oder sogar 1x im Monat völlig "normal". Eine Gruppe muss sich also irren...

Steurer: Probleme und Stress haben natürlich Auswirkung auf die Beziehung. Der Verlust des sexuellen Verlangens wird vom Partner aber meist als deutlichstes Signal wahrgenommen. In Abhängigkeit von der Persönlichkeitsstruktur des Partners wird die Reaktion mehr oder minder förderlich ausfallen. Das Problem kann sich dadurch – im ungünstigen Fall - weiter verdichten. Besonders wichtig ist, ein Verständnis für die Biographie des Partners zu entwickeln, um die gegenseitige Einsicht für Verhaltensweisen und Reaktionen zu fördern. So können sich zwei Menschen als Paar wieder finden, weiterentwickeln und ein Auseinanderleben verhindern. Auf diesem Weg kann Sexualität konstruktiv gefördert werden und bekommt mitunter eine neue, intimere Qualität.

WOMAN: Bedeutet eine lange Beziehung also automatisch auch den Libidoverlust?

Leth: Wenn man die Hoffnung hegt, Sexualität würde immer so prickelnd bleiben wie zu Beginn einer Beziehung wird man vermutlich enttäuscht werden. Trotzdem gelingt es vielen Paaren auch über Jahre hinweg eine gute und auch sexuell befriedigende Beziehung zu entwickeln und zu führen, weil zunehmend andere Werte (auch im sexuellen Zusammensein) bedeutsam werden. Etwa Verständnis, Wertschätzung, Akzeptanz oder Vertrauen. Damit kann Sexualität völlig neue Qualitäten entwickeln. Die schöner erlebt werden als möglichst häufiger Sex.

WOMAN: In der Dokusoap "7 Tage Sex" wollen Paare ihre Leidenschaft durch täglich eingeplanten Sex beleben. Das klingt wenig leidenschaftlich und sehr bürokratisch. Ist das zielführend?

Leth: Wenn eine Beziehung "eingeschlafen" ist, macht es sicher Sinn, sich gemeinsam die Zeit dafür zu nehmen und sich entspannt und unabgelenkt explizit dem Thema zu widmen. Nur Zwang darf daraus aber keiner entstehen. Sonst ist Sex sofort wieder mit Erwartungsdruck und Leistungsanforderungen verbunden. Beide Partner sollten für sich und gemeinsam Klarheit über ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche erlangen und diese kommunizieren und umsetzen. Das erfordert nicht nur den Akt an sich, sondern viele Gespräche und Zeit, Interesse an der eigenen Person und der des Partners. Natürlich ist auch Experimentierfreude und die Bereitschaft, auf die Phantasien des anderen einzugehen, gefragt.

Steurer: Eine Beziehung aufrecht zu halten, bedeutet sich mit seiner Partnerin auch auseinander zusetzten, sich zunehmend besser kennenzulernen, und so Verständnis zu fördern – alles wichtige Voraussetzungen für ein funktionierendes und befriedigendes Sexualleben. In unserem schnelllebigen Alltag, bleibt oft wenig Zeit und Energie für ausführliche Gespräche. Die Partner beginnen sich auseinanderzuentwickeln und nicht selten kommt es zu einer Trennung. Eine Intervention, die auf körperlicher Ebene ansetzt, Erfolg verspricht und die Auseinandersetzung mit eigenen Anteilen und mit dem Partner erspart, mag in diesem Zusammenhang verlockend klingen, aber ob damit ein befriedigendes Ergebnis erzielt werden kann, sei dahin gestellt. Im Rahmen einer Paartherapie besteht grundsätzlich schon die Option die Gespräche mit Methoden auf der Verhaltensebene zu ergänzen. So können sich zwei Menschen – wenn vorstellbar – durch sanfte Berührungen und Streicheleinheiten langsam körperlicher wieder näher kommen. Eine Voraussetzung wäre dafür jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt die zwischenmenschlichen Konflikte bereits gelöst wurden.

WOMAN: Wird ein Sexperiment wie in der TV-Reihe auch von Sexualtherapeuten empfohlen?

Leth: Es gibt Therapieformen, die solche Settings wie "7x/Woche" anbieten. Unter Anleitung von Therapeuten werden dabei gezielte Aufgabenstellungen gemeinsam und auch alleine erarbeitet. Das ist aber nicht gleich zu setzen mit vorprogrammiertem Sex (und das ist es dann). Sondern es geht dabei eher um die Entwicklung neuer und für alle befriedigende Formen des sexuellen Zusammenseins und nicht um den Vollzug des Geschlechtsaktes um seiner selbst willen als Motor einer ins Stocken geratenen Interaktion. Ein befriedigendes Sexualleben (das ist aber weder durch wie oft, wie lang, wie schnell oder wie ausgefallen zu definieren) wirkt sich positiv auf jede Beziehung aus.

WOMAN: Gibt es auch andere Therapieformen?

Leth: Ja. Es gibt auch Therapieformen, die mit bewusster Abstinenz über eine gewisse Zeit hinweg arbeiten. In der Psychotherapie gibt es nicht nur den einen Königsweg, der immer zum Ziel führt. Schließlich ist unser Gehirn das komplexestes Organsystem – und genau hier spielt sich die Sexualität ab. Wichtiger ist es individuell auf Personen oder Paare abgestimmte Settings anzubieten.

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