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Anna Kiesenhofer: Die Olympiasiegerin im Portrait

Eigentlich ist Anna Kiesenhofer Mathematikerin. Ihren Namen hatte niemand am Schirm – bis sie 2021 überraschend Olympia-Gold gewann. Mehr über ihre ungewöhnlichen Karriere liest du hier.

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Anna Kiesenhofer: Die Olympiasiegerin im Portrait
© Getty Images

Eigentlich ist Anna Kiesenhofer hauptberuflich Mathematikerin. Und eigentlich rechnete ihr niemand sonderlich viele Chancen aus. Letzteres ist fast noch eine Übertreibung, denn sogar die Zweitplatzierte des olympischen Straßenradrennens, Annemiek van Vleuten, ein Superstar der Radsportszene, gab offen zu: "Ich habe sie nicht unterschätzt. Ich habe sie gar nicht gekannt."

Steckbrief

  • Name: Anna Kiesenhofer
  • Geboren am: 14. Februar 1991
  • Sternzeichen: Wassermann
  • Wohnort: Valais, Schweiz
  • Beruf: Profi-Radrennfahrerin und Mathematikerin
  • Ausbildung: Doktor in Mathematik

Völlig unerwartet gewann die damals 30-Jährige im Juli 2021 das olympische Straßenradrennen. Seitdem reden alle über Kiesenhofers Sommermärchen. Sogar der Bundespräsident gratulierte zum Erfolg, immerhin ist sie Österreichs erste Radsport-Olympiasiegerin seit 1896. Anna Kiesenhofers Geschichte fasziniert nicht nur Sportbegeisterte - die Amateurin, die zum Superstar wurde. Die Außenseiterin, das Ausnahmetalent. Was wir von ihrer Karriere lernen können ...

(c) Getty Images

Anna Kiesenhofer: Doktorin der Mathematik

Der Sport war immer nur Hobby, Priorität im Leben der gebürtigen Niederösterreicherin – sie ist in Niederkreuzstetten im Bezirk Mistelbach aufgewachsen – hatten nämlich Mathematik und Physik. In Wien studierte sie an der Technischen Universität Wien, ihren Master machte sie später an der University of Cambridge, den Doktor in Barcelona. An der Universitat Politècnica de Catalunya hat sie mit Bestnote promoviert.

»Ich bin zwar immer meinen Weg gegangen, war aber sehr unsicher dabei.«

"Sie ist mental extrem stark, bereitet sich extrem detailliert und gewissenhaft vor. Wenn sie Ziele hat, dann verfolgt sie diese sehr konsequent, nicht umsonst ist sie mit 30 schon Professorin der Mathematik", feiert Klaus Kabasser, Nationaltrainer des Österreichischen Radsportverbands, die Olympionikin. Auch nach ihrem Olympiasieg möchte Kiesenhofer ihren Job weiter ausüben. Doch sie räumt schon ein: "Dieser Erfolg gibt mir sehr viel Selbstvertrauen. Ich bin zwar immer meinen Weg gegangen, war aber sehr unsicher dabei. So gesehen, werde ich eine andere Person sein."

Anfänge ihrer Karriere

Es ist nie zu spät. Im Leistungssport muss man schon als Kind anfangen, sonst wird das nichts? Stimmt vielleicht bei einigen Spitzenathlet:innen, aber nicht bei allen. Kiesenhofer fokussierte sich erst mit 22 Jahren auf den Radsport. (Snowboard-Olympiasiegerin Anna Gasser begann ebenfalls relativ "spät" im Alter von 18 Jahren.)

Davor versuchte sich Kiesenhofer im Dua- sowie Triathlon. Aufgrund einer Verletzung konnte sie aber längere Zeit nicht laufen, also konzentrierte sie sich ab 2014 auf das Rad. 2016 gewann sie die Copa de Espana, fuhr damals aber mit einer spanischen Lizenz, weil sie in Barcelona studierte.

»Ich bin selbst das Mastermind hinter meinen Erfolgen.«

2017 probierte sie es in einem belgischen Team, musste sich dann jedoch noch im gleichen Jahr eines eingestehen: "Dass der Profisport für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist und ich lieber nur Hobbysport mache." Zwei Jahre später wurde sie österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren, ebenso 2020 und 2021. Nach dem Rennen meinte sie im großen ORF-Interview: "Ich will immer gewinnen, selbst bei Olympischen Spielen, obwohl das im Vorfeld unrealistisch war. Aber so geht’s allen Sportlern. Der Verstand treibt uns an, obwohl er uns gleichzeitig vermittelt, dass das unmöglich ist."

Anna Kiesenhofers überraschender Olympiasieg

Mit ihrer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 hatte niemand gerechnet. "Anna Kiesenhofer ist ein mathematisches Genie, das gerade einen der größten Schocks in der Geschichte der Olympischen Spiele vollbracht hat", schrieb der Nachrichtensender CNN nach ihrem Sieg in einem Artikel.

»Ich bin einfach drauflos gefahren.«

Nach dem Start konnte sie mit einigen anderen Fahrerinnen einen Vorsprung herausholen, ihre Kolleginnen wurden jedoch vom Rest der Gruppe wieder eingeholt. Kiesenhofer fuhr die letzten 41 der insgesamt 137 Kilometer langen Strecke solo – und vom Rest unbemerkt – voraus.

Die Niederländerin Annemiek van Vleuten fuhr jubelnd über die Ziellinie, unwissend, dass Anna Kiesenhofer mit einem Vorsprung von 1:15 Minuten bereits gewonnen hatte. "Oh, Ruud, ich habe mich völlig geirrt. Ich habe es überhaupt nicht gemerkt", sagte van Vleuten zu ihrem Betreuer, nachdem dieser sie über die Situation aufgeklärt hatte. "Ich dachte, ich hätte Gold."

Völlig erschöpft liegt Kiesenhofer auf der Zielgeraden des Fuji International Speedway. Sie ringt nach Atem, es folgen Freudentränen. "Es fühlt sich unglaublich an", sagte sie später. "Selbst als ich die Ziellinie überquert hatte, habe ich mir gedacht: Ist es wirklich aus? Ich war froh, dass ich nicht zu nervös war, bin einfach drauflos gefahren."

Silbermedaillen-Gewinnerin Annemiek van Vleuten vom niederländischen Team, Goldmedaillen-Gewinnerin Anna Kiesenhofer vom österreichischen Team und Bronzemedaillen-Gewinnerin Elisa Longo Borghini vom italienischen Team (c) Getty Images

Akribische Vorbereitung

Irgendwann zahlt sie sich aus. An der École polytechnique fédérale de Lausanne arbeitet Kiesenhofer als Postdoktorandin und beschäftigt sich mit partiellen Differentialgleichungen. Wie ihr dieses Know-how beim Radrennen hilft, erklärte Kiesenhofer im Ö1 Morgenjournal:

"Das ist eigentlich wirklich lustig. Man kann sich das ausrechnen, was man treten muss, um Luftwiderstand und Gravitation zu überwinden. Das summiert man und ist die Gesamtkraft, die man überwinden muss." Klingt logisch, oder? Kiesenhofer hat spezielle Programme, die ihr dabei helfen, vorauszusagen, wie lange sie für bestimmte Streckenabschnitte braucht, wie sie sich ihre Verpflegung einteilt.

"Die große Unbekannte ist das Tempo der anderen hinten. Ich kann rechnen, wie schnell ich sein kann, weiß aber nie, wie schnell die anderen sind."

»Ich war immer eine Streberin.«

Im Gespräch mit dem ORF berichtete auch Jutta Katharina Kiesenhofer von der außergewöhnlichen Disziplin ihrer Schwester: "Sie hat die Mischung aus Talent und extrem viel Arbeit, die sie reinsteckt. Sie hat so einen zähen Willen und ist extrem intelligent. Sie weiß genau, was sie macht. Sie kennt sich extrem gut aus mit dem Rad, mit Ernährung, mit Leistungssteigerung, kennt ihren Körper ganz genau."

Um sich auf die hohen Temperaturen in Japan vorzubereiten, hat sie im Sommer mit Pullover und Jacke trainiert.

Anna Kiesenhofer: Wie tickt sie privat?

"Ich war immer eine Streberin", sagt die Olympiasiegerin zu Claudia Stöckl in der Ö3-Sendung "Frühstück bei mir". "Aber ich würde nicht sagen, dass es gut ist, irrsinnig ehrgeizig zu sein. Ich habe auch die negativen Seiten gesehen, dass ich jahrelang keine Freunde hatte. Ich habe so viel Zeit für Studium und Sport aufgewendet, dass ich alle sozialen Kontakte verlor. Aber ich bin der Typ, der große Opfer in Kauf nimmt, um dann den großen Erfolg zu haben."

»Als Mathematikerin ist man es gewohnt, Probleme alleine zu lösen. So gehe ich auch ans Radfahren heran.«

Kiesenhofer hat für gewöhnlich kein großes Team hinter sich, keine Betreuer:innen. Sie ist gerne eine Einzelkämpferin, kümmert sich lieber selber um alles. "Darauf bin ich stolz. Ich bin selbst das Mastermind hinter meinen Erfolgen." Die Trainings- und Ernährungsplanung checkt sie alleine, das möchte sie auch so beibehalten: "Ich war schon einmal in einem Profiteam. Ich brauche meine Freiheit, meine Sachen selbst zu kontrollieren und die Rennen selbst auszusuchen."

Da will sich die Sportlerin von niemandem reinreden lassen: "Ich bin ein bisschen kompliziert und will immer irgendwelche Extrawürste. Drei verschiedene Mischungen von iostonischen Getränken, und beim Material bin ich auch ein bisschen heikel. Als Mathematikerin ist man es gewohnt, Probleme alleine zu lösen. So gehe ich auch ans Radfahren heran."

Ausgleich: Ihre Kraftquelle ist die Familie

Trotz Zeitmangel hat ihr engstes Umfeld einen hohen Stellenwert für Kiesenhofer: "Sie sind für mich einfach eine extrem wichtige Unterstützung. Ich hab im Rennen oft an sie gedacht und das hat mir Motivation gegeben, um das durchzuziehen, als es richtig hart wurde."

"Sowohl Mathematik als auch Radsport erfordern einen ähnlichen Charakter", analysiert die Mutter der Olympiasiegerin nach dem Sensationserfolg ihrer Tochter in diversen Interviews. "Man muss sich konzentrieren und braucht viel Willenskraft. Radsport ist für sie die perfekte Ergänzung. Nur der Kopf allein ist einfach zu wenig."

Mit ihrem Freund, Olivier, lebt sie in Valais, in der Nähe von Lausanne. Dort arbeitet sie auch an der Uni und beschäftigt sich mit partiellen Differenzialgleichungen. Er war einer ihrer ersten Bekanntschaften, nachdem sie in die Schweiz gezogen war. Die beiden haben sich in einem kleinen Rad-Club kennengelernt. Mit ihm trainiert sie oft zusammen. " Er motiviert mich und ist ein Vorbild in Selbstüberwindung und Schmerztoleranz."

Anna Kiesenhofer: Ihre größten Meilensteine

  • 2011: Bachelorabschluss in Mathematik an der Technischen Universität Wien.
  • 2012: Masterabschluss in Mathematik am Emmanuel College der University of Cambridge.
  • 2016: Doktorabschluss mit Bestnote an der Universitat Politècnica de Catalunya. Außerdem gewinnt sie die Copa de España. Im September nimmt Kiesenhofer in einem Mix-Team aus Fahrerinnen verschiedener Teams an der Tour Cycliste Féminin International de l’Ardèche teil. Dabei erzielte sie ihren bis dahin größten Erfolg mit dem Sieg bei der dritten Etappe.
  • 2017: Sie erhält einen Vertrag bei dem belgischen Rad-Team Lotto Soudal Ladies, beendet diesen aber vorzeitig. Der professionelle Radsport sei eine zu große physische sowie psychische Belastung. Sie beginnt, an der École polytechnique fédérale de Lausanne in der Schweiz als Mathematikerin zu arbeiten.
  • 2019 wird sie österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren und im Straßenrennen.
  • 2020 wird sie österreichische Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren.
  • 2021 wird sie ebenfalls Staatsmeisterin im Einzelzeitfahren – außerdem holt sie Gold im olympischen Straßenrennen in Tokio. Sie wird in Österreich als "Sportlerin des Jahres" ausgezeichnet.

Das können wir uns von ihr abschauen

"Ich habe einen anderen Ansatz und das bedeutet auch, dass ich unberechenbar bin. Man muss seinen Instinkten folgen." Kiesenhofer hofft, mit ihrer Geschichte auch andere inspirieren zu können: Dass man nicht aufgeben soll und vor allem aber, dass man sich trauen darf, anders zu sein. Die Dinge so anzugehen, wie sie zum eigenen Charakter passen.

»Trau dich, anders zu sein.«

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