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Christian Rainer im WOMAN-Interview

Christian Rainer: Der "profil"- Herausgeber ist klug, begehrt und ein großer Womanizer. Mit uns sprach er über Liebe, Sex, seine Kindheit und verletzte Gefühle.

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Christian Rainer im WOMAN-Interview

"profil"-Herausgeber Christian Rainer (hier mit Ex-Freundin Franziska Weisz).

© 2011 AFP

WOMAN: Sie waren vier Jahre mit Schauspielerin Franziska Weisz, 32, liiert. Wie kürzlich bekannt wurde, ist diese Beziehung bereits im August gescheitert, weil die Liebe der Entfernung Wien-Berlin nicht standhielt. Überwindet Liebe nicht alle Distanzen?

Rainer: Tja. Die Beziehung mit Franziska war die längste Beziehung meines Lebens – abgesehen von der zu meiner Mutter. Aber Franziska wollte nicht mehr, ich litt sehr. Dann wollte ich nicht mehr. Es hing wohl mit unserer Unfähigkeit zusammen, Distanz und Nähe zu managen. Im geografischen, aber vor allem im persönlichen Sinn.

WOMAN: Als Herausgeber mit Ecken und Kanten kann man es überall schaffen. Warum sind Sie nicht nach Berlin gegangen?

Rainer: Ach, für die große Liebe würde ich sehr viel tun. Berlin ist eine schöne Stadt. Und, trotz Medienkrise, eine mit großen Möglichkeiten. Doch soweit kam es nicht. Unsere Beziehung sah so aus: Mal sahen wir uns einen Monat nicht, dann wieder lebten wir in Wien sogar zusammen. Ich bin ein Novize, was Partnerschaften betrifft. Habe das nie gelernt. Gerade bin ich dabei zu lernen, dass man an Beziehungen arbeiten muss. Aber: Wie intensiv darf man über Schwierigkeiten sprechen, ohne etwas zu zerstören? Und wie wenig soll man darüber sprechen, ohne zu übersehen, dass große Probleme da sind?

WOMAN: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, sagt Ingeborg Bachmann.

Rainer: Nur meinte sie damit bloß eine historische Schuld. Beziehungen sind leider eine diffizilere Geschichte. Es ist skurril, dass ich hier – der jeden geklagt hätte, der mich als Beziehungsmenschen bezeichnet – nun selbst sitze und erkläre, wie neugierig ich auf Beziehungen bin. Nach fast 50 Jahren, in denen ich gerne allein war (ringt nach Worten) . Ich würde gern einen Menschen haben, mit dem ich alt werde. Erfahren, wie es ist, in einer großen Beziehung dauerhaft zu leben.

WOMAN: Ist diese Sehnsucht eine Alterserscheinung?

Rainer: Möglich. Sie hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mit 47 Jahren endlich beschloss, eine Psychotherapie zu machen. Der wichtigste Schritt in den letzten Jahren. Einmal in der Woche sitze ich bei einer fantastischen Analytikerin. Frau Tutsch und ich haben schon viel weitergebracht.

WOMAN: Was war der Anlass, eine Therapie zu beginnen?

Rainer: Ich hatte nach einem Bergsteigunfall eine Meniskus-Operation. Die Knieschmerzen hörten nicht auf. Ich konsultierte 15 Neurologen- und Orthopäden-Koryphäen, die meinten: „Es ist der Rücken, oder nein, doch ein Gehirntumor!“ Ich wäre in eine Depression abgeglitten, wäre ich nicht von allein auf die Idee gekommen, dass es womöglich eine lächerliche somatoforme Störung ist. Ich merkte richtig, ich gerate auf die schiefe Bahn und dass es langsam finster wird. Also bat ich eine befreundete Psychiaterin um Hilfe. Und tatsächlich hatte ich „das Knie im Kopf“.

WOMAN: Was passierte dann?

Rainer: So kam ich zu Frau Tutsch. Sie begleitete mich in Gesprächen sehr tief in meine Kindheit und Jugend hinein. In das schwierige Verhältnis meiner Eltern zueinander. Meine Mutter ist eine klassische Hausfrau, die als Sudetendeutsche ein schweres Schicksal der Entwurzelung hinter sich hat. Mein Vater, ein promovierter Chemiker, der Manager eines Unternehmens in Oberösterreich war. Das Problem ist weniger, dass sich Paare die Schädel einhauen, sondern dass da auch den Kindern der Schädel eingehauen wird. Bei mir ist das ein bisschen passiert. Ein Kind kann den Streit von Eltern nicht einordnen. Macht sich selbst dafür verantwortlich, steht fassungslos vor Menschen, die eigentlich Verlässlichkeit bringen sollten. Aber die stießen mich hysterisch weg. Und jedes Mal, wenn sich meine Mutter nach einem Streit mit Migräne wegsperrte, saß ich allein in meinem Zimmer und wusste nicht, was los war. Diese Unregelmäßigkeit der mütterlichen Zuneigung war traumatisierend. Vielleicht führte das alles, was sich da im Goldenen Käfig in unserer Villa in Oberösterreich abspielte, dazu, dass ich Jahrzehnte lang nie richtig Lust verspürte, Beziehungen zu führen. Ich lebte lieber in wechselnden Verhältnissen – ohne Leidensdruck. Und fand das angenehm cool.

WOMAN: Haben Sie Geschwister?

Rainer: Ja, zwei Brüder, Gerald und Wolfgang. Aber die beiden sind zehn und zwölf Jahre älter. Insofern wuchs ich wie ein Einzelkind auf.

WOMAN: Und hatten Sie Phantasiefreunde?

Rainer: Ja, in Form von Kuscheltieren. Ich habe sie erst vor wenigen Jahren aus meinem Elternhaus gerettet. Die gehören ja zu mir! Mein bester Phantasiefreund war ein Bernhardiner, der 30 Zentimeter groß ist und „Lord“ heißt. Er steht jetzt auf meiner Souvenir-Stellage. Außer dieser Ersatz-Bezugsperson, in die ich hineinweinte, gab es niemanden, der mir Schutz gab. Der erste Mensch, dem ich vollends vertraue, ist meine Analytikerin.

WOMAN: Haben Sie Ihren Eltern jemals mitgeteilt, was ihre emotionale Kälte bei Ihnen anrichtet?

Rainer: In der Pubertät habe ich geschrien und rebelliert. Doch meine Mutter meinte nur hölzern: „Der Bub hat das gleiche Temperament wie die Oma.“ Das ist natürlich Unsinn. Ich bin extrovertiert und dennoch nach innen gekehrt.

WOMAN: Sie sind Vater von bald zehnjährigen Zwillingsmädchen, Noomi und Lola. Warum sind Sie nicht bei deren Mutter geblieben?

Rainer: In der Tat war ich nach der Geburt der Kinder überrascht, wie sehr ich lieben kann. Ausgerechnet mir Zwillingsmädchen zu geben, ist ein Gottesbeweis! Wäre ich nicht ein Atheist... Aber ich war damals nicht zur Kleinfamilie fähig und so ging auch diese Beziehung mit einer fantastischen Frau und Mutter auseinander. Meine anfängliche Angst, dass ich eingesperrt bin mit der väterlichen Verantwortung, löste sich wie von selbst auf. Nicht allerdings mein seelisches Problem. Bis ich bereit war für die innere Aussöhnung mit meinen Eltern. Und letztlich mit mir selbst...

WOMAN: Also die Aussöhnung mit Ihrem „inneren Kind“?

Rainer: So sagt es auch Frau Tutsch!

WOMAN: Der kleine Christian hatte damals keinen Schutz. Wie kümmert sich nun der große Christian um ihn?

Rainer: Ich bin nun gelassener. Nehme mich an, aber nicht mehr auf narzisstische Weise, wo man nur nach Perfektion strebt und schauspielert. Sondern so, dass ich mich mag und akzeptiere – mit all meinen Schwächen, mit all den hellen und dunklen Seiten. Ich bin froh, dass ich Freunde habe, denen ich erzählen kann, was ich spüre. Wo ich mich ausweinen kann, wenn’s mir schlecht geht. Und die sich auch jenseits der Bühne für mich freuen.

WOMAN: Klappt das Mitteilen besser mit Frauen oder Männern?

Rainer: Viel besser mit Männern, weil bei Frauen fast immer die Geschlechterdimension dazu kommt. Aber: Die Angst vor der abwechselnd liebenden und abstoßenden Mutter hat stark nachgelassen.

WOMAN: Oft reinszenieren Menschen ja Kindheitsdramen mit Beziehungspartnern. Wie äußert sich das bei Ihnen?

Rainer: Mein Gefühl wendet sich mehr und mehr ab. Das ist auch der Grund, warum ich meist von den Frauen verlassen werde und nicht ich verlasse. Dann leide ich, obwohl in Wahrheit die Zuneigung schon davor verloren war, ich es nur nicht wahrhaben wollen. Die narzisstische Kränkung macht das umso schlimmer. Und dann passiert mit Menschen wie mir etwas ganz Typisches: man beginnt denjenigen, der einen verlassen hat, zu idealisieren. Obwohl man weiß, dass die Beziehung ohnehin längst tot war. Oder niemals richtig gelebt hat. Das ist dann in der Sekunde zwar trocken und abstrakt abrufbar, und dennoch tut’s weh wie Heimweh.

WOMAN: Wie spüren Sie Liebeskummer körperlich?

Rainer: Meine Redaktion, die das hie und da mal miterlebt, würde wohl sagen, dass ich unerträglich werde. Zuletzt empfand ich auch tiefe Einsamkeit. Das zeigt vielleicht, dass ich Zweisamkeit oder gar Symbiose suche.

WOMAN: Apropos: Stimmt es auch, dass Sie und Neo-ZiB1-Moderatorin Nadja Bernhard mehr verbindet?

Rainer: Wenn es stimmt, was Medien schreiben, nämlich dass ich sie gut kenne, dann bin ich ein sehr glücklicher Mensch.

WOMAN: Die Arme liegt mit Liegegips im Bett. Haben Sie sie schon besucht?

Rainer: Selbstverständlich. Ich habe auch meinen Kindern davon erzählt – und Noomi und Lola riefen sofort: „Wir wollen unterschreiben!“

WOMAN: Verlieben Sie sich schnell?

Rainer: Nein, das passiert selten. Ich konnte mich ewig nicht verlieben. Das ist ja volles Risiko, weil man einander noch nicht kennt und sich trotzdem einlässt. Richtig vertraut habe ich noch nie in einer Beziehung. Es war mir nie ein Bedürfnis, weder zu vertrauen noch Vertrauen zu schenken.

WOMAN: Viele Ihrer Verflossenen sind prominent: Bettina Steigenberger, Lena Maculan, Natalia Corrales-Diez, Nadja Weiss. Gab’s auch mal eine Unbekannte?

Rainer: Klar. Das klingt, als wäre ich ein Trophäenjäger. Es ist ja eher naheliegend, dass ich zur Trophäe werde. Ich frage mich oft: was wird da eigentlich an mir geliebt? Der Erfolg, die geborgte Macht, ein dummes italienisches Auto oder ich als Mensch!? Erst letztens meinte eine Bekannte: „Natürlich liebt man an dir die Macht!“ Das war eine notwendige Erinnerung daran, dass das, wofür ich geschätzt werde, eine sehr komplexe Sache ist. Ich muss mich permanent darauf vorbereiten, dass meine Position, meine Gage oder auch das Gegrüßtwerden auf der Straße von einem Tag zum anderen weg sein kann... Das bedeutet dann vielleicht auch, dass man die geliebte Person verliert. Wenn man nur auf beruflichen Erfolg baut und nicht auf den Alltag mit lieben Menschen, dann ist man sehr nahe an einer Klippe, von der man stürzen könnte.

WOMAN: Wünschen Sie sich manchmal Anonymität?

Rainer: Ja, manchmal denke ich mir: Ich mag meine Ruh’. Aber das kommt nicht oft vor. Meine Bekanntheit stört mich also nicht nachhaltig.

WOMAN: Wie suchen Sie Nähe bei Frauen? Vorwiegend auf der sexuellen Ebene?

Rainer: Sex wird überbewertet! Es ist ein austauschbares Gut. Jeder kann Sex mit jedem haben. Ich liebe es. Aber nur weil ich „es“ liebe, heißt das nicht, dass ich SIE liebe... Die größte Nähe spüre ich – das klingt jetzt komisch – beim ersten Händchenhalten, bei der ersten Berührung. Ein Blick in die Augen, da weiß man: Da kommt jetzt was... Sich bei der Hand nehmen – das ist für mich der intimste Moment. Da geht mir das Herz auf, da spüre ich Wärme, freue mich und bin in der Sekunde glücklich. Weil ich mich spüre. Und den anderen.

WOMAN: Es gibt Frauen, die behaupten, Sie seien ein guter Liebhaber. Worauf führen Sie das zurück?

Rainer: Möglicherweise bin ich so ein Over-Achiever, dass es mir unheimlich wichtig ist, dass die Frauen es genießen. Erst dann will ich auch genießen. Ich denke, ich kann gut erspüren, was Frauen wollen. Das setzt Empathie- Willigkeit und -Fähigkeit voraus. Es darf nicht Blümchensex sein, das ist langweilig und Routine. Aber guter Sex hat nichts mit Kamasutra zu tun. Das deutlich prägendere Buch für mich war „Emmanuelle“. Oder „Hauffs Märchen“. Die starke Brutalität und Körperlichkeit darin hat mich schon mit sieben Jahren in einen Bann gezogen.

WOMAN: Wann hatten Sie Ihr erstes Mal?

Rainer: Mit 17. Ich war froh, dass es gelungen ist, ich initialisiert bin. Ihr Frauen glaubt ja immer, dass wir nicht nervös sind, keine Angst vorm Versagen haben...

WOMAN: Haben Sie schon mal im Bett versagt?

Rainer: Selbstverständlich kann das beim ersten Mal passieren. Viele Frauen meinen schnoddrig: „Das darf nicht sein!“ Diese Erwartungshaltung ist katastrophal.

WOMAN: Ist es schwer in der heutigen Zeit ein toller Mann zu sein?

Rainer: Die Spreu trennt sich schnell vom Weizen. Ich nehme die Herausforderung – ein Macho zu sein mit einem weichen Kern – aber gerne an. Dieser Wunsch ist kein Widerspruch. Mich fasziniert bei Frauen ja auch, wenn sie humorvoll, intelligent, selbständig und weich zugleich sind. Der Ausdruck „Dumm fickt gut“ ist einer der dümmsten Sätze, die ich kenne.

WOMAN: Was muss eine Frau in Ihnen auslösen, damit Sie dranbleiben? Dauerharmonie, Streitpotenzial...? Und ja, wie viele haben Sie schon beglückt?

Rainer: Da liege ich marginal über dem österreichischen Schnitt (zieht sich ein Augenlid hinunter und lacht) . Mir fällt auf, dass ich nach einem Streit und dem anschließenden Ausräumen von Missverständnissen noch viel mehr liebe als zuvor. Ähnlich geht’s mir in Freundschaften. Nicht zu streiten ist brandgefährlich. Darauf schwören leider auch einige langverheiratete Ehemänner.

WOMAN: Haben Sie jemals einen Heiratsantrag gemacht?

Rainer: Zweimal. Das erste Mal im Kindergarten. Sie hieß Sonja und lachte mich aus. Auch das andere Mal wurde er abgelehnt. Ihre Begründung: „Es würde niemals funktionieren.“ Es war eine durchaus mit Indizien begründete intelligente Entscheidung.

WOMAN: Was werden Sie Ihren Töchtern sagen, sollten sie eines Tages mit einem stadtbekannten Schürzenjäger antanzen?

Rainer: Ich werde sie gut auf Männer wie mich vorbereiten. Aber so wie ich die beiden kenne, werden eher sie diejenigen sein, die Männer unglücklich machen und nicht umgekehrt (lacht) !

WOMAN: Wie oft sehen Sie Lola und Noomi?

Rainer: Einmal unter der Woche und jedes Wochenende. Dann gehen wir klettern, ins Kino oder skifahren. Heuer waren wir schon zum fünften Mal in Disneyland! Ich spreche viel mit ihnen. Gebe ihnen immer vorhandene und abrufbare Liebe.

WOMAN: Haben die Zwillinge ein eigenes Zimmer in Ihrer Junggesellenwohnung?

Rainer: Nein, aber eine eigene Stellage. Neben meinem Stoffhelden „Lord“ liegen ihre Kuscheltiere, Pyjamas und Zahnbürsten.

WOMAN: Eine Frage noch: Wie wollen Sie eigentlich sterben?

Rainer: Früher hätte ich gesagt: Allein mit Rotwein vorm Fernseher. Jetzt ist das anders. Mein Traum ist eine Szene ähnlich wie bei „Thelma & Louise“. Ich stürze mich mit dem geliebten Menschen von einer Klippe. Jauchzend vor Glück. Und Hand in Hand.