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Die Stöckls: "Wir sind Schwestern, keine besten Freundinnen"

Was die großen Fragen des Lebens mit Verdauungsproblemen gemeinsam haben? Das erfahren wir von Claudia und Barbara Stöckl im Interview.

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Die Stöckls: "Wir sind Schwestern, keine besten Freundinnen"

Wenn "Frühstück bei mir"-Talkerin Claudia Stöckl und ihre Schwester Barbara Stöckl einander treffen, wird unser Sein schon mal in seine Elementarteilchen zerlegt.

© Wolfgang Wolak

Das habe ich nun davon, dass ich dieses Buch geschrieben habe - jetzt geht es in Interviews um die wirklich großen Lebensthemen. Davor hat man mich nur gefragt, was ich frühstücke", lacht Claudia Stöckl, 51. Wir treffen sie zusammen mit TV- Moderatorin Barbara Stöckl, 55. "Ich bin heute nur die Statistin", will diese gleich ihrer jüngeren Schwester die Bühne überlassen. Einen gemeinsamen Termin zu finden, war nicht so einfach. Immerhin sind beruflich beide intensiv eingespannt. Claudia frühstückt seit 21 Jahren jeden Sonntag mit großen Persönlichkeiten auf Ö3, betreut nebenbei ihr Kinderhilfsprojekt "ZUKI -Zukunft für Kinder", und gerade hat sie ihr zweites Buch verfasst ("Interview mit dem Leben", Ecowin Verlag, € 20,-). Barbara moderiert bereits über 30 Jahre für den ORF (Stöckl, donnerstags, 23 Uhr, ORF 2) und managt ihre eigene Produktionsfirma KIWI TV. Die Zeit ist knapp, also gehen wir direkt hinein in das, was unser Leben bewegt, erschüttert und fröhlich macht.

WOMAN: Claudias Buch ist ein "Interview mit dem Leben": Worauf suchen Sie gerade nach einer Antwort?
CLAUDIA: Warum man immer so viel Einsatz braucht, damit etwas gelingt. Mein Anspruch an mich ist sehr hoch, und ich denke mir: Das muss doch irgendwann mal weniger werden und leichter gehen.
BARBARA: Ich merke immer mehr, dass es gar nicht so um die großen Fragen geht, sondern um die, die ich täglich habe: Wie schaffe ich, was ich gerade tue? Wie komme ich durch den intensiven Tag? Manchmal auch viel simplere Dinge: Was ziehe ich an, wenn ich den Kleiderkasten aufmache? Wie mache ich aus diesem Gesicht einen Menschen? Es sind die kleineren Themen, die aneinandergereiht das große Ganze ergeben. Und klar, wir sind nicht mehr Anfang 20, mit der Zeit macht man sich auch andere Gedanken. Ein Thema ist für mich das Zulassen von Veränderung, keine Angst davor zu haben. Und das zweite ist: Wie kann ich Gelassenheit gewinnen? Früher habe ich mir gedacht, die kommt automatisch mit dem Alter.
CLAUDIA: Älterwerden ist anders, als man denkt. Ich habe gehofft, dass die Arbeit leichter wird. Du, dass du entspannter wirst.
BARBARA: Ja, gerade im Job, aber auch in Beziehungen. Man hat so vieles erlebt, dass man glaubt, man müsse es doch zwangsläufig irgendwann leichter nehmen. Das ist aber nicht so. Und dann beschäftigt man sich auch langsam mit der eigenen Endlichkeit.

Welche Gedanken machen Sie sich da?
BARBARA: Im Freundeskreis ist kürzlich eine Tochter gestorben, sie war 22 Jahre. Man kommt dann immer wieder auf die gleichen Erkenntnisse. Das Vermächtnis kann nur sein, dass das Leben jetzt passiert. Aber es fällt so schwer, das auch jeden Tag umzusetzen. Wenn ich in den Kalender schaue, gibt es schon Hamsterrad-Tage, an denen ich mir denke: Hoffentlich ist es bald vorbei. Nur: Wenn man es so angeht, ist ja auch das Leben bald vorbei! Es ist eben nicht mehr, als in der Früh Kaffee trinken, Arbeit, Freundschaften, Beziehungen, Familie. Dazwischen liegen Liebeskummer, Verdauungsprobleme und Schlafstörungen. Das ist schon das Leben, nicht die Generalprobe.
CLAUDIA: Mein Alltag hat sich durch mein Hilfsprojekt, das ich seit zehn Jahren leite, komplett verändert. Ich gehe zum Beispiel von einem Interview mit Jamie Oliver weg und bekomme eine WhatsApp, dass die Kühe, die zur Versorgung der ZUKI-Kinderheime in Kalkutta die Milch geben, jetzt ein neues Land brauchen. Oder dass dort ein Bub weggelaufen ist und ein Mädchen krank wurde. Das setzt vieles in Relation. Es hat meinen Horizont geöffnet, zu sehen, was man alles bewirken kann.

»"Ich hatte oft das Gefühl, dass ich dir ein bisschen im Weg gestanden bin." – Barbara Stöckl über Claudias Anfänge«

In Ihren Talks geht es oft um persönliches Wachstum. Welche Seiten müssen Sie denn erst lernen anzunehmen?
CLAUDIA: Spontan fällt mir etwas Banales ein: Meine Schwester und ich haben uns in der Jugend ein Zimmer geteilt. Das war sehr konfliktgeladen, weil wir sehr unterschiedlich sind. Barbara ist ein Early Bird, ich war diejenige, die gern weggegangen ist, dann habe ich immer gestört. Und bis heute bin ich ein Mensch, der seine Kreativität so auslebt, dass man es sieht. Meine Schreibtische sind immer voll. Mir wird eingeredet, dass das negativ ist, ich kann dem aber viel Gutes abgewinnen.
BARBARA: Ein Thema von mir ist es, bemerkt zu werden. Vielleicht weil ich erst sehr spät in der Schwangerschaft entdeckt wurde. Möglicherweise habe ich aus dieser Sehnsucht, "bemerkbar" zu sein, sogar einen Beruf gemacht. Der mir aber immer wieder Überwindung abverlangt. Es ist für mich nicht einfach, vor einer Kamera zu stehen. Das kostet mich ganz viel Kraft. Früher war auch mein Aussehen ein Thema. Ich bin mit drei tollen Schwestern aufgewachsen, die waren für mich immer so wunderschön!
CLAUDIA: Was heißt waren? (lacht)
BARBARA: Dieses Feld war also besetzt, nicht nur in der Kindheit, auch später in meinem Beruf. Ich finde mich nicht hässlich, aber ich habe gewusst, dass ich in der Branche mit meinem Aussehen allein nicht punkten werde. Mittlerweile bin ich froh, dass ich nicht in einem Segment arbeite, wo du Püppchen sein musst. Ich bin in einem Bereich, in dem Reife und Persönlichkeitsentwicklung ein Qualitätsmerkmal sind. Ich darf Falten haben und ein paar Kilo zu viel. So wie jede Frau.

Wie eng empfinden Sie Ihre Beziehung?
CLAUDIA: Wir haben eine starke Bindung zu unseren Eltern, dort treffen wir uns sonntags immer zum Essen, das hält alle zusammen.
BARBARA: Wir kennen uns jetzt über 50 Jahre, da ist eine ganz selbstverständliche Nähe, die eine besondere Qualität bringt. Zu wissen, sie weiß so vieles aus so vielen Lebenslagen. Wir telefonieren jetzt aber nicht jeden Tag oder wohnen nebeneinander. Wir sind Schwestern, keine besten Freundinnen. Jeder hat seinen eigenen Freundeskreis, da gibt es sicher Menschen, die dich (zu Claudia) anders oder auch besser kennen.
CLAUDIA: Barbara ist unter uns Geschwistern die große Organisatorin und auch der Kummerkasten für alle. Wenn etwas besprochen werden muss, gehen wir zu Barbara.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass Sie laut werden. Gibt es eigentlich auch Diskussionen zwischen Ihnen?
BARBARA: Ich werde sehr, sehr selten laut. Das ist ein Wesenszug, den ich nicht habe. In der Zeit, in der wir uns ein Zimmer geteilt haben, hatten wir unsere Konflikte, aber die haben sich, wie gesagt, hauptsächlich darum gedreht, dass Claudia bis früh morgens gelesen hat, und das Licht gebrannt hat, wenn ich schlafen wollte.
CLAUDIA: Und du hast 300 Mal von Reinhard Mey "Über den Wolken" gehört.
BARBARA: Den mag ich immer noch.

Waren Sie je neidisch aufeinander?
CLAUDIA: Als du die Mathematik-Olympiade gewonnen hast. (lacht) Ich war durchschnittlich und bin immer mit meinen Mathe-Hausübungen zu Barbara gegangen. Sie hat mir dann innerhalb von 15 Sekunden erzählt, wie sich die Hyperbel dreht und wie man das ganz leicht ausrechnet. Ich habe circa drei Stunden gebraucht, um es irgendwie zu begreifen.
BARBARA: Aber da warst du nicht richtig neidisch, oder? Wenn ich an deine Anfänge in den Medien denke, hatte ich oft das Gefühl, dass ich dir ein bisschen im Weg gestanden bin. Weil da schon eine Stöckl war. Das war eine schwierige Ausgangsposition, auch für mich war es eine blöde Situation, weil ich es nicht verändern konnte. Claudia wurde dann eine Zeit lang mit mir verwechselt. Heute trifft die Verwechslung beide. Manche glauben, ich bin Claudia und umgekehrt. Das zeigt, dass sie ihren Weg gemacht hat.

»"Barbara ist unter uns Geschwistern die große Organisatorin." – Claudia Stöckl über die Rollen in der Familie«

Claudia, haben Sie das auch so empfunden?
CLAUDIA: Der Beginn war ein bisschen schwierig, das stimmt. Als ich im Journalismus begonnen habe, wurde ich sofort in das Society-Ressort gesteckt, weil sie dachten, ich bin eine Stöckl und gut vernetzt. Dabei habe ich überhaupt niemanden gekannt.
BARBARA: Und ich erst recht nicht, weil ich auf keinen Events unterwegs war. (lacht)

Was hätten Sie gern aus dem Leben der anderen?
CLAUDIA: Die Disziplin, wenn es darum geht, Laufen zu gehen. Da ist Barbara unüberbietbar. Sie ist sehr sportlich.
BARBARA: Claudia vermittelt mehr Leichtigkeit. Sie ist auch der Wind in der Familie. Wir haben da auch einen Running Gag zu Hause: Wenn Claudia ein ganz großes Problem hat, sind meistens alle am Boden und zerbrechen sich den Kopf, wie man ihr helfen kann Telefoniert man zwei Stunden später mit ihr, hat sie es längst wieder vergessen. Und wir sind noch immer vollkommen aufgebracht. (lacht) Sie hat eben diese Leichtigkeit, kann Dinge abhaken und weitergehen. Ihre Stimmung verändert sich auch wieder schnell.
CLAUDIA: Heiter weiter. Das ist schon jahrelang der Slogan, wenn es um mich geht. Immer geht es eh nicht, aber grundsätzlich zeigt das meine Einstellung schon sehr gut.
BARBARA: Wie der Wind, du bist eben unser Wind. Mir hat meine Mutter den Regenbogen zugedacht. Es braucht Regen und Sonne, damit ich zum Glänzen komme. Damit fühle ich mich ganz gut beschrieben.

Im Buch wird natürlich auch die Liebe thematisiert: Wie gelingt sie? Ihre Eltern sind seit 58 Jahren verheiratet und vermutlich große Vorbilder. Was haben Sie von ihnen gelernt?
CLAUDIA: Die Kunst des Kompromisses. Unsere Mutter war 15, der Vater 18, als sie zusammengekommen sind. Nach der großen Verliebtheit am Anfang hat man schon gemerkt, dass sie sich in bestimmten Dingen unterscheiden. Mein Vater reist zum Beispiel sehr gerne, meine Mutter will am liebsten immer zu Hause sein. Da haben wir immer die Diskussion mitbekommen. Sie ist aber immer mit ihm mitgefahren, und ich fand es schön, zu sehen, wie sehr sie diese Reisen dann doch auch bereichert haben. Und wie mein Vater auch versucht hat, mit ihren Augen das Schöne im Garten zu entdecken. Man muss es annehmen, wenn der andere einem einen neuen Blick schenken will.
BARBARA: Jede Form von Beziehung, besonders mit Kindern, ist auch ein Arrangement. Man muss Kompromisse finden. Unsere Eltern haben für die Familie viele eigene Träume aufgegeben. Mein Vater hat Medizin studiert, aber mit dem Tod seines Vaters musste er das aufgeben, weil schon fast vier Kinder da waren. Er hat dann Karriere in der Pharmabranche gemacht. Unsere Mutter wollte eigentlich Kinderärztin werden, das ist sich nicht ausgegangen, sie hat später als Röntgenassistentin gearbeitet. Statt Selbstverwirklichung haben sie beschlossen: Wir haben Familie und gestalten diesen Weg. Mit allem was dazugehört, das ist nicht nur einfach. Natürlich fragt man sich manchmal: Wie hätte ihr Leben ausgeschaut, wenn sie ihren Träumen gefolgt wären? Niemand würde meinen, es wäre besser gewesen, immerhin gibt es ja uns, und wir sind grandios. (lacht)

Wie hat die Ehe Ihrer Eltern Ihre Einstellung dazu geprägt?
BARBARA: Ich habe meinen Mann (Psychiater Fritz Riffer, Anm.) erst mit über 50 kennengelernt, das ist anders als mit 20! Durch diese Beziehung habe ich eine andere Perspektive auf viele Dinge bekommen. Da ist jemand, der Ja zu dir sagt. Das ist wunderschön, es gibt nichts Wichtigeres.
CLAUDIA: Ich bin nicht verheiratet. (lacht)

Verlobt oder verliebt?
CLAUDIA: Verliebt, immer. Wenn du einmal ein gewisses Alter hast, ist der lange Weg, den unsere Eltern miteinander gegangen sind, nicht mehr möglich. Aber auserwählt werden von jemandem, der sagt: "Du bist es", das ist schon besonders. Ich finde es schön, Barbara und Fritz zu sehen. Wir haben beide wechselseitig miterlebt, wie Männer uns unglücklich gemacht haben, alle Höhen und Tiefen. Dass da jetzt so ein wunderbarer Mensch ist, bei dem du gut aufgehoben bist, der dir auch eine große Stärke gibt, und Mut, noch mehr zu deiner Weiblichkeit zu stehen, das ist schon eine Veränderung. Dadurch ist so eine große Liebe eingekehrt. Es ist ein Gewinn für alle, einen Psychiater in der Familie zu haben. (lacht)

Im Film "Zerschlag mein Herz" fällt der Satz: "Manche können sich den Luxus, zu träumen, nicht erlauben." Welche Träume gönnen Sie sich?
CLAUDIA: Es klingt immer so, als würde ich mir den Heiligenschein geben wollen, aber nachdem ich so mit meinen Kindern in Indien verhaftet bin, träume ich oft davon, dass es dort gut weitergeht. Dass die, die jetzt klein sind, auch aufs College gehen können. Ich wünsche mir, dass ich dort viel Zeit verbringen kann. Solange ich die Sendung bei Ö3 mache, ist das in diesem Maß nicht möglich, aber ich möchte dann schon zwei, drei Monate im Jahr dort sein. Es ist wie eine zweite Familie. Ich leide, wenn sie mir von ihren Problemen schreiben, ich aber so weit weg bin. Lieber wäre ich mittendrin in der Kinderschar. Das wäre das Schönste.
BARBARA: In Ermangelung eines Geburtstagswunsches habe ich immer gesagt, dass ich mir den Weltfrieden wünsche. Mein Team hat mir dann mal ein großes, selbst gemaltes Peace-Zeichen geschenkt, das hängt jetzt vis-à-vis meinem Schreibtisch. Wenn man schaut, wie die Welt im Moment aussieht und was gerade politisch passiert, wünsche ich mir, dass wir auf Menschen, denen es schlechter geht, nicht vergessen. Dass wir die, die nicht mitkommen, weil es zu schnell, zu kalt, zu unbarmherzig geworden ist, auffangen. Und für mich hoffe ich, gut alt werden zu können. Ich glaube, dass das letzte Lebensdrittel sehr fordernd wird: diesen Weg gut gehen zu können, ohne den Lebensmut zu verlieren.

Thema: Society