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Mutter an COVID-19 erkrankt: Wie läuft eine Geburt ab?

In der Klinik Ottakring entbinden die an Covid-19 erkrankten Frauen in Wien. Wir haben zwei Ärztinnen zum Interview gebeten und gefragt, wie die Geburt abläuft.

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Geburt COVID-19 infiziert Österreich
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Eine Geburt fordert jede körperliche und psychische Ressource einer Frau. Kaum auszudenken, wie schwierig und fordernd eine Geburt für eine an COVID-19 erkrankten Mutter ist. Auch wenn viele Schwangere nur leichte Symptome zeigen, gibt es auch jene Fälle mit schwerem Verlauf. Dann wird die Geburt eines Kindes für die Mutter zur Tortur. Und auch das Krankenhauspersonal ist gefordert, weiß Prof. Barbara Maier, Abteilungsvorständin der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Klinik Ottakring. Hier entbinden die mit Covid-19 infizierten Mütter in Wien. Zwischen Mai und Oktober haben 30 Frauen, die zum Zeitpunkt der Geburt positiv waren, entbunden – Tendenz steigend. Wir haben die Abteilungsleiterin Prof. Barbara Maier und Dr. Mirijam Hall, Assistenzärztin an der Abteilung für Gynäkologie zum Interview gebeten, warum Schwangere noch immer nicht als Risikogruppe eingestuft werden.

WOMAN: Wie läuft eine Geburt bei einer an COVID-19 erkrankten Mutter ab?
Dr. Mirijam Hall: Wir versuchen den betroffenen Frauen eine möglichst normale Geburt zu ermöglichen. Eine Covid-19-Infektion per se ist kein Grund für einen Kaiserschnitt, es gibt mittlerweile gute Daten, dass das Infektionsrisiko für das Kind bei einer Spontangeburt nicht steigt. Aber natürlich versucht man alles, um kein Risiko für Mutter und Kind einzugehen. Wenn eine Gebärende zum Beispiel aufgrund ihrer Corona-Erkrankung schwerer Luft bekommt, kann das bei einer körperlich sehr anstrengenden Geburt zum Problem werden. In solchen Fällen indizieren wir dann einen Kaiserschnitt. Hebammen und ÄrztInnen, die die Frauen unter der Geburt betreuen, tragen volle Schutzausrüstung. Das ist, neben der Tatsache, dass die Partner der Frauen oft selbst unter Quarantäne stehen und daher bei der Geburt nicht dabei sein können, der gravierendste Unterschied zu einer „Nicht-Corona-Geburt“.

Welche Schutzkleidung muss die Frau tragen?
Dr. Mirijam Hall: Unter der Geburt trägt die Frau keinerlei Schutzkleidung. Wenn Mütter sich dafür entscheiden, ihr Kind nach der Geburt mit ihnen in einem Zimmer zu betreuen, empfehlen wir, dass sie zum Schutz ihrer Kinder vor Ansteckung bei engem körperlichen Kontakt eine Maske tragen. Außerdem müssen sie auf Händehygiene achten. Auch wenn andere Personen das Zimmer betreten (zum Beispiel ÄrztInnen zur Visite), bitten wir die Frauen ihre Maske aufzusetzen.

»Eine Schwangerschaft erschwert die Beatmung von Frauen, weil sie zu einem Zwerchfellhochstand führt und damit weniger Atemvolumen bleibt.«

Welche Beschwerden oder Komplikationen treten besonders häufig auf?
Prof. Barbara Maier: Viele Schwangere haben gar keine oder nur leichte Symptome: zum Beispiel Halsweh, etwas Husten, oder kurzzeitig leichtes Fieber. 10 Prozent aber erkranken schwer und müssen sogar intensivmedizinisch betreut werden, bis hin zur Intubation. Das ist verglichen mit dem Risiko, das junge, gesunde Frauen ansonsten tragen, eine enorm hohe Zahl und wird daher von uns sehr ernst genommen. Meistens zeichnet sich das nicht von Beginn der Erkrankung ab, der Zustand der Frauen verschlechtert sich dann rund um den siebten Erkrankungstag rapide.

Wenn Schwangere aufgrund einer durch Covid-19 ausgelösten heftigen Lungenentzündung beatmet werden müssen, heißt das, dass wir sie entbinden müssen. Eine Schwangerschaft erschwert die Beatmung von Frauen, weil sie zu einem Zwerchfellhochstand führt und damit weniger Atemvolumen bleibt. Man braucht mehr Druck, um Luft in die Lungen der Schwangeren zu bekommen, was wiederum schlecht für das Lungengewebe ist. Deswegen muss man Kinder viel zu früh holen, um das Leben der Mutter zu retten. Wir hatten aber auch schon Fälle, wo wir Frauen, die zwischenzeitlich auf der Intensivstation behandelt werden mussten, noch intakt schwanger wieder entlassen konnten. Sie können dann später meist problemlos entbunden werden.

Wie gefährlich ist eine Covid-19-Infektion für Schwangere generell?
Prof. Barbara Maier: In Bezug auf Fehlgeburten gibt es noch keine verlässlichen Daten, aber einige Berichte von gehäuftem Auftreten intrauteriner Fruchttode, also von Kindern in lebensfähigem Alter, die im Bauch der Mutter versterben. Das muss wissenschaftlich aber aufgearbeitet werden, um tatsächlich nachzuweisen, ob die Gründe dafür an einer COVID-Infektion oder etwa an schlechterer Vorsorge im Rahmen der Pandemie, liegen.

»Man schaut in kein lächelndes Gesicht, sondern in ein Szenario, das man normalerweise nur aus Hollywood-Seuchen-Filmen kennt.«

Welche Umstände sind psychisch besonders fordernd für Covid-positive Frauen?
Dr. Mirijam Hall: Die Ungewissheit ist für Patientinnen wie für uns alle eine große mentale Herausforderung. Vor allem zu Beginn der Pandemie, wo wenig bis nichts über die Erkrankung bekannt war, war das stark zu spüren. Und Schwangere sorgen sich auch sehr um ihre (ungeborenen) Kinder. Eine Geburt ist ein sehr einschneidendes und körperlich wie psychisch besonders herausforderndes Erlebnis. Frauen, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, müssen dann oft auf ihre Partner zur Unterstützung bei der Geburt verzichten, weil diese selbst erkrankt oder unter Heimquarantäne gestellt sind. Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen und Gebärende so gut es geht zu unterstützen, aber Ersatz für den Partner können wir nicht sein. Darüber hinaus tragen wir alle Masken und Schutzkleidung, man schaut in kein lächelndes Gesicht, sondern in ein Szenario, das man normalerweise nur aus Hollywood-Seuchen-Filmen kennt. Das ist für viele Frauen sicher beängstigend. Beziehungsarbeit, ohne auf Mimik zurückgreifen zu können, ist ein ziemlich schwierig, vor allem wenn es noch eine Sprachbarriere gibt.

Wie stark ist das Kind einer Covid-positiven Mutter gefährdet, selbst an Corona zu erkranken? Lässt sich dies mit Maßnahmen verhindern? Wie groß ist die Ansteckungsgefahr für Säuglinge?
Prof. Barbara Maier: Das Infektionsrisiko für Neugeborene unter der Geburt scheint sehr gering zu sein. Wir testen alle Neugeborenen und hatten bisher zum Glück kein einziges positives Testergebnis unmittelbar nach der Geburt. Wenn sich bisher Neugeborene angesteckt haben, dann meist erst im Wochenbett. Daher empfehlen wir auch strikte Hygienemaßnahmen, die die Mütter nach der Geburt einhalten müssen. Schwere Verläufe von Neugeborenen gibt es bislang weltweit kaum, ganz ausgeschlossen können sie leider nicht werden.

»Die Viruslast in solchen Kreißsälen ist hoch. Nass geschwitzt sind wir nach solchen Geburten bis auf die Unterwäsche.«

Wie gefährdet ist das medizinische Personal in dieser Situation?
Prof. Barbara Maier: Eine Geburt ist ein gewaltiges Ereignis. Frauen atmen schwer, stöhnen, schreien und das oft über mehrere Stunden. Sie produzieren verstärkt die schon allseits bekannten Aerosole, das heißt die Viruslast in solchen Kreißsälen ist hoch, was einen guten Schutz für das dort arbeitende Personal noch wichtiger macht. Nur mit hochwertiger Schutzkleidung, die auch regelmäßig gewechselt wird, lassen sich Ansteckungen vermeiden. Nass geschwitzt sind wir nach solchen Geburten bis auf die Unterwäsche.

Dürfen die Väter bei der Geburt anwesend sein?
Dr. Mirijam Hall: Theoretisch darf eine Begleitperson bei der Geburt dabei sein, wenn diese über das Infektionsrisiko aufgeklärt und mit den Schutzmaßnahmen einverstanden ist. Praktisch ist es oft so, dass die Personen, die die Gebärenden gerne bei sich hätten, selbst erkrankt sind, oder zumindest unter Heimquarantäne stehen und deshalb gar nicht dabei sein können.

Welche Maßnahmen würden dem Team helfen?
Prof. Barbara Maier: Schwangere sollten als Risikogruppe anerkannt werden. Die Infektionszahlen unter Schwangeren nehmen bei uns momentan deutlich zu. Wenn 10 Prozent der schwangeren Frauen, die positiv getestet wurden, letztendlich auf der Intensivstation landen, ist klar, dass diese Gruppe besonderen Schutz braucht. Abseits davon ist uns wichtig, dass die Schnittstellen im Gesundheitssystem gut funktionieren. Nur wenn Spitäler, niedergelassene ÄrztInnen, Rettungsorganisationen, Behörden und Politik konsequent an einem Strang ziehen, alle wissen, wofür sie zuständig sind und es klare Vorgaben und Regeln gibt (und die dafür notwendigen Ressourcen, um die Vorgaben einzuhalten), kommen wir weiterhin gut durch die Pandemie.

Thema: Coronavirus