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Du hast Lust auf Cybersex? Dieser Guide verrät, wie du im Netz richtig "verhütest"

Auch beim Sex im Netz sollte man verhüten – zwar nicht mit Kondom & Co, aber mit Vorsicht und einem Gefühl für die eigenen Grenzen. Wir haben eine Psychotherapeutin gefragt, worauf man beim Cybersex außerdem achten sollte.

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Cybersex Coronazeiten
© iStock

Während der Corona-Pandemie hat sich ein Faktor besonders herauskristallisiert: Im sozialen Umfeld stecken sich viel mehr Menschen an als im öffentlichen Raum. Deshalb pocht die Regierung auch seit einigen Pressekonferenzen auf die Eigenverantwortung der BürgerInnen: Bitte, bleibt zuhause und trefft euch nicht mit FreundInnen, Familie & Co! Gesagt – aber nicht so leicht getan. Denn der Mensch braucht mehr als platonische Nähe. Was ist also mit den körperlichen Gelüsten? Sind die in den letzten Monaten ganz auf der Strecke geblieben?

Ganz und gar nicht! Der Sex hat sich nur in eine andere Sphäre verlegt – nämlich ins Internet. Und wie das die Intimität beeinflusst hat, untersuchte Soziologin Barbara Rothmüller in ihrer Studie "Liebe, Intimität und Sexualität in Zeiten von Corona". Rund 5.000 Fragebögen analysierten die Forscherin und ihr Team. Das Ergebnis: Ein Drittel der Befragten lebten ihre Sexualität in den letzten Monaten im Netz aus. Außerdem gaben viele der Befragten an, eher unzufrieden mit ihrer Sexualität zu sein. Dies war einerseits auf den Stress im Alltag (vor allem in familiären Wohnverhältnissen), andererseits aber auch auf die fehlenden Dating-Möglichkeiten zurückzuführen.

Die Ergebnisse dienen nun nicht nur als Basis weiterführender Forschungsarbeiten, sondern bilden auch die Grundlage für den "Safe(r) Cyber Sex Guide 2020". Darin sind Informationen zum Schutz der Privatsphäre bei sexuellen Onlineaktivitäten zusammengefasst. Doch auch, wenn der Guide ganz schön ausführlich ist, wollten wir es noch genauer wissen. Deshalb haben wir bei Anna Maria Diem nachgefragt. Sie arbeitet als Psychotherapeutin und ist Teil der Forschungsgruppe rund um Rothmüller. Mit ihr sprachen wir über die Gefahren von Cybersex, "Dickpics" & die Möglichkeit, mit Sex im Netz Geld zu verdienen.

WOMAN: Welche Rolle spielt Cybersex in diesen unsicheren Corona-Zeiten?
Anna Maria Diem: Ich würde sagen, sie spielt schon eine wichtige Rolle. Am häufigsten wurden sexuelle Nachrichten und Nacktfotos verschickt, aber auch erotische Gespräche am Telefon zu führen war eine beliebte Praktik. Besonders spannend finde ich, dass sich das Narrativ zum Thema Cybersex durch die Corona-Pandemie verändert hat: Früher hatte Cybersex einen anrüchigen Ruf und zeugte von sexuellem Risikoverhalten, jetzt hingegen gilt er als die sicherste Variante, um sich sexuell auszuleben, weil dabei keine Ansteckung mit dem Corona-Virus passieren kann. Diese Entstigmatisierung ist natürlich begrüßenswert, immerhin wird dadurch eine weitere Möglichkeit, sich und anderen sexuelle Lust zu verschaffen, eröffnet, trotzdem sollten Risiken nicht ausgeblendet werden. Wie auch beim “normalen, analogen“ Sex sollte man sich schützen, wenn man sich online sexuell vergnügt.

»Früher hatte Cybersex einen anrüchigen Ruf und zeugte von sexuellem Risikoverhalten, jetzt hingegen gilt er als die sicherste Variante, um sich sexuell auszuleben.«

WOMAN: Viele Frauen bekommen im Netz unaufgefordert "Dickpics" von Männern zugeschickt – wie verhält man sich am besten, wenn man ein solches Bild erhält?
Anna Maria Diem: Das kommt darauf an, wie es mir geht, wenn ich ein solches Foto zugeschickt bekomme. Gut ist es jedenfalls einen Screenshot zu machen, um den Vorfall zu dokumentieren. Das unaufgeforderte Verschicken von Dickpics ist eine Form der Belästigung und der Grenzüberschreitung. Wenn wir es mit Grenzüberschreitungen zu tun haben, ist es immer wichtig dem*der anderen klar zu machen, dass einem dieses übergriffige Verhalten aufgefallen ist und man damit nicht einverstanden ist. Dies ist ein wichtiger Schritt, denn in der breiten Öffentlichkeit wird das unaufgeforderte Versenden von Dickpics oft als Lappalie abgetan und als Grenzüberschreitung nicht entsprechend ernst genommen. Die eigenen Grenzen aufzuzeigen ist also auch wichtig, um Problembewusstsein zu schaffen.

Wie man das am besten machen kann, variiert: Manchen reicht es, den Versender zu blockieren und bei der jeweiligen Plattform zu melden, andere wollen ihrem Unmut Ausdruck verleihen und schreiben etwas zurück. Manche Frauen verzichten aber auch darauf, die Grenzen nach Außen in irgendeiner Form zu kommunizieren und entziehen sich lieber selbst, löschen das Foto und denken nicht mehr daran. Andere reagieren vielleicht mit Humor und lachen über die Aufnahmen. Sehr angenehm kann es auch sein sich mit Freundinnen mit ähnlichen Erfahrungen auszutauschen. Wichtig ist, dass man einen Umgang findet, der einem selbst guttut.

Man kann sich außerdem Gedanken darüber machen, mit dem Screenshot zur Polizei zu gehen, auch, wenn das unaufgeforderte Versenden von Dickpics in Österreich nicht grundsätzlich strafbar ist. Selbst, wenn im persönlichen Fall der Versender nicht für sein übergriffiges Verhalten bestraft werden sollte, so trägt das Melden bei der Polizei doch zur Sichtbarmachung des Problems bei und nur, wenn dieses Phänomen „Dickpic“ als problematisch erkannt wird, wird die Politik unter Druck geraten, gesetzlich nachzuschärfen.

»Vor allem wenn ich erotische Inhalte verkaufe, sollte ich auf meine eigenen Grenzen achten.«

WOMAN: Wenn ich einem Partner/einer Partnerin sexuelle Inhalte geschickt
habe, diese Beziehung aber zerbrochen ist – wie kann ich die Person bitten, die Inhalte zu löschen?

Anna Maria Diem: Am besten direkt, ohne Umschweife, mit ganz klaren Worten. Wichtig ist hier keinen Interpretationsspielraum zu lassen. Natürlich kann man nie hundertprozentig wissen, was mit intimen Inhalten, die man mit jemandem geteilt hat, im Weiteren passiert. Am sichersten ist es daher, schon beim Knipsen der Fotos darauf zu achten, dass man als Person nicht eindeutig identifizierbar ist. So ist es etwa ratsam, das eigene Gesicht nicht zu zeigen, etwaige Tätowierungen, Piercings und Narben nicht abzulichten und den Hintergrund neutral zu gestalten. Ist man in einer festen Beziehung mag das vielleicht komisch anmuten, aber auch dann kann man zum Beispiel mittels einer hinter sich selbst platzierten Lichtquelle dafür sorgen, nicht so klar erkennbar zu sein. Eine andere Möglichkeit ist, mit Kostümen, Perücken und Make-up zu spielen und dadurch nicht mehr so gut erkennbar zu sein.

WOMAN: Plattformen wie OnlyFans boomen zurzeit – und vor allem Frauen
nutzen diese Seiten, um Geld mit erotischen Inhalten zu verdienen. Welche Tipps haben Sie für diese Frauen?

Anna Maria Diem: Vor allem, wenn ich erotische Inhalte verkaufe, sollte ich auf meine eigenen Grenzen achten. Wie viel dürfen meine Kunden über mich wissen? Wie viel gebe ich über meinen Aufenthaltsort preis? Ist es mir recht, wenn mein eigenes Schlafzimmer klar erkennbar ist? Welchen Namen gebe ich mir? Man sollte sich generell die Frage stellen, wie viel man von sich herzeigen möchte – und eben nicht nur auf der körperlichen Ebene. Es ist ratsam, auf eine klare Trennung zwischen Beruflichem und Privatem zu achten. Außerdem sollte man im Hinterkopf behalten, dass sämtliche Inhalte, die ich anderen zugänglich mache, von diesen auch abgespeichert und weitergegeben werden können.