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Wie ist das, wenn man mit seinem Ex-Partner in einer WG lebt?

Martina Tirolf, 41, verliebte sich in eine Frau und trennte sich von ihrem Mann. Um den Kindern das Beziehungsende leichter zu machen, lebte sie mit ihm weiter in einer Eltern-WG. Ob das eine gute Entscheidung war, erzählt sie WOMAN.

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Eltern-Beziehung-Partnerschaft-Trennung-WG

In ihrem Podcast "Queer ist near" erzählt Martina Tirolf ihre eigene Geschichte und die ihrer queeren Gesprächspartner:innen: www.queer-is-near.com

© info@severine-kpoti.de

"Ich habe im Laufe der Jahre festgestellt, dass ich mich mehr zu Frauen hingezogen fühle. Das war ein langer Prozess, in den mein damaliger Ehemann auch eingeweiht war. Nach 16 Jahren Beziehung trennten wir uns und gründeten eine Eltern-WG.

Uns war wichtig, dass die Kinder verstehen, dass wir zwar kein Liebespaar mehr sind, aber trotzdem gemeinsam für sie da sein möchten und sie sich auf uns als Mama und Papa zu hundert Prozent verlassen können. Also der schonende Übergang in unserer Eltern-WG. Dazu gehörten eben auch zwei getrennte Schlafzimmer, und gemeinsame Abendessen. Und natürlich klare Absprachen, wann jeder von uns Zeit für sich, ohne Kinder hatte.

Was die Trennung genau bedeutete, war den Kids anfangs noch nicht so klar, glaube ich. Was sie aber gemerkt haben war, dass wir uns eben nicht mehr in den Arm genommen oder geküsst haben. Klar gab es anfangs viele Diskussionen. Es muss ja auch mal in den Köpfen und Herzen ankommen, dass es nun keine Liebesbeziehung mehr ist, sondern eine WG, wofür es neue Regeln braucht.

Als wir die Eltern-WG gründeten, war ich ja schon in einer neuen Beziehung zu meiner heutigen Frau. Mit jedem Monat, der mit meinem Ex-Mann in der alten Wohnung verstrich, wollte ich eigentlich mein neues Leben starten. Mit meiner neuen Liebe!

Das Zusammenwohnen mit dem Vater der Kinder fühlte sich sehr schnell nicht mehr stimmig an. Man muss sich das so vorstellen. Du kommst heim von der Arbeit, warst noch einkaufen und beginnst zu kochen. Aber am Familientisch sitzt dann nicht deine Partnerin, sondern der Ex und die Kinder. Das war nicht das, was ich wollte.

Und ich hatte zunehmend den Eindruck, dass die räumliche Nähe meinen Exmann auch nicht weiterbrachte und ihn im Loslassen unserer alten Beziehung hemmte.
Er konnte sich durchs weitere Zusammenleben noch schwerer von mir lösen. Natürlich wollten wir gemeinsam den Trennungsprozess durchschreiten, aber er war zu dieser Zeit noch nicht so weit wie ich und hatte diesbezüglich auch ein viel langsameres Tempo.

Das bedeutete für mich auch, dass ich die Beziehung zu meiner jetzigen Frau in der Anfangszeit nur außerhalb meiner eigenen Vier-Wände führen konnte. Dies brachte häufig auch ein schlechtes Gewissen mit sich. Denn es fühlte sich so an, als würde ich mich gegen die Kinder entscheiden, wenn ich Zeit mit ihr verbrachte. Aus Rücksicht auf seine Gefühle war Antje nicht sehr häufig bei uns und wenn, dann waren es immer nur Kurzbesuche, also auf jeden Fall nicht über Nacht.

In meinen kinderfreien Tagen war ich dann irgendwann komplett bei Antje und es fühlte sich alles schön und richtig an. Wir wussten beide recht schnell, dass die Beziehung etwas Besonderes ist, also verschoben sich meine positiven Gefühle gegenüber der Eltern-WG immer mehr ins Negative. Ich glaube, eine Eltern-WG kann nur dann richtig gut funktionieren, wenn beide über den Trennungsschmerz hinweg sind. Wenn einer von beiden noch liebt und die andere Person aber bereits wieder in einer Beziehung ist, dann wird es schnell kompliziert.

Wäre für uns alle nicht das Wohl der Kinder ganz oben gestanden, hätten wir Erwachsenen diese kräftezehrende Zeit so nicht geschafft. Dabei war mir meine heutige Frau auch immer eine Stütze, weil sie ihre Gefühle erst einmal komplett hinten anstellte. Das war gerade auch für sie sehr hart, denn ich tankte bei ihr Kraft und schüttete mein Herz aus und sie musste diesen ganzen Trennungsweg mitgehen. Da wünschte ich mir im Rückblick, mehr Mut gehabt zu haben, dann hätte ich die Beziehung zu meinem Exmann früher beendet.

Aber zurück zum Thema Eltern-WG. Es ist auf alle Fälle ein tolles Modell für die Kinder, weil sich für sie nicht viel verändert. Man muss allerdings auch im Hinterkopf haben, dass dadurch die Trennung bei ihnen nicht so richtig ankommt. Ich habe das Gefühl, das haben unsere Kinder wirklich erst mit meinem Auszug ganz verstanden. Man muss also zum einen die Kinder genau im Blick haben und schauen, was diese „aushalten“ können, aber auf der anderen Seite, darf man sich als Erwachsener auch nicht selbst vergessen.

Oft sind getrennte Eltern, die eine Chance auf ein neues Beziehungsglück haben, besser, als Eltern, die miteinander unglücklich sind. Und für manche ist dies eben nur mit einem harten Schnitt möglich. Für uns war das Projekt Eltern-WG nach einem Dreiviertel Jahr beendet.

Heute leben die Kinder im Wechselmodell, sie wohnen sieben Tage bei mir und meiner Frau, sieben Tage bei ihrem Papa. Wir sind in der gleichen Stadt und wohnen nicht weit voneinander entfernt. Eigentlich funktioniert das super, unser Patchwork-Modell. Aber auch hier gilt, dass man sich gut verstehen muss. Es ist jetzt keine dicke Freundschaft nach der Trennung von meinem Exmann entstanden, wir hatten es phasenweise wirklich nicht leicht miteinander, aber wir haben uns zusammengerauft.

Wir machen wöchentlich eine Art 'Übergabe-Protokoll' – unsere Tochter hat es mal witzigerweise 'Psychoprotokoll' genannt. Da teilen wir uns mit, wie die Woche mit den Kids war, wie sie grad so drauf sind und was in der kommenden Woche ansteht. Das ist ein Aufwand, der sich auszahlt. Unsere Kinder meinten mal, dass sie gar nicht so richtige Trennungskinder sind, weil es gar keine Schlupflöcher zum Ausspielen gibt. Das haben wir dann mal als Lob angenommen."